Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL
Briefe
Auf dem Papier gibt es genug
Heft 29/2024 Titel: Was kostet mein Traum vom Wohnen?
Jedem und jeder sei der Traum von einem »Schloss« gegönnt. Wichtiger ist jedoch, den Menschen ein angemessenes Dach über dem Kopf zu verschaffen, Stichwort »bezahlbarer Wohnraum«. Die Ergebnisse des jüngsten Zensus haben gezeigt, dass es – auf dem Papier – grundsätzlich genügend Wohnungen gibt. Der konstatierte Leerstand kann jedoch nur durch konsequente Bewirtschaftung etwa durch die Kommunen beseitigt werden, nicht durch die privaten Eigentümer. Solange Grund und Boden als Ware betrachtet werden, wird diese Ware teuer bleiben und teurer werden. Man könnte sich mit den Verhältnissen arrangieren: zum Beispiel durch geringere Flächenansprüche des Einzelnen, durch eine Konzentration auf Sanierung, Umbau und Flächenrecycling, durch eine Einschränkung der Einspruchsmöglichkeiten bei »Nachverdichtungen«, durch geringere Lärmschutzansprüche und durch einfachere Gebäudetechnik. Eins ist sicher: Die Lösung kostet viel Geld und erfordert von allen Beteiligten ein Umdenken hinsichtlich der Prioritäten. Sonst wird es bei den Traumschlössern bleiben.
Dipl.-Ing. Lutz Groll, Hilden (NRW)Von einem Ratgeberstück hätte ich mir beim SPIEGEL mehr Fakten und weniger Meinung gewünscht. Fakt ist: Bausparen verbindet auf einzigartige Weise den Eigenkapitalaufbau mit einer Zinsgarantie. Sie können sich heute immer noch einen Bauspardarlehenszins von unter 2 Prozent sichern – bei einem Marktzins von 3,5 bis 3,8 Prozent bei bester Bonität und ausreichend Eigenkapital. Das gilt auch für den Fall, dass Sie erst in fünf, acht oder zehn Jahren bauen, kaufen, modernisieren oder umschulden wollen. Kein anderes Finanzprodukt bietet Ihnen diesen Vorteil. Das nach der Zinswende 2022 einfach mit »Zinswette« abzutun ist arg kurz gesprungen. Fakt ist außerdem: Auch die Bausparkassen empfehlen bei einem großen Finanzierungsvorhaben die Einbeziehung klassischer Hypothekendarlehen – aber auch die Mischung mit einem Bauspardarlehen. Denn beim Blick auf die üblichen Zinstabellen gelten die Konditionen für Hypothekendarlehen, die Ihnen ins Auge springen, meist nur bis zu 60 Prozent des Beleihungswerts. Darüber hinaus wird es bei Banken im Normalfall teurer – und zwar für die gesamte Kreditsumme. Bausparkassen verlangen im Unterschied dazu keinen Risikoaufschlag für die Absicherung im zweiten Rang des Grundbuchs.
Christian König, Hauptgeschäftsführer des Verbands der Privaten Bausparkassen e. V., Berlin
Das Gesetz gilt für jeden
Heft 28/2024 Dürfen Schöffinnen Kopftuch tragen? Das Bundesverfassungsgericht soll den Fall einer Muslimin prüfen
Mit Verlaub, religiöse Symbole haben bei Tätigkeiten im Gericht nichts verloren. Da hilft es auch nichts, wenn Frau Mangold behauptet, »ganze Bevölkerungsgruppen wären pauschal von diesem Amt (der Schöffin)« ausgeschlossen. Nein, sind sie eben nicht. Moderate Musliminnen, welche sich nicht durch das Kopftuch von der Gesellschaft abgrenzen wollen, dürfen durchaus das Schöffenamt ausüben. Wir dürfen nicht hinnehmen, dass die Gesetze, die moderne Weltanschauung und die Gleichberechtigung der Geschlechter durch religiöse Befindlichkeiten ersetzt werden. Religion ist und bleibt Privatsache und darf nicht in den öffentlichen Dienst hineingetragen werden.
Karola Albrecht, BerlinEs geht nicht darum, ob jemand »Angst« vor einer Schöffin mit Kopftuch hat, sondern allein um die Frage, ob ihr Beharren, auch während einer Hauptverhandlung ein Kopftuch zu tragen, mit dem Justizneutralitätsgesetz des Landes NRW vereinbar ist. Daran fehlt es offensichtlich. Denn das Kopftuch ist bereits »bei objektiver Betrachtungsweise« Ausdruck einer bestimmten religiösen Auffassung. Dies ist auch bei der Betreffenden selbst der Fall; denn sie hat das Ablegen des Kopftuchs mit der Begründung verweigert, sie trage es »aus religiösen Gründen«. Sie gibt also den Geboten ihrer Religion Vorrang gegenüber einem nach demokratischen Regeln ordnungsgemäß zustande gekommenen Gesetz.
Manfred Klein-Ilbek, Rechtsanwalt, Berod (Rhld.-Pf.)Über den in Ihrem Beitrag geschilderten Einzelfall hinaus hat sich bei der Schöffenwahl 2023 etwas wesentlich Gravierenderes ereignet: Die vielen Aufrufe, sich zu melden und diese nicht zu unterschätzende Aufgabe wahrzunehmen (das Amt hat in der Strafjustiz eine hohe Bedeutung, zuweilen können zwei Schöff:innen einen Berufsrichter überstimmen), haben bedenkliche Kreise auf den Plan gerufen. So profitierte die AfD davon, dass für Verfahren zu Vergehen von Jugendlichen vor allem Männer gesucht wurden. Parität in Ehren: Jahrhundertelang haben die Herren der Schöpfung über alle Gruppen gerichtet, wurden sogar Beamte zwangsweise zu Strafverfahren beordert. Zudem sind viele Opfer Frauen, sie würden den Fokus möglicherweise auf alle Betroffenen richten: Geschädigte, Angehörige, Lehrkräfte, Ausbilder:innen, Peergroup.
Karin Unkrig, München
So klar könnte es sein!
Bravo, Frau Leibinger-Kammüller! Lange hat im SPIEGEL niemand mehr so glasklar gesagt, was Sache ist.
Wolf Heintel, Bad Waldsee (Bad.-Württ.)Ich habe noch nie ein Interview gelesen, in dem eine Vertreterin der Industrie oder der Wirtschaft so klar, akzentuiert und deutlich die wirtschaftliche Lage analysiert und dabei ihre Sicht als hochrangige Führungskraft vertritt, aber zugleich über den Tellerrand hinausblickt und die Lage in unserem Land einschätzt. Sie spricht die Probleme direkt an. Ihre Schlussfolgerungen kann ich sehr gut nachvollziehen. Das Interview hat mich begeistert.
Regina Hendel, BerlinAls Volkswirtschaftler sehe ich es wie Frau Leibinger-Kammüller. Der deutschen Politik fehlt einfach das Gespür dafür, wer eigentlich den Wohlstand im Land erwirtschaftet. Der Transmissionsriemen zwischen dem Kanzler Scholz, einem Fachanwalt für Arbeitsrecht, dem Bundesminister für Wirtschaft Habeck, einem Philosophen und Schriftsteller, sowie der Wirtschaft funktioniert nicht. Die Classe politique und die Wirtschaft entfremden sich, der Wirtschaft werden artfremde Hürden in den Weg gestellt, und das Parteien-Hickhack lähmt die Politik. Deutschland hat schwierige Zeiten vor sich.
Toni Stadelmann, ZürichBravo und danke, Frau Leibinger-Kammüller. Mal wieder eine Unternehmerin, die Klartext redet. Solche Menschen bräuchten wir auch in wichtigen Entscheidungspositionen in der Politik. Dann würde vieles anders laufen, und weniger Menschen würden AfD wählen.
Frank Siebert, BerlinDieses Interview mit Frau Leibinger-Kammüller sollte sich Bundeskanzler Olaf Scholz gut durchlesen und sich dann unter das Kopfkissen legen!
Claus Göttlich, Hofgeismar (Hessen)Im Zusammenhang mit fairen Lieferketten spricht sie von fühlenden Christenmenschen und zählt sich offensichtlich dazu. Sie spricht korrekt Probleme der Infrastruktur und im Bereich Erziehung und Betreuung an. Um dann als Lösung die Senkung des Bürgergelds vorzuschlagen. Als Person, die mit ihrem unterstellten Vermögen und Einkommen (siehe Statistisches Bundesamt) zu den reichsten zwei Prozent der Bevölkerung gehört, kommt sie nicht auf die Idee, dass die starken Schultern auch mehr tragen sollen. Lesen Sie doch mal Ihr Magazin quer: Schaden durch Sozialbetrug im niedrigen dreistelligen Millionenbereich. Schaden durch Steuerbetrug im zweistelligen Milliardenbereich. Schaden durch Cum-ex und Cum-cum je nach Schätzung 30 bis 100 Milliarden. Steuerverlust durch Abschaffung der Vermögensteuer: 380 Milliarden. Die Auflistung lässt sich fortsetzen. Reallohnverlust der unteren Mittelschicht und exorbitante Steigerungen der Vermögen und Einkommen der reichsten zwei Prozent. Warum betreiben fühlende Christenmenschen Armenbashing?
Jörg Sammerl, EssenDie Frau Vorstandsvorsitzende meint, dass »junge Eltern durch den Arbeitsalltag hetzen müssen, weil die Kita mal wieder früher schließt«. In Tirol haben einige Unternehmen die Eigeninitiative ergriffen und Möglichkeiten zur Kinderbetreuung im eigenen Unternehmen geschaffen. Dafür gibt es auch Förderungen von Bund und Land Tirol. Vielleicht könnte ihr es ein Anliegen werden, für diese Systematik der Kinderbetreuung in ihren Kreisen zu werben.
Otto Riedling, Innsbruck (Österr.)Ein beeindruckendes Interview mit noch beeindruckenderen Antworten auf konkrete, vor allem innenpolitische Fragen unserer Zeit. Ich würde Kanzler Scholz empfehlen, sich diese Antworten zu Herzen zu nehmen und seine Arbeit in der ihm verbleibenden Zeit in großen Teilen darauf auszurichten, die Hinweise von Frau Leibinger-Kammüller wenigstens noch im Ansatz umzusetzen. Ich befürchte nur, dass Herr Scholz genau das nicht tun und somit weiterhin seinen Teil zur derzeit desaströsen Entwicklung beitragen wird. Frau Leibinger-Kammüller gibt mir Hoffnung, dass klare, intelligente Analytik ein probates Mittel ist, um hausgemachten Problemen rechtzeitig vorzubeugen, unter denen derzeit vieles leidet.
Veit Schindler, Markneukirchen (Sachsen)
Abschalten, abtauchen
Heft 28/2024 Popsängerin Taylor Swift verzaubert eine kaputte Welt
Kultur? Elf Seiten Taylor Swift! Lieber SPIEGEL, geht’s noch?
Frank Stechert, Königsbronn-Zang (Bad.-Württ.)Ich sehe jetzt schon all die erbosten SPIEGEL-Leser vor mir, die sich darüber aufregen, dass Taylor Swift so viel Platz in einem SPIEGEL eingeräumt bekommen hat, obwohl dieser grandios geschriebene Artikel eigentlich längst überfällig war. Danke für den Einblick in die Maschinerie, in das System Taylor Swift. Man muss ihre Musik nicht mögen, kann sie als flache Persönlichkeit ansehen, aber anzuerkennen gilt das von ihr Erreichte, das sich schon längst mit den absoluten Größen der Popgeschichte messen lässt.
Luca Cimmino, MünchenIch bin mir nicht sicher, ob das Geheimnis von Taylor Swifts immensem Erfolg hier wirklich umrissen werden konnte: eine Sängerin, die über sich selbst singt, und Fans, die sich mit ihren Texten identifizieren? Ist doch nun wirklich nichts Neues. Sie bringt fremde Menschen dazu, Freundschaften zu schließen? Ist doch unter unzähligen Fans anderer Stars schon immer passiert. Und: Warum scheint es offenbar immer automatisch zur Bedeutsamkeit eines Popstars beizutragen, wenn er/sie möglichst wenige Interviews gibt?
Okko Wilts, Osdorf (Schl.-Holst.)Die Musik von Taylor Swift markiert den Abgesang der Popmusik, wie wir sie seit rund 70 Jahren kennen. Alle denkbaren Melodien gab es schon, daher kann Taylor Swift auch keinen Welthit landen. Ihre Songs sind geradezu grotesk langweilig, melodielos und austauschbar. Bezeichnend ist, dass sich alle Kritiker fast nur mit ihren Texten beschäftigen. Womit auch sonst? Ihr großer Erfolg kommt daher, dass es auf dem Weltmarkt praktisch keine Konkurrenz in ihrem Segment gibt und sie, das wird im Artikel ja schön dargelegt, exzellent vermarktet wird.
Peter Christe, Fellbach (Bad.-Württ.)Pink und Glitzer, Taylor Swift vermag die Menschen zu verzaubern, wie es die Fußball-EM und -WM auf andere Weise tun. Gemeinschaft und Verbundenheit, ganz soft, ohne anzuecken. Einmal abschalten, abtauchen – und das ist auch legitim. Und dann machen wir die Augen wieder auf und sehen ins Angesicht der Weltpolitik.
Hannah Lüsgen, Jena
»Ich verstehe, dass sich einige vom Kanzler mehr Mut wünschen«
Heft 28/2024 SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert über eigene Fehler und Schwächen des Kanzlers
»Damals war ich gewählt, um die Belange und Ideen der Jusos zu vertreten, jetzt vertrete ich eben die der SPD.« Ein wenig volkstümlicher ausgedrückt: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.
Gero Golding, Römerstein (Bad.-Württ.)
Schlagen, treten, filmen
Heft 28/2024 Warum Jugendliche Straftaten filmen und im Internet verbreiten
Wie passt das denn zusammen, wenn 17-jährige Gewalttäter nur milde bestraft werden, da sie ja in diesem Alter »die Folgen ihrer Taten nicht absehen können« – aber gleichzeitig das Wahlrecht erhalten, um politisch wirken zu können? Dafür haben sie die notwendige Reife?
Heide Barsiek, Magdeburg
Das Update des Tötens
Heft 28/2024 Drohnen verändern nicht nur diesen Krieg
Erschütternd! Seit Ernst Jüngers »In Stahlgewittern« und Erich Maria Remarques »Im Westen nichts Neues« hat die Menschheit nichts gelernt.
Gregor Böckermann, Neu-Isenburg (Hessen)
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