Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL
Briefe
Viel Soße, wenig Fleisch
Heft 36/2024 Titel: Wie konnte das passieren, Herr Scholz?
Danke für das Gespräch mit dem Kanzler, der viel redet und nichts sagt. Dazu kritikresistent ist und immer bedacht, seine Politik als Erfolg zu verkaufen. Möge sich der Wähler besinnen und dieses Trauerspiel 2025 endlich vorbei sein.
Michael Wiese, BerlinDer gleiche Olaf Scholz wie beim vorigen SPIEGEL-Gespräch. Er allein weiß, wie alles geht und nicht geht. Den Fragen weicht er aus und findet die Fehler immer bei den anderen. Wenn er so superschlau ist, wie er sich sieht, warum kann er sich nicht mehr an die Warburg-Bank und Cum-Ex erinnern? Die Menschen haben kein Vertrauen mehr in ihn, und er wird nicht mehr ernst genommen.
Dieter Krauß, Lautertal (Hessen)Mir ist aufgefallen, dass der Kanzler immer in kurzen, klaren Sätzen gesprochen hat und über jedes Detail der komplizierten Themen äußerst fundiert Bescheid wusste. Auf mich hat er daher einen sehr guten Eindruck gemacht. Der Ton Ihrer Fragen hat mir dagegen gar nicht gefallen. Das ging durchweg nach dem Schema: »Warum haben Sie dies nicht geschafft, warum haben Sie in jenem Punkt versagt?« Kritischer Journalismus hat so ein populistisches Antigehabe doch gar nicht nötig.
Andreas Moos, Weinstadt (Bad.-Württ.)Ich habe wirklich einen langen Geduldsfaden, ehe ich mich beklage oder andere verbessern will. Aber so spricht man nicht mit einem Bundeskanzler. Mit keinem Menschen spricht man so. Ich höre förmlich den scharfen Ton, der leider schon oft mehr als unhöflich wurde. Es ist richtig und gut, dass man Fragen stellt, auch diese Fragen – aber nicht so. Schade, es hätte ein spannendes Gespräch werden können. So wurde es nur Angriff und Verteidigung. Kein Kompromiss. Ich hatte das Gefühl, die Redakteure wollten nicht zuhören, sondern nur den Kanzler zu Fall bringen.
Axel de Roche, BerlinDie gereizten Fragen der Redakteure brachten den Kanzler nicht aus dem Konzept. Sein ehrliches Eingeständnis, »Das wüsste ich auch gern«, wäre einem Ihrer Lieblingsinterviewpartner von weiter rechts kaum über die Lippen gekommen. Aus meiner Sicht wird der SPIEGEL immer mehr zum rechten Kampfblatt. Haben Sie schon einmal den Einfluss Ihrer Berichterstattung auf die Entwicklung in den östlichen Bundesländern untersuchen lassen?
Helmut Kapferer, FreiburgDie Antworten von Bundeskanzler Olaf Scholz lassen sich auf einen kurzen Nenner bringen: viel Soße, wenig Fleisch.
Hans-Jürgen Kroggel, Hameln (Nieders.)Das Titelfoto mit der Schlagzeile »Wie konnte das passieren, Herr Scholz?« suggeriert eine Verantwortung des Bundeskanzlers für den Solinger Terroranschlag. Aber: Kein Mensch hätte ein probates Mittel dagegen, wenn ein:e radikalisierte:r Verblendete:r plötzlich beginnt, wahllos auf friedliche Menschen einzustechen. In wessen Horn eine solche Titelseite stößt, hätte dem SPIEGEL doch klar sein müssen, vor allem angesichts der Landtagswahlen. Nach der Lektüre des Titelgesprächs konnte ich zu meiner Erleichterung feststellen, dass dieses durchaus sachorientiert geführt wurde und mit dem reißerischen Titelblatt kaum etwas zu tun hat. Aber das Titelblatt ist nun mal das »Gesicht des Hefts«.
Konrad Hempel, Eckental (Bayern)Ursache für das Versagen auch in der Migrationspolitik ist doch unsere völlig aus den Fugen geratene Beamtenrepublik. Der Kanzler erwähnt fast 550 zuständige Ausländerbehörden in 16 Beamtenföderalismus bedingten Ländern. Wie sagte Wolfgang Schäuble zum Versagen im Ahrtal so schön: »Wir werden an der Bürokratie noch zugrunde gehen.«
Friedrich Meyer-Hildebrand, Tornesch (Schl.-Holst.)Es ist eine intellektuelle Zumutung, den Anschlag in Solingen als mehr oder weniger unmittelbare Folge einer nicht vollzogenen Abschiebung nach Bulgarien darzustellen. Wenn jemand bei Rot über die Ampel fährt, nicht erwischt wird und am nächsten Tag absichtlich einen Menschen zu Tode fährt: Ist dann die Polizei dafür verantwortlich, weil sie den Rotlichtverstoß nicht geahndet hat? Besser, die Tat wäre in Bulgarien begangen worden, denkt sich aber Friedrich Merz. Es sollte vielmehr über Sicherheitsfragen wie polizeiliche und geheimdienstliche Befugnisse im Rahmen der Gefahrenabwehr gesprochen werden.
Dr. Markus Fritsch, Berlin
Ursachen woanders suchen
Heft 35/2024 Wie Thüringens braune -Vergangenheit nachwirkt
An einigen Stellen in diesem Beitrag zu den historischen Wurzeln von Rechtsextremismus in Thüringen sträuben sich mir die Haare. Ich habe 40 Jahre lang in der DDR gelebt, und es stimmt, der kommunistische Widerstand gegen die Nazis war Staatsdoktrin. Aber jeder, den ich aus dem Osten kenne, wusste spätestens seit Schulbeginn von dem furchtbaren Genozid an den Juden, er wurde in den Schulen vermittelt, es gab Bücher, Filme und didaktische Besuche in Konzentrationslagern. Als Studierende und im Berufsleben hatten meine Freunde und ich relativ viel mit Ausländern zu tun, Rassismus lag uns völlig fern. Die Ursachen für das Sympathisieren mit der AfD müssen schon woanders gesucht werden.
Dr. Alexander Schulze, Hohen Neuendorf (Brandenb.)
Es geht um sein Ego
Heft 35/2024 Das Dilemma mit der Patientenverfügung
Da meine Familie und ich vor Kurzem einen gleich gelagerten Trauerfall zu beklagen hatten, bin ich über den Artikel von Volker Kitz ziemlich empört. Darin geht es primär um sein Ego und seine Befindlichkeiten, sein verstorbener Vater spielt nur eine unwürdige Nebenrolle. Nicht nur als zur Fürsorge verpflichteter Sohn, sondern gerade als Jurist müsste er doch um die Verbindlichkeit einer Patientenverfügung Bescheid wissen. Sein Verhalten zeugt von egoistischer Respektlosigkeit seinem Vater gegenüber.
Wolfgang Focke, BremenIch bin mehr als verwundert, dass der Verfasser des SPIEGEL-Artikels zwei Seiten Text veröffentlichen kann und sich für das von ihm geschilderte Verhalten nicht vor einem Gericht rechtfertigen muss. Wenn sein Verhalten nicht sanktioniert wird, können wir uns alle eine Patientenverfügung ersparen.
Han Heinrich Jakober, Bad Zwischenahn (Nieders.)
Eine tolle Formatidee
Heft 35/2024 Wie ein -Wissenschaftler unsere Trump-Berichterstattung sieht
Bernhard Pörksen ist einer der angesehensten Medienwissenschaftler des Landes. Nun soll er offenbar in regelmäßigen Abständen die Berichterstattung im SPIEGEL zu bestimmten Themen beurteilen. Das ist eine mutige Entscheidung der Redaktion. Und es beginnt mit Trump, der ja selbst vielfach als instinktives Kommunikationsgenie beschrieben wird, weil er es geschafft hat, unsere Erregungsgesellschaft so zu steuern, dass ihm selbst seriöse Medien auf den Leim gehen. Dem SPIEGEL attestiert Pörksen immerhin eine vergleichsweise ausgewogene Berichterstattung, spricht aber auch davon, dass er daran gescheitert sei, »das Medienmonster Trump zu zähmen«. Vielleicht widmet sich Pörksen als Nächstes einer Analyse der Berichterstattung über die Ampel?
Ulrike Heidecke, München, via SPIEGEL DebatteGroßteils stimme ich zu. In einem – dem wohl entscheidenden – Punkt jedoch bin ich anderer Ansicht: Ich halte es für wichtig und richtig, dass Journalisten ganz klar Stellung beziehen und Faschisten wie denen von der AfD und irren Noch-nicht-ganz-Faschisten klar und deutlich Kontra geben.
Ulrich Abendroth, Logonna-Daoulas (Frankreich), via SPIEGEL DebatteAlle Anerkennung, Herr Kurbjuweit, für Ihre Einleitung und den Entschluss, dieses Vorhaben zu starten. Leider ist die Schreibe des Herrn Pörksen typischer Journalismus, der sich hinter unklaren Formulierungen, Fachbegriffen versteckt, die man entschlüsseln muss. Warum keine Beschreibung des Sachverhalts in Begriffen der Alltagssprache? Vielleicht sollte man den Artikel des Herrn Pörksen in schlichtes Deutsch übersetzen.
Alexander Reiter, Kirchzarten (Bad.-Württ.)Es ist eine hervorragende Idee Eures Chefredakteurs, diese Artikelserie auf den Weg zu bringen. Eine Frage, die mich schon lange beschäftigt, passt in diese Serie und könnte von diesem sehr gut geeigneten Wissenschaftler aufgegriffen werden: Wie sehr beeinflusst der notwendige Broterwerb der Journalisten (sie müssen ja in einem sehr kompetitiven Berufsumfeld auch leben) das Ausmaß der Zuspitzungen und gar Übertreibungen? Wie sehr werden Probleme, insbesondere von Boulevardzeitungen, so sehr überspitzt, dass sie meinungsbildend werden?
Martin Bechteler, Kirchheim (Bayern)Der Artikel trifft einen. Man denkt: Warum ist man die angesprochenen Fragen nicht schon längst von dieser Ecke her angegangen? Der Text erscheint auf die beste Art neu. Die angesprochenen vier Kategorien, welche die »Erledigung« eines Medienmonsters so schwer machen, bringen diese Sache wohl auf den Punkt.
Walter Olbert, Buchloe (Bayern)Eine tolle Formatidee. Gleich ein bisschen Lob für den SPIEGEL? Nein, Geduld. Das Lob folgt dann, wenn – falls – der SPIEGEL die Kritiken Pörksens künftig auch in seiner Berichterstattung berücksichtigen wird. Meine Aufmerksamkeit dafür ist nun jedenfalls geschärft, Pörksens Kritik liegt zum Abgleich bereit, und der Rotstift ist auch schon gezückt. Ich bin gespannt, ob wir bald schon eine müde Version Trumps im SPIEGEL sehen werden, eine stärker einordnende Berichterstattung mit weniger Niedergangsszenarien und mehr engagierter Objektivität. Sollte dem so sein, dann gibt es einen Daumen hoch für dieses Format und Lob für den SPIEGEL.
Luisa Hintz, BraunschweigHerzlichen Glückwunsch zu der Entscheidung, sich der unabhängigen Kritik eines Medienexperten zu stellen. Der Artikel von Bernhard Pörksen zählt zu den besten, die ich als langjähriger Abonnent je im SPIEGEL gelesen habe. Eine brillante Analyse. Und ich hätte auch gleich einen Vorschlag für das nächste Thema: »Wie wird im SPIEGEL über das Thema Migration berichtet?« Dabei sollte die Berichterstattung der vergangenen zehn Jahre (also seit 2015) im Fokus stehen.
Raimund Römer, Zirndorf (Bayern)Liebe SPIEGEL-RedakteurInnen, ich werde mein jahrealtes Abo noch nicht abbestellen. Aber ich will nicht jeden Tag auf allen Kanälen hören, wie schlecht Deutschland und die Menschen, die hier leben und arbeiten und sich anstrengen, sind. Ich blicke mich um und sehe Menschen, die Zuversicht und Selbstvertrauen brauchen, um auf ihren Wegen zu gehen und handeln zu können. Das verstehe ich bei Pörksen unter »Psychologie«: Der Journalismus hat auch die Aufgabe, sich zu überlegen, wie das wirkt, was Sie da schreiben.
Dr. Elisabeth Basteck, Stegen (Bad.-Württ.)Schön, dass nun über die Sinnhaftigkeit schriller Headlines und mangelnder mutmachender Szenarien nachgedacht werden soll. Hoffentlich.
Gunter Schölzel, Demmin (Meckl.-Vorp.)Die von Rudolf Augstein geprägte Leitlinie »Sagen, was ist« hat mich 65 Jahre lang ein interessierter Leser sein lassen. Der Boulevard und viele bunte Blätter haben anscheinend die Leitlinie »Sagen, was verkauft«. Wenn der SPIEGEL auf Empfehlung von Herrn Pörksen jetzt seine Leitlinie aufweichen sollte in »Sagen, was erzieht«, dann fände ich das ganz schrecklich.
Robert Knickenberg, Frankfurt am Main
Wir machen uns lächerlich
Heft 36/2024 Wir sollten den muslimischen Terror endlich ernst nehmen
Danke! Frau Balci bringt alles genau auf den entscheidenden Punkt. Besser und eindrücklicher kann man es nicht sagen.
Klaus H. Süberkrüp, Lübeck
Die Helikopterchefin
Heft 35/2024 Die CDU wird um Sahra Wagenknecht kaum herumkommen
Wer sich die recht-haberische, macht-besessene Frau -Wagenknecht als Koalitionspartnerin anlacht, wird erleben, wie das ist, wenn der Schwanz mit dem Hund wedeln will.
Joachim Mandrysch, Bensheim (Hessen)
Der Mann, der das Wasser hört
Nr. 35/2024 Ben Neumann ist blind – und surft
Sehr, sehr schöne Geschichte! Die empathische Beschreibung der Sicht des Jungen, aber auch seines Vaters und von dessen Motivation, seinem Sohn ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen – vielen Dank für diesen Text.
Boris Kunert, Dresden
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