Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL
Briefe
Kompliziert, aber lohnend
Heft 51/2021 Titel: Gezwister – Freunde, Rivalen, Vorbilder: Wie uns Brüder und Schwestern prägen
Wenn ich über meine Geschwisterbeziehungen nachdenke, fällt mir auf, dass jede dieser Beziehungen gut ist, aber auch unterschiedlich. Je nach Thema verstehe ich mich mit dem einen oder anderen besser. Manchmal ist Familie kompliziert, aber zumindest bei uns lohnt es sich immer, zu investieren. Ich bin unter sechs Kindern das einzige Mädchen. In der Kindheit hat das Vor- und Nachteile gehabt. Heute leben wir zwar über ganz Deutschland verteilt, aber wir verstehen uns gut, telefonieren oder schreiben regelmäßig und besuchen uns gegenseitig. Die räumliche Distanz hat mir aber bestimmt auch geholfen, mein eigenes Leben aufzubauen und aus dem Beschützerkreis meiner Brüder zu treten.
Theresa Rasche, Waldenbuch (Bad.-Württ.)
Geschwister können sich gegenseitig tiefer verletzen als alle anderen Menschen. Es ist kein Ausweg, sich ganz von ihnen zu trennen, denn sie fehlen dann in der Weise wie ein amputiertes Glied, das trotzdem noch Schmerz verursachen kann. In unserem Fall haben die Eltern aufgrund eigener ungelöster Geschwisterprobleme eine so groteske Ungerechtigkeit als Normalität in der Familie implantiert, dass unser Verhältnis kaum Chancen hatte. Ich habe jahrzehntelang geglaubt, dass mein Bruder irgendwann selbst erkennen wird, dass auch für ihn Regeln gelten. Corona hat gezeigt, dass dies eine Illusion war. Er ist Querdenker geworden, und ich leide an Phantomschmerz, da Gespräche zwischen uns unerträglich geworden sind.
Dr. Brigitte Halewitsch, KölnMit Geschwisterbeziehungen hat sich in der Nachfolge des Freud-Schülers Alfred Adler kein Forscher so intensiv beschäftigt wie der frühere Psychologie-Ordinarius und Psychoanalytiker Walter Toman. Mit breiten Datenerhebungen zur Familienkonstellation hat er die Familien- und Geschwisterforschung der klinischen Empirie zugeführt. Er konnte zeigen, dass die Geschwisterrollen von Eltern untereinander und mit denjenigen ihrer Kinder mehr oder weniger komplementär sein können, womit innerfamiliäre Dauerkonflikte operationalisierbar sind. Toman fand zum Beispiel heraus, dass Scheidungen signifikant häufiger in nicht-komplementären Ehen auftreten. Viele andere Forschungsarbeiten seiner Schüler zeigten, welche Auswirkungen Geschwisterrang- und Geschlechtskonflikte auf Berufswahl, psychische Gesundheit oder den Erfolg späterer Familiengründungen haben können.
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt, Psychologischer Psychotherapeut, BonnMir würde ohne meine beiden jüngeren Schwestern etwas Wichtiges fehlen. Dabei sind wir total unterschiedlich und selbstverständlich war ich auch eifersüchtig – aber trotzdem ... Niemand kennt mich so lange wie sie. Mit ihnen verstehe ich mich oft wortlos, wir haben nun mal dieselbe Herkunft. Natürlich streiten wir uns auch, aber das gehört dazu. Da wir an entgegengesetzten Enden Deutschlands wohnen, sehen wir uns nur zwei- oder dreimal im Jahr. Vielleicht ist das der Grund für unser gutes Verhältnis. Wenn man hingegen im selben Ort lebt und sich täglich sieht, mag das problematischer sein. Ich weiß nicht, was ich ohne die beiden gemacht hätte, als unsere Eltern krank und pflegebedürftig waren. Ich empfinde meine Schwestern als Bereicherung.
Eva Behrens, Potsdam
Danke für Ihre Titelgeschichte. Mir bereitet Sorge, dass sich in unserem Land eine Tendenz fortsetzt: Meine Elterngeneration kannte an die zehn Geschwister; viele haben sich auf engstem Raum – auch in Kriegszeiten, auch auf der Flucht – aufopfernd geholfen. Alterozentrierte Lebensweise, Nächstenliebe, Kenosis, radikale Proexistenz waren keine Fremdwörter, sondern Sinn des Lebens. Meine Generation kennt an die drei Geschwister; diese sind eher eine Art Weihnachtssippschaft: Man sieht sich einmal im Jahr, man sieht sich auf Beerdigungen, aber weiß ansonsten nicht viel voneinander. Aber in großer Not steht man sich trotz dessen bei. Die nachfolgende Generation pflegt ein Singledasein, ist sich selbst genug; Ehe und Familie? Auch als Folge sträflich vernachlässigter Förderung von Familien (was müsste politisch höchste Priorität in Deutschland genießen? Doch wohl die Familien! Alles hängt von stabilen Ehen und vielen Kindern ab.) wurde zur neuen ethischen Maxime: Du bist der König. Das unabhängige, frei flottierende Dasein umgibt eine Aura des Erstrebenswerten. Von einem guten Dutzend Geschwistern vor einem Jahrhundert hin zum Single der Gegenwart: Ihre Titelstory wirkt daher etwas aus der Zeit gefallen.
Barbara Anastasia Klann-Evers, Hamburg»Seid einig!«: Das ist oft der letzte Wunsch von Vater und Mutter in ihren Sterbestunden. Kommt das durch Intuition oder eigene Erfahrung von Geschwisterrivalität um die Gunst von Papa und Mama?
Harald Dupont, Ettringen (Rhld.-Pf.)
Bravo, Karl!
Heft 50/2021 Gesundheitspolitik: Karl Lauterbach verspricht im SPIEGEL-Gespräch, das Boostern zu beschleunigen
Schade, dass der SPIEGEL nicht wie das »Time Magazin« eine »Person of the Year« krönt. 2021 wäre es Karl Lauterbach geworden.
Heino Matthies, Berlin
Bravo, Herr Lauterbach, dass Sie auf die albernen Fragen der SPIEGEL-Journalist*innen so freundlich und nüchtern geantwortet haben. Anstatt nach den nächsten wichtigen Entscheidungen und Schritten im Kampf gegen die Pandemie zu fragen, sprechen sie Haarschnitt und Managementqualitäten an – gibt es im Gesundheitsministerium nicht ein Heer von Fachbeamten? Welche Antwort wird wohl auf die Frage nach der Angst vor den eigenen Ansprüchen erwartet? Ist Herr Lauterbach der einzige Minister, der jemals ohne vorheriges Ministeramt antritt? Fazit: Überwiegend dumme überflüssige Fragen. Schade!
Walli Gleim, BerlinDie Antworten von Herrn Lauterbach wirkten fast staatsmännisch, die Fragen des SPIEGEL fast verzweifelt. Herr Lauterbach konnte gut parieren, bot keine Angriffsfläche. Bravo, Karl!
Farid Bouy, RüsselsheimWarum spricht es sich nicht bis nach Bayern herum, wie wichtig eine schnellstmögliche Booster-Impfung als Schutz vor Omikron ist? Das Bayerische Staatsministerium für Gesundheit und Pflege besteht immer noch auf sechs beziehungsweise fünf Monate nach der zweiten Impfung. Von Wissenschaftlern empfohlen wird die dritte Impfung inzwischen ab drei Monate nach der Zweitimpfung. Laut Einschätzung von Prof. Lauterbach ist ein wirksamer Schutz vor der gefährlichen Omikron-Variante erst nach der Booster-Impfung gegeben. Es gibt je nach Bundesland große Unterschiede. Da es bei Corona um Leben und Tod geht, wünsche ich mir endlich Einheitlichkeit bezüglich der dritten Impfung.
Ines Brodda-Sikora, Burghaslach (Bayern)
Plündernde Pioniere
Heft 50/2021 Ökologie – Das Ende der Ostseefischerei
Das Versagen der europäischen Fischereibehörde in Brüssel wird auf erschütternde Weise sichtbar, wirtschaftliche Interessen haben wie so oft Vorrang vor dem Schutz von Flora und Fauna. Demnächst kostet Dorsch so viel wie Rinderfilet. Wenn die Entwicklung so fortschreitet, wird es ihn in einigen Jahren nur noch »unter der Hand« geben. Noch sind die Supermarktregale gut gefüllt, bis die Menschheit erwacht, wird es noch dauern.
Andreas Altenbach, Geldern (NRW)Die Fischerei wird mit Unmengen an Steuergeldern unterstützt – eine Industrie, die unsere Meere veröden lässt und, wie beim Beispiel der Wale, Tiere, deren Wurzeln über 50 Millionen Jahre zurückliegen, an den Rand des Aussterbens bringt oder gar unwiederbringlich ausrottet. Matthias Glaubrecht führt in dem Buch »Das Ende der Evolution«, eindrucksvoll aus, dass es letztlich egal sei, ob man das Beispiel der Wale, oder das von Fischen, wie Ostseedorsch oder Hering nimmt, es sind letztlich unsere kurzfristigen Interessen als plündernde Pioniere, für die wir die Ausrottung von Fischen, Walen und unzähligen anderen Tierarten in Kauf nehmen.
Dr. med. Dr. rer. nat Bernhard Lohr, Günzburg (Bayern)Wenn die Menschen unbedingt Fisch essen müssen, es aber keinen mehr gibt, dann bleibt nur noch, diesen in entsprechenden Zuchtbetrieben zu züchten, überall in Europa, und Fischer für diese Aufgabe umzuschulen.
Jens Lippert, Magdeburg
Westdeutsche Überheblichkeit
Heft 50/2021 Berlin: Franziska Giffey soll Regierende Bürgermeisterin werden
Man hat das Gefühl, der Autor ist ein abgewiesener Verehrer von Frau Giffey, der seine Abfuhr noch nicht ganz verwunden hat. Anders ist die fast im gesamten Text durchschimmernde Häme nicht zu erklären. Eine ganz entschiedene Klarstellung halte ich allerdings für unbedingt notwendig: Frau Giffey ist nicht zurückgetreten, weil sie »nicht mehr tragbar« war. Wenn es so gewesen wäre, hätte sich Angela Merkel bestimmt nicht zu ihren ausgesprochen starken Lobesworten hinreißen lassen.
Heinz Tenbusch, Hattingen (NRW)»Anekdoten aus dem Unrechtsstaat«, »sie rührt nicht an den alten Wunden« – es ist diese erbärmliche westdeutsche Überheblichkeit, die die damalige Kanzlerin in ihrer persönlichen Rede zum 3. Oktober – ich schreibe bewusst nicht die förmliche Feiertagsbezeichnung – meinte, die selbst mehr als 30 Jahre nach dem Beitritt die DDR-Vergangenheit von Millionen Menschen dieses Landes immer noch als Belastung und Fehler abwertet. Dass diese überflüssige und sinnfreie Zuschreibung unbedingt da stehen musste, ist journalistisch nicht begründbar. Mir schien Ihr Blatt in dieser Beziehung schon mal weiter.
Steffen Kraft, Berlin
Schon lange zum Fremdschämen
Heft 50/2021: Der gesunde Menschenverstand: Koane Bayern
Es stimmt zwar, dass kein Bundesminister aus Bayern stammt. Am Kabinettstisch sitzt indessen auch die Kulturstaatsministerin. Claudia Roth kommt aus Babenhausen in der Nähe von Memmingen, ist also waschechte Unterallgäuerin. Die oftmals zu lesende Herkunft Augsburg stimmt nicht so ganz. Verglichen mit den vergangenen 16 Jahren wächst Bayerns Position im Bund somit.
Torsten Berndt, Konstanz
Als gebürtiger Oberbayer muss ich mich schon lange fremdschämen für die Ansichten bayerischer Politikerinnen und Politiker. Fakt ist, dass die in den Bundestag gewählten Vertreter:innen die Belange der Bürgerinnen und Bürger ihres jeweiligen Wahlkreises vertreten sollen. Bei der Auswahl von Ministerinnen und Ministern erwarte ich dagegen eine Bestenauswahl – und das unabhängig von Herkunft, Alter, Geschlecht.
Thomas Fischer, Mainaschaff (Bayern)
Gespräche statt Kugeln
Heft 50/2021 Russland: Was bezweckt Wladimir Putin mit dem Militäraufmarsch nahe der Ukraine?
Außenminister Genscher sagte seinerzeit, die Nato habe nicht die Absicht, in östlicher Richtung zu wachsen. Klingt im Nachhinein ähnlich substanziell wie die Aussage Walter Ulbrichts vom Sommer 1961, niemand beabsichtige den Bau einer Mauer. Ein gewisses Verständnis für russische Sensibilitäten angesichts einer permanenten Vergrößerung des westlichen Einflussbereiches ist naheliegend. Die Russen müssen mittlerweile den Eindruck gewinnen, der Westen gebe sich erst zufrieden, wenn das Nato-Hauptquartier nach Moskau umgezogen ist.
Hans-Walter Prinz, Eitorf (NRW)
Das Problem ist hausgemacht. 1990 hatten die NATO-Staaten Michail Gorbatschow zugesagt, nicht weiter nach Osten zu expandieren. Genau das Gegenteil passierte. Dass dies Russlands nicht hinnehmen würde, muss allen bewusst gewesen sein. Was bleibt nun anderes übrig als die Minsker Verhandlungen, eine Nummer größer als zuvor, fortzusetzen? So lange gesprochen wird, bleiben die Kugeln in ihren Läufen. Aber das ist nur eine Hoffnung.
Dr. Klaus Swieczkowski, Hildburghausen
Heft 50/2021 SPIEGEL-Gespräch mit der Wirtschaftsweisen Monika Schnitzer über die Rentenpläne der neuen Regierung
Was hat uns denn der Fortschritt gebracht? Eine fortgeschrittene, in Generationen nicht zu bewältigende Klimakatastrophe, eine fortschreitende Öffnung der Einkommensschere zwischen Arm und Reich, fortschreitendes Artensterben weltweit, eine fortschrittliche Vermüllung der Erde und der Meere. Geht mir weg mit dem Fortschritt.
Wolfgang Luckner, Bonn
Heft 50/2021 Die konservative Politikerin Valérie Pécresse hat Chancen, Präsident Macron zu schlagen
»Blond und ewig unterschätzt« – da ist Ihnen eine Superüberschrift gelungen. Meine Bitte für zukünftige Artikel über wichtige Männer: »Glatze und total unterschätzt«, »Vollbart und einfach nur dumm«. Ich dachte, dass gerade der SPIEGEL, den ich sehr schätze, endlich wertschätzend berichtet.
Kirsten Lindner, Weinheim (Bad.-Württ.)
Heft 50/2021 Putins Schatten – warum Dmitrij Muratow den Friedensnobelpreis verdient hat
Diesen beklemmenden Bericht sollten alle lesen, die sich durch die Coronamaßnahmen unterdrückt fühlen. Dabei sind diese reiner Luxus im Vergleich zu dem, was die Andersdenkenden in Russland erleiden müssen. Man schämt sich für diese Wehleidigen.
Peter Wolter, Leonberg (Bad.-Württ.)
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