Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL
Briefe
Onkel zum Gernhaben
Heft 18/2023 Titel: Minister Perfect?
Ich bin mal wieder entzückt von Ihrem Titelbild. Kann dieser Mensch böse sein? Es lässt hoffen, dass er mit seiner glaubwürdigen, unverkrampft sympathischen Art die unsäglich Putin-affine SPD aus ihrer Misere reißt. Dann könnte man auch das Fragezeichen hinter »Minister Perfect« weglassen.
Hildtraut Heitland-Schröder, AugsburgEs ist unmöglich, beim Betrachten des Titelbildes nicht an Uncle Sam oder – leider – Trump zu denken, bei denen jedoch dieselbe Geste so völlig andere Assoziationen bewirkt. Sie wird bei ihnen mit rechts ausgeführt, wirkt bedrohlich oder ranschmeißerhaft, bei Pistorius eher wie ein schelmisches »Du warst das mit dem Papierkügelchen, stimmt’s?« Ein rundum gelungenes Titelbild also, ein Onkel zum Gernhaben, perfekt. Wie sagt doch der Offizier im Text: »Der Mann ist ’ne Wohltat.« In der Tat, nach den Rohrkrepierern unter seinen Vorgänger:innen und dem zögerlichen Kanzler mutet sein beherzter Pragmatismus wohltuend an.
Hans-Dieter Schabram, BerlinEin erfolgreicher Politiker wie Boris Pistorius hat es nicht nötig, vom SPIEGEL zum beliebtesten Politiker Deutschlands hochgelobt zu werden. Er hat vielmehr, wie Sie richtig sagen, im Unterschied zu seiner Vorgängerin ein zupackendes Wesen und Freude an seinem neuen Job. Das verfehlt nicht seine Wirkung in der öffentlichen Wahrnehmung.
Hans-Georg Wendland, HannoverBoris Pistorius ist von der ersten Stunde an in der Truppe angekommen: Persönlichkeit, Auftreten, Ausstrahlung, erste klare Ansagen und Entscheidungen. Seit vielen, zum Teil unsäglichen Vorgängern, identifiziert sich erstmals wieder ein Verteidigungsminister ernsthaft und glaubwürdig mit der Truppe und deren Problemen, und die Truppe identifiziert sich innerhalb weniger Tage mit ihrem neuen militärpolitischen Befehlshaber.
Dr. Reinhard Bunselmeyer, Wedemark (Nieders.)Man fragt sich angesichts der durchweg positiven Einschätzungen des neuen Verteidigungsministers, ob der zeitraubende Umweg über den eklatanten Dilettantismus seiner Vorgängerin wirklich sein musste.
Uwe Fuhrmann, Monschau (NRW)Wird da nicht das Bild vermittelt, Männer können es einfach besser beim Militär? Pistorius hat keine einzige Generalin im Team. Gibt es überhaupt welche?
Harald Dupont, Ettringen (Rhld.-Pf.)Dieser Typ Politiker hält sich für den Klassenbesten und muss sich permanent entsprechend darstellen. Jemand, der als Erster redet, Rechthaber, mit unendlicher Selbstgewissheit ausgestattet. Je nach Einschätzung geht er als Wichtigtuer oder als Zupackender durch. Ob er der von vielen erhoffte Pragmatiker ist, wird sich zeigen. Ganz sicher aber hat sich der Bundeskanzler einen ernsthaften Rivalen ins Kabinett geholt, der ihm bei der nächsten Kanzlerkandidatur schwer zusetzen wird. Längst wird gemunkelt, dass die Stufe Verteidigungsminister nur ein Zwischenstopp auf der Karriereleiter ist. Jedenfalls wird sich erst zeigen müssen, ob Herr Pistorius nur Klassenbester zu sein scheint oder ob er es tatsächlich ist.
Axel Ihde, Hemmingen (Nieders.)
Kritik ohne Vorschlag
Heft 17/2023 Leitartikel: Die Aktivisten der »Letzten Generation« schaden dem Klimaschutz
»Schulschwänzerbewegung«? Das klang beim Schreiben sicherlich schmissig und kreativ. Jedoch ist das, wenn man ehrlich zu sich selbst und der Sprache ist, eine griffige Verurteilung der Bewegung, denn sie rückt sie in die Nähe von Müßiggang und Drückebergertum. Ich lese gerne Kommentare, die sich klar festlegen, auch nicht unbedingt mit mir im Gleichklang sind. Dennoch erwarte ich, dass Journalisten mich inhaltlich bereichern.
Stefan Freier, DüsseldorfIch bin nicht dafür, dass sich Klimaaktivisten auf die Straße kleben. Aber ich kann den Gedankengang nachvollziehen. Es geht ums Bewusstsein. Das Bewusstsein dafür, dass wir Menschen auf diesem Planeten sind und dass uns niemand die Erlaubnis gegeben hat, das zu tun, was wir tun. Wir nehmen uns so wichtig, wir stellen uns über alles und jeden. Und dabei vergessen wir, wo wir hier überhaupt sind. Nämlich auf einer Erde in einem unendlichen Universum. Und auf einmal sind wir doch ganz klein. Aber dieser Gedanke funktioniert in unseren Leben, in unserer Gesellschaft nicht mehr. Wir haben ihn durch die Systeme, an denen wir unser Leben orientieren und organisieren, zerstört. Wir können nicht mehr selbstlos handeln. Es ist vorbei. Deswegen klebe ich mich nicht auf die Straße. Ich stimme mit jedem Gedanken der Aktivisten überein. Aber ich habe schon aufgegeben.
Mia Semmlack, KielDer menschengemachte Klimawandel ist von niemandem mehr zu leugnen. Trotzdem reagiert die Politik nicht entsprechend. Es geht darum, die Klimakrise im letzten Moment abzuwenden. Einen Mittelweg gibt es nicht. Die Botschaft kann nur heißen: Hört auf die Wissenschaft und reagiert sofort. Nichts anderes, als das zu vermitteln, versucht die »Letzte Generation«. Es wird der Tag kommen, da werden sich unsere Kinder und Enkelkinder für diesen mutigen Einsatz bedanken. Die Aktivistinnen und Aktivisten verdienen keinen Hass, sondern unseren Respekt! Nicht die Demonstrantinnen und Demonstranten sind die Täter, sondern die verantwortlichen Politikerinnen und Politiker aller Couleur, die den Klimawandel nicht oder nur mit geringstem Aufwand bekämpfen oder ihn gar leugnen, sind die Klima-Terroristen.
Uwe Mehl, HamburgDer Klimawandel kann nur beendet werden, wenn global gehandelt wird. Die Menschheit jedoch zerfleischt sich seit Jahrtausenden in brutalen, sinnlosen Kriegen. Wie soll es so jemals zu einer weltweiten, friedlichen Aktion gegen den Klimawandel kommen?
Rainer Kollewe, Laer (NRW)Spätestens seit der Pariser Klimakonferenz gibt es öffentlich dargestellte Entschlossenheit, den Klimawandel zu bekämpfen, es gibt Urteile des Verfassungsgerichtes dazu, es gibt Wahlkämpfe mit Klimakanzlerinnen und Klimakanzlern, Klimagesetze, Fridays for Future, Scientists for Future, Demonstrationen und so weiter. Nur: Es geht alles entschieden zu langsam. Diverse Kunstformen in Musik, Malerei, Bildhauerei, Kabarett zeigten keine Erfolge. Welche mitnehmende Protestformen gegen die Untätigkeit schlagen Sie denn vor? Kritik ohne Vorschlag ist billig.
Johannes Zauner, Laaber (Bayern)
Ich bin enttäuscht
Heft 17/2023 Die Gegendarstellung: Habecks Klüngelwirtschaft
Der Text von Herrn Neubacher über Minister Habecks Klüngelwirtschaft macht sprachlos. Man will einfach nicht glauben, dass solche Clan-artigen Strukturen in einem Ressort der Bundesregierung möglich sind, und das ausgerechnet bei den Grünen, die als selbst ernannte Lehrmeister mit dem moralischen Zeigefinger durch das Land laufen. Es bleibt die – wenn auch schwache – Hoffnung, dass der Bundeskanzler in diesem Laden Ordnung schafft.
Elvira Hofmann, Immenstaad (Bad.-Württ.)Hoffentlich hat dieses System bald ein Ende. Das ist ja noch schlimmer als alles Dagewesene.
Rüdiger Schalke, Langendorf (Nieders.)Oh Mann. Endlich mal wieder ein ehrlicher, zugewandter und moralisch einwandfreier Politiker in Sicht, dem wohl nicht nur ich noch einiges mehr zugetraut haben – und dann so etwas. Ich bin enttäuscht.
Werner Ocken, Geestland (Nieders.)
Kann das gut gehen?
Danke für die facettenreiche Darstellung der Chancen des Deutschland-Tickets. Geärgert habe ich mich über einen Aspekt der Entstehungsgeschichte des 9-Euro-Tickets. Ergebnis jener Nachtsitzung war, dass der Nahverkehr für neun Euro angeboten werden sollte – in dem Sinn, dass die Verkehrsverbünde dies jeweils anbieten sollten. Dass die Fahrkarte bundesweit gelten soll, ist erst im Verlauf der öffentlichen Diskussion dazu ergänzt worden. Beschreibungen wie: »Das erste Deutschland-Ticket ist geboren« und »Superticket« im Zusammenhang mit jener Nachtsitzung zum Entlastungspaket sind daher so nicht richtig und stellen Volker Wissings Rolle unzutreffend dar.
Gabriel Wilkes, KarlsruheSie schreiben über das Deutschland-Ticket, als wäre es ein pures Bahnticket. Dabei gilt es auch im städtischen Verkehr. In Hamburg zum Beispiel, der Stadt Ihrer Redaktion, kostet eine Monatskarte in Abo heute 96,90 Euro, ab nächster Woche bekommt man sie für ziemlich genau die Hälfte dieses Preises. Das heißt, selbst Fahrgäste, die nie mit der Eisenbahn fahren, nie Tarifgrenzen übertreten, nur täglich mit der U-Bahn oder dem Bus innerhalb der Stadt reisen, sparen 47,90 Euro monatlich. Einerseits ist das wahrscheinlich wichtiger als die deutschlandweite Gültigkeit. Andererseits fallen so gewaltige Einnahmen bei den Verkehrsunternehmen aus, die vom Bund und vom Land (in Hamburg ist es die Stadt) ausgeglichen werden müssen, sodass am Ende Geld ins Billigticket statt die Erweiterung des Angebots oder die Instandsetzung oder Entwicklung der Infrastruktur gesteckt wird. Kann das langfristig gut ausgehen? Ich habe Zweifel.
Attila Németh, Rheinbach (NRW)
Wie schlecht es doch war
Heft 17/2023 Erziehung: Das System der Wochenkrippen in der DDR traumatisierte viele Betroffene
Ich bin im Osten groß geworden. In einer Wochenkrippe war ich nicht, aber schon in frühem Alter im Kindergarten. Ich halte das ganze Gefasel davon, dass die Wochenkrippen oder auch der Besuch der Kitas ab dem frühen Kindesalter schädlich seien, für notorischen Unsinn. Hier wird nur nach Gründen gesucht für das eigene Scheitern oder sonstige Defizite. Die alte DDR kann sich diesem Gefasel nicht mehr erwehren. Das Ganze passt mithin schön in die Geschichte davon, wie schlecht es doch im Osten war. Das ist der gleiche Unsinn wie die Geschichte davon, wie schlecht es Kindern in Kinderheimen der DDR gegangen sei. Ich habe zu DDR-Zeiten eine Belegarbeit mit Bezug zu den Kinderheimen geschrieben und mich daher sehr intensiv mit der Sache beschäftigt. Es gab damals keine systemimmanente Schlechtbehandlung der Kinder in den Kinderheimen.
Frank Wunderlich, Nöbdenitz (Thür.)Im dritten Absatz ist zu lesen »ehemalige DDR«. Tatsächlich ist wohl die »damalige DDR« gemeint oder schlicht »die DDR«. Die ehemalige DDR sind die heutigen ostdeutschen Bundesländer und das heutige Ostberlin. Solche Ungenauigkeiten führen bei mir dazu, dass ich Artikel nicht weiterlese.
Jörg Jung, BremerhavenSie schreiben: »Zudem galt als ›asozial‹, wer nicht fristgerecht die Arbeit wieder aufnahm, und musste gar eine Gefängnisstrafe fürchten.« Das ist Unsinn. Ich kann ihnen unzählige Mütter aufzählen, die mehrere Jahre zu Hause geblieben sind und sich um ihre Kinder beziehungsweise Familien kümmerten. So einen Artikel kann nur einer der Westjournalisten geschrieben haben, die uns Ossis erklären wollen, wie wir in der DDR gelebt haben.
Ulrich Große, Weinböhla (Sachsen)
Galeria-Eigentümer unter Druck
Heft 17/2023 Das Geschäft von Immobilienkönig René Benko gerät in Schieflage
Die Geld- und Bedeutungsgier von Menschen wie René Benko und seinen Investoren zeigt wieder einmal auf, dass es in diesen Kreisen keine Ehrlichkeit, keine Rechtschaffenheit und keinen Ansatz eines Gemeinwohlgedankens gibt.
Jo Hempel, Bonn
Justizdrama in Bayern
Heft 17/2023 Treffen mit Manfred Genditzki, der 13 Jahre lang hinter Gittern saß – wahrscheinlich unschuldig
Man weiß nicht, wem man mehr danken soll: der Familie, die das alles aushält, ohne an der Gesellschaft irre zu werden, der großartigen Rechtsanwältin, die zeigt, dass wir Heldinnen haben, oder Ihnen für Recherche und Darstellung auf Goldniveau.
Willibald Döringer, Fußgönheim (Rhld.-Pf.)
Liegestütze mit nacktem Oberkörper vor dem Professor
Heft 17/2023 An mehreren Universitäten gibt es Vorwürfe gegen Professoren
Braucht es eine Art »Synodalen Weg im deutschen Hochschulwesen«? Bei mehr Mitbestimmung der Studierenden auch im Doc- und Postdoc-Studium ließe sich die Zahl der schwarzen Schafe unter den ProfessorInnen um einiges reduzieren.
Frank Stößel, Zell am Main (Bayern)
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