Briefe - DER SPIEGEL
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Artikel 69 / 72

Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL

Briefe

Die Yogaindustrie, Gymnasien und Islam – das waren die Themen, zu denen wir in der vergangenen Woche die meisten Zuschriften erhalten haben.
• aus DER SPIEGEL 41/2023

Weg durch die Alltagshölle

Heft 40/2023 Titel – Völlig losgelöst 

  • Diese westliche, durchkommerzialisierte Wellness- und Yoga-Industrie führt nicht zum »Hochplateau der Zu­friedenheit«, sondern viel eher zu einer narzisstischen Persön­lichkeitsstörung.
    Raffaele Ferdinando Schacher, Rorschach (Schweiz)

  • Ich möchte klarstellen: Medi­tation ist keine Lehre, sondern Leere, nicht bewegen und nicht denken, Achtsamkeit ist eine unvermeidliche Folge, kein Ziel, und der Lehrer ist kein Therapeut, sondern eben ein Leerer, alles umsonst. Wenn ich in der Pandemie des Narzissmus Geld ver­dienen möchte, mache ich aus Meditation ein Geschäftsmodell, also eine Lehre, die dem Nar­zissten Linderung verspricht, und stelle sie auf den Kopf, also dahin, wo der Narzisst schon steht. Für beide Seiten zeitweilig erfolgreich auf dem Weg durch die Alltagshölle.
    Norbert Hilden, Akademie für Religionslehre Bösensell

  • Mit 79 Jahren, davon 40 Jahre als Lehrer für Mathematik und Physik, stelle ich fest: Meditation hilft, und wenn es nur eine Mi­nute zu Beginn des Unterrichts ist. Die Schülerinnen und Schüler ertasten mit den Fingern den Pulsschlag. Sie atmen drei Pulsschläge lang langsam ein und drei Pulsschläge lang aus. Die Augen sind geschlossen, und es herrscht vollkommene Stille. Das war alles. Wer es nicht glauben kann, der probiere es in seinem Unterricht aus.
    Manfred Weiss, Markdorf

  • Der Artikel weckt Erwartungen, die letztlich unerfüllt bleiben. Yoga, Meditation, Achtsamkeit, Wohlfühltrend, Stress, psychisch bedingte Leiden, Hinduismus, Buddhismus, dazu Forschungsergebnisse aus aller Welt und Eindrücke aus einem Hamburger Yogakurs: Was wollen die Autorinnen uns damit sagen? Wem es hilft, der möge es machen; Vorsicht bei psychischen Erkrankungen? Vorsicht, wenn mit Yoga Geld verdient wird? All das hätte zu einem hilfreichen Artikel zusammengeführt werden können, wenn der Druck nicht so deutlich zu spüren wäre, einen »Aufmacher« zu finden, der die Leserschaft aus ihrer lieb gewonnenen »Blase« der Achtsamkeit reißen soll. Am Ende bleibt Verunsi­cherung. Der zweite Artikel, zu »Wellness als Waffe«, mutet an wie eine Kurzvorlesung über Narzissmus. Gut gemeint, jedoch erscheint der Zusammenhang zwischen Meditation und Narzissmus banal. Uneingeschränkt gelungen dann der dritte Artikel über die Arbeit der Ent­wicklungspsychologin an der Leuphana-Universität in Lüneburg in ihrem Interventionsprogramm »Atempause«. Diesem Aspekt wäre mehr Platz zu gönnen gewesen.
    Thorsten Lange, Hamburg

Gut gebrüllt

Nr. 39/2023 Leitartikel: Für ein besseres Schulsystem – ohne Gymnasium 

  • Endlich mal ein mutiger Diskussionsbeitrag. Die Erkenntnis zur Notwendigkeit der Abschaffung der Gymnasien ist alt. Die Existenzberechtigung der Gymnasien beruht auf der ideologischen Begründung, dass nach dem vierten Schuljahr jedes Kind begabungsgerecht auf die weiteren Schulen verteilt werden könnte. Das gelingt seit Jahrzehnten nicht, was die zunehmende Schere zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg verdeutlicht. Die Gymnasialfraktion, die sich ja sozusagen aus sich selbst heraus rekrutiert, hat die Bildungsdiskussionen und die Schulexperimente seit den Siebzigerjahren sowie die Entwicklung in anderen Ländern bisher mit Ignoranz und Abschottung abgewehrt. Mit diesem Artikel als Diskussionsanstoß müsste nun endlich wieder über echte Reformen geredet werden.
    Gerhard Adrian, Hanau (Hessen)

  • Gut gebrüllt, Löwe, aber zu kurz gesprungen! Ich unterrichte seit 20 Jahren an einem bayerischen Gymnasium, und unsere Schü­ler:innen sind mittlerweile sehr bunt gemischt, auch sozial. Die »Bildungsoase« der privilegierten Elite sind meines Erachtens mittlerweile eher die Privatschulen, hier wirkt die Selektion durch den Geldbeutel noch viel mehr. Außerdem: Was möchte denn die Gesellschaft vom Bildungssektor, wenn nicht die klare Ansage, wer in welche gesellschaftliche Gruppe gehört? Und: Sollte sich das nicht ändern? Wäre es nicht eher seine Aufgabe, aus allen das in­dividuell Beste herauszuholen? Und wäre es da nicht ein erster Schritt, eher die Noten abzuschaffen, als eine doch recht erfolgreiche Schulart?
    Martin Staiger, Eggstätt (Bayern)

  • Ich bin seit vielen Jahren Lehrerin in Frankreich. Das gemeinsame Lernen ist dort normal, aufs französische Collège kommen alle Kinder nach fünf Jahren Grundschule und lernen dort gemeinsam bis zum 16. Lebensjahr – also so, wie Ihre Redakteurin es anpreist. Leider sagen wir Lehrer (unter uns), dass ein Aussiebverfahren uns sehr gefallen würde. Vor allem für die Schüler, die gern lernen würden und es könnten, wenn sie nicht von der Masse der Störer und Unwilligen daran gehindert würden. Ich denke voller Wehmut an das deutsche Gymnasium zurück, das ich vielen meiner begabteren Schüler gegönnt hätte. Wir praktizieren hier das »nivellement par le bas« – das gegenseitige Herunterziehen.
    Susanne Wehberg-Bonhomme, Argenteuil (Frankreich)

  • Das derzeitige Schulsystem ist nicht förderlich für die Entwicklung eines Demokratieverständnisses, das das Engagement für andere stärkt. Gymnasiasten werden disqualifiziert, indem sie überwiegend lernen, sich für ihre eigenen Partikularinteressen einzusetzen. Die meisten haben beispielsweise nie gelernt, mit Menschen mit Beeinträchtigungen gemeinsam zu arbeiten, weil es an Gymnasien in aller Regel keine Kinder mit besonderem Förderbedarf gibt. Kinder mit un­angepasstem Verhalten werden abgeschult. Das sind häufig Kinder mit überdurchschnitt­licher Intelligenz, die dann an den anderen Schulen wieder aufgebaut werden müssen. Die Auswirkungen in den anderen Schulformen sind ebenfalls erheblich, haben es doch die dortigen Lehrkräfte und Sozialpädagog:innen häufig mit Herausforderungen zu tun, die aus Armut, mangelnder Sprachkompetenz, psychischen und physischen Beeinträchtigungen und auch fehlendem politischem Diskurs in den Familien resultieren.
    Robert Giese, Berlin

Beitrag zum Frieden in der Gesellschaft

Heft 39/2023 Pressefreiheit: Warum es so heikel und anstrengend ist, über den Islam zu berichten 

  • Ich habe kaum eine so kenntnisreiche Darstellung über den journalistischen Umgang mit dem Islam in Deutschland gelesen. Nun habe ich etwas gelernt und danke herzlich dafür.
    Christian von Ditfurth, Berlin

  • Meinen herzlichen Dank für den Artikel von Katrin Elger. Ich habe leider lange Zeit keinen so ausgewogenen Beitrag zum Jour­nalismus allgemein und zum Thema insbesondere lesen dürfen, auch nicht im SPIEGEL. Dieser Debattenbeitrag ist wichtig und als Anstoß für mehr Sachlichkeit in allen Medien so dringend notwendig.
    Hannelore Botsch, Jena

  • Über diesen Beitrag von Katrin Elger habe ich mich sehr gefreut. Das ist ein sehr wichtiges Thema unserer Jahre und trägt auch zur Verständigung und zum Frieden in unserer Gesellschaft bei.
    Hartmut Häcker, Öhringen (Bad.-Württ.)

  • Ich danke für Ihren Bericht und bin froh, nicht Constantin Schreiber zu sein oder sein zu wollen. Ich bin Atheistin und weiß das zu schätzen. Seit fünf Jahren bin ich jedes Jahr für drei Wochen in Gambia, einem muslimischen, (oft) toleranten Land. Sunniten, Schiiten, Aleviten, Wahhabiten, und es gibt sicher noch mehr. Alle beten zu Allah oder zu Gott. Es ist wichtig, eine eigene Meinung zu haben – ich habe keine, weil es mir zu schwierig ist, jede Art jeder Religion zu begreifen. Akzeptieren werde ich alle. Und das reicht mir.
    Charlotte Chiarello, Bonn

Blick nach vorne

Heft 39/2023 Ukraine: Was der Krieg mit der Liebe macht 

  • Eine ebenso tragische wie be­rührende Geschichte über die Erlebnisse eines bewundernswerten Paares. Die beiden vertreten Normen und Werte, die bei jungen Menschen heutzutage eher selten anzutreffen sind. Der junge Mann verliert im Kampf Arme und das Augenlicht und hat gleichwohl den Blick nach vorn, in die gemeinsame Zukunft gerichtet. Liebe, Vertrauen und gegenseitige und aufrichtige Zuwendung sind die Triebfedern ihres Zusammenseins. Dies wird zusammenschweißen, um gelegentliches Hadern und Zweifeln zu überbrücken. Möge die Medizin in naher Zukunft Wege finden, um dem jungen Mann die eine oder andere Belastung erträglicher zu gestalten. Ich möchte dem Paar zurufen: »Haltet zusammen, ihr seid zwei wunderbare Menschen.«
    Horst Winkler, Herne (NRW)

  • Ich wünsche Andrij Smolenskyj eine langjährige Liebe seiner Ehefrau Alina, Hilfe von vielen Seiten, die er dringend benötigen wird – und teilweise schon hat –, und vor allem wünsche ich ihm die Erkenntnis, was er den Menschen zu sagen hat. Vielleicht kann er eines Tages eine Rede vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen halten, damit dieser Wahnsinn geringer wird. Alles Gute für ihn und seine Ehefrau.
    Hans Becker, Walzbachtal (Bad.-Württ.)

Unter die Haut

Heft 39/2023 Nach einem Schiffsunglück ging ihr Bild um die Welt – wer waren die zwei Brüder? 

  • Herzlichen Dank an Asia Haidar und Jonah Lemm für diesen wunderbaren Artikel über die zwei syrischen Brüder, die als Sinnbild stehen für die ganze Misere und das Drama in der Flüchtlingspolitik. Ich habe mehrmals geweint – so schön und traurig zugleich. Es sollte viel mehr solche Artikel über Schicksale von Menschen geben, damit Hass und Hetze von rechts ein menschliches Gesicht entgegengesetzt wird. Denn wenn man die Menschen und Schick­sale persönlich kennenlernt, dann verblassen der Hass und die Angst vor den Fremden. Man bekommt Mitgefühl und möchte helfen. Ich hoffe, dass Sie noch mehr solcher Schicksale finden und dokumentieren können. Die Art und Weise, wie Sie schreiben, voller Mitgefühl, als ob man mittendrin dabei ist bei allem, geht unter die Haut.
    Patrick Olbricht, Düsseldorf

  • Das letzte Mal, dass ich weinen musste, war vor einigen Jahren, als mein Lieblingsonkel mit Mitte siebzig, friedlich an seinem Schreibtisch sitzend, aus dem Leben schied. Jetzt stiegen mir wieder die Tränen in die Augen, als ich die Geschichte über zwei mir völlig unbekannte syrische Brüder gelesen habe. Der eine, gerade mal 18-jährig, ist knapp dem aller Wahrscheinlichkeit durch die griechische Küstenwache verschuldeten Tod entronnen. Sein Schwager und Hunderte andere auf dem untergegangenen Boot hatten nicht das Glück. Das EU-Mitglied Griechenland hat sie, so ist zu vermuten, auf dem Gewissen. Nach neun elenden Jahren konnte der junge Mohamad ein Wiedersehen mit seinem Bruder in Europa feiern. Selbstverständlich ist für ihn, wie für all die anderen, die vor Bürgerkrieg und Hunger fliehen, der »Westen« das gelobte Land. Ich selbst bin ja auch ewig dankbar dafür, in dieser hoch privilegierten Weltgegend leben zu dürfen. Jeder Mensch hat das Recht auf ein schönes Leben mit einem so zivilen Ende, wie mein Onkel es hatte. Wir in Europa haben mehr zu teilen als ein paar Tränen.
    Philipp Marth, Hamburg

Umweltschäden durch Kremierung

Nr. 39/2023 Bestattungen: Soll man Leichen kompostieren? 

  • Ich beschäftige mich schon länger mit dem Thema nachhaltige Bestattung und war daher überrascht, dass die Perspektive in Ihrem Artikel einseitig und zum Teil suggestiv schien. Insbesondere die Verwendung bestimmter Begriffe wie »Profitperspektiven« und Formulierungen wie »Mutti wird zu Mutterboden« wirkt eher plakativ als informativ. Die zitierte Meinung von Herrn Barck wurde prominent dargestellt, während Erfahrungen von anderen Bestattungsinstituten, die bei Reerdigungen involviert waren, nicht berücksichtigt wurden. Weiterhin wurden die Äußerungen von Herrn Püschel, insbesondere hinsichtlich des Zustands des Komposts, unreflektiert wiedergegeben. Ein hinterfragender Blick, besonders in Bezug auf die wissenschaftliche Basis seiner Aussagen, hätte Ihrem Artikel zusätzliche Tiefe verliehen. Es fehlt auffallend an einer ausgewogenen Darstellung der Humankompostierung gegenüber herkömmlichen Bestattungsmethoden. Statt eine objektive Bewertung vorzunehmen, konzentrieren Sie sich selektiv auf zweifelhafte Nachteile, wodurch ein negatives Bild entsteht. Es ist bedenklich, dass Sie nicht die bedeutenden umweltschonenden Vorteile der Reerdigung ansprechen oder die gravierenden Umweltschäden thematisieren, die durch Kremierungen und die resultierende Bodenversauerung in Friedwäldern durch Aschebeisetzung entstehen.
    Charlotta Frings, Berlin

  • Der Mensch wird geboren und stirbt irgendwann – wie jedes höher entwickelte Lebewesen. Dazwischen nimmt er sich aber viel zu wichtig! Jeder hält sich selbst für den Nabel des Universums. Muss deshalb jeder ein Denkmal bekommen – und sei es nur in Form eines Grabsteins? Wer sich an mich erinnern will, wird es tun. Wenn es jemand nicht tut, bringt es auch nichts, wenn der Aufbewahrungsort meiner Überreste bekannt ist. Mir persönlich ist es egal, ob mein toter Körper verbrannt, verbuddelt oder verwertet wird. Ich bin mir meiner Bedeutungslosigkeit bewusst. Die rechtlichen Bestimmungen rund um das Bestatterunwesen bedürfen dringender Reformen!
    Wolfgang Schmidt, Lage (NRW)

Schmerz, Tod – und was vom Rock ’n’ Roll übrig blieb

Nr. 39/2023 Das vielleicht letzte Album der Rolling Stones 

  • Danke an Tobias Rapp für den groß­artigen Bericht über die Stones. Es ist schon viel über die Herren geschrieben worden, aber so einfühlsam und tref­fend eher selten.
    Joachim Dultz, Henstedt-­Ulzburg (Schl.-Holst.)

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