Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL
Briefe
Medizinische Orwellisierung
Heft 44/2024 Titel: Ihr neuer Doktor
Welcher Arzt hat ein Lächeln für mich? Seit Jahrzehnten keinen mehr gehabt.
Rolf Hedtke, Niedernhausen (Hessen)Ob die sogenannte künstliche Intelligenz jemals die (un)natürliche Gier nach immer mehr und mehr und mehr heilen kann? Das Gegenteil wird wohl der Fall sein, gerade in der Medizin wird mit dem Einsatz exzessiver Digitalisierung unserem Verhältnis zum Leben und zum Sterben irreversibel geschadet. Monströse Pseudo-Langlebigkeit und medizinische Orwellisierung wären die Folgen.
Raffaele Ferdinando Schacher, Rorschach (Schweiz)Das Argument, dass nur durch die Person eines Arztes Empathie für einen Patienten empfunden werden kann, halte ich für weit hergeholt. Erstens ist Empathie zu 25 Prozent genetisch bedingt, und zweitens wird Empathie weder im Studium noch während der klinischen Ausbildung vermittelt. Wo bleibt die Empathie, wenn Privatpatienten einen schnellen Termin bei einem Facharzt bekommen, während Kassenpatienten oft Tage, Wochen oder sogar Monate auf einen Termin warten müssen? Und wie sieht es aus mit der Abzocke mit unnötigen Selbstzahlerleistungen (IGEL)? Um ihre Pfründen zu erhalten, ist den Ärzten jedes noch so scheinheilige Argument recht. Und der Großteil der Patienten erliegt dem Glauben, dass es Ärzten nur um die Gesundheit ihrer Patienten gehe. Die künstliche Intelligenz ist frei von alldem.
Dr. med. Dirk Schlamp, Grünstadt (Rhld.-Pf.)
Hass gegen Boomer
Heft 43/2024 Leitartikel: Das Rentenpaket der Ampelregierung verschärft Ungerechtigkeiten zwischen den Generationen
Mit dem Artikel über »materiell fokussierte«, »rücksichtslose Boomer« setzt Herr Lehmann den aktuellen Trend fort, eine Bevölkerungsgruppe hemmungslos gegen andere Gruppen auszuspielen. Ich vermute, seiner Ansicht nach haben wir noch nicht genug Spaltung in der Gesellschaft. Die von Herrn Lehmann in ihrer Gesamtheit geschmähten Boomer sind bitte etwas differenzierter zu betrachten. Da gibt es nämlich einen nicht unerheblichen Teil, der noch arbeitet (in meinem Fall noch acht Jahre), die gestiegenen Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge ebenfalls zahlt und weiter zahlen wird, derweil ein ganzes Leben lang Rentenbeiträge eingezahlt hat, prozentual deutlich weniger Rente bekommen wird als frühere Generationen und sich jetzt sagen lassen muss, die Hoffnung auf
ein einigermaßen auskömmliches -Alter sei ein »rücksichtsloser Übergriff«. Wow.
Kristina Woock, HamburgBei der Hasstirade gegen die »rücksichtslosen, übergriffigen Boomer, die in Westdeutschland goldene Zeiten erlebt haben«, bleibt mir die Spucke weg. Keine Frage, dieses Rentenpaket finde auch ich als Westboomerin mehr als unausgewogen. Aber mir fehlt in dem kompletten Leitartikel eine saubere Differenzierung. Auch Boomer sind seltenst mit goldenen Löffeln in die Wiege geplumpst. Auch diese Generation hatte ihre Probleme: Wir waren immer viele, um jeden Arbeitsplatz, sofern man einen hatte, musste permanent gekämpft werden. Die Konkurrenz war enorm, Kinderbetreuung faktisch nicht vorhanden (weniger Kinder haben unter anderem hier eine Ursache) und so weiter. Krankenkassenbeiträge treffen auch die Boomer, Steuern darf man auch gern zahlen. Die Rentenversicherung wurde immer mehr mit versicherungsfremden Leistungen belastet, was dann wieder einen höheren Steuerzuschuss benötigt. Einen so einseitigen Leitartikel empfinde ich als Beleidigung.
Heike Jahn, Edermünde (Hessen)Die Fakten stimmen. Doch wie begründet der SPIEGEL die Überschrift und die Behauptung, es drohe ein »rücksichtsloser« Übergriff der Boomergeneration? Das Leben der Boomer war immer von Konkurrenzdruck geprägt – in überfüllten Klassenzimmern, beim Kampf um Ausbildungsplätze und Arbeitsstellen. Und dem wird bald ein brutaler Kampf um Pflegeplätze und Unterstützung im Alter folgen. Von diesem Konkurrenzdruck mit seiner harten Bestenauslese hat der Wirtschaftsstandort Deutschland extrem profitiert. Nun sind die Alten abgeschrieben, und der Leitartikel atmet, was der junge Autor mit seiner hasserfüllten Betonung der »Rücksichtslosigkeit« zwischen die Zeilen gestreut hat. Solchen Texten will ich mich als Boomerin nicht länger aussetzen.
Sabine Becker, BerlinMir ist es als Mutter von zwei Töchtern keineswegs egal, welche Beiträge sie erbringen müssen. Was mich aber verärgert, ist das Babyboomer-Bashing. Ich bin inzwischen Rentnerin und habe kein schlechtes Gewissen gegenüber der arbeitenden Generation. Meine Generation hat ihren Kindern ein komfortables Aufwachsen ermöglicht, mit überwiegend eigenem Zimmer, Auslandsaufenthalten, teils mehreren Urlauben im Jahr, Zugang zu Freizeitaktivitäten. Die jetzt arbeitende Generation ist durch uns zur bestausgebildeten geworden, die Deutschland je hatte. Dies haben wir aus eigener Tasche finanziert. Wir haben Arbeitszeit reduziert, um Ältere und Kinder zu pflegen. Jetzt halten viele von uns unser Geld zusammen, um sie später, als Pflegefall, nicht unnötig zu belasten. Was denn noch? Rentenkürzungen sind völlig unangemessen. Wenn heute schon die Durchschnittsrente nur um die 1000 Euro liegt, so lässt das keine Kürzungen zu.
Dr. Hedi Roos-Schumacher, Hennef (NRW)
Er möchte ein Denkmal
Heft 43/2024 Elon Musk strebt an der Seite Donald Trumps nach politischer Macht
Eine sehr gelungene Fotomontage aus Donald Trump und Elon Musk, wobei ich die Umkehrung, Musk steckt hinter Trump, langfristig nicht nur für denkbar, sondern auch für viel bedrohlicher halte – vom Kabinettsmitglied Musk zum nächsten Präsidentschaftskandidaten.
Christof Nitsche, Straßenhaus (Rhld.-Pf.)Schönen Dank für den hintergründigen Artikel über Elon Musk und Donald Trump. Bei seiner Lektüre wurde meine Überzeugung immer stärker, dass Elon Musk Herrn Trump nur als Mittel zum Zweck benutzt. Einem egozentrischen und berechnenden Typen wie Musk geht es nicht mehr um Milliarden Dollar, sondern um seine Selbstdarstellung und seinen Bekanntheitsgrad über den Tod heraus. Er möchte sich ein Denkmal setzen. Sollte Trump mit der oder durch die Hilfe des Musk-Imperiums US-Präsident werden, hätte Musk in allen seinen Entscheidungen freie Hand, den Status zu erreichen, um sich unsterblich zu machen. Das scheint mir der Hintergrund für die »rechte« Wandlung von Herrn Musk.
Uwe Mehl, HamburgDieser Artikel ist ein Skandal, egal ob man für oder gegen Donald Trump und Elon Musk ist. Ist es vielleicht die Rache der 68er und ihrer Technikfeindlichkeit an einem genialen Erfinder unserer Zeit? Spiegelt sich hier nicht der ganze Frust über unsere Rückständigkeit im IT- und AI-Bereich? Das Verhältnis von Donald Trump zu Elon Musk basiert meines Erachtens auf einer einfachen Formel: Du bist mächtig und einflussreich und kannst etwas bewegen, also unterstütze ich dich. Ich hätte mir in dem Artikel etwas mehr Erklärung und Anerkennung für die Lebensleistung des 53-jährigen gebürtigen Südafrikaners gewünscht.
Hans-Joachim Lohmann, Ratingen-Schwarzbach (NRW)Elon Musks Giga-Imperium hat längst eine Gravitationsstärke erreicht, die in der Lage ist, fast alles, was den Trump-Vertrauten auf unserem Planeten irgendwie stört, mit brutaler Wucht aufzusaugen und zu zerstören. Ins-besondere liberale Werte müssen vor ihm wegrennen. Sofort. Dagegen wirken die eigentlich kreuzgefährlichen schwarzen Löcher im fernen Weltall fast als marginale Bedrohungen.
Roland Barwinsky, Hirschberg (Thür.)
Verstehen und verzeihen
Heft 43/2024 SPIEGEL-Gespräch mit dem Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer über Eltern und Kinder
Vielen Dank für dieses wunderbare Interview und diese tolle Ermutigung zum Erwachsenwerden. Mich fragte einmal ein Therapeut: Und warum haben Sie sich Ihre Eltern ausgesucht? Ich dachte, ich hätte sie mir nicht ausgesucht. Aber diese Anregung drehte die Perspektive um 180 Grad – und ich fand viele Stärken und positive Seiten an meinen Eltern und 100 Gründe, ihnen zu danken. Kleine Bäume wachsen nun einmal im Schatten der großen Bäume heran – und es hat überhaupt keinen Zweck, über den Schatten zu klagen. Sondern die Aufgabe ist es, zum Licht emporzuwachsen.
Karlfried Kannenberg, HamburgEs ist schlichtweg unfassbar, was der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer hier von sich gibt. Ein zusätzlicher Schlag ins Gesicht all derer, die Opfer von Kindesmisshandlung wurden. Es gibt in meinem Freundeskreis eine Person, die wie unzählige andere Betroffene als Erwachsene nur dank medikamentöser Hilfe, sprich Antidepressiva, ein einigermaßen »normales« Leben führen kann.
Henriette Stadtfelder-Dekorsy, BremenEs ist schade, dass sich bei Herrn Schmidbauer zwischen Dämonisierung und Verdrängung kein gesunder Mittelweg zeigt. Natürlich gibt es keine perfekten Eltern, aber wenn bei emotional abwe(i)senden Eltern elementare Gefühle von Hilflosigkeit, Trauer oder Wut jahrelang auf der Strecke bleiben, lohnt es sich, diese temporär in einem therapeutischen Rahmen wieder wahrnehmen und eigenverantwortlich akzeptieren zu lernen. Dies bereitet dann eher die notwendige Basis für ein versöhnliches, von Altlasten bereinigtes Verhältnis zu den eigenen Eltern. Eine Mauer um die Trauer ist nie gesund. Um Akzeptanz eigener Emotionen und Geschichte geht es letztlich – nicht um Verdrängung, Vorwürfe oder Schuld.
Mark Novy, Dipl.-Psych., BonnEinigen Aussagen von Herrn Schmidbauer, insbesondere was das Psychologisieren und Pathologisieren von Alltagsphänomenen betrifft, kann ich durchaus zustimmen. Ich sehe aber auch einen Fortschritt darin, dass die Bedürfnisse von Kindern mehr in den Vordergrund getreten sind, zumal sie jahrhundertelang keine Rolle spielten und Eltern nicht angezweifelt werden durften. Dass nun eine Art Überfürsorge und Überförderung stattfindet, ist nicht abzustreiten. Dennoch finde ich manche Aussagen von Herrn Schmidbauer arg verallgemeinernd und aus meiner Sicht als Psychotherapeutin nicht zutreffend. So geht es bei der Arbeit mit dem inneren Kind doch nicht darum, sich als Kind zu inszenieren beziehungsweise Kind zu bleiben. Sondern darum, diesen Kindanteil in uns zu identifizieren und zu trösten, wenn er verletzt ist, um ihn letztlich in den »gesunden Erwachsenen« zu integrieren. Vereinfacht ausgedrückt: Der Zugang zum inneren Kind verbessert die Möglichkeit, sich erwachsen und selbstwirksam
zu verhalten (und eben nicht kindisch).
Alexandra zu Bentheim, BerlinAus eigener Erfahrung – Wolfgang Schmidbauer hat recht: Einen Schritt zurückzutreten und zu versuchen, Empathie oder zumindest Verständnis für das Verhalten der/des anderen (auch der eigenen Eltern) aufzubringen, macht zwar kein unschönes Erlebnis ungeschehen. Aber es eröffnet einem die Möglichkeit des Verstehens und vor allem danach des Verzeihens. Wem dies gelingt, der ist im eigenen Leben und in der persönlichen Autonomie angekommen und benötigt keine »Schuldigen« mehr.
Michael Skuppin, Bad Saulgau (Bad.-Württ.)Es geht nicht darum, die Eltern anzuklagen, um sich dann als -Opfer freizusprechen. Es geht darum, eigene (»unerklärliche«, schädliche) Verhaltensweisen auf eine verstehbare Ursache zurückzuführen, um damit dann besser leben zu können. Auf der gesellschaftlich-politischen Ebene: Das Erstarken der AfD, die hasserfüllte Irrationalität der halben Wählerschaft der USA, der wachsende Faschismus – fällt das alles vom Himmel? Ohne jede Ursache?
Dr. Michael Groß, Nesselröden (Nieders.)
Die Beförderungsministerin
Heft 43/2024 DP-Forschungsministerin Bettina Stark-Watzinger schanzt Parteifreunden Führungspositionen zu
Parteibuch vor Fachwissen – liegt hier nicht grobe Fahrlässigkeit vor? Wer aber meint, dass unter neuer Regierungsverantwortung alles besser wird, der irrt. Man bedenke die drei M der vorigen Regierung: Masken, Maut, Migration.
Gerhard Draumann, Bürstadt (Hessen)
Was Deutschland bei Wärmepumpen noch falsch macht
Heft 43/2024 Schwieriger Umstieg auf Wärmepumpen
Die Industrie muss Wärmepumpen endlich zu marktüblichen Preisen wie in Schweden anbieten – also etwa 50 Prozent des deutschen Preisniveaus. Wenn ein Produkt mit 70 Prozent gefördert wird, ist das ein Hinweis auf mangelnde Wirtschaftlichkeit, und hier verdient sich die Industrie eine goldene Nase.
Dieter Fries, Hamburg
Einfach wie wirksam
Heft 43/2024 Finanzberaterin Helma Sick kritisiert im SPIEGEL-Gespräch die fatale Abhängigkeit der Frauen von ihren Männern
Frau Sick hat die Lösung gegen Altersarmut bei Frauen durch Kinderbetreuung: Verluste in der Rentenversicherung gleicht der Partner durch einen Aktiensparplan auf den Namen der Frau aus. So einfach wie wirksam.
Henry Müller, Paderborn
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