Briefe - DER SPIEGEL
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Artikel 73 / 76

Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL

Briefe

Kulturkampf ums Auto, Kriegsdienstverweigerung, Strafjustiz – das waren die Themen, zu denen wir in der vergangenen Woche die meisten Zuschriften erhalten haben.
• aus DER SPIEGEL 10/2023

Seelenruhig in die Katastrophe

Heft Nr. 9/2023 Titel: Kulturkampf ums Auto 

  • Weshalb wird hierzulande den Autofahrern gerade im Vergleich mit allen anderen Verkehrsteilnehmern so viel Platz eingeräumt und zusätzlich so wenig Wartezeit zugemutet? Es gibt verdammt viel zu tun!
    Ullrich Herzau, Berlin

  • Eine gut recherchierte, sachlich gehaltene Titelgeschichte, ganz ohne ideologische Fixierung und kulturkämpferische Rhetorik, auch wenn die reißerische Überschrift das Gegenteil vermuten lässt. Im Ergebnis dämpft der Artikel leider die Hoffnung auf eine bevorstehende Verkehrswende und bestätigt unsere desillusionierenden Alltagserfahrungen. Als Rentnerehepaar haben wir nach dem Eintritt in den Ruhestand bewusst auf unser Auto verzichtet, aber niemand aus unserem Bekanntenkreis ist unserem Beispiel gefolgt. Ein mutiger Entschluss, vorbildlich, so wird uns stets versichert, doch tatsächlich mangelt es an echtem Verständnis für unseren Schritt.
    Rüdiger Paul, Wedel (Schl.-Holst.)

  • Der Artikel stieß mir sehr sauer auf. Nicht jeder wohnt in Berlin und bringt sein Kind mit dem SUV von A nach B. Wir wohnen auf dem Land, brauchen unser (einziges) Auto geschäftlich, mit kleinem Anhänger. Ich habe eine kleine Firma mit Märkten im Bereich Floristik. Ich kann 1,5 Tonnen schlecht 200 Kilometer weit tragen oder mit der Bahn fahren. Wir hatten nach Corona zwei Jahre lang de facto keinen Umsatz. Wie weltfremd sind Politiker? Denkt mal nach über die Abgehängten, die ihr Leben lang gearbeitet haben und es weiterhin müssen.
    Michael Bräuer, Kürnbach (Bad.-Württ.)

  • Ich habe mich mittlerweile daran gewöhnt, dass die meisten Artikel im SPIEGEL zu diesem Thema eine ziemlich eindeutige Position – nämlich gegen das Auto – beziehen. So war es auch diesmal, Grundtenor: »Warum die Deutschen so schwer vom Auto loskommen. Und wie andere es schaffen.« Was Sie allerdings schuldig bleiben, ist der Nachweis, wer denn nun es so viel besser schafft als wir. Ihre Großstadtbeispiele (Paris, Kopenhagen) sind wohl kaum als nachahmenswerte Beispiele für das gesamte Bundesgebiet geeignet.
    Raimund Römer, Zirndorf (Bayern)

  • Während der Ölkrise 1973 mit den autofreien Sonntagen ist vielen Autofahrern das Herz in die Hose gerutscht, und sie gelobten: Unsere künftigen Autos werden kleiner und haben weniger PS. Doch nach dem ersten Schreck und einer kleinen Verschnaufpause wurden die Autos größer und hatten mehr PS unter der Haube. Die Autofahrer, die heute von einer 130-Stundenkilometer-Begrenzung nichts wissen wollen, fahren seelenruhig in die Klimakatastrophe, weil sie auf die vermeintliche Freiheit zu rasen nicht verzichten wollen.
    Björn Uhlhorn, Laatzen (Nieders.)

  • 86 Prozent aller Pkw-Halter macht Auto fahren Spaß, weiß Herr Wissing – und bestätigt damit, wie ideologisch und lobbygesteuert das Thema diskutiert wird. Zudem ist das ganze Zuschuss(un)wesen im Verkehrs­wegebau aufs Auto ausgerichtet. Ich hatte in meinem Leben ein einziges Auto. Nach 16 Jahren verschenkte ich es und stieg auf Carsharing um. Ändert man seine Gewohnheiten und organisiert seine Wege mit den zahlreichen Alternativen, dann kommt einem die Welt aus immer größeren röhrenden Kraftprotzen und überzüchteten E-Autos, die die Städte zuparken, ziemlich absurd vor. Man muss sich nur irgendwann entscheiden und anfangen.
    Robert Wunder, Nürnberg

  • Schon als Hamburger Bürgermeister hat Olaf Scholz nichts für eine Verkehrswende unternommen. In Sachen ÖPNV ist fast nichts passiert. Bis heute gibt es in Hamburg keine Umweltzonen oder eine autofreie City. Ein überfälliges, modernes Straßenbahnsystem zum Beispiel, weltweit ein städtebauliches Erfolgsmodell, wurde vom »Tram-Hasser« Scholz verteufelt und ist bei der Hamburger SPD bis heute ein Tabu. Hamburg ist in Europa eine der letzten Autofahrerhochburgen, Denkmuster der Sechzigerjahre sind bis heute in den Köpfen unfähiger Senatoren verankert. Bundesweit sieht es nicht viel besser aus. Auto und Straße haben Priorität, die Schiene wurde jahrzehntelang konsequent vernachlässigt. Der Lkw-Güterverkehr ist ein Skandal. Die Autoindustrie ist nur an einer Antriebswende interessiert, nicht an einer wirksamen Verkehrswende. Statt klimaschonender Maßnahmen bestimmen nach wie vor wirtschaftliche Interessen das politische Handeln.
    Jens Ode, Hamburg

  • Wir müssen Supermärkte wieder im Ortszentrum unterbringen und nicht auf der grünen Wiese, und Gewerbegebiete mit Bahnanschluss entwickeln statt mit Autobahnanschluss. Wir müssen den ÖPNV auf dem Land aus- und nicht rückbauen. Wir brauchen sichere Fahrradstellplätze an Expressbus- und Bahnhaltestellen. Wir brauchen Quartiersgaragen, zu denen man genauso lange läuft wie zur nächsten Bushaltestelle – da, wo die Autos heute stehen, können wir dann Bäume pflanzen. Dann sinken die Temperaturen; dann sinkt die Abhängigkeit vom Auto; dann sinken Verkehrslärm und Feinstaubbelastung; dann steigt die Lebensqualität; dann gibt es weniger Verkehrstote und Schwerverletzte. Wie kann das Bundesverkehrsministerium hinnehmen, dass allein in Deutschland im Straßenverkehr jedes Jahr fast 3000 Menschen getötet und mehr als 300.000 Menschen verletzt werden – und sich dagegen wehren, die Geschwindigkeit des Kfz-Verkehrs zu reduzieren? Ja, viele Menschen sind auf ein Auto angewiesen. Aber niemand ist auf ein Auto angewiesen, das 2,5 Tonnen wiegt, dessen Motorhaube höher ist als ein Kind und das giftige Abgase in die Lungen der nicht autofahrenden Bevölkerung entlässt.
    Markus Belz, Esslingen (Bad.-Württ.)

  • »Ja, es sind eben gar zu viele Menschen auf der Welt. Früher merkte man es nicht so. Aber jetzt, wo jeder nicht bloß Luft atmen, sondern auch ein Auto haben will, jetzt merkt man es eben«, sagte schon 1927 Gustav im »Steppenwolf« von Hermann Hesse. Damals betrug die Erdbevölkerung etwa zwei Milliarden Menschen, heute viermal so viel.
    Hans-Joachim Uhlemann, Berlin

Die Friedens-Sprücheklopferinnen

Heft Nr. 8/2023 Leitartikel: Deutschlands Friedensbewegung missachtet die Ukraine 

  • Sahra Wagenknecht und Alice Schwarzer sind auf einem gefährlichen Holzweg. Die Demokratie der ganzen westlichen Welt steht auf dem Spiel.
    Lothar Wirth, Berlin

Die Welt ist eine andere

Heft Nr. 8/2023 Ukrainekrieg: Warum ein SPIEGEL-Redakteur seine Kriegsdienstverweigerung zurückzieht 

  • Ja, Sie haben es auf den Punkt gebracht, genau so habe ich die Kriegsdienstverweigerung auch wahrgenommen. Pazifismus ist nicht, sein Leben für Werte eines anderen zu opfern, sondern seine Werte, vor allem Demokratie und Freiheit, zu verteidigen.
    Dirk Wolf, Wiesbaden

  • Es geht mir genauso wie Herrn Rapp. Habe 1987/88 Zivildienst geleistet, aus ähnlicher Motivation, und kam mir dabei sehr erhaben vor. Heute spende ich Geld in die Ukraine für Waffenkäufe und frage mich ebenso wie der Autor, wie ich wohl reagieren würde, wenn einer unserer Söhne sich zum Dienst an der Waffe melden würde. Vielleicht ist genau das der Schock, der die Ichgesellschaften gerade ereilt: Es gibt Dinge, die größer sind als unsere superindividuellen Lebensentwürfe. Wie weit ist es her mit unserer Liebe zu einer freiheitlichen Demokratie, wenn wir im Zweifelsfall nicht bereit sind, sie auch unter Einsatz unserer Leben zu verteidigen?
    Dominik Wessely, Berlin

  • Haben Sie Dank für Ihren exzellenten Beitrag! Er ist nicht nur der Vernunft und der Aufklärung verpflichtet, ebenso geht er zu Herzen – wirklich. Man hätte ihn als Handzettel auf der Schwarzer-Wagenknecht-Demo verteilen sollen. Ich bin einst aus dem für mich als menschenverachtend empfundenen Wehrdienst in der Nationalen Volksarmee als 20-Jähriger gleichfalls vom Pazifismus beseelt herausgegangen. Der Bosnienkrieg und eine Reise nach Sarajevo danach haben mich aber zum ersten Mal umdenken lassen.
    Friedhard Tischer, Gordola (Schweiz)

  • Seit 50 Jahren lese ich regelmäßig den SPIEGEL. Einen unlogischeren Artikel habe ich seither nicht gesehen. Die geringe Sollstärke der Bundeswehr hat nichts mit den Kriegsverweigerern zu tun, sondern liegt in politischen Entscheidungen begründet. Wir sind mit der Kriegsdienstverweigerung auch nicht »billig davongekommen«, wie der Autor meint. Es war der schwierigere Weg. Bis zum Alter von 60 Jahren kann man sich freiwillig zum Dienst in der Ukraine melden.
    Hans Peter Süntzenich, Kirchheim­bolanden (Rhld.-Pf.)

  • Der Artikel hat mich sehr bewegt, denn mir gehen ähnliche Gedanken durch den Kopf. In meiner Jugend 1981 war die Verweigerung noch ein aufwendiges und schwieriges Verfahren. Die Entscheidung war ein wichtiger Teil meiner persönlichen Entwicklung, ich war dann jahrelang in der Friedensbewegung aktiv und habe andere Kriegsdienstverweigerer beraten. Es waren die Achtzigerjahre, die Ära Ronald Reagans, und mit vielen anderen war ich der Meinung, dass der Westen der Aggressor sei. Heute bin ich 60, die Welt ist eine vollkommen andere, und ich bin dabei, mein bisheriges Weltbild infrage zu stellen. Persönlich habe ich den Eindruck, dass bei Männern meiner Generation wenig Bereitschaft besteht, über das Thema nachzudenken oder zu reden.
    Elmar Kraska, Duisburg

  • Das Essay ist nachdenkenswert und berührt mich tief, da auch ich die Verachtung als Wehrdienender (18 Monate!) Jahrgang 1947 kenne, die einem aus Teilen der damaligen Gesellschaft entgegenschlug. Für unser Sicherheitsgefühl hatten wir ja die Amerikaner, denen übrigens aus diesen Kreisen die gleiche Verachtung entgegenschlug. Obwohl sie uns im Ersten und im Zweiten Weltkrieg die Haut gerettet hatten. Jetzt müssen es wieder die Amerikaner richten. Aber es scheint gerade bei vielen Jüngeren und selbst bei den Grünen ein Umdenken einzusetzen. Für unsere Freiheit und unsere Demokratie sind wir selbst verantwortlich und müssen dafür Opfer bringen. Notfalls auch mit Waffen in der Hand, weil Schlächter wie Stalin, Mao, Hitler und auch Putin sich anders nicht von ihrem Weg abbringen lassen.
    Fritz Wolff, Leer (Nieders.)

  • Nachdem Hitler 1933 an die Macht kam und sofort mit äußerster Brutalität gegen Juden, Kommunisten, Sozialisten und andere Gesinnungsgegner vorging, überdachte Albert Einstein seinen radikalen Pazifismus: »Ich hasse Militär und Gewalt jeder Art. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass heute dieses verhasste Mittel den einzigen wirksamen Schutz bildet.«
    Michael Behnke, Zweibrücken (Rhld.-Pf.)

  • Genau so habe ich mich auch vom Pazifisten zum Realisten gewandelt und möchte mich daher auch bewusst von Idealisten à la Wagenknecht und Schwarzer abgrenzen. Aus dem Grund befürworte ich aber auch die Wiedereinführung der Wehrpflicht.
    Klaus Steinvorth, Norderstedt (Schl.-Hlst.)

  • Aufgrund dieses Essays wollte ich zunächst mein 20-jähriges SPIEGEL-Abo kündigen. Aber ich habe als treuer und geduldiger Leser unter anderem Herrn Fleischhauer und Herrn Relotius und einige inhaltsleere oder boulevardeske Artikel überstanden. Denn es ist eben auch der SPIEGEL, der einem immer wieder die Vielfalt der freien Meinungen und die Bandbreite der journalistischen Qualität vor Augen führt und dann ab und an mit journalistischen Meisterleistungen beeindruckt. Daher verbuche ich Ihren Essay als interessanten »Diskussionsbeitrag«. Ich, Jahrgang 1973, werde meine Kriegsdienstverweigerung mit einer Unterschrift unter das »Manifest für Frieden« sogar noch bekräftigen und wünsche Ihnen und mir ein friedvolles Leben.
    Jörg Ludwig, Tübingen (Bad-Württ.)

Giffey und die Wahl in Berlin

Heft Nr. 8/2023 Der SPD fehlen Spitzenfrauen 

  • Was soll das denn? So oft haben Sie über männliche Politiker geschrieben, die in Probleme gerieten. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass Sie deren Geschlecht jemals in den Mittelpunkt der Berichterstattung stellten.
    Gretel Döbrich, Berlin

So dankbar

Heft Nr. 8/2023 Strafjustiz: Überfordert und alleingelassen – ein Rentner tötet seine pflegebedürftige Frau 

  • Mit großer Bestürzung habe ich den Artikel über Herrn N. gelesen. Eine wirklich eklatante Fehlleistung ist in seinem Fall vor allem dem Medizinischen Dienst anzulasten. Gerade bei Demenzerkrankungen nehmen diese Gespräche oft einen für die Erkrankten verheerenden Ausgang: Erwischen die Gutachter die Demenzpatienten in einem »lichten Moment«, wird die Pflegebe­dürftigkeit massiv unterschätzt. Schon die Behauptung, dass »der Kuchen selbst gebacken« sei oder nicht falsifizierbare Sätze wie »Natürlich fahre ich noch Auto!« reichen für ein Gutachterkreuzchen an der falschen Stelle. Dass diese Interviews pandemiebedingt selbst bei dementen Menschen per Telefon stattfinden, ist fahrlässig.
    Kerstin Bondorf, Köln

  • Alle reden vom Fachkräftemangel in der Pflege. Dabei gibt es bereits Menschen, die neben dem eigenen Leben noch ein zweites managen: Hausfrauen, Ingenieure, Lehrerinnen, Rentner, sogar Kinder. All diesen inkompetenten, laienhaften Menschen mutet die Gesellschaft das schon jetzt zu und hat dafür eiskalt den Beruf des »pflegenden Angehörigen« erfunden. Ohne es gelernt zu haben, müssen sie nun ihre Liebsten wickeln, waschen, ernähren, betten, Anträge schreiben, unwür­dige Absagen ertragen, Abrechnungen machen, Arzttermine organisieren, das eigene Leben vernachlässigen. Und wenn diese Angehörigen dann nicht mehr können und ihre Liebsten endlich der Kompetenz eines Pflegeheims anvertrauen, verlangt die Gesellschaft, dass sie ein schlechtes Gewissen haben. Dafür hat sie das Unwort – das auch der SPIEGEL benutzt – vom »Weggeben« erfunden. Ich habe meinen Mann nach einem Nervenzusammenbruch einem Pflegeheim anvertraut. Ich weiß jetzt, was Pflegekräfte können und was ich nicht kann. Ich bin so dankbar.
    Rosemarie Dypka, Hamburg

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