Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL
Briefe
Wer wird überleben?
Heft 33/2022 Titel: Hier ruhen unsere Klimaziele
Es ist zu hoffen, dass das Begräbnis noch abgewendet und der Patient Erde von der Intensivstation verlegt werden kann. Leider wittern Lobbyisten Morgenluft und möchten langfristig wieder auf fossile und Atomkraft setzen. Doch die aktuellen Entwicklungen mit ausgetrockneten Flussbetten und schmelzenden Gletschern müssen den Verantwortlichen endlich die Augen öffnen.
Rainer Szymanski, Grünheide (Brandenb.)Eigentlich müsste dieses Thema ab sofort und dauerhaft auf der obersten Agenda stehen – über alle Wahlkampfperioden hinweg. Ich für meinen Teil möchte nicht in 10 oder 20 Jahren sagen beziehungsweise feststellen müssen, dass wir die Chance auf eine Begrenzung der weltweiten Durchschnittstemperatur hatten, aber aus fehlender Weitsicht und wegen anderer kurzfristiger Krisen diese Chance unwiederbringlich verstreichen ließen.
Michael Sauer, Sommerach (Bayern)Der Untergang des Menschen begann vor 160 Jahren mit der Erfindung des Verbrennungsmotors. Nie zuvor wurde in so kurzer Zeit so viel nicht wiedergutzumachender Schaden an unserem Planeten angerichtet wie seitdem. Überbevölkerung, Luft- und Wasserverschmutzung und der Klimawandel können nicht rückgängig gemacht werden. Wir gehen mit rasender Geschwindigkeit auf den Abgrund zu, Wassermangel und Hungersnöte und vielleicht ein bisschen Atomkrieg werden unser Ende beschleunigen. Unser Planet aber wird sich noch Milliarden Jahre drehen und sich vom Homo sapiens erholen!
Nathan Klenk, Vezia (Schweiz)Der SPIEGEL hat recht, so wird das nichts. Natürlich hat die Politik große Verantwortung, die Klimakatastrophe, die auf uns zukommt und derzeit im Anfangsstadium zu spüren ist, wenigstens zu bremsen. Aber warum sind Politiker übervorsichtig, wenn es um restriktive Maßnahmen geht? Weil die Gefahr groß ist, danach abgewählt zu werden. Deshalb muss die Bevölkerung handeln.
Gerhard Stolz, KarlsruheKlimaschutz ist ein zentrales Anliegen, doch Wohlergehen in Freiheit und Wohlstand ist das eben auch. Krieg und Energiekrise zwingen zu kurzfristigem und vorübergehendem Handeln, und dabei zeigt Minister Habeck jene Führung, die andere vermissen lassen. Es scheint gar, als sei er es, der regiert – und sein Kanzler nur Repräsentant. Die klaren und unbequemen Aussagen macht allein Habeck. Dazu gehörten Kohle, neue Gasquellen und Energiesparen. Die fossilen Quellen werden in großem Stil noch benötigt, um den Energiehunger einer luxuriösen Verbrauchsmentalität zu stillen. Allein die privaten Haushalte hätten bei Strom und Warmwasser ein immenses Sparpotenzial. Würde man es umsetzen, wäre die Abhängigkeit leichter zu lösen und die Energiewende massiv zu beschleunigen.
Johannes Zink, Norderstedt (Schl.-Holst.)Mit dem Klimawandel sehen wir einen Teilaspekt einer umfassenden Katastrophe. Die Menschheit sitzt in der Falle. Überbevölkerung, radikale Umweltzerstörung, Abnahme der Ressourcen, Pandemien und so weiter. Es gibt kein Entkommen. Im Hintergrund erhebt sich die atomare Apokalypse. Ein Atomschlag ist aus russischer Sicht ein Kavaliersdelikt. Auf dem Gelände eines Atomkraftwerks wird jetzt ein selbstmörderischer Krieg geführt. Dieser Trieb zur Selbstzerstörung, der inzwischen global wirkt, ist Bestandteil der menschlichen Geschichte mit ihren endlosen Kriegen. Das menschliche Gehirn mit seinen großartigen Fähigkeiten sollte eigentlich der Höhepunkt der Evolution sein. Jetzt zerstört es den Menschen.
Rainer Kollewe, Laer (NRW)Es ist vorbei. Die heutige Frage lautet: Wer wird übrig bleiben, wer wird überleben? Entweder der Mensch auf einem öden, weitgehend zerstörten Planeten – oder die Restnatur ohne uns Menschen.
Horst Schunk, Coburg
Unverantwortlich
Heft 32/2022 Die Bürger rufen schneller nach der Kernenergie, als die Politik hinterherkommt
Der SPIEGEL fährt schon seit mehreren Jahren eine unterschwellige Kampagne pro Atomkraft. Insofern wundert mich dieser unkritische Artikel überhaupt nicht. Das Problem Atommüll bleibt weiter bestehen und wird mit jedem weiterbetriebenen Kernkraftwerk größer.
Ralf Jonas, HamburgWeiter mit Atomstrom? Gerne – aber mit einer kleinen Bedingung: Deutschlands lautester Laufzeitverlängerungs-Lobbyist und penetrantester Stammtischparolen-Populist Markus Söder stellt in Bayern sofort ein Atommüllendlager zur Verfügung. Und als Zugabe kann er in seiner fränkischen Heimat auch gleich mit dem Erdgas-Fracking beginnen. Dann sei ihm als Gegenleistung der Bau von bayerischen Windkraftanlagen erlassen.
Ronald Mandler, PirmasensMich wundert, dass die Herren von CDU und CSU jetzt vehement den Wiedereinstieg in die Atomkraft fordern, wo ihre Parteien doch für die heutige Misere verantwortlich sind. Ich erinnere an die Verschlechterung der Bedingungen beim Ausbau der erneuerbaren Energien. Hier wurden viele Arbeitsplätze vernichtet. Ergebnis: Fotovoltaikmodule und Windkraftanlagen werden zum größten Teil in China hergestellt. Der Bau neuer Atomkraftwerke kostet pro Megawattstunde 130 bis 200 Euro. Beim Neubau vom Fotovoltaik sind es hingegen nur 29 bis 42 Euro; bei der Windkraft 26 bis 54. Die Atomkraft ist keineswegs der preiswerte Strom, wie die Union es immer darstellt. Richtiger wäre, jetzt die Bürgerinnen und Bürger bei der Investition in Fotovoltaikanlagen zu unterstützen.
Klaus Meurer, Münstermaifeld (Rhld.-Pf.)Dass über 40 Prozent der Deutschen den Neubau von Atomkraftwerken gutheißen, kann ich nicht glauben. Offenbar ist Fukushima schon wieder zu lange her, um in den Köpfen noch präsent zu sein. Atomkraft kann und wird nie eine sichere Energiequelle sein, sondern eine mit einem verheerenden, nicht beherrschbaren Restrisiko. Natürlich passiert selten etwas. Aber wenn, dann sind ganze Landstriche für immer unbewohnbar, Menschen leiden noch jahrzehnte-, wenn nicht gar jahrhundertelang unter den Folgen. Eine kurzfristige Verlängerung über den Winter – okay. Aber eine Zukunft für AKW? Nein danke!
Annika Stephan, Kandern (Bad.-Württ.)Die über Jahrzehnte mithilfe der Massenmedien geschürte irrationale »German Angst«, die die Entscheidung nach Fukushima erst ermöglichte, sollte angesichts der zwingenden Klimaziele durch eine rein sachorientierte Politik überwunden werden. Im Hinblick auf eine eventuelle Reaktivierung von Kohlekraftwerken sollte beachtet werden, dass jedes Kilo verbrannter Kohle im Hinblick auf die Klimaschädlichkeit ein Kilo zu viel ist. Käme der Strom dagegen aus den weiterlaufenden Atomkraftwerken, könnten manche der vielen neuen Heizlüfter im kommenden Winter CO₂-emissionsfreie Wärme spenden. Deren Weiterbetrieb und andere neue Nuklearoptionen von der Endlagerung des Restmülls abhängig zu machen, ist äußerst kurzsichtig, geht es doch beim klimabedingten Überleben der Menschheit nur noch um Jahrzehnte und nicht um Jahrmillionen.
Karl Hellmut Jaensch, LissabonDer Meinungsumschwung zur Atomenergie in der Bevölkerung beruht auf weggelassenen Informationen. Weggelassen von Lindner, Söder, Merz und Co., nicht aus Unwissenheit, sondern populistischem Kalkül. Der Gasmangel wird vorgeschoben und es wird so getan, als könnten AKW laufen und Gaskraftwerke dafür heruntergefahren werden. Fast alle gasbetriebenen Kraftwerke erzeugen aber, anders als AKW, nicht nur Strom, sondern auch Fernwärme. Fahren wir diese Anlagen runter, bleiben Wohnungen und Duschen von Zehntausenden Mitmenschen kalt. Gaseinsparungen durch AKW sind daher vernachlässigbar. Warum der SPIEGEL und andere Medien diesen Aspekt außer Acht lassen, erschließt sich mir nicht. Wenn Herr Söder sein AKW Isar 2 unbedingt weiterbetreiben will, um Windkraftanlagen und Stromtrassen zu verhindern, dann soll er auch den Atommüll in Bayern endlagern.
Dipl.-Ing. Olaf Brokate, Peine (Nieders.)»Mothers for Nuclear«, ernsthaft? Hinter den Hunderten Heile-Welt-Bildern von glücklichen in der Nuklearindustrie arbeitenden Menschen im Netzauftritt von »Mothers for Nuclear« steht als Sponsor die versammelte internationale Nuklearlobby. Die Recherche zu dieser Organisation und deren unfassbaren Selbstdarstellung mit ausschließlich »alternativen Fakten« ist wohl über das Telefongespräch mit der patenten und sozial wie ökologisch engagierten Mutter und Unternehmerin Frau von Waitz nicht hinausgegangen.
Dr. med. Christoph Seitz, München
Zurücklassen wäre erbärmlich
Heft 32/2022 Afghanistan: Wie die Retter das Chaos am Flughafen Kabul erlebten – Teil II der SPIEGEL-Serie
Der Teil II der Afghanistan-Saga beschreibt ein ähnliches Chaos wie das, das die Amerikaner nach ihrem verlorenen Krieg in Vietnam angerichtet hatten. Die letzten Tage von Saigon lassen sich mit den letzten Tagen von Kabul vergleichen. Da haben die Amerikaner auch zuerst ihr eigenes Personal ausgeflogen und die vietnamesischen Hilfskräfte blieben zurück. »America first« eben. Das sollte unseren Vorstellungen nicht entsprechen. Unsere eigenen Ortskräfte in Kabul zurücklassen wäre erbärmlich.
Götz Doll, KölnEinfach nur danke an den SPIEGEL um Matthias Gebauer und Konstantin von Hammerstein. Danke, danke – und Grüße an die Realtitätsverleugner von damals, die glaubten, aus der Kaffeetasse das Schicksal Kabuls lesen zu können.
Uwe Rakow, Kirn (Rhld.-Pf.)Grandiose Recherche! Genau wegen solcher Berichte liebe und lese ich den SPIEGEL. Seit 50 Jahren.
Olaf Brockmann, Wien (Österr.)
Vor allem auf Frauen
Heft 32/2022 Hetze: Nach dem Suizid einer österreichischen Ärztin berichten andere Betroffene, wie sie im Netz drangsaliert werden
Nach dem tragischen Tod der österreichischen Ärztin Lisa-Maria Kellermayr ist eine öffentliche Aufarbeitung der Hetze und Verleumdung in den sozialen Netzwerken dringend erforderlich. Es ist abscheulich und infam, was Menschen dazu treibt, durch dreiste Lügen die Existenz und Identität ihrer Opfer zu vernichten. Was einen dabei fassungslos macht, ist die Hilflosigkeit des Staates, sprich der Justiz, die den Übeltätern oft hilflos gegenübersteht und die Betroffenen allein lässt.
Peter Neutzler, KarlsruheDieser Bericht macht deutlich, wie eine kleine Minderheit verbal aggressiver und wohl doch massiv dissozialer Männer es vor allem auf Frauen abgesehen hat, die sich öffentlich zu Wort melden. Wenn man von den Lügen- und Hetzkampagnen, die gegen einige dieser Frauen entfesselt werden, liest, könnte man meinen, es handle sich da um entgleiste Trennungsdramen. Und vielleicht fühlt sich der jeweilige Wutheuler auch tatsächlich so: zurückgewiesen, nicht gehört und nicht wahrgenommen. Diese Erfahrung zu verarbeiten, die Frauen selbst nur zu gut kennen, fällt vielen Männern ungleich schwerer. Wie Donald Trump bei seiner verlorenen Wiederwahl 2020 brüllen sie, lügen, beschimpfen und bedrohen das Gegenüber, wenn es ihnen widerspricht oder sie ignoriert. Darum geht es ihnen wohl: diejenigen zu vernichten, die sie als übermächtig empfinden! Eine Paranoia sondergleichen, die zudem gefährliche, antidemokratische Züge in sich birgt. Deswegen stellt sich die Frage, warum staatliche Organe nicht besser vor solchen Attacken zu schützen vermögen. Warum wird den (oft weiblichen) Opfern solcher Shitstorms immer wieder angeraten, sich aus den »sozialen« Netzwerken zurückzuziehen? Den Urhebern sexueller und physischer Gewaltandrohungen wird aber weiterhin in hohem Maße Meinungsfreiheit zugestanden. Eine Tatrückverfolgung bleibt selbst in Fällen wie dem der Ärztin Natalie Grams-Nobmann oft erfolglos, und das, obwohl die Folgen gravierend sein können, wie man inzwischen immer wieder leidvoll erfahren muss.
Anna Jordan, Bad Honnef (NRW)
Die Erfolgsformel für die deutsche Zukunft
Heft 32/2022 Der Soziologe Heinz Bude über den Boomer-Streit im Ukrainekrieg
Seit Urzeiten geistert durch alle Generationen die Prämisse, »akzeptiere Einschränkungen, damit deine Lebensumstände einmal besser sein werden als die deiner Eltern«. Die wenigsten Millennials glauben noch an diese Verheißung. Was bedeutet ein solcher Fortfall einer Utopie? Darauf hätte ich mir einen analytischen Blick gewünscht.
Frank Schwalba-Hoth, Brüssel (Belgien)
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