Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL
Briefe
Die naheliegendste Lösung bleibt tabu
Heft 24/2025 Titel: Wer kann das noch bezahlen?
Gut, dass das Thema Inflation endlich umfassend aufgegriffen wird – es treibt die Menschen im Alltagsleben um wie kaum ein anderes. Ein wichtiger Aspekt fehlt aber: Insbesondere die Preise für Lebensmittel aus der untersten Preisklasse, also Discounter- und No-Name-Artikel, sind deutlich stärker gestiegen als die für Markenlebensmittel und andere Lebenshaltungskosten. Billignudeln oder Tiefkühlgemüse kosten bis zu doppelt so viel wie vor einigen Jahren. Dazu kommt, dass es bei solchen Grundnahrungsmitteln keine Alternativen oder Verzichtmöglichkeiten gibt. Bei jedem Zahlungsvorgang an der Supermarktkasse fühlen sich Menschen mit kleinem Einkommen von der Politik alleingelassen. Die Inflation bei Mieten und absoluten Grundbedürfnissen des täglichen Lebens wird immer mehr zum Sprengstoff für unsere Gesellschaft.
Hildegard Behr, BonnDer »Warenkorb«, der der offiziellen Berechnung der Inflationsrate zugrunde liegt, scheint mit der Realität der meisten Deutschen immer weniger zu tun zu haben. Wie kommt Frau Lagarde nur zu ihrer oft wiederholten Aussage, die Inflation liege ungefähr bei der Zielgröße von zwei Prozent? Mit vielen, vielen anderen habe ich den Eindruck: Das, was wir kaufen, ist sehr viel teurer geworden und wird es leider weiterhin, stärker als nur um zwei Prozent jährlich. Da liegt die Krux, in der Diskrepanz zwischen offiziell dargestellter und individuell schmerzlich erlebter Preissteigerung.
Friedrich-Karl Bruhns, MünchenWieder wird über die überlastete Mittelschicht geklagt, doch die naheliegendste Lösung bleibt tabu: eine deutlich höhere Besteuerung von Superreichen und großen Vermögen. Es ist ein Skandal, dass sich eine kleine Elite weiter schamlos bereichert, während der Rest der Gesellschaft für steigende Preise zahlen soll. Wer soziale Gerechtigkeit wirklich will, kommt an einer Umverteilung von oben nach unten nicht vorbei.
Stefan Merkl, MünchenDer Autor behauptet, eine wachsende Wirtschaft würde viele Probleme lösen. Doch der Glaube an das Wirtschaftswachstum ist eine Theorie aus Zeiten der industriellen Revolution. Wir leben in einer globalisierten Welt im Dienstleistungs- beziehungsweise Informationszeitalter. Der Fabrikant investiert seine Gewinne längst nicht mehr umgehend in neue Maschinen und beschäftigt dann neue Arbeiter. Vielmehr werden bei höheren Gewinnen gern mal höhere Dividenden ausgezahlt. Mit Wachstumspolitik beseitigt man keine Verteilungsungerechtigkeit, man verstärkt sie nur.
Adam Romoth, München
Ist es gerechtfertigt?
Heft 23/2025 Der neue Israelkurs des Kanzlers
Ich bin dem Kanzler dankbar, dass er endlich das Offensichtliche ausspricht. Deutschland darf sich nicht länger hinter falsch verstandener Staatsräson verstecken.
Susanne Hübbe, HerfordMir gefällt die Erläuterung von Frau Beyer in ihrer Kolumne sehr gut. Wir sollten die Ablehnungen nicht an Staaten, sondern an Personen, die dort das Sagen haben, festmachen. Wir können nicht gutheißen, was derzeit im Nahen Osten vor sich geht. Dies gilt selbstverständlich für alle Seiten. Nun zu unserem Kanzler: Es waren der richtige Ort, der richtige Zeitpunkt, die richtigen Worte. Wir tragen eine historische Verantwortung, aber auch eine aktuelle. Wir müssen mithelfen, humanitäre Katastrophen der Gegenwart zu verhindern. Deshalb können wir uns eine Entfremdung von dieser ultrarechten Regierung durchaus leisten. Zu unserem rechten Rand suchen wir die Nähe ja auch nicht.
Franz Gehrke, Winnenden (Bad.-Württ.)Israel hat natürlich das Recht auf Selbstverteidigung, und der bestialische Terrorangriff auf israelische Bürger am 7. Oktober 2023 ist nie zu verzeihen. Die israelische Armee verwüstet seitdem apokalyptisch den Gazastreifen. Aber ist es gerechtfertigt, den Tod von zahlreichen palästinensischen Kindern in Kauf zu nehmen, um Hamas-Kämpfer zu eliminieren? Glauben wir wirklich, solches menschenverachtende Handeln der israelischen Armee dürften wir nicht kritisieren? Kann unsere Staatsräson gegenüber Israel wirklich sein, dass wir all das akzeptieren und gewissenlos auch noch Waffen dafür liefern? Wir müssen die Wahrheit sagen dürfen, auch wenn es zur Entfremdung führt. Das sind wir unserem Gewissen und den unschuldig getöteten palästinensischen Kindern schuldig.
Gabi Hanner, Freyung (Bayern)
Wunschdenken und Realitäten
Heft 23/2025 SPIEGEL-Gespräch mit Generalinspekteur Carsten Breuer
Ist das nun politischer Opportunismus oder gesellschaftspolitischer Eskapismus? Der oberste Soldat der Bundeswehr ist »sicher« und gibt sich »überzeugt«, dass es auch ohne Wehrpflicht genug Freiwillige geben wird, um die Ziele sowohl bei den aktiven Soldaten als auch bei den Reservisten zu erreichen. Viel Glück.
Dr. Ernst-Christoph Meier, Kleinmachnow (Brandenb.)Generalinspekteur Breuer meint, dass wir zum Motor der Abschreckung in Europa werden müssen. Dieser Appell richtet sich an eine Gesellschaft, in der nach repräsentativen Befragungen ein Großteil der Jugendlichen im Verteidigungsfall nicht bereit wäre, zur Waffe zu greifen, viele politische Protagonisten den Kriegsdienst verweigert haben, Schulen Jugendoffizieren der Bundeswehr immer noch den Zutritt verweigern, über 70 Universitäten sich mit einer Zivilklausel weigern, Militärforschung zu betreiben und die Bundeswehr schon jetzt an personeller Auszehrung leidet. So viel zur Fallhöhe von Wunschdenken und Realitäten.
Bernd Walter, Königs Wusterhausen (Brandenb.)Ich bin weder radikaler Pazifist – wenn man das Ende des Dritten Reiches wie ich als Befreiung ansieht, wäre ein solcher Standpunkt auch geschichtsvergessen –, noch befürchte ich, dass, wie manche Politiker insinuieren, die derzeitigen Aufrüstungspläne der Bundesrepublik in Wahrheit darauf abzielen, in absehbarer Zeit Russland angreifen zu können. Doch wenn ich Ihr Interview mit Herrn Breuer lese, beschleicht mich ein Unbehagen. Etwa angesichts der Forderung, Deutschland müsse auch militärisch (wieder) führend werden in Europa. Oder wegen der euphemistischen Verwendung des Wortes »neu-tralisieren«, womit im Krieg zwangsläufig auch das Zerfetzen und Verstümmeln von (unschuldigen) Menschen mitgemeint ist. Ich bin überzeugt, dass wir uns den schmalen Grat zwischen notwendiger Wehrhaftigkeit und übersteigerter militärischer Begeisterung immer wieder bewusst machen müssen, um als Nation grundsätzlich friedliebend zu bleiben.
Gregor Himmler, Regensburg
Eine inhaltliche Sprengladung
Heft 23/2025 Premier Frederiksen im SPIEGEL-Gespräch
Mette Frederiksen hatte eigentlich keine richtige Lust auf dieses Gespräch. Aber was sie dann sagte, war nicht weniger als eine inhaltliche Sprengladung. Denn die Hohe Repräsentantin aus der politischen Mitte unseres Nachbarlandes empfahl Deutschland, endlich einen Kurswechsel in so wichtigen Feldern wie der Migration vorzunehmen. Ihr Land sei da nämlich viel näher dran an der Realität und liefert Vernunftlösungen, mit dem klaren Resultat, dass Rechtspopulisten dort keine Rolle mehr spielen. Wie schön für Dänemark!
Roland Barwinsky, Hirschberg (Thür.)Klare Haltung, klare Sprache in jeder Hinsicht. Wenn die deutsche Sozialdemokratie wissen will, wie sie wieder an Deck kommt und, noch wichtiger, den Neurechten das Empörungspotenzial nimmt:
Da ist das Modell!
Klaus Süberkrüp, Lübeck
Berührende Geschichten
Heft 23/2025 Oft greifen Migranten bei Anschlägen ein
Vielen Dank für den Artikel von Christine Keck und die schönen Porträtfotos dazu. Es wurde Zeit, dass auch diese Seite migran-tischen Handelns beschrieben wird. »Ohne nachzudenken, bin ich los«, sagt einer. Und als Muslim sei es seine Pflicht zu helfen. Natürlich sind diese Menschen mit Medaillen geehrt worden. Diese berechtigte öffentliche Anerkennung geht aber recht bald vorbei. Zurück bleiben neben Stolz und Freude über geglückte Hilfe auch die negativen Folgen der Anschläge, auch für die Retter. Auch sie sind traumatisiert, leiden also lange an Ängsten und Schlaflosigkeit. Ein Afghane muss sich zudem vor Vergeltung seiner Landsleute fürchten, weil er einen der »Brüder« ins Gefängnis gebracht hat. Deshalb finde ich es schön, dass der SPIEGEL die Geschichte dieser Helden einmal zusammengefasst beschrieben hat.
Ursula Borchert, Heikendorf (Schl.-Holst.)In berührenden Geschichten erinnert SPIEGEL-Redakteurin Christine Keck an vergessene Helden – Migranten, die bei Anschlägen mutig eingegriffen haben, ohne erst groß über die Risiken nachzudenken. Als Ergänzung ein persönliches Erlebnis. Schauplatz: der zentrale Busbahnhof in Offenbach am Main. Es ist Feierabend, regnerisch und kalt, doch der Bus kommt nicht. Die Warteschlange wird immer länger. An der Spitze ein ganz offensichtlich betrunkener, ungepflegter älterer Mann. Als der Bus schließlich die Haltestelle anfährt und die Fahrertür sich öffnet, stürzt dieser Mann und bleibt hilflos auf den Trittstufen im Einstieg liegen. Hastig klettern die nachdrängenden Fahrgäste mit ihren Einkaufstaschen und Koffern über ihn hinweg, bis endlich ein Jugendlicher mit Migrationshintergrund die Situation erkennt, den Mann unter der Schulter packt und ihn zu einem freien Sitzplatz hinter dem Fahrer schleppt. Der verbale Dank: »Du Scheißkanake, du.«
Hans Schinke, Offenbach
Als Niedlichkeit weggelächelt
Heft 23/2025 Vier Buchstaben und ein Missverständnis
Können Sie sich gar nicht vorstellen, dass die gestiegene Akzeptanz für »ACAB« (»All Cops Are Bastards«) etwas zu tun haben könnte mit der Art und Weise, wie man unseren Polizisten entgegentritt? Ich plädiere entschieden dafür, alle Embleme und Slogans, die sich gegen unsere Ordnungskräfte und vergleichbare Berufe (Feuerwehr, Sanitäter und so weiter) richten, unter Strafe zu stellen.
Wolfgang Gegner, NürnbergSelten ist ein Artikel im Mantel der sachorientierten Berichterstattung derartig tendenziös geraten. Mir fehlt jegliches Verständnis dafür, wie Sie eine Beleidigung der Polizistinnen und Polizisten als »Ornament politischer Romantik«, »popkulturelles Gemeingut«, als ohne »jegliche politische Sprengkraft« und »Missverständnis« verharmlosen. Es gebietet der Respekt vor einer jeden persönlichen Leistung der Beamtinnen und Beamten, den Ausdruck »ACAB« zu vermeiden und bei seiner Verwendung zu protestieren. Aus meiner Sicht ist ein Rücktritt von Frau Nietzard unabdingbar; den Entzug des Hausausweises für den Bundestag halte ich für mehr als angemessen. Es geht doch darum, die Demokratie gemeinsam zu schützen – unabhängig davon, welche politische Position man hat. Und die Polizei ist ein absolut relevantes Element der Demokratie!
Christoph Birkholz, HamburgEinspruch! In einer Zeit zunehmender Respektlosigkeit und gewalttätigen Verhaltens gegenüber Polizisten jenen Hass-und-Hetze-Slogan allein wegen dessen erhöhter Verbreitung als bloßes Ornament und modisches Em-blem zu verharmlosen, grenzt an journalistischen Leichtsinn. Mittlerweile finden sich sogar schon reihenweise Varianten des Akronyms als bunte Aufkleber in Verbindung mit dem Logo von Fußballvereinen – was die Nachwuchsvandalen unter den »Fans« dazu verleitet, neben Straßenschildern auch die Schulräumlichkeiten und das Mobiliar mit der Hassparole zu verunstalten. Wird dies als popkulturelle Niedlichkeit weggelächelt, muss man sich über die langsam einsickernde Normalisierung einer verächt-lichen Haltung gegenüber der Exekutive nicht wundern.
Stefan Sielmann, Hattingen (NRW)
Nachrichten aus dem Kellertheater
Heft 23/2025 Die misslungene Neuauflage der »Weltbühne«
Drei Seiten widmen Sie der »Weltbühne«. Warum plötzlich dieses Interesse an einer Neuauflage aus billiger Provokation und, laut den vier SPIEGEL-Autoren, weiter minderer inhaltlicher Qualität? Den Verleger wird es freuen – viel Erregung und Aufmerksamkeit.
Thorsten Schabelon, Essen
Thema 4
Heft 23/2025 Neue Untersuchungen beim Urologen
Es sollte mehr dafür gesorgt werden, auch durch Artikel wie diesen, dass ältere Männer zu Vorsorgeuntersuchungen gehen! Männer sollten ein ähnliches Gefühl für ihren Körper entwickeln wie für ihre geliebten Autos, Motorräder oder andere Gadgets.
Dr. med. dent. Jörg Junker, Berlin
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