Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL
Briefe
Nicht fair
Heft 47/2023 Titel: Irrweg eines Idols
Es ist schon sehr absurd, wenn ausgerechnet eine Klimaaktivistin das (politische) Klima vergiftet.
Klaus Müller, EssenIndem Greta Thunberg rhetorisch einer Terrorgruppe zur Seite springt, die die Vernichtung Israels als Ziel ihrer Agenda ausgemacht hat, gesellt sie sich zu anderen linken Aktivisten, die seit Jahrzehnten im Palästinakonflikt das personifizierte Unrecht der Menschheit ausmachen. Diese anmaßende, unsachliche und einseitige Haltung löst nicht nur keine Probleme, sondern heizt die ohnehin hitzige Stimmung zusätzlich an, wenn alle Ungerechtigkeiten der Welt auf das Heilige Land und seine Menschen projiziert werden.
Jens Sonntag, Eibenstock (Sachsen)Greta Thunberg hat es geschafft, dem Klimaschutz weltweit eine Bedeutung zu verschaffen, wie es sonst nie der Fall gewesen wäre. Wie jeder andere auch hat sie das Recht, den Nahostkonflikt zu thematisieren und dafür auch die große Bühne bei Klimaschutz-Veranstaltungen zu nutzen. Die Bombardements der Israelis haben sechs Wochen lang nicht dazu geführt, nur eine einzige von über 200 Geiseln freizubekommen, aber mehr als 10.000 Zivilisten sterben lassen. Und die CO₂-Bilanz durch den Abwurf der Bomben dürfte verheerend sein. Ein Grund mehr für Greta, das Thema nicht auszusparen. Für mich und hoffentlich die meisten Menschen bleibt Greta Thunberg ein Idol.
Uwe Pankel, HamburgGreta Thunberg, António Guterres und viele andere haben völlig recht! Sie reden weder für Gewalt noch gegen Verfolgung von jüdischen oder muslimischen Menschen, sondern erklären einfach Zusammenhänge, um noch mehr Leid zu verhindern. In jedem Geschichtsbuch kann man nachlesen, wie es zum Nahostkonflikt kam, und in allen bekannten Medien auch seit Jahren, wie die Eskalationsspirale sich hochschraubte. Warum darf man nicht daran erinnern?
Julia Berendsohn, HamburgEs ist sicher richtig: Greta Thunberg hätte ihr Engagement für die Klimabewegung und ihr Eintreten für die Palästinenser voneinander trennen sollen. Trotzdem kann es ein Existenzrecht des Staates Israel meiner Meinung nach nur in Verbindung mit dem gleichwertigen Existenzrecht der von Israel fortgesetzt unterdrückten und von ihrem Land vertriebenen Palästinenser in ihrem eigenen Staat im Westjordanland geben, geräumt von allen völkerrechtlich illegalen und in vielen Uno-Resolutionen seit 1967 verurteilten israelischen Siedlungen. Damit könnte man auch den Menschen im Gazastreifen eine Perspektive geben.
Rudolf Lehnhoff, Aabenraa (Dänemark)Sehr häufig hast Du, lieber SPIEGEL, gut und positiv über Greta berichtet. Nun, während sie völlig anderer Meinung über Israel als Du ist, greifst Du nicht ihre Meinung an oder verteidigst Deine. Sondern Du greifst ihre Person an. Du stellst sie als krank, schwach und ohne eigene Meinung dar. Als ob sie nur um Anerkennung einer imaginären Menge ringe und nicht selbst denken könne. Das ist nicht fair, und so wirst Du ihre Punkte nicht entkräften.
Rami Abou Jamra, LeipzigIn einer ausgewogenen Diskussion sollte eine sachlich begründete propalästinensische Parteinahme selbstverständlich sein, gerade auch in Ergänzung zu der jetzigen, aus verständlichen Gründen vorrangig proisraelischen Haltung und der berechtigten Verurteilung der Hamas nach dem 7. Oktober. Wieso fordert man zusätzlich hierzu von Greta Thunberg ein Bedauern über den von vielen Seiten verurteilten Hamas-Angriff und die vielen Opfer? Letzteres wurde und wird von Anfang an in den Medien und allgemein doch hinreichend getan. Greta Thunbergs Anliegen ist ganz klar: das zu sagen, was bislang in dieser zunächst recht einseitigen Diskussion zu kurz gekommen war! Nämlich darauf hinzuweisen, dass man natürlicherweise hier auch die propalästinensischen Argumente mitberücksichtigen muss.
Prof. emer. Dr. Dr.-Ing. E.h. Hael Mughrabi, NürnbergStatt über ein paar unausgegorene Sprüche sollten wir uns lieber über die unausgegorene Politik unserer Regierung aufregen, etwa die Klimapolitik erst durch das Heizungsgesetz-Chaos und dann mit der unsinnigen Schuldenbremse an die Wand zu fahren. Nicht einmal das 49-Euro-Ticket hat man bisher in trockene Tücher gebracht, vom maroden Zustand der Bahn insgesamt ganz abgesehen.
Dr. Joseph Kuhn, DachauGeht es bitte auch eine Nummer kleiner, liebe Medien? Greta Thunberg hat in den letzten Jahren mehr für das Wohl dieses Planeten geleistet, als viele Politiker es in ihrem langen Leben je taten.
Britta Grantz, Kiel
Ist doch super!
Heft 46/2023 Kolumne »Die Gegendarstellung«: Wozu noch arbeiten?
Im ersten Augenblick weckt der Beitrag Zustimmung und steigert die Unzufriedenheit mit unserer Regierung. Nach kurzem Nachdenken muss man als ehrlicher Steuerzahler und selbstbewusster Bürger jedoch sagen: Ein Arbeitnehmer muss doch froh und stolz sein, wenn er endlich keine Transferleistungen mehr benötigt, die andere Mitbürger durch ihre Arbeit ermöglichen. Bei einer zukünftigen Lohnerhöhung wird man dann mehr davon haben und braucht kein schlechtes Gewissen zu haben. Die ganz andere Frage ist, warum kann man bei uns selbst von einem eigentlich guten Verdienst nicht mehr ohne staatliche Hilfe leben?
Sigrun Schadt, Ötigheim (Bad.-Württ.)Diese Kolumne hat mich maßlos geärgert. Natürlich nimmt man mehr Bruttoeinkommen, auch wenn man dadurch dann keine Sozialleistung wie Wohngeld mehr vom Staat erhält! Dafür gibts auch mehr in der Rentenkasse. Das Netto ist dann vielleicht weniger, aber auf Sozialleistungen angewiesen zu sein kann sehr demütigend sein.
Petra Dreger, Roth (Bayern)1000 Euro mehr im Monat bringen circa 300 Euro monatlich mehr Rente (nach heutiger Kaufkraft). Auch werden die beiden Kinder aus dem Beispiel bald aus dem Haus sein – und die staatlichen Zuschüsse fallen dann weg.
Klaus Zillmann, BerlinIst doch super, Papi ist mehr zu Hause und entspannter. Runter mit den viel zu hohen Ansprüchen und mehr leben! Wer bereit ist, sich Care-Arbeit und Co. wirklich zu teilen, wird merken, dass es viele lebenswerte Vorteile hat, den grauen Herren mehr Lebenszeit abgeluchst zu haben. Keine Karriere machen ist nicht scheitern! Fragt sich nur, wie der Standort Deutschland das verkraftet.
Lutz Newiger, BremenDurch die Überalimentierung diverser Gesellschaftsschichten werden den Unternehmern die Möglichkeiten genommen, Arbeitnehmer zu motivieren, und den Arbeitnehmern wird die Motivation für Mehrarbeit genommen. Welch ein Schaden für unsere Volkswirtschaft, die diese Mittel dringend benötigen würde, um die Themen unserer Zeit wie Umwelt, Digitalisierung, Wohnungsbau und Bildung endlich mal auf den Weg zu bringen. Wer hilft, wo fördern reicht, der schadet.
Norbert Höpfner, Kronberg (Hessen)
Der Schmerz findet analog statt
Heft 46/2023 Minister Karl Lauterbach über den Kampf gegen Krebs mithilfe künstlicher Intelligenz
Schön, dass Herr Lauterbach »Fananrufe« von den Unikliniken bekommt. Die niedergelassenen Ärzt:innen und Psychotherapeut:innen, die an vorderster Front mit den Patient:innen arbeiten, hat er jedenfalls vergessen. Die ambulante kassenärztliche Versorgung wird sehenden Auges gegen die Wand gefahren. Leidtragende sind wir alle, spätestens sobald wir Patient:innen werden und nicht privat versichert sind.
Dr. Nathali Klingen, Psychologische Psychotherapeutin, MünchenWeissagung eines alten Hausarztes: »Erst wenn die letzten Hausärzte ihre Praxen schließen oder an medizinische Versorgungszentren verkaufen, werdet Ihr merken, während Ihr um das goldene Kalb der Digitalisierung, künstlichen Intelligenz und Kommerzialisierung herumtanzt, dass das Leben, die Gesundheit, die Krankheit, der Schmerz und vor allem der Tod analog stattfinden.« Am Ende des Lebens helfen uns keine Datenbanken oder statistisch gesicherten Algorithmen, sondern Empathie, Zuwendung, Zeit und das Weglassen von Aktionismus.
Berthold Hahn, Allgemeinmediziner, Wilnsdorf (NRW)
Die Verve genommen
Heft 46/2023 Wie viel arbeiten Lehrer wirklich?
Als Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch begrüße ich den Artikel, der anschaulich die aktuelle Realität des Lehrerdaseins aufzeigt und schmerzlich deutlich macht, warum kaum einer den angeblich so lockeren Halbtagsjob noch machen will. Und warum sich so viele Lehrkräfte in Teilzeit flüchten, um dem Burn-out zu entgehen. Daran wird sich nur durch eine Reduzierung des Unterrichtsdeputats etwas ändern. Dies fordert die Vereinigung der Korrekturfachlehrer:innen in NRW seit vielen Jahren über die Personalräte bei den Bezirksregierungen. Die Arbeitsbelastung durch Korrekturen erwähnt Ihr Artikel leider nur beiläufig. Insbesondere an den Gymnasien ist sie jedoch ein zentraler Faktor bei der Überlastung der Kollegien. Dass die Kultusministerkonferenz-Präsidentin Günther-Wünsch dafür plädiert, »Lehrkräfte von der Arbeitszeiterfassung auszunehmen«, offenbart nicht nur mangelnde Wertschätzung, sondern wird auch nicht verhindern können, dass das Problem der überlasteten Kollegien und der fehlenden Lehrkräfte sich weiter vergrößern wird. Am Ende sind die Leidtragenden mal wieder unsere Schülerinnen und Schüler.
Hans-Martin Chee, Vorsitzender der Vereinigung der Korrekturfachlehrer:innen in NRW, DetmoldDas Hamburger Lehrerarbeitszeitmodell als einen Königsweg gegen die zunehmende Belastung der Lehrer:innen darzustellen ist schlichtweg falsch. Im Gegenteil: Als das Modell eingeführt wurde, versprach der damalige Hamburger Staatsrat Schmitz mehr Gerechtigkeit bei der unterschiedlichen Arbeitsbelastung der Kolleg:innen. Allgemeine Aufgaben (Konferenzen, Vertretungen), Funktionsverantwortung (Fach- oder Klassenleitungen) und Unterricht sollten alle in die Wochenarbeitszeit (WAZ) von 46,57 Stunden einfließen. Letztlich war diese Faktorisierung nur ein Sparmodell, um Lehrerstellen einzusparen und die Arbeitsbelastung zu erhöhen. Mussten die Kolleg:innen an Hamburger Gymnasien früher 24 Stunden pro Woche unterrichten, sind es heute deutlich mehr. Jeder Unterrichtende hat nun eine höhere Unterrichtsbelastung. Junge Kolleg:innen fangen heute wegen dieser Belastung mit einer halben oder maximal mit einer Dreiviertelstelle an. Kolleg:innen und Schulleitungen streiten über die Verteilung der »Wazze«. All dies hat den Kolleg:innen die pädagogische Verve genommen, weil es nur noch darum geht, wer wofür wie viel WAZ erhält. Die Kollegien in anderen Bundesländern wissen um die Scheinheiligkeit des Hamburger Modells und lehnen es daher vehement ab.
Manfred Dederichs, HamburgDer als »vorbildlich« bezeichnete Hamburger Weg hat vor allem die Arbeitszeit für Lehrer in Hamburg erheblich erhöht, nachdem die Lehrer bei vorangegangenen Arbeitszeitverkürzungen im öffentlichen Dienst leer ausgegangen waren. Zugleich wird das Modell von der Schulbehörde in Hamburg zynisch missbraucht. Ein Beispiel: Hamburg lässt die Abiturarbeiten in der Regel kurz vor den Frühjahrsferien schreiben. Zugleich werden aber die Abgabetermine für die korrigierten Abiturarbeiten so terminiert, dass die Lehrer die nach dem Arbeitszeitmodell freien Ferien nicht als Ferien nutzen können. Wenn sie schnell sind, fallen je Oberstufenkurs mit mitunter 19 Schülern für die Korrektur, den Abgleich mit dem Erwartungshorizont, die Skalierung mit allen anderen Arbeiten sowie für die Gespräche mit dem Koreferenten und das ausführliche Gutachten pro Arbeit mindestens drei, vier Stunden Arbeit an. Alles in allem etwa 60 Stunden – für jeden Oberstufenkurs. Ohne intensive Arbeit in den Ferien sind die Abgabetermine nicht zu halten.
Joachim Farnow, Hamburg
Erwartetes Niveau
Heft 47/2023
Endlich wieder einmal ein Heft ohne überlange Spezialartikel. Dafür mehr Themenvielfalt auf (erwartetem) SPIEGEL-Niveau. Bitte weiter so.
Gert Häusler, Schwetzingen(Bad.-Württ.)
Vielleicht mal ein Bier?
Selten so gelacht beim Lesen eines Artikels. Vielleicht sollten alle Beteiligten mal ein anständiges Bier oder ein Glas Wein zusammen trinken.
Brigitte Knoll, Heiligenhaus (NRW)
Berührend
Heft 46/2023 Kolumne »Alles Gutsch« über das Altwerden, die Rückkehr ins Kinderzimmer und den Krebs meiner Mutter
Ich freue mich jedes Mal auf »Alles Gutsch«. Sein »Ach, Schissimatucki« hat mich nicht nur sehr berührt, sondern auch mit treffenden Worten unser marodes Gesundheitswesen beleuchtet. Ich bleibe Ihr Lesefan!
Margrit Verwiebe, Baden-Baden
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