Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL
Briefe
Zurück im Kalten Krieg
Heft 35/2022 Titel: Putins Saboteure
In der Schule las ich einst »Krieg und Frieden«. Heute lese ich als Lehrerin diese Titelgeschichte und bin weiterhin erschrocken darüber, dass wir eine Zeitreise in meine Schulzeit zurück erleben: Wenn ich eine Zeitung aus dem Kalten Krieg neben den aktuellen SPIEGEL lege, erkennen meine Schüler kaum einen Unterschied. Wahnsinn. Das macht Angst – und Angst ist ein schlechter Ratgeber.
Bettina Meinert, HamburgMit viel Detailkenntnis wird aufgezeigt, wie Wladimir Putin, der selbst ernannte Zar auf Lebenszeit, demokratische Strukturen unterlaufen will. »Der gelernte Geheimdienstler« ist es nicht gewohnt, einen offenen Dialog zu führen und – wie in einer demokratischen Gesellschaft üblich – Kompromisse zu suchen. Putin hat sich bereits seit Langem daran gewöhnt, nur von Personen umgeben zu sein, die von ihm abhängig sind und ihm nicht widersprechen. Wer das tut, hat nämlich verloren und keine Zukunft mehr. Die offensichtliche Angst vor Gegenrede scheint auch der Grund zu sein, weshalb er mit fadenscheinigen Begründungen Alexej Nawalny unnachgiebig verfolgt. Es bleibt abzuwarten, wie lange die russische »Normalbevölkerung« Putins Staatspropaganda noch folgen wird.
Dieter Obst, WiesbadenAgenten leben und wirken bekanntlich im Verborgenen, sie sterben einsam und anonym – es sei denn sie schauen unfreiwillig in den SPIEGEL.
Raffaele Ferdinando Schacher, Rorschach (Schweiz)Am 30. April 1945 brachte ich im Alter von 23 Jahren in der provisorischen Entbindungsstation katholischer Ordensschwestern in Hochheim im Taunus meinen Sohn zur Welt; drei Wochen zuvor hatte meine Schwester im Bunker ihr Kind geboren. Heimlich hörten wir englisches Radio. So kam am 8. Mai die frohe Botschaft des Kriegsendes auch an mein Ohr. Nie wieder Krieg – das war uns vor 77 Jahren sonnenklar. Unvorstellbar, aber wahr: Krieg in Europa seit dem 24. Februar 2022. Mein Heimatland scheint in wenigen Tagen zurück im Kalten Krieg zu sein. Wie soll ich das meinen Urenkeln erklären?
Luise-Kathrin Thomalla, Groß Sarau (Schl.-Hol.)Wer immer noch nicht verstanden hat, dass Russland und China feindliche, faschistische Mächte sind, die unsere Lebensart verachten und unser System vernichten wollen, dem ist nicht zu helfen.
Dr. Jean-Arno Topp, MünchenAls flankierende Maßnahme zur Gefährdungsminimierung bietet sich die Verweigerung von Visa für den gesamten Schengenraum für russische Staatsbürger an. Dass sich blauäugige Politiker immer noch dagegen stemmen, zeigt nur deren fehlende Sensibilität für die Gefahr. Putin und seine Agenten halten offenbar den Westen ohnehin für dekadent. Dann entgeht ihnen durch einen Visabann auch nichts.
Thomas Müller, Pforzheim (Bad.-Württ)Der ehemalige KGB-Agent Putin hätte nie Politiker werden dürfen. Statt Politik gibt es für ihn nur Krieg und Geheimdienst-Operationen – in Russland, weltweit, natürlich auch in Deutschland. Sein brutaler Angriffskrieg gegen die Ukraine ist in seiner Wortwahl dementsprechend auch nur eine »Spezialoperation«.
Dr. Hans Christian Hummel, HannoverDen Meisterspion und wichtigsten Saboteur haben Sie vergessen: Gerhard Schröder.
Horst Rohr, Grafschaft (Rhld.-Pf.)Da reist die Tochter eines ausländischen Potentaten mit ihrem kleinen Kind in vier Jahren mehr als 20 Mal zu ihrer Fernbeziehung nach München, um mit dem Mann, der dort – in einer übrigens ziemlich stressigen Funktion – tätig ist, in einem der teuersten Hotels der Stadt oder am Tegernsee abzusteigen. Und – man höre und staune – bei diesen »Lustreisen« gab sie »sich offenbar keinerlei Mühe, ihre Reisen nach München zu tarnen«. Na so was! Gut, dass es den SPIEGEL und seine cleveren Rechercheure gibt, die uns diesen Skandal aufgedeckt haben.
Kaspar Apfelböck, Schwabach (Bayern)
Mehr VW und Gerechtigkeit
Heft 34/2022 Leitartikel: Christian Lindner bestätigt das Klischee vom herzlosen Liberalen
FDP-Chef und Finanzminister Christian Lindner will nicht gemocht werden. Allerdings dürfte ihn eventuell kümmern, ob seine Partei (noch) gemocht wird. Ich weiß manchmal nicht, wohin mit meinem Ärger und meiner Wut. Als Rentnerin bin ich keine Leistungsträgerin (mehr), und damit nach Ansicht von Herrn Lindner auch nicht unterstützungswürdig. Aber habe ich denn nichts geleistet in der Vergangenheit? Habe ich nicht jahrzehntelang mit für die Bildung unseres Nachwuchses gesorgt? Das zählt offenbar nicht, geschenkt. Aber was ist mit denen, die unser Land mit aufgebaut haben und für den Wohlstand gesorgt haben, von dem die heutigen »Leistungsträger« und nicht zuletzt Herr Lindner selbst profitieren? Auch sie gehen leer aus, denn jetzt in ihrem wohlverdienten Ruhestand leisten sie ja nichts mehr. Herr Lindner, mit dieser Politik können Sie keinen Blumentopf gewinnen!
Agnès Siémon, BerlinIch werde den Verdacht nicht los, dass sich bei Christian Lindner alle Gedanken ausschließlich ums Steuersparen drehen. Der alte Fetisch der FDP eben. Vielleicht ist das der Grund, weshalb er einen alten Porsche fährt, den man in Fankreisen »klassisch« nennt. Auf solche Autos mit historischen Kennzeichen wird nämlich nur eine deutlich ermäßigte Kfz-Steuer fällig. Auch eine kirchliche Trauung, ohne Kirchensteuer zu bezahlen, deutet auf eine ausgeprägte Knauserigkeit hin. Steuerrabatte für Gutverdiener, Hotelbesitzer und SUV-Fahrer sprechen ebenfalls eine deutliche Sprache.
Wolfgang Quakernack, Detmold (NRW)Vernichtende Worte über einen Bundesminister und Volksvertreter, leider aber wahrhaftig. Christian Lindner müsste sich in seinem Ministeramt endlich über Parteipolitik und Klientelinteressen hinwegsetzen, nur wird er nicht über seinen Schatten springen können.
Bodo Weber, Baden-Baden (Bad.-Württ.)Melanie Amann spricht mir mit ihrem Leitartikel aus der Seele. Potenziell gehöre ich wahrscheinlich zur FDP-Klientel. Aber dem Führungstrio der Partei – Lindner, Buschmann, Wissing – kann ich beim besten Willen nicht folgen. Die Arroganz und Besserwisserei der FDP ist nur schwer zu ertragen. Die kleinste Partei in der Ampelkoalition stellt sich laufend quer und tut so, als wäre sie von der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung gewählt worden. Ihr Credo lautet: nein, nein, nein. So zum Beispiel beim Tempolimit. Nichts gegen Porsche und Fairness, aber etwas mehr VW und Gerechtigkeit wären aktuell angebrachter!
Dirk Bohman, Overath (NRW)
Mitten ins fossile Herz
Heft 34/2022 Wer sind die Klimaaktivisten der »Letzten Generation«?
Es ist der traditionelle Antagonismus zwischen legal und legitim. Nicht alles, was legitim ist, ist legal. Die Umweltapologeten glauben sich in moralisierender Attitüde über Gesetze hinwegsetzen zu dürfen. Sie halten ihr Vorgehen für legitim, weil es ja einem edlen Ziel, dem Klimaschutz, dient. Wenn das Schule macht und obendrein von manchen politischen Strömungen goutiert wird, ist der Rechtsstaat am Ende.
Christoph Schönberger, AachenDie Straßenblockaden der »Letzten Generation« treffen die Autorepublik Deutschland mitten in ihr fossiles Herz und sind daher genau am richtigen Ort. Solange es die Politik versäumt, Menschen und Wirtschaft angemessen vor den Folgen der Klimakatastrophe zu schützen, müssen die Proteste weitergehen.
Alexander Grevel, Vorstand Klimaliste Deutschland, FreiburgIch bin verwundert, mit welcher Empathie Sie in diesem Artikel dahinschmelzen und die Aktivisten als Märtyrer darstellen. Interessant wäre zu erfahren, wie sich diese Abbrecher vorstellen, in Zukunft ihre Brötchen zu verdienen. Oder finanzieren Mama und Papa diese ewig?
Gisela Neudeck, WiesbadenDie Gesellschaft braucht den konstruktiven Konflikt, außerparlamentarische Protestformen und den Aufruf an die Mächtigen im Land, zur Besinnung zu kommen. Wirtschaft und Kapitalismus bedingungslos zu folgen führt in die gesellschaftliche Sackgasse. Letztlich geht es um unser aller Lebensqualität und um das Gemeinwohl, von der heutigen wie von zukünftigen Generationen sowie von allen Lebewesen. Eine bessere Welt ist möglich. Freilich nur, wenn wir sie schaffen.
Johanna Lebbedies, StuttgartPrinzipiell sind die Aktionen und der Zorn über zu wenig vernünftige Klimapolitik nachvollziehbar. Aktionen wie das Zudrehen von Pipelines sind jedoch gar nicht akzeptabel. Es scheint auch immer nur darum zu gehen, jenes »verbieten« zu wollen, das man selbst nicht braucht oder in Anspruch nehmen muss. Das Problem ist komplexer – und nicht nur für fossile Energieträger wird die Erde geplündert. Ich glaube, das Vorgehen der »Letzten Generation« ist eher kontraproduktiv. Nur mit Unterstützung der breiten Masse ergäben sie Sinn. Aber da sehe ich eher schwarz.
Stefan Nützer, Malchow (Meckl.-Vorp.)
Unaufhaltsame Entwicklung
Heft 34/2022 Der Siegeszug der Gottlosen
Deutschland steht allein da. Trotz aller Skandale werden zwölf Milliarden Euro Kirchensteuer an die Kirche überwiesen. So finanziert unser Staat die Kirche. Die Kirche sollte sich nicht beklagen, dass inzwischen zwei Drittel der Deutschen dafür sind, die Kirchensteuer abzuschaffen. Die Situation in anderen Ländern ist mit Deutschland nicht zu vergleichen. Dort ernähren sich die Kirchen ohne staatliche Unterstützung.
Uta Freising, MünchenWie kommt man darauf, einen Menschen, der nicht oder nicht mehr einer Kirche angehört, als »gottlos« zu bezeichnen? Ich selbst gehöre seit den Siebzigerjahren keiner Kirche mehr an. Mit Gottlosigkeit, weil Religionslosigkeit, hat das nicht das Geringste zu tun. Ich kann die Intelligenz Gottes im gesamten Universum wahrnehmen. Ihre unterstellte Gottlosigkeit weise ich von mir.
Christa Karola Mangold, Wipperfürth (NRW)Es ist noch zu bedenken, dass bei der skizzierten Entwicklung der Mitgliedszahlen von beiden Kirchen in Deutschland nicht nur ein Rückbau an kirchlichen Sonderregeln zu erwarten ist, sondern auch ein eklatantes Schwinden der Finanzkraft durch das reduzierte Kirchensteueraufkommen und den Wegfall der »großzügigen Unterstützung der Amtskirchen durch Steuergelder«. Damit wäre ein Transformationsprozess bei Krankenhäusern, Kitas und anderen sozialen Einrichtungen notwendig, bei denen beide Kirchen zurzeit die Trägerschaft innehaben.
Bernhard Nothdurft, Irmtraut (Rhld.-Pf.)Die beschriebene Entwicklung zur Konfessionslosigkeit wird sich wohl in der Tat nicht aufhalten lassen. Ich selbst bin schon vor Jahrzehnten aus der katholischen Kirche ausgetreten, schätze und unterstütze die evangelischen Kirchen aber heute als kulturellen, sozialen und auch ethisch-moralischen Raum. Ohne Kirchenmusik, kirchlich geprägte Kindergärten und Seniorenheime und wohlerhaltene jahrhundertealte Kirchengebäude wäre unsere Gesellschaft um vieles ärmer – und zwar im buchstäblichen wie im übertragenen Sinne. Die materielle Privilegierung der Amtskirchen und ihres Apparats allerdings scheint ein Unikum und auch zunehmend nicht mehr zeitgemäß zu sein.
Susanne Stein, HamburgDie Überschrift ist übertrieben, doch die Entwicklung ist bemerkenswert. 10 oder 15 Jahre weiter gedacht, werden die katholische und evangelische Kirche keine Breitenwirkung mehr haben und zu Organisationen werden, die fast randständig in der Gesellschaft sind. Wobei die Folgen im geistig-moralischen und spirituellen Bereich viel gravierender sind. Denn die christliche Grundhaltung, die sinnvolle Bedeutung der Zehn Gebote und Werte wie Hilfsbereitschaft und Solidarität haben eine tiefe Bedeutung und müssen erhalten werden.
André Maßmann, DuisburgWer mag denn noch bei all dem Übel auf dieser Welt an einen liebenden Gott glauben? »Nichtgläubige« sind nicht gottlos, sondern sie sind Gott los.
Georg Malkowsky, Bockenem (Nieders.)
Bundesumweltministerin zur Oder-Katastrophe
Nr. 34/2022 SPIEGEL-Gespräch mit Umweltministerin Steffi Lemke über die Oder-Katastrophe
Die Aussage unserer Umweltministerin Steffi Lemke, dass sie ihren Kollegen, Verkehrsminister Volker Wissing, sehr schätze und dieser als Winzer einen engen Bezug zur Natur habe, stimmt mich ja fast euphorisch. So könnte es klappen mit dem Naturschutz.
Werner Ocken, Geestland (Nieders.)
Dreist, anmaßend, geschichtsvergessen
Nr. 34/2022 Kolumne: Der gesunde Menschenverstand
Danke für die Wortschöpfung »Verwagenknechtung«! Sie hat mich sehr amüsiert, obwohl es eigentlich zum Weinen ist, dass der Populismus die einzige Alternative zur Politik der Regierung zu sein scheint.
Maria Haberl, Simmerath (NRW)
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