Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL
Briefe
Brillante Demagogin
Heft 16/2023 Titel: Die Unfassbare
Eine wirklich erhellende Titelgeschichte. So kommt der bisher verborgene Teil des Eisbergs dieser wahrhaft streitbaren Persönlichkeit ans Tageslicht.
Dr. Volker Brand, Bad Oeynhausen (NRW)Ohne das überzogene Medieninteresse wäre Sahra Wagenknecht in der öffentlichen Wahrnehmung allenfalls eine verschrobene politische Randfigur. »Unfassbar« ist für mich nicht die neurotische Egozentrikerin, sondern die Tatsache, dass der SPIEGEL ihr eine eigene Titelstory widmet.
Hans-Jürgen Siebert, Rohna (Thür.)Vermaledeites Titelbild samt Story. Eine brillante Demagogin. Wir brauchen in unserem Land keine Heilsbringer:innen, da ist unser Bedarf in Deutschland für alle Zeiten gedeckt. Ich kann nicht nachvollziehen, warum diese Frau so ein Forum in den Medien bekommt.
Alfred Kolzuniak, Salzgitter (Nieders.)Eine Sozialistin, die unfähig ist, sich für Menschen zu interessieren? Nein, danke.
Paul Korf, HamburgSicherlich zähle ich mich nicht zu den »woke people«, aber die gepuderten Wangen sind völlig unerheblich für den Artikel. Offensichtlich findet die Redaktion Gefallen an der prosaischen Beschreibung bedeutender Frauen. Wirklich schade.
Ingrid Rill-Schelenz, Marl (NRW)Die »Rattenfängerin der Unzufriedenen«, so nehme ich persönlich Frau Wagenknecht in den letzten Jahren wahr. Sie legt den Finger immer wieder gezielt und wortgewandt in die Wunde, die großen Probleme unserer Zeit wie Flüchtlings-, Corona- und Ukrainekrise. Kritisiert aber nur und spaltet somit die Gesellschaft. Ich kann mich nicht an konstruktive gewichtige Lösungsvorschläge von ihrer Seite erinnern. Für mich keine Demokratin, sondern ein intelligentes Sprachrohr für Menschen, die sich nach einem anderen System als der Demokratie sehnen.
Marc Straube, PotsdamSahra Wagenknecht liegt mit ihren Positionen quer zu den etablierten Parteien. Das hat sie mit vielen denkenden Menschen hierzulande gemeinsam. Viele stimmen ihr in der Beurteilung der politischen Situation zu. Eine Wagenknecht-Partei hätte durchaus eine Chance, auf Anhieb in die Parlamente zu kommen. Bleibt das Problem des mühsamen Aufbaus eines Parteiapparates: Frau Wagenknecht ist ein Solitär. Solche Menschen haben in und mit Parteien in der Regel kein Glück.
Paul Pfeffer, Kelkheim (Hessen)Die politische Qualität in unserem Lande wird davon profitieren, wenn Frau Wagenknecht endlich ihre schon so lange angekündigte Partei gründet. Die Partei Die Linke wird deutlich unter die Fünf-Prozent-Grenze fallen, die AfD wird – vor allem im Osten – eine Menge an Stimmen einbüßen, und die Anhänger der neuen Partei werden sich, nachdem ihre Erwartungen nicht erfüllt werden, sehr bald enttäuscht und zerstritten von der Frau mit den vielen Gesichtern abwenden. Gewinnen wird die Politik der Mitte.
Dr. Hubert Hofmann, Immenstaad (Bad.-Württ.)Mit der »Eiskönigin« haben Sie die Persönlichkeit der Frau Wagenknecht exakt auf einen einzigen Begriff gebracht. Bei der Vorstellung, dass diese Frau einmal an der Macht wäre, läuft es mir eiskalt den Rücken herunter.
Friedhelm Jansen, Hattingen (NRW)
Besser und attraktiver
Heft 15/2023 Verteidigung: General Markus Kurczyk über die Probleme, Soldaten zu finden
Die Bundeswehr täte gut daran, dieses Interview für die Personalwerbung zu verwenden. Was der nachdenkliche General zum Sinn und zur Notwendigkeit des Soldatseins zu sagen hat, müsste eigentlich jeden jungen Mann und jede junge Frau, die sich für dieses Metier interessieren, ansprechen.
Uwe Tünnermann, Lemgo (NRW)Im Interview mit Konstantin von Hammerstein ringt Kommandeur Generalmajor Markus Kurczyk um die Beschreibung eines Anforderungsprofils für künftige Rekruten. Robust, resilient (widerstandsfähig) und bereit zu töten und notfalls getötet zu werden, das erwartet er von ihnen, geleitet von der Überzeugung, einem höheren Ziel zu dienen. Ausgerechnet bei den jungen Menschen der »Letzten Generation« glaubt er, fündig werden zu können. Ihr bedingungsloser, entschiedener Einsatz für den Erhalt der Erde imponiert ihm. Hier irrt der General. Nicht einen/eine von ihnen wird er gewinnen, denn ihr Markenzeichen ist die absolute Gewaltlosigkeit.
Karl-Heinz Groth, Goosefeld (Schl.-Holst.)»Wer will schon gern andere Menschen erschießen?« – Wirklich nicht? Warum lernt er es dann und läuft in Tarnkleidung durchs Gebüsch? Dieser General hat sicherlich keinen Vater im Januar 1945 durch Kopfschuss verloren. Aber im Krieg ist das so, mit Verlust muss man rechnen – und die jungen Witwen müssen damit fertigwerden, ein Leben lang. Kämpfen und sterben fürs Vaterland: Solcher Unsinn kann schon wieder öffentlich geäußert werden von jemandem, der mit seinem verqueren Denken junge und naive Menschen manipulieren will.
Peter Grage, HamburgAls ich sieben war, ist mein Vater im Russlandkrieg 1945 gefallen. Als ich 15 war und mich mit Politik auseinandersetzte, sagte ich meiner Mutter: Wer weiß, wie viele Russen mit kleinen Kindern unser Vater in diesen fünf Jahren umgebracht hat? Ich krönte diesen Satz noch durch »Soldaten sind Mörder«. Nach diesem Ausspruch bekam ich eine schallende Ohrfeige. Ich bin heute 85 Jahre alt und meine, den Brand auf meiner Wange noch zu spüren. Meine Meinung hat sich nicht verändert.
Hilde Drösser, Dormagen (NRW)Was für erstrebenswerte Zukunftsaussichten für unsere Kinder und Enkel! Ihnen wird eine »zweifelsfreie Bindung an etwas Höheres« anerzogen, um sie zu Tötungsmaschinen zu machen. Natürlich mit einer »irrsinnigen Verantwortung« – im wahrsten Sinne des Wortes! Gab es das in Deutschland nicht schon einmal? Brauchen wir hoch bezahlte Generäle, die alles dafür tun, dass sich kriegerische Geschichte wiederholt? Dieser Artikel hat uns in dem Entschluss bestärkt, unser langjähriges SPIEGEL-Abo zu beenden. Wir möchten mit unserem Geld keine Kriegspropaganda finanzieren.
Annegret und Siegfried Allertz, Coswig (Sachsen)Zu meiner Wehrdienstzeit 1984/85 gab es die Begriffe »Staatsbürger in Uniform« und »Innere Führung« zwar auch schon, sie wurden jedoch nicht glaubwürdig im Alltag gelebt und sind zu leeren Worthülsen verkommen. Jeder Abgänger war froh, wenn es vorbei war, und wollte nie mehr etwas mit der Bundeswehr zu tun haben. Für meine Freunde und mich war klar, dass Werte wie Demokratie, Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Frieden keine Selbstverständlichkeit sind und daher auch nicht umsonst zu haben waren – und nur durch eine glaubwürdige Wehrhaftigkeit unserer Streitkräfte bewahrt werden können! Eine solche Haltung war damals, zu Zeiten der Friedensbewegung, keineswegs selbstverständlich und wurde eher belächelt: In meinem Abiturjahrgang ging nur eine kleine Minderheit zum Bund, die Mehrheit verweigerte und fühlte sich dabei moralisch durchaus überlegen. Umso erstaunlicher fand ich die stupide »Willkommenskultur« bei der Grundausbildung, die überhaupt nicht auf Motivation und Menschenführung ausgerichtet war, sondern aus Prinzip streng, stumpfsinnig und uneinsichtig war. Es wäre nicht nur den Soldaten, sondern uns allen zu wünschen, dass Generalmajor Kurczyk mit seiner Haltung durchdringt und die Bundeswehr eine bessere und attraktivere Verteidigungsarmee wird.
Arne Kolb, Lichtenau (Bad.-Württ.)Ich finde die Ansichten des Herrn Kurczyk unerträglich. Aber es gehört wohl zu seinen Aufgaben, so zu argumentieren. Man möchte ihn fragen, ob er selbst daran glaubt. Er beschwört wieder die höheren Werte, die es zu verteidigen gilt. Ebenso natürlich das Vaterland. Genau diese Worthülsen hat man vor 80 Jahren auch benutzt, um die Menschen in Deutschland für den Krieg zu begeistern. Und zu Anfang spricht er immer von Verteidigen. Um am Ende zu sagen, das Militär brauche Menschen, die bis ans Ende der Welt gehen und so robust und so erfolgsorientiert sind zu töten. Verteidigen kann man das Vaterland und die Werte nur an den Grenzen, aber nicht irgendwo in der Welt. Im Übrigen, was hat man von diesen Werten, wenn man tot ist? Der höchste Wert muss doch das menschliche Leben sein. Vor vielen Jahren sagte uns ein Lehrer, dass die meisten Verbrechen auf der Welt im Auftrage oder im Namen von Staaten oder einer Religion geschehen. Weil sich die Auftraggeber auf höhere Werte berufen. Nach einem langen Leben meine ich, er hatte recht.
Dietrich Richter-Thiering, Leichlingen (NRW)
Meister im Verdrängen
Heft 15/2023 Geschichte: Das Grauen im Kriegsgefangenenlager »Stalag 326«
Wer jetzt Bedenken hat, diesen armen, malträtierten Menschen ein würdiges Gedenken zu schaffen, verhält sich armselig und herzlos. Was haben diese armen Geschöpfe mit dem heutigen Treiben Putins und seinem Überfall auf die Ukraine gemein? Absolut gar nichts! Es bleibt zu hoffen, dass sich die humanen Kräfte durchsetzen werden.
Georg Jahn, Velbert (NRW)»Russenlager« – bei einer Mehrheit von Ukrainern, Franzosen, Belgiern und nicht russischen Sowjetbürgern? Da hallt der in der Nazizeit geprägte Begriff als böses Echo nach und wirkt als giftiger Kondensationskern für die Gegner eines angemessenen Umgangs mit Stukenbrock als Erinnerungsstätte. Die Herkunft ist völlig unerheblich – oder wäre die Erniedrigung der Zusammengepferchten weniger schlimm, handelte es sich tatsächlich »nur« um Russen? All diese zu Tode geschundenen Menschen haben Anspruch auf diesen posthumen Respekt, als Minimum – und unabhängig von ihren Geburtsorten. Will man seine Glaubwürdigkeit nicht verlieren, sollte man sich hierzulande nicht so verhalten, wie man es dem Putin-Regime (zu Recht) vorwirft: barbarisch.
Torsten Gefken, BremenEs ist beschämend, dass überhaupt Stimmen laut werden, sich gegen eine würdige Gedenkstätte auszusprechen. Sehr beschämend.
Hans Eberhard, Dachau (Bayern)Die Deutschen sind doch Meister im Verdrängen! Zwei weitere Kriegsgefangenenlager möchte ich hier benennen: Sandbostel (bei Rothenburg) und Wintermoor (bei Soltau). Dort kann man auf umliegenden Äckern noch immer Gürtelschnallen, Knöpfe oder Erkennungsmarken mit kyrillischer Beschriftung finden! Ein Beweis dafür, dass viele der zu Tode gekommenen Kriegsgefangenen bisher nicht umgebettet wurden. Und zur »Brutalität der Roten Armee« kann nur gesagt werden: Deutsche Soldaten waren auch schlimm. Ich bin Jahrgang 1941 und hatte auf unserer Flucht vor den anrückenden Russen folgende Erlebnisse: Meine Mutter mit mir und meinem Bruder versteckte sich an einer Straße von Rostock nach Hamburg hinter Büschen. Ein russischer Soldat schrie meine Mutter von einem Lkw aus an: Komm, Frau, dawai, dawai. Meine Mutter dachte, jetzt ist alles egal, und ging zu dem Russenauto. Der Kommandant lud uns in seinen Lkw, fuhr uns zum nächsten Bahnhof und setzte uns in einen Zug. Dort reichten uns KZ-ler (zu erkennen an ihrer gestreiften Kleidung) ein Stück Brot. Wir sahen wohl sehr verhungert aus.
Gerd Weißmann, Regesbostel (Nieders.)Das Gedenken kommt für viele recht spät. War es doch die Sowjetarmee, die den größten Blutzoll für die Befreiung Europas und auch unseres Landes von der Nazidiktatur zahlte. Zu diesen Menschen, die dafür ihr Leben verloren, gehörten zweifelsfrei die 65.000 Kriegsgefangenen, die zwischen 1941 und 1945 in Stalag 326 (VI K) zu Tode gequält und im Sennesand in Massengräbern verscharrt wurden. Seit 1967 bemüht sich der Arbeitskreis Blumen für Stukenbrock um eine würdige Gedenkstätte am Ort und gedenkt der Toten regelmäßig anlässlich des Antikriegstags am 1. September. Im Juni 1989 waren es unter anderem Raissa Gorbatschowa, Hannelore Kohl und Christina Rau, die sich dort vor den Toten verneigten. In der damaligen sowjetischen Armee kämpften Russen und Ukrainer gemeinsam gegen die Wehrmacht, die ihr Land überfallen und verwüstet hatte. Rund 27 Millionen der Einwohner der UdSSR verloren in diesem Krieg ihr Leben. Das sollte auch ein Grund für den Botschafter der Ukraine sein, sich einmal vor den Toten von Stukenbrock zu verneigen.
Werner Höner, Mitglied des Arbeitskreises Blumen für Stukenbrock e. V., Porta Westfalica (NRW)Was gibt es da zu überlegen? Egal ob Gefangene aus der Ukraine, Russland, Belgien, Frankreich, es waren Menschen, die dort von »Menschen « erniedrigt, gefoltert und getötet wurden. Ihnen gilt unser Gedenken.
Annegret Laakmann, Haltern am See (NRW)
Ignoranz gegenüber der eigenen Verschwendung
Heft 15/2023 Forderten die Hohenzollern ehemalige Besitztümer zurück, um ihren Lebensstil zu finanzieren?
Man weiß nicht, was einen an den Hohenzollern mehr ärgern soll, die überkommene Gewissheit, dass ihnen das über Jahrhunderte vom gemeinen Volk erarbeitete Gut immer noch zusteht, oder ihre Ignoranz gegenüber der eigenen Verschwendung von ebendiesem.
Christoph Nitsche, Straßenhaus (Rhld.-Pf.)
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