Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL
Briefe
In Schieflage
Heft 19/2023 Titel: Der Unbesiegbare
Der Schlüsselsatz in dem sehr nachdenkenswerten Artikel lautet für mich: »Eine Generation, die er nicht kennt und nicht versteht.« Nur – diese junge türkische Generation wird vermutlich nicht nur die Wahl entscheiden, sondern auch die türkische Zukunft wesentlich bestimmen.
Dieter Obst, WiesbadenAlle Parameter eines gut funktionierenden Staates sind durch Erdoğans Politik in Schieflage geraten. So fallen die hohe Staatsverschuldung, eine immense Inflationsrate, eine sinkende Wertentwicklung der türkischen Lira, eine relativ hohe Arbeitslosenquote und ein Nichtvorhandensein von Pressefreiheit in seine Verantwortung. Und hätte er 2017 nicht auf die Unterstützung seiner in Deutschland lebenden Landsleute zählen können, wäre es nicht zu dem von ihm angestrebten Präsidialsystem gekommen. Diese Wahl machte ihn zum Alleinherrscher, zum Autokraten der Türkei. Alle ihm missliebigen Personen wurden ohne Angabe von Gründen weggesperrt. Es bleibt nur zu hoffen, dass dieser geopolitisch so wichtige Staat der Nato durch die Abwahl Erdoğans zu demokratischen Strukturen zurückkehren kann.
Horst Winkler, Herne (NRW)Auch nach der Ära Erdoğan wird die Türkei weder das eine noch das andere erleben. Keinen Aufbruch, aber auch kein Chaos. Sie wird auch nicht Mitglied der EU, noch tritt sie aus der Nato aus. Sie wird keine »lupenreine Demokratie« werden, genauso wenig verwandelt sie sich in eine ebensolche Diktatur. Es sind komplexe Mischungen zwischen Orient und Okzident, zwischen Konstantinopel und Istanbul, zwischen westlichem Lebensstil und osmanischen Traditionen. Die Türkei bleibt ein Solitär der besonderen Art.
Raffaele Ferdinando Schacher, Rorschach (Schweiz)Ich bin empört über das Titelblatt mit Herrn Erdoğan. Diese Präsenz spielt ihm bei den kommenden Wahlen nur in die Hände.
Christel Giblin, München
Die Grünen haben Mut
Heft 18/2023 Leitartikel: Zukunftsmodell Große Koalition
Ich verstehe das Grünen-Bashing nicht. Herr Hickmann gibt ja selbst zu, dass er die Pläne der Grünen wie den Veggie-Day oder den Heizungstausch für berechtigt hält, stört sich aber an ihrer Umsetzung, weil die Grünen die Leute nicht mitnehmen. Ihm scheint also erfolgreiche Politik nur möglich zu sein, wenn vorher die Umfragewerte studiert werden, um ja keine Wähler zu vergraulen. Die Konsequenz ist Wohlfühl-Politik à la Merkel oder Populismus à la Söder. Wir brauchen Politiker, die bereit sind, sich gegen die Mehrheit zu stellen, denn die ist meist träge und will nichts Neues. Heute ist das Neue das Unangenehme, das Opfer verlangt – das den Wählern klarzumachen erfordert Mut. Auf der politischen Bühne scheinen mir die Grünen den meisten Mut zu haben.
Dr. Klaus Steinvorth, Norderstedt (Schl.-Holst.)Ich würde mich ärgern, wenn die Meinung in diesem Leitartikel dem Konsens in der Redaktion entspricht. Ein Trauzeuge ist kein Verwandter. Und das Öko-Institut existiert schon sehr viel länger, als Herr Graichen Staatssekretär ist. Ich würde meinen, dass dort ein paar Dutzend Gutachter mehr als Verena Graichen arbeiten. Auch ist Herr Kellner vermutlich schon länger mit Verena Graichen verheiratet, als er Staatssekretär ist. Ich würde mir wünschen, dass Sie, bevor Sie derartige Meinungen veröffentlichen, recherchieren, zum Beispiel: Auf wie vielen vom Wirtschaftsministerium seit Habeck vergebenen Gutachten ist denn Verena Graichen tatsächlich meinungsbildende Autorin? Wann haben Verena Graichen und Michael Kellner geheiratet? Gibt es denn einen Zusammenhang zwischen ihrem behaupteten familiären Klüngel, der über Verwandtschaftsverhältnisse hinausgeht, und ihrer Meinung?
Matthias Heindorf, Allschwil (Schweiz)
Betonklotz Kirche
Heft 18/2023 Verbrechen: Wie Betroffene auf die vielen Missbrauchsfälle im Erzbistum Freiburg blicken und Gastbeitrag: Betroffenenvertreter Matthias Katsch über die katholische Kirche und die Mafia
Robert Zollitsch hat diese Schandtaten mit seinem Verhalten akzeptiert und das Leben dieser Kinder und Jugendlichen zerstört. Was für eine Schande für die Kirche. Wenn Herr Zollitsch noch Rest-Anstand hat, sollte er sich erstens bei diesen Jugendlichen öffentlich entschuldigen und zweitens aus der heiligen Kirche austreten.
Dr. Vinod Talgeri, Bietigheim-Bissingen (Bad.-Württ.)Vielen Dank für den Artikel, aber auch vielen Dank an Bischof Burger in Freiburg, der die Studie nicht nur zugelassen, sondern auch unterstützt hat. Für das Gegenteil wurde in Köln viel Geld ausgegeben. Aber ein Aspekt kommt zu kurz: Die Opfer sind meist Messdiener gewesen, Kinder, die, angetan von der Würde der liturgischen Handlungen, den feierlichen Gewändern und dem Hauch des göttlichen Glanzes, Teilhabe gesucht haben. Sie wollten zur Ehre Gottes beitragen und erlebten Ekel. Abscheulicheres ist kaum vorstellbar.
Günter Wanders, Rheinfelden (Bad.-Württ.)Die Argumentation wird immer und immer wieder sein, dass man das Vertrauen in den Glauben und die Institution Kirche nicht durch Einzeltäter diskreditieren lassen kann. Das Ganze – die Kirche – ist wichtiger als der einzelne Täter und letztlich auch das einzelne Opfer. Nur, dass es sich eben ganz offenbar nicht um Einzeltaten handelt, sondern dass die katholische Kirche vorgegangen ist wie eine Organisation aus dem Bereich der Organisierten Kriminalität. Insofern zieht der Mafia-Vergleich sehr gut.
Irina Bruns, Seedorf (Schl.-Holst.)Abgrundtief beschämend ist der Umgang mit Missbrauch, der in der Kriminalisierung von Opfern kulminiert und dem Machterhalt eines Systems mit Grundsätzen aus vordemokratischen Zeiten dient. Mit Papst und Weltkirche als schwerem Betonklotz am Bein bleibt die freiwillige Demokratisierung kirchlicher Strukturen in der Teilkirche Deutschlands frommer Wunsch. Weg mit dem Selbstbestimmungsrecht, gleiches Recht für alle! Das gefährdet nicht das Überleben christlichen Glaubens, sondern ermöglicht es.
Susanne Kneißle, Bad Buchau (Bad.-Württ.)
Es tut nicht mal so
Heft 18/2023 Künstliche Intelligenz: SPIEGEL-Gespräch mit dem Forscher Eric Schulz über die Frage, ob Chatbots Angst empfinden
Die Folgerungen von Herrn Schulz lassen nur den Schluss zu, dass er nicht weiß oder ausblendet, wie KI funktioniert. Wenn ein Chatbot auf Worte in Fragen mit Wendungen reagiert, die wir mit Angst in Verbindung bringen, hängt das allein an deren statistischem Zusammenhang im Lernmaterial, mit dem er trainiert worden ist. Dass ein solcher Zusammenhang auch zwischen Angst und Rassismus besteht, ist nur zu bekannt und ebenfalls dort eingeflossen. Einem Rechenprogramm Emotionen zuzuschreiben ist absurd. Es tut nicht einmal so. Es sieht allenfalls so aus.
Dr. Michael Zaoralek, Stuttgart
Teil der Identität
Heft 18/2023 Presse: In Thüringen will die Funke Mediengruppe erstmals eine Tageszeitung nur noch digital verkaufen
In Ihrem Beitrag über das Experiment der Funke Mediengruppe kommt ein Aspekt zu kurz, und zwar der, dass Printjournalismus ein völlig anderer ist als Onlinejournalismus. Bezogen auf lokale Tageszeitungen hat das schwerwiegende Folgen. So hat Kommunalpolitik, wo es um den kleinen Etat einer Dorfgemeinde gehen kann, gegenüber Schockmeldungen aus dem Polizeibericht digital keine Chance, wahrgenommen zu werden. Denn die Aufmerksamkeitsskala wird online justiert durch die Maßgabe »quick and dirty«, schnell und schmutzig. Damit können kommunale Strukturen nur selten dienen. Redakteur:innen, die weiterhin Wert auf Berichterstattung im Vereins- oder Verbandswesen legen, werden daher von auf Zahlen fixierten Köpfen in den Chefetagen als altbacken und lästig empfunden. Wenn aber Entscheidungen in Politik, Wirtschaft und Verwaltung auf unterer Ebene in Ermangelung medialer Beachtung zunehmend unkontrolliert und unkommentiert bleiben, nagt das an den Grundfesten unserer Demokratie.
Jürgen Paxmann, Süpplingen (Nieders.)Wir wohnen in einer 5000-Einwohner-Gemeinde, die nächste Großstadt ist 25 Kilometer entfernt. Wir haben die regionale Tageszeitung abbestellt, weil sie im Regionalteil voller Fehler war: Unvollständige, zu späte oder falsche Angaben bei Veranstaltungen in der Region, kaum Informationen mit regionalem Bezug, die meisten Informationen in Auswahl und Inhalt mit einer überdeutlichen konservativen bis rechten Tendenz. Deshalb kaufen wir diese Zeitung nur noch einmal pro Woche. Die überregionale Tageszeitung haben wir abbestellt, weil sie praktisch keinen Bezug zur Region hatte und weil die überregionalen Inhalte auch anderswo verfügbar sind, zum Beispiel im SPIEGEL.
Johannes Zauner, Laaber (Bayern)Auch in unserer Region läuft die Ausdünnung der Medienlandschaft. Die örtliche Tageszeitung wurde von einem Konzern übernommen, der sich immer mehr ausbreitet. Lokale Berichte liest man immer weniger. Über örtliche Kulturveranstaltungen gibt es nur noch Ankündigungen, keine Rezensionen. Die gibt es nur aus der neuen und fernen »Hauptstadt«. Die Zuordnung der Seiten zu festen Regionen wurde abgeschafft. Homestorys ersetzen Berichte über das Geschehen vor Ort. Das alles trotz massiver Kritik der noch verbliebenen Leser. Da verliert eine Region einen Teil ihrer Identität, die hier noch ein hohes Gut ist, und geht im Brei der Einheitsberichte auf. Auch ein Stück Presse- und Meinungsvielfalt ist wieder dahin. Am Ende wird sicher auch meine Tageszeitung eingestellt, es kommt die überregionale Zeitung und vielleicht ein oder zwei Seiten aus der Region. Dabei hatte die Politik angekündigt, die Lebensverhältnisse im ländlichen Raum zu stärken.
Anneus Buisman, Esens (Nieders.)
Methoden hinterfragen
Heft 18/2023 Film: Mitarbeiter erheben Vorwürfe gegen den Regisseur Til Schweiger – er bestreitet diese
Nachdem ich diesen sehr ausgewogenen Artikel gelesen hatte, musste ich tief durchatmen. Was für unerträgliche Zustände für die Crew, was für ein menschlicher Absturz, Til Schweiger. Wer Frauen »Fotze« nennt, ist raus! Er sollte nirgendwo mehr eingeladen werden und keinen weiteren Cent Fördergeld bekommen, bis dieser Mann nachhaltig geläutert ist. Til, was ist aus dir geworden? Und dass Constantin Film die Zustände leugnet, ist eine Riesensauerei. Danke für diesen Bericht, Maike Backhaus und Alexandra Rojkov.
Martina Titze, BremenBravo, zwei Frauen hatten wieder einmal den Mut, diesen Artikel für den SPIEGEL zu schreiben. Leider ist Til Schweiger ein sehr guter und erfolgreicher Schauspieler und Regisseur, und keiner wagt es, ihm zu widersprechen, weil sie finanziell von ihm abhängig sind. »Gib einem Menschen Macht, und du weißt, welchen Charakter er hat.«
Irmela Christen, BerlinVielleicht wäre es grundsätzlich mal an der Zeit, die teilweise mehr als rüden Methoden von Produktionsfirmen und Regisseuren zu hinterfragen, da sie doch zum größten Teil aus Steuergeldern und Rundfunkgebühren finanziert werden. Til Schweiger ist da kein Einzelfall in der Kunst, Mitarbeiter zu schikanieren und am Set zu erniedrigen. Und die Produktionsfirmen lassen es durchgehen, nur um das Projekt durchzuziehen. Mitarbeiter sind sozusagen lästiges und kostenintensives notwendiges Übel, aufgrund vieler Freelancer-Verträge teilweise hart an der Grenze der Ausbeutung. Das wäre doch mal eine Aufgabe für unsere Kulturstaatsminister:innen nachzubohren und nicht nur bei den scheinheiligen Preisverleihungen Lobhudeleien von sich zu geben.
Name und Wohnort der Redaktion bekannt
Angriff von innen
Heft 18/2023 Wagenknecht treibt Parteigründung voran
Ist den 24 Prozent der Befragten nicht aufgefallen, dass Frau Wagenknecht, die für den Russland-Ukraine-Konflikt diplomatische Lösungen fordert, noch nie preisgegeben hat, wie sie sich so eine Lösung vorstellt, mit der beide Seiten einverstanden sein könnten?
Regine Ulbrich, Buchholz i. d. Nordheide (Nieders.)
Eine Regierung am seidenen Faden
Heft 18/2023 Ein Streit bei den Hamburger Grünen brachte die Landesregierung fast zu Fall
Können Sie mir bitte erklären, wie sich Fraktionszwang, so bitter nötig er in der Realität auch sein mag, mit dem Grundgesetz vereinbaren lässt? Dort heißt es nämlich: Abgeordnete sind an Weisungen und Aufträge nicht gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen.
Sebastian Kinski, Mainz
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