Briefe - DER SPIEGEL
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Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL

Briefe

Syrien, der VW-Konzern, die Grünen und Tierversuche – das waren die Themen, zu denen wir in der vergangenen Woche die meisten Zuschriften erhalten haben.
• aus DER SPIEGEL 52/2024

Bei aller Euphorie

Heft Nr. 51/2024 Titel: Das syrische Experiment 

  • Einstweilen kann man nur hoffen, dass Abu Mohammad al-Julani so etwas wie der weiße Rabe unter den Islamisten ist und die HTS-Miliz einen humanistischeren Kurs verfolgt. Kein Zurück in eine Taliban-Steinzeit, vielleicht in ein zukunftsfähiges Syrien? Abwarten. Wenn Unionspolitiker wie Jens Spahn bereits jetzt die Rückkehr von Exilanten forcieren, ist das Aktionismus, populistisches Fischen bei AfDlern. Man kann ohnehin nicht von »den Syrern« sprechen, sondern muss die Situation eines jeden einzelnen Geflüchteten verstehen. Wenn es die einen zurückzieht, um beim Wiederaufbau des vom Bürgerkrieg zerstörten Landes zu helfen: danke. Wenn andere hierbleiben, weil die Familie sich integriert hat oder die Kräfte zum wiederholten Neuanfang nicht reichen: gerne.
    Dr. Angelika Koller, München

  • Der Untergang von Assads Unrechtsregime verbunden mit dem Zusammenbruch des dazugehörigen bürokratischen Apparates bietet nicht nur die Chance, Untaten in Syrien selbst aufzuklären. Möglicherweise könnten nun auch Akten öffentlich werden, die Verbrechen des Regimes im Ausland, auch in Deutschland, dokumentieren. Eine einmalige Chance im Nahen Osten, die es während der Arabellion in Libyen, Ägypten, Jemen oder selbst in Tunesien nicht gab. Ein konkreter Fall betrifft die nicht aufgeklärte Ermordung des Apothekers Mohamed Joune in Hamburg-Harburg im Januar 2019. Herr Joune arbeitete sehr aktiv gegen das Assad-Regime, eine mögliche Verantwortung des Regimes liegt also auf der Hand. Jetzt könnte die Chance bestehen, dieses Verbrechen endlich aufzuklären.
    Dr. Karsten Strey, Hamburg

  • Das Ende der gnadenlosen Unterdrückung der sunnitischen Bevölkerung durch Assad und seine Baath-Behörden löst in Syrien Jubel und Begeisterung aus. Bei aller Euphorie, die zur Stunde auch in unseren Medien zu finden ist, sollte nicht vergessen werden, dass mit dem Assad-System der letzte säkulare Staat der arabischen Welt untergegangen ist. Verblüffend ist die Unvoreingenommenheit gegenüber der islamistischen HTS-Miliz und den Phantombrigaden von al-Qaida, deren erprobteste Kämpfer auf den radikalen Islamismus eingeschworen sind. Christen und Aleviten, die in ihrer Verbundenheit mit dem Assad-Regime eine
    für die arabische Welt ungewöhnliche Toleranz genossen, müssen jetzt auf das Schlimmste gefasst sein.
    Willi Nethen, Kempen (NRW)

  • Danke, Frau Haidar, dass Sie sich dieser wichtigen und ehrenvollen Aufgabe stellen: Brücken schlagen – und sagen, was ist in Syrien. Ich wünsche Ihnen und uns allen, dass Sie keine Kriegs-nachrichten über-mitteln müssen.
    Hans Neubig, Goldkronach (Bayern)

Die Schnellen schlucken die Langsamen

Heft Nr. 50/2024 Der VW-Konzern in Selbstblockade 

  • Die deutsche Autoindustrie und ihre Mitarbeiter müssen sich nicht bei der Politik beschweren. Sie wurden jahrzehntelang von der Politik und von den Gewerkschaften positiv begleitet. Außerdem ist das Gehaltsgefüge teilweise übertrieben hoch. Man hat die neueste Technologie einfach verschlafen.
    Lothar Wirth, Berlin

  • Es ist an der Zeit, zwei der Hauptverantwortlichen der VW-Krise klar zu benennen: den langjäh­rigen Betriebsratsvorsitzenden Bernd Osterloh sowie die jetzi­ge Betriebsrätin Daniela Cavallo.
    Sie haben über viele Jahre Tarifabschlüsse erkämpft, die in der Summe die VW-Werke nicht mehr wettbewerbsfähig haben werden lassen.
    Thomas Hammann, Hamburg

  • Mir ist unverständlich, dass die deutsche Automobilindustrie die Marktveränderung zum Elektroauto in China, wo VW sehr präsent ist, oder bei Tesla nicht mitbekommen und entsprechend reagiert hat. Für die nächsten Jahre sollten die Aktionäre teilweise auf die Dividende verzichten, die Mitarbeiter teilweise auf das Entgelt und der Staat (wie auch in China) die neue Technologieplattform durch Investitionshilfen massiv unterstützen und die notwendige Infrastruktur ausbauen, damit Arbeitsplätze erhalten werden oder neue entstehen können. Wer meint, der Markt werde es regeln, begeht den gleichen Fehler wie bei der Solartechnologie. Nicht die Großen schlucken die Kleinen, sondern die Schnellen die Langsamen. Firmen und Mitarbeiter sollten gemeinsam mit einer wirtschaftlich kompetenten Politik das Gaspedal stark durchdrücken.
    Roy Parrish, Graal-Müritz (Meckl.-Vorp.)

  • Die detailverliebten Autoren haben leider den riesigen Aderlass von an die 35 Milliarden Euro infolge des VW-Abgasskandals völlig vergessen. Oder war es Absicht? Nun soll die Hälfte dieser Schadenssumme mit Lohnkürzungen, betriebsbedingten Kündigungen und mit Werksschließungen auch hierzulande eingespart werden. Immerhin gibt es Hoffnung, wenn auch im weitesten Sinne aus dem Ausland: Die robuste Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats von VW ist die Tochter eines »Gastarbeiters« aus Italien, ein tunesischer Technikfreak sorgt für technischen Fortschritt, und ein kalifornisches Start-up verhilft Wolfsburg wieder zu Autos mit Spitzentechnologie. Möge die Übung gelingen, ohne die krisenbewährte Arbeitskultur bei VW zu beschädigen.
    Jürgen Kühl, Berlin

  • Danke für den umfänglich recherchierten Artikel. Nicht erwähnt wurde, dass der Ruf von VW durch die Abgas-Reinigungs-Abschaltung unter Martin Winterkorn stark gelitten hat und dessen Lügen von keinem seiner früheren Mitarbeiter klargestellt worden sind. Da hackt eine Krähe der anderen kein Auge aus, auch wenn die ganze Firma darunter leidet. Ich kaufe mir jedenfalls keinen VW mehr. Der Familienverein von 120.000 Beschäftigten hält zusammen. Auch wurde die Frage nicht gestellt, wem die angekündigten Streiks helfen. Der Firma VW jedenfalls nicht. Die Gewerkschaften, dafür bekannt, dass sie gern mit dem Hintern einreißen, was sie mit den Händen aufgebaut haben, kommen offensichtlich nicht auf den Gedanken, dass so mancher auch für 90 Prozent des jetzigen übertariflichen Einkommens arbeiten würde, wenn damit der Arbeitsplatz gesichert ist. Sie argumentieren, als kämen sie von einem anderen Stern. Mein Mitgefühl für die Situation in Wolfsburg, Emden et cetera hält sich in engen Grenzen.
    Niels Genzmer, Butzbach (Hessen)

Aufstampfen mit dem grünlinken Fuß

Heft Nr. 50/2024 Porträt der Grünen, die von einer Partei der Rebellen zum Sammelbecken für Angepasste wurden 

  • Für mich als mittelalter weiß(s)er Mann ist es irgendwie beruhigend zu wissen, dass es sehr wohl (mittel)alte weiß(s)e Frauen gibt, die finden, früher war alles so viel besser, auch die Grünen.
    Anton Leo, Hamburg

  • Ich war auf Barbara Supps Analyse sehr gespannt und frage mich jetzt, ob sie mitbekommen hat, dass sich das politische Umfeld komplett geändert hat und sich deshalb auch die Grünen ändern müssen. Das rechte Spektrum hat sich erheblich erweitert, und die aktuelle Bedrohungslage ist komplett anders als in den Anfangsjahren der Grünen. Auch haben die Grünen in vielen Feldern ordentlich danebengelegen. Dabei sollten wir nicht vergessen, dass wesentliche Umweltthemen der Grünen jetzt in jedem Parteiprogramm stehen. Die Grünen entwickeln sich aus der Nische zu einer Volkspartei, die wir dringend benötigen, weil die SPD diese Rolle immer weiter aufgibt und wir Bollwerke gegen den rechten Rand brauchen. Die Nostalgie der Autorin ist verständlich, aber eben politisch nicht mehr angebracht. Sie sieht nur Trümmer, wo eigentlich etwas Solides aufgebaut wird.
    Bernd Brösel, Hamburg

  • Endlich lese ich im SPIEGEL mal wieder einen Artikel, der ein kritisch-politisches Nachrichten­magazin auszeichnet. Die Entwicklung der Grünen ist wirklich beängstigend und beschämend: Den Umweltschutz haben sie längst verraten, und die Pazifisten sind zu Bellizisten mutiert.
    Dr. Erhard Jöst, Heilbronn

  • Man bastele sich eine Welt ohne Konflikte, Kriege, Hunger, Energieknappheit, in totaler Harmonie, mit eindeutigen Wahlergebnissen für »die Guten« (in diesem Fall »die wahren Grünen«) und kann zufrieden nach vorn in die Vergangenheit schauen. Das enttäuscht-bockige Aufstampfen mit dem strahlend grünlinken Fuß entspringt der naiven Selbsttäuschung und wird das Problem der neuen politischen Unübersichtlichkeit in instabiler Weltlage nicht lösen. Hier sind der Mut zum kritischen Überdenken eigener Gewissheiten und die anstrengende Bereitschaft zum Kompromiss gefragt. Das wird auch wehtun.
    Anke Meinzen-Spark, Wuppertal

  • Das Engagement der Politiker mit reinem Machtstreben zu erklären, halte ich für unfair. Viel eher unterstelle ich, besonders den Grünen, dass sie für eine bessere Welt kämpfen. Ich bewundere Leute, die in der heutigen hassbesetzten Zeit für ihre Überzeugungen den Kopf hinhalten. Wie viel Gegenwind gibt es für Habeck wegen des Heizungsgesetzes? Die Idee war ja richtig. Aber wenn die Feinde es veröffentlichen, bevor es fertig ist, kommt das Narrativ heraus, die Grünen wollten allen Hausbesitzern sofort ihre Heizungen wegnehmen. Das glauben heute noch viele, und deshalb werden die Grünen so angefeindet. Leider sind sie bei der Ampel viele Kompromisse eingegangen, um überhaupt eine Regierung zu ermöglichen. Das ist für viele ihrer Anhänger nicht zu verstehen. Aber lieber kleine Schritte in die richtige Richtung als gar keine.
    Ulrike Beck, Berlin

  • Ganz genau – Respekt – Chapeau – ich habe geweint.
    Aksel Wolfram, Bad Belzig (Brandenb.)

  • Warum ist die Ampelregierung zerbrochen? Weil die gelbe Partei bei allem und jedem rücksichtslos ihren Willen durchdrücken wollte. Wäre sie kompromissbereit gewesen wie die beiden anderen Parteien, gäbe es die Ampel noch. Bei der Entwicklung unseres Landes kommt es doch jetzt darauf an, die Partei zu wählen, die zukunftsweisende Pläne im Programm hat. Sie wollen »kühne Grüne« sehen, die sich um Demografie, Bürgergeld, Reichensteuer, Schuldenbremse, Mobilitäts- und Energiewende kümmern? Dann schreiben Sie gute Artikel über die Grünen, damit diese eine Mehrheit bekommen und beweisen, was sie können.
    Sabine Back, Ulm

  • Ihrer Beschreibung der Entwicklung in der grünen Partei kann ich nur zustimmen. Die Parteitage werden mehr und mehr inszeniert. Kritische Beiträge werden durch geschickte Abläufe in der Tagesordnung spät in die Nacht verschoben, wenn die ersten Delegierten bereits nach Hause fahren müssen. Aber die Bundes­delegiertenkonferenz stand ja schon voll im Zeichen des Wahlkampfs. Man will sich kompatibel für eine Koalition mit der CDU machen. Ich hoffe, die CSU bleibt hart. Vor allem die Einstellung der Grünen-Bundestagsfraktion und der Bundespartei zu den Themen Migration, Flucht und soziale Gerechtigkeit wird von der Basis äußerst kritisch gesehen.
    Dorothee Kroll, Stadträtin (Bündnis 90/Die Grünen), ehem. Landes- und Bundesdelegierte des Grünen-Kreisverbands Euskirchen (NRW)

Umweg der Forschung

Heft Nr. 50/2024 Neurowissenschaftler -Andreas Kreiter forscht an Affen, damit Krankheiten wie Parkinson und
Epilepsie geheilt werden können. Porträt einer Hassfigur 

  • Versuche an Tieren sind und bleiben ein ethisches Verbrechen, das in einer modernen Forschung nichts mehr zu suchen hat. Was Kreiter betreibt, ist sogenannte Grundlagenforschung, die im Allgemeinen sehr überbewertet wird. Affenhirnversuche werden seit vielen Jahrzehnten gemacht, jedoch hat es bisher kaum Fortschritte bei Hirnkrankheiten wie Demenz oder Parkinson gegeben. Es gibt mittlerweile zahlreiche tierleidfreie »Alternativen«, wie zum Beispiel In-vitro-Modelle oder (Multi-)Organ-Chips, die auf jeden Patienten individuell zugeschnitten werden können. Diese werden von vielen Staaten, die bereits Ausstiegspläne aus Tierversuchen haben, angewandt. Deutschland läuft Gefahr, den Anschluss an eine moderne Forschung zu verpassen.
    Jörg Gaiser, Baiersbronn (Bad.-Württ.)

  • Tierversuche sind so unpräzise, dass deutlich über 90 Prozent der am Tier getesteten Medikamente bei der Erprobung am Menschen wieder aussortiert werden müssen. Der Umweg der Forschung für Menschen über den nicht vali­dierbaren Tierversuch mit seiner institutionalisierten Tierquälerei und Tötung von Schutzbefohlenen kann und darf nicht mehr Bestandteil einer wissenschaftsorientierten zivilisierten Gesellschaft sein. Zukunftsweisend für eine personalisierendere, bessere Medizin sollten nur noch Non-Animal-Technologien finanziell und gesetzgeberisch gefördert werden.
    Dr. med. Christina Gerlach-Schweitzer, Bonn

  • Vom SPIEGEL bin ich sonst mehr Neutra-lität und Empathie für das Schicksal von Lebewesen gewohnt, als ich es in diesem Artikel geboten bekomme. Schade.
    Michael Schneider, Siegburg (NRW)

Die Geste zählt

Heft Nr. 50/2024 Philosophin Barbara Bleisch erklärt das gute Schenken 

  • Die Quintessenz ist einfach: Die Geste zählt, nicht die Gabe. Allerdings sollte Erstere aufrichtig gemeint sein, ansonsten entwertet sich das Geschenk selbst.
    Karin Unkrig, München

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