Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL
Briefe
Grün war die Hoffnung
Heft 14/2023 »Sie werden uns an die Wand drücken«
Die FDP kann mit der Drohung, die Koalition zu sprengen, ihre Partner beliebig erpressen. Die Grünen wollen Klimaschutz erreichen und können es nur – aber eingeschränkt – in der gegenwärtigen Koalition. Die SPD will bloß die Koalition retten und gibt damit leichtfertig der FDP nach. Die FDP war einst 1971 der Zukunft zugewandt mit ihren Freiburger Thesen, wie »Umweltschutz hat Vorrang vor Gewinnstreben und persönlichem Nutzen.« Heute profiliert sie sich als klimaskeptische Partei und macht rücksichtslos kurzfristige Klientelpolitik, nur um bei den kommenden Wahlen über fünf Prozent zu bekommen, während sich die Grünen – wie 1971 die FDP – verantwortungsvoll mehr um ihre Enkel kümmern wollen. Einzelne Grüne fangen an, sich zu fragen, ob es besser ist, nicht zu regieren, als falsch zu regieren.
Wolfgang Maucksch, Herrieden (Bayern)Die Antwort auf ihre Frage »Gehört die Ökopartei noch in diese Regierung« ist ein klares Ja! Wenn Politik die Zukunft Deutschlands nachhaltig gestalten soll, dann brauchen wir die Grünen in einer Regierung. Besser in einer schlechten Koalition mitregieren als gar nicht.
Wilhelm Barlage, LeverkusenWir fahren bald alle Akku-Autos. Neue Heizungen sind Wärmepumpen. Kernkraftwerke werden gegen alle Vernunft abgeschaltet. Die Hippies haben gewonnen. Wie kommt Ihr beim SPIEGEL zu dieser Titelgeschichte? Es geht doch für SPD und FDP nur noch um Symbole. Was wollt ihr noch? Kapitulation?
Martin Krieger, Frankfurt am MainSolange wir uns nicht ehrlich machen, dass unser fossiler Lebensstil und unser Wunsch nach Energiesicherheit schon jetzt Menschenleben kostet, das heißt, circa 1700 Tote letztes Jahr durch Überschwemmungen in Pakistan und über 180 Tote im Ahrtal 2021, werden wir die sozial-ökologische Wende nicht schaffen.
Dr. Alexander Grevel, FreiburgIn dem Essay »Wehrhaft und frei« von Jonas Schaible wird meiner Meinung nach überzeugend hergeleitet, dass eine Erderwärmung um 2 bis 4 Grad Celsius eine Bedrohung für die Demokratien zur Folge haben könnte: Mehr Hitze führt zu mehr Trockenheit und mehr Wetterkatastrophen, daraus resultieren unter anderem Ernteausfälle und Wassermangel, das kann zu vermehrten Flüchtlingsströmen und sozialen Konflikten führen, die in Bürgerkriege und Kriege um mangelnde Ressourcen münden können; solche Lagen destabilisieren Demokratien. Die 50 Prozent der im Frühjahr 2023 befragten Bürger, die der Klimapolitik nur eine geringe Relevanz zumessen, haben diese Argumentation vielleicht nicht im Blick. Möglicherweise haben auch führende Politiker nicht die wünschenswerte Weitsicht, ich denke nur an den Kanzler Scholz, der 2017 den G20-Gipfel trotz Warnungen in die Innenstadt Hamburgs holte; was das zur Folge hatte, wissen wir. Sein aktuelles klimapolitisches Handeln spricht für die Vermutung.
Michael Ruffert, HamburgAlso wenn ich wählen dürfte: lieber eine Ökodiktatur, die dem Menschenschutz dient, als eine Gelddiktatur, die nur der Gier verpflichtet ist.
Dr. Michael Groß, Nesselröden (Nieders.)Während die Führungen von SPD und FDP nur auf das Wahljahr 2025 starren und augenscheinlich befürchten, den dringend notwendigen Klimaschutz gegen die Verzerrungen und Halbwahrheiten durchzusetzen, mit denen die »sozialen« und anderen Medien Unsicherheit in der Bevölkerung verbreiten, versuchen die Grünen, das Bestmögliche für Mensch und Natur zu retten. Es wird aber aus meiner Sicht Zeit, dass von einer eigentlich ökologisch orientierten Partei rote Linien gezogen werden. Bei vorgezogenen Neuwahlen haben die Verantwortlichen der anderen beiden Ampelparteien sicher mehr zu verlieren, wenn man die aktuellen Umfragen mit der Sitzverteilung im Bundestag vergleicht.
Gerhard Paulußen, Wangen im Allgäu (Bad.-Württ.)Die Grünen haben keinen Grund, sich selbst zu zerlegen, sondern sollten lernen, stolz auf ihre Leistungen zu sein. Selten hat auf eine Regierung der Begriff Volksvertretung besser gepasst als in dieser Legislaturperiode. Von weit links bis Mitte-rechts ist alles vertreten. Kein Wunder also, dass die Debatten in der Regierung die Diskussionen im Bekanntenkreis eins zu eins widerspiegeln und auch die Grünen ihre Ziele nicht vollständig umsetzen können. Dennoch haben sie schon viel erreicht. Selbstverständlich stört auch mich so mancher Kompromiss, aber zumindest weiß ich ihn von einer breiten Mehrheit getragen. Das gibt mir die Sicherheit, dass auch die nächste Regierung nicht alles zurückdrehen wird und die Extremisten von links oder rechts weiterhin Zuschauer bleiben. Das Risiko einer Spaltung der Gesellschaft, für das wir weltweit ja einige Beispiele sehen, wäre sonst immanent.
Stefan Masannek, Kiel
Biber zu Fischen erklären
Heft 13/2023 Gehört der Pazifismus wirklich auf den Müllhaufen der Geschichte?
Ein »pragmatischer Pazifismus«, welcher »die Alternativen abwägen und letztlich für Waffenlieferungen sein« kann, das erinnert an Mönche aus früheren Zeiten, die Biber zu Fischen erklärten, damit sie auch freitags Fleisch essen durften. Zum Verständnis: Während schon ganze Landstriche in Schutt und Asche liegen, wägt dieser »Pragmatiker« noch eine Weile ab, »was voraussichtlich weniger Schaden anrichten« wird, der Waffennachschub (inklusive ausreichender Munition), oder die weiße Fahne. Ich nehme an, für derlei Abwägungen muss man studiert haben (zumindest den SPIEGEL).
Meinolf August Link, Lichtenau (NRW)
In Sachen Massenmord und Kriegsverbrechen, vor allem auch in der Ukraine, halten immer noch die Deutschen den Weltrekord. Die Deutschen. Nicht nur deren Nazis. Wie wäre es denn, wenn gegenüber dem Überlebenskampf des ukrainischen Volkes die deutschen Oberlehrer im Unterrichtsfach Pazifismus nun einfach mal Bescheidenheit üben und wenigstens den Mund halten würden? Denn der zynische Vorschlag des Philosophen Olaf Müller, »die Ukraine militärisch im Stich zu lassen«, steht in der übelsten deutschen Tradition.
Prof. Dr. Thomas Stehl, PotsdamIn seinem Beitrag versucht Markus Brauck, neue Perspektiven für die Zukunft des Pazifismus zu finden: von einem pragmatischen Pazifismus ist die Rede, ohne Prinzipienreiterei. Es soll um eine andere Logik gehen, die der Logik des Krieges entgegengesetzt wird. Jedoch kommt Brauck zu der gleichen Schlussfolgerung, zu der auch Sahra Wagenknecht in ihrem Manifest kommt: vor der fremden Macht zu kapitulieren, um Menschenleben und Kulturgut zu sparen. Dabei ist in der deutschen Debatte gar nicht die Art des angewandten Pazifismus das Problem, sondern die Tatsache, dass in den Beiträgen stets die Verantwortung des Aggressors ausgeblendet wird. Brauck tut das, indem er den Krieg als einen eigenständigen Organismus beschreibt: »Theoretisch kann [Putin] den Krieg sofort beenden. Praktisch kann er es nicht. Nicht mehr er führt den Krieg, sondern der Krieg führt ihn«. Hier wird Putin als Opfer seiner eigenen geopolitischen Fehleinschätzungen dargestellt, sodass im nächsten Schritt von der Ukraine verlangt werden kann, dass sie die oben erwähnte andere Logik gegen die des nun eigenständig herrschenden Krieges anzuwenden hat. Da die Ukraine das nicht tut, kann nun die Verantwortung für die Todesopfer und für das zerstörte Kulturgut, wenn nicht ganz, dann zumindest etwa zur Hälfte, auf die ukrainische Seite verschoben werden.
Matti Jämsä, BerlinIch verstehe den Pazifismus nicht, selbst wenn er »pragmatisch«, »angenehm leise« und ohne Prinzipienreiterei daherkommt, wenn er zu solch schrecklichen Schlussfolgerung kommt, wie »dass die Gefahr einer atomaren Eskalation höher zu bewerten sei als das Existenzrecht der Ukraine« und dass man deshalb »die Ukraine militärisch in Stich zu lassen« habe. Das beweist mir nur die mangelnde Empathie dieser Pazifisten gegenüber den Opfern und ihre fatalistische Ergebenheit gegenüber Erpressungen. Überhaupt erscheint mir die ganze Diskussion über die Gewalt und wie ihr zu begegnen sei, weltfremd und unrealistisch, weil sie außer Acht lässt, dass Gewalt zur menschlichen Existenz gehört. Ich bezweifele, dass Brauck oder Müller Polizisten waffenlos in den Dienst schicken und auf das Gewaltmonopol des Staates verzichten wollen. Was ist denn der Unterschied zwischen der Gewalt, die von innen und die von außen kommt? Alle Versuche, die Gewalt gewaltlos zu bekämpfen, sind gescheitert. Die größten Pazifisten wie Jesus oder Gandhi sind Gewalt zum Opfer gefallen. Christentum und Islam sind durch Soldaten Staatsreligionen geworden. Anekdotenhafte Ausnahmen werden maßlos überschätzt und lassen sich nicht verallgemeinern. Das friedliche Zusammenleben muss immer unser Ziel sein, aber der Pazifismus garantiert es nicht.
Dr. Klaus Steinvorth, NorderstedtDie Aufrichtigkeit, mit der der erwähnte Philosoph Olaf Müller seine pazifistische Haltung vertritt, nötigt Respekt ab – auch seine Courage, einzugestehen, dass er Putin ohne Zögern Berlin überlassen würde. Diese Offenheit fehlte in Wagenknechts und Schwarzers »Manifest«. Wer hätte es sonst wohl unterschrieben?
Folker Kinzel, Raguhn-Jeßnitz (Sachs.-Anh.)
Der Soziologe Martin Schröder über die Zufriedenheit von Frauen
Heft 13/2023 Gastbeitrag – Der Soziologe Martin Schröder über die Zufriedenheit von Frauen
Herr Schröder sollte sich mal die Frankfurter Schule und Erich Fromms Untersuchungen zum autoritären Charakter ansehen. Es ist doch sehr vereinfacht, Frauen zu befragen und das als wissenschaftlich fundierte Erkenntnis zur Gleichberechtigung zu verkaufen – und auch noch in Buchform. Auch, wenn das Buch eventuell noch etwas differenzierter sein mag. Feminismus mit Opfer-Gejammer gleichzusetzen, ist doch verdächtig. Herr Schröder kann gern jammern, aber er sollte es dabei belassen und keine wissenschaftliche Theorie daraus zaubern. Übrigens heißt es: »Feministinnen haben den besseren Sex.« Von wegen Opfer.
Sigrid Baumgärtner, Wohnort angefragtIch habe mich wahnsinnig über die getroffenen Aussagen und Annahmen geärgert. Wer wie Herr Schröder in dem Artikel über weibliche Befindlichkeiten fabuliert und beispielsweise behauptet, Frauen verdienten aufgrund ihrer eigenen Präferenzen weniger und nicht etwa aufgrund ihrer deutlichen Unterrepräsentanz in Führungs– und Entscheidungspositionen, der hat augenscheinlich keinerlei Berufserfahrung jenseits der Universitätsmauern gesammelt. Schade, dass der SPIEGEL im Jahr 2023 solch praxisfernen und frauenfeindlichen Texten eine Plattform einräumt. Das hat mich als langjährige Leserin wirklich sehr enttäuscht.
Andrea Brömmelmeier, DortmundDieser Artikel hindert mich erneut daran, das SPIEGEL-Abo zu kündigen.
Dr. Hartmut Beckmann, SolingenIch fühlte mich bei der Lektüre des Artikels zeitweise wie in einer Werbung für Waschmaschinen in den 1950er–Jahren, meine persönliche Lebenszufriedenheit sank vorübergehend um (mindestens) 0,06 Punkte.
Constanze Wunberg, Tübingen
Dieser Comedyzwerg
Heft 13/2023 Das Prinzip Pocher
Es ist schon schlimm, dass das Fernsehen Pseudo-Künstlern wie Pocher eine Plattform bietet, aber dass sich der SPIEGEL mit diesem Narzissten beschäftigt, ist für mich nicht nachvollziehbar. Seit vielen Jahren bin ich SPIEGEL-Leserin und schätze die Qualität der gut recherchierten Beiträge. Aber jetzt etwas zu lesen, was eigentlich in Boulevardblätter gehört, stört mich schon sehr.
Gina Fiebig, Vaingen (Bad.-Württ.)Warum nicht gleich die grenzwertig talentierte Witz–Figur auf die Titelseite gesetzt, um als Geschäftsmodell nunmehr eine neue, intellektuell bisher unerreichte Zielgruppe der Privatsender zu bedienen?
Lutz Koester, Frankfurt am MainIrgendwie hat er was an sich; dieser milchgesichtige Comedyzwerg Pocher. Klar spielte (und spielt) er schon immer eine Liga mit Leuten wie Harald Schmidt oder Jürgen von der Lippe. Aber wie sagte Oliver Pocher einmal so treffend: »Ist doch egal, wenn mich von 82 Millionen Menschen in Deutschland 80 Millionen scheiße finden. Bleiben immer noch zwei Millionen, die mich toll finden.«
Manfred Radina, Schweinfurt (Bayern)
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