Briefe - DER SPIEGEL
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Artikel 76 / 79

Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL

Briefe

Demonstrationen, SPIEGEL-Debatte, Referendariate und Bauernproteste – das waren die Themen, zu denen wir in der vergangenen Woche die meisten Zuschriften erhalten haben.
• aus DER SPIEGEL 6/2024

Scharfe Waffe Wahlbeteiligung

Heft 5/2024 Titel: Die Wehrhaften 

  • Kein AfD-Wähler wird sich durch diese Demonstrationen von seiner Protestwahl abhalten lassen. Deshalb beginnt die eigentliche Arbeit der Demonstrationsteilnehmer erst hinterher. Sie müssen als Multiplikatoren wirken und in ihrem Bekanntenkreis dafür sorgen, dass jeder zu den anstehenden Wahlen geht. Denn jede Stimmenthaltung (aus Frust über die Arbeit der Nicht-AfD-Parteien) stärkt diese Partei. Man kann davon ausgehen, dass alle Protestwähler – der größte Anteil
    der AfD-Wähler – auch zur Wahl gehen werden. Es ist dann eine reine Frage der Mathematik: Je niedriger die allgemeine Wahlbeteiligung ist, desto höher steigt der Anteil der AfD-Wähler am Gesamtergebnis. Die einzige scharfe Waffe gegen die AfD ist eine hohe Wahlbeteiligung.
    Karlheinz Alger, Köln

  • Ich war auf der Münchner Demo und auch in Freising. In München hat mir – wie vielen anderen auch – nicht gefallen, dass Leute die Demo für ihre politischen Zwecke missbraucht haben (das übliche Ampel-Bashing). Ich möchte für die Grundidee demonstrieren, mich aber nicht vor irgendeinen Karren spannen lassen. Ich brauche keine »Aufheizer«. Vorschlag: Was wäre, wenn solche Demos nur Schweigemärsche wären? Eine große, ruhige und friedliche Menge Menschen demonstriert für eine gute Sache. Redebeiträge vorher oder hinterher, aber deutlich getrennt von der Demo.
    Ingrid Plank, Freising (Bayern)

  • Ja, Demos allein reichen nicht aus, um die politische Landschaft in Deutschland zu verändern. Vielmehr sollten sie als Zeichen an die etablierten Parteien verstanden werden, die durch ihre Tatenlosigkeit und Bürgerferne erst die Entstehung der AfD ermöglicht haben. Die Aufsplitterung der Parteienlandschaft ist ein weiteres Indiz dafür, dass die großen Parteien an Bürgernähe verloren haben. Die Bürger vermissen in den Parteien die Selbstkritik. Die etablierten Parteien müssen jetzt ihre Fehler eingestehen und sich wieder auf die Bedürfnisse der Bürger konzentrieren.
    Hans-Peter Feldmann, Xanten (NRW)

  • Ich kann zwar verstehen, wenn Bürger mit der jetzigen Regierung nicht zufrieden sind, aber ich kann nicht verstehen, wenn man dann aus Protest eine Partei wählt, die alles noch schlimmer macht und eben keine Alterna-tive ist. Wer mit den jetzigen Mieten unzufrieden ist, kündigt ja auch nicht seine Wohnung und zieht in ein Hotel.
    Roland Rabusch, Gudow (Schl.-Holst.)

  • Allein der Beitrag von Hedwig Richter ist es wert, den SPIEGEL zu abonnieren! Besser hat noch keiner den Begriff »Demokratie« erklärt. Mir fehlt noch eine weitere Bedingung für eine gelingende Demokratie: ein Mindestmaß an Intelligenz. Man stellt das vor allem dort fest, wo Argumente durch Ideologie ersetzt werden, wo es praktisch unmöglich ist zu diskutieren, denn gegen Ignoranz kann man nicht argumentieren. Diese SPIEGEL-Ausgabe werde ich auf jeden Fall behalten!
    Bernd Spiecker, Schorndorf (Bayern)

  • Man darf die Rechten nicht mehr so weitermachen lassen. Immer Finger drauf, Gegenrede und Schulterschluss mit Demokraten!
    Hans Christoph Goedeking, Wuppertal

Kann aus den Anti-AfD-Demos eine echte Demokratiebewegung entstehen?

Debatte auf SPIEGEL.de zum SPIEGEL-Titel

  • Dass sich die zuvor schweigende Mehrheit nun auf der Straße zeigt, ist ein gutes und wichtiges Bekenntnis zur Demokratie. Doch das allein reicht nicht. Die AfD hat einen Masterplan, wie sie unsere Demokratie demon-tieren und in Deutschland eine Diktatur installieren will. Das muss verhindert werden, und das geht nur über Wahlergebnisse. Wenn die AfD erst mal ihre
    Leute an Schlüsselpositionen platziert hat, wird es auch für Demonstrationen schwierig, die Weichen wieder zurückzustellen (siehe Polen). Daher ist es notwendig, dass sich die jetzige
    Bewegung auch auf Wahlergebnisse auswirkt. Dazu ist jeder von uns gefragt. Sogenannte Protestwähler müssen überzeugt und Nichtwähler motiviert werden. Das funk-tioniert hauptsächlich durch Gespräche im Freundes- und Bekanntenkreis.
    Holger Becker, Hameln (Nieders.), via SPIEGEL Debatte

  • Mit den Demos ist ein erstes zartes Pflänzchen gesetzt. Es kann bei vielen dazu beitragen, sich bewusst zu sein, wie zerbrechlich eine freiheitliche, inkludierende Demokratie ist. Dass sie nicht in Stein gemeißelt ist, sondern lebt, indem es von demokratisch ganz links(-alternativ) über liberal bis ganz konservativ Eingestellten eine Übereinkunft gibt, dass für demokratieverachtende und rassistische Kräfte kein Platz ist. Ich sage das als sich als links begreifender Mensch: Wir brauchen auch die Konservativen. Es lässt sich nicht aufrechterhalten, jedes Wochenende so zahlreich zu demonstrieren. Das ist auch nicht nötig. Die Demokratie verteidigen wir auch, indem wir versuchen, uns überall gegen rassistische, antisemitische (auch sexistische) Ausgrenzung einzusetzen: auf der Arbeit, im Freundeskreis, auf der Party, bei Verwandten, Bekannten und so weiter. Menschen mit Einwanderungsgeschichte brauchen Solidarität. Gerade jetzt. Sie sollten spüren können, dass sie Teil unserer Gesellschaft sind, dass sie zu uns gehören. Sich beizeiten einzubringen in den Prozess der demokratischen Willensbildung, bei aller berechtigter, auch harter Kritik, wäre hilfreich.
    Thomas Pabel, Hamburg, via SPIEGEL Debatte

  • Demonstrationen sind gelebte Demokratie, sie stehen am Beginn von Debatten, inhaltlichen Auseinandersetzungen. Die Menschen eint, dass sie keine extreme Politik wollen, weil mittlerweile sichtbar wird, wozu das führen kann. Denn »Remigration« bedeutet nichts anderes als Deportation, die schon einmal 1938 in Deutschland begann und im Holocaust an der Selektionsrampe endete. Noch ist vielen Menschen nicht bewusst, dass nicht nur die aktuellen Migranten gemeint sind, die die Grenze nach Europa und Deutschland überschreiten, die zurückzuschicken wären, sondern alle, die keine »Biodeutschen« sind. Die Scheindebatten um Partikularinteressen wie Gendersternchen, Kulturaneignung et cetera haben uns von den wahren Problemen abgelenkt und rechtsextremer Ideologie Platz gelassen. Nun müssen zur besseren Orientierung auch die Debatten mit unterschiedlichen Meinungen um den besten Weg stärker an die Öffentlichkeit, nicht nur fertige Politik. Demokratie muss nicht neu erfunden werden, aber mehr gelebt. Nur Demokratie bequem allein an der Wahlurne funktioniert nicht. Demokratie bedeutet, sich einzubringen.
    Johann Neffap, Heerlen (Niederlande), via SPIEGEL Debatte

  • Wir leben in einer Demokratie, und diese Demonstrationen sind ein Ausdruck dafür. Es wird wahrscheinlich allerdings keinen einzigen AfD-Wähler beeindrucken, aber es sind gute Bilder für die Welt außerhalb Deutschlands. Denn wenn man sich die Medienlandschaft anschaut, hat man oft den Eindruck, die AfD hat den »Osten« schon »übernommen«. (Ganz davon abgesehen, dass die AfD auch im »Westen« stark geworden ist.) Aber die Mehr-heit (laut Umfragen) sind keine AfD-Wähler. Schade ist nur, dass sich die Regierung an die Spitze der Demos stellt – dürfen sie privat natürlich machen – und nicht begreift, dass auch ihre Politik den Zulauf zu reak-tio-nären Kräften gefördert hat. Demos werden die AfD nicht stoppen. Die anderen Parteien müssen auf-hören zu jammern und lieber vernünftige Alternativen anbieten, damit sie wählbar sind. Am besten aber jeder für seine Klientel, und nicht, dass sie kaum noch unterscheidbar sind.
    Elfi Goetsch, Berlin, via SPIEGEL Debatte

  • Wer rechts wählt, ist rechts und bleibt es auch. Durch die ganzen Anti-AfD-Berichte machen die Medien kostenlose Werbung für die AfD. Die potenziellen Rechtsaußen-Wähler ändern ihre Meinung nicht. Einige wandern zu Sahra Wagenknecht, aber wo diese Partei sich einordnen wird, weiß jetzt noch niemand. Die etablierten demokratischen Parteien jedenfalls werden nicht durch Wählerwanderungen von rechts außen in die demokratische Mitte gestärkt, sondern nur durch bisherige Nichtwähler. Also: Wer gegen die AfD etwas tun will, muss wählen gehen!
    Martina Oestreich, Petershagen / Eggersdorf (Brandenb.), via SPIEGEL Debatte

  • Ich persönlich denke, dass wir in Deutschland schon eine Demokratiebewegung haben, nämlich all diejenigen, welche sich in einer der bestehenden politischen Parteien betätigen. Leider gibt es viel zu wenig Mitwirkende und vor allem viel zu wenig Wähler bei Wahlen. Was hilft eine Großdemo, wenn dann nicht einmal 50 Prozent an den Wahlen teilnehmen? Es scheint auch viel einfacher, auf eine Großdemo zu gehen, sich auf der Straße festzukleben oder mit dem Traktor nach Berlin zu fahren, als sich selbst politisch einzubringen und dabei feststellen zu müssen, dass Demokratie immer nur aus Kompromissen besteht. Wer etwas ändern will, soll in eine Partei eintreten und die anderen von seinen Ideen überzeugen und Mehrheiten dafür finden. Die Kunst dabei ist, den anderen aber auch zuzuhören und sich ihren Argumenten zu öffnen. Ich habe das Gefühl, dass wir genau das verlernt haben.
    Andreas Danch, Stolpen (Sachsen), via SPIEGEL Debatte

Den Nachwuchs kaputtspielen

Heft 4/2024 Referendare klagen über Willkür und Ungerechtigkeit 

  • Vielen Dank, dass dieser Artikel erschienen ist! Schon immer habe ich mich gefragt, warum mit
    Menschen, die einen Beruf von größter gesellschaftlicher Relevanz ergreifen wollen, so unsozial, ja erniedrigend und demoralisierend umgegangen wird. Von Lehrer:innen wird erwartet, Schüler:innen in ihrer Persönlichkeit und Vielfältigkeit zu stärken. Referendar:innen sind nichts anderes als erwachsene Schüler:innen. Auch sie brauchen Bestätigung und Stärkung. Den Luxus, Lehrernachwuchs kaputtzuspielen, hat unser Land nicht! Soll es unserer Gesellschaft besser gehen, braucht sie für unsere Kinder fachlich gut ausgebildete, aber auch resiliente und empathische Lehrkräfte. Die erzeugt man nicht, indem man sie durch die Mangel dreht. Ein Ansatzpunkt könnte sein, dass Ausbilder ihre eigenen Ausbildungstraumata heilen, statt sie an den Nachwuchs weiterzugeben.
    Anita Mosch, Berlin

  • Ein wirklich herausragender und bis ins Detail gut recherchierter Artikel. Nach einem erfolgreichen zehnsemestrigen Studium beginnt für viele das Grauen »Referendariat«. Siebentagewoche, kein Urlaub, mit dem Ergebnis der totalen Erschöpfung, die in einer Burn-out-Erkrankung enden kann. Manche entwickeln Suizidgedanken. Schlimm: die Fachlehrerinnen, die auf die Prüfungen vorbereiten. Ein Gewerkschafter sagte mir: »Das sind Sadistinnen mit A-15-Gehalt.« Nicht besser die Tutor:innen in der Schule: herabwürdigend und demütigend, wie beschrieben. Man sollte versuchen, die, die aufgegeben haben, zurückzuholen.
    Claus Schroll, Bremen

  • Eins der großen Probleme des Referendariats ist die oft mangelnde Qualifikation der Ausbilder:innen und ein fehlendes Kontrollsystem. Will man als Lehrer:in der Unterrichtsverpflichtung entfliehen, zum Beispiel, weil man nicht mit Schüler:innen zurechtkommt, gibt es nur die Wege in die Verwaltung oder in die Lehrerausbildung. Deshalb trifft man dort häufig fachlich und persönlich ungeeignete Menschen, die ohne jede Kontrolle ausgerechnet auf Berufseinsteiger:innen los-gelassen werden. Was sich dann oft abspielt, hat mehr mit Unterwerfungsritualen und Fertigmachen zu tun als mit Ausbildung. Insbesondere Persönlichkeiten mit wirklich gutem Lehrerpotenzial werden oft ganz besonders übel attackiert. Manche Referendar:innen können sich nur mit qualifizierter psychologischer Unterstützung durch diese Horrorzeit retten.
    Angelika Bäumer-Schumacher, Köln

  • Ich kann die geschilderten Eindrücke der drei Referendar:innen bestätigen. Aus den gleichen Gründen habe ich 2004 das Referendariat abgebrochen. Dass nicht jede/r für den Lehramtsberuf geeignet ist, der/die einen Lehramtsstudiengang belegt, liegt auf der Hand. Wie Herr Dengler richtig sagt, beginnt das Problem ja bereits in der universitären Ausbildung, die für Lehramtsstudent-Innen deutlich praxisnaher gestaltet werden müsste. Dann würden Student:innen nicht erst im Referendariat desillusioniert und könnten, falls sie sich dem Schuldienst nicht gewachsen fühlen, noch im Studium eine andere Karriererichtung einschlagen – ohne an Leib und Seele Schaden zu nehmen.
    Martina Hahne-Mair, Kolsass (Österreich)

  • Die Referendarsausbilder:innen sollten selbst eine Ausbildung erfahren müssen. Nicht umsonst gibt es die Erwachsenenpädagogik. Was ich an dem Artikel vermisse, sind Hinweise, dass zu den Konflikten zwischen Ausbildenden und Referendar:innen nicht selten Probleme mit Schülern kommen, die Referendar:innen nicht als »richtige« Lehrkraft akzeptieren und die Grenzen der Belastbarkeit austesten, sowie diverse Eltern, die ebenfalls meinen, Kritik an Referendar:innen üben zu müssen, weil diese ja keine »richtigen« Lehrer:innen sind. Der Stress kommt von allen Seiten und multipliziert sich.
    Dr. Angelika Koller, München

  • Unfassbar, dass 40 Jahre nach meinem Referendariat noch die gleichen Missstände herrschen. Der Referendar ist Spielball zwischen Ausbilder, Schule und Studienseminar.
    Nele Lugert, Korbach (Hessen)

Erstklassig

Heft 4/2024 Wie ein Bauer aus dem Wendland auf die Politik in Berlin blickt 

  • Erstklassiger Journalismus, wie ich ihn liebe, ersehne und vom SPIEGEL auch (häufiger) erwarte.
    Hans-Werner Evers, Duisburg

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