Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL
Briefe
Gewagte Spekulationen
Heft 28/2025 Titel: Die neue Kriegsangst
Wir leben seit 2014 nicht mehr in Frieden, aber noch nicht im Krieg. Ein Rückblick auf unsere Lebensgewohnheiten der letzten 20 Jahre und eine sachliche Vorausanalyse für die nächsten 5 Jahre würde vielen Mitbürgern helfen, diese aktuelle Welt noch zu verstehen und ihr persönliches Leben danach auszurichten.
Heiko Matthes, HamburgEs mag wenige Bunkerbauer, Paniker und Deutschland-Flüchtige geben, aber sie repräsentieren nicht die Stimmungslage in Deutschland. Ich erlebe unser Land anders.
Jochen Schreier, FürthIch finde das Titelbild sehr gelungen, es zeigt in »schonender« Weise, was Krieg sein kann. Es grüßt eine 67-jährige Frau, die mit einer aus Ostpreußen geflohenen Großmutter aufgewachsen ist, von der sie nur sparsam über die Not des Krieges erfahren hat. Und mit einer als Kleinkind traumatisierten Mutter, die selbst als erwachsene Frau noch den Tränen nahe war, wenn sie von Bombenlärm und Schutzkellern erzählt hat. Hat unsere Generation es gut (gehabt), dass wir bisher ohne Krieg leben durften.
Sabine Lamka, Ilshofen (Bad.-Württ.)Wladimir Putin wird ohne gezielte Gegenschläge weitermachen. Mit Gegenschlägen meine ich das Kassieren von Öltankern der Schattenflotte, das Schließen der vielen Trollredaktionen in der EU, die Ausweisung von Russen, die hier gegen uns agieren, die Freigabe der eingefrorenen Vermögen, endlich eine massive Unterstützung der Ukraine, auch mit EU-Soldaten im Land. Nur wenn wir klarmachen, dass wir diese Nadelstiche nicht dulden, wenn wir viel schneller, konsequenter und entschiedener handeln, haben wir die Sicherheit, die wir wollen und brauchen. Ein Aufschaukeln oder eine Eskalation sehe ich darin nicht, solange wir uns nur verteidigen.
Thomas Poppe, Gröbenzell (Bayern)Im Spannungs- und Verteidigungsfall können Männer vom 18. bis 60. Lebensjahr zum Militär eingezogen werden. Was nützt mir dann ein Bunker daheim im Haus? Zudem muss ich mich fragen, was mit mir und meiner Persönlichkeit passieren wird, wenn ich im Kriegsfall Menschen getötet, schwer verletzt und deren Freunden und Angehörigen unendliches Leid zugefügt habe. Kann ich dies mit meinem Gewissen vereinbaren? Ich bereite mich auf den Spannungs- und Verteidigungsfall vor, indem ich meinem Gewissen folge und den Kriegsdienst verweigere, wie es das Grundgesetz in Artikel 4 Absatz 3 ermöglicht.
Klaus Stampfer, Bonstetten (Bayern)Die Rhetorik, dass die Bundeswehr bis 2029 kriegstüchtig sein muss, impliziert bei den jungen Leuten die Vorstellung, dass in vier Jahren Krieg geführt wird und sie unter Umständen ihr Leben opfern müssen. Zielführender wäre die Aussage, dass die Bundeswehr innerhalb der Nato so stark sein muss, dass keiner es wagt, sie anzugreifen. Vielleicht sollte die Rhetorik mehr darauf zielen, Gedanken zur Vermeidung eines Krieges zu entwickeln.
Günter Burtack, HamburgJetzt muss auch der SPIEGEL den Lesern Angst machen, um Auflage zu machen. Was soll das bedeuten: »Die neue Kriegsangst«? Russland wird also die weit überlegene Nato angreifen. Im Ernst? Wenn man sich nicht absolut sicher ist, sollte man niemals solche gewagten Spekulationen verbreiten. Was soll das auch nützen? Sollen wir jetzt unsere Kinder verrückt machen? Seit drei Jahren führt Putin einen Krieg gegen die Ukraine. Und er hat sich nicht weiter ausgedehnt.
Matthias Riedel, Oberfell (Rhld.-Pf.)Die Reaktion auf die Frage, was wir als Deutschland und jeder Einzelne bereit sind, für die Sicherheit Deutschlands und den Frieden in Europa zu tun, scheint ein freundliches Desinteresse zu sein. Wehrpflicht für alle ist okay, aber nicht für mich und meine Kinder, höre ich zu oft aus meinem Umfeld. Wenn wir da nicht aufwachen und ein Bewusstsein schaffen, dass Sicherheit, Freiheit und Wohlstand nicht gottgegeben sind, kann es zu spät sein. Ihre Berichterstattung flankiert es, hier ein Bewusstsein zu schaffen.
Carsten Glawatz, Bremen
Lächelnde Maske der Unschuld
Heft 27/2025 Leitartikel: Jens Spahn ist für politische Ämter ungeeignet
Sie haben in den meisten Punkten recht. Allerdings widerspreche ich Ihrer Meinung, dass »die Vergangenheit, kaum vorbei, schon wie ausradiert wirkt aus dem öffentlichen Gedächtnis«. Es ist nicht das kollektive Gedächtnis, das vergisst. Es sind in erster Linie die Instinktlosigkeit der CDU (seitenweise geschwärzter Untersuchungsbericht) und Verantwortungslosigkeit der Regierungsparteien, die vergessen wollen. Mit dieser Strategie wird die AfD bei den kommenden Wahlen noch mehr Stimmen gewinnen. Danke Herr Spahn, danke CDU.
Dr. Jana Schubert, LeipzigWas so ein Leitartikel mit gut sortierten Fakten und wohlgesetzten Worten bewirken kann. Dem Meister der Verschleierungskunst wird die lächelnde Maske der Unschuld vom Gesicht gerissen.
Christian Hertwig, Oberhausen (NRW)Wir sollten Herrn Spahn nicht verurteilen, weil er sich nicht an die Regeln gehalten hat, sondern ihm dankbar sein, dass er sich darüber hinweggesetzt hat. Sonst hätte es eine Katastrophe gegeben. Unsere Bürokratie ist nicht in der Lage, auf Notfälle zu reagieren. Da helfen nur unkonventionelle Maßnahmen.
Dietrich Richter-Thiering, Leichlingen (NRW)In einer Demokratie kann so etwas nicht mit Ignoranz unter den Tisch gekehrt und »weggelächelt« werden. Jens Spahn muss sich aus der Politik zurückziehen, und zwar schnellstens. Das würde der CDU Pluspunkte bringen, um wieder glaubwürdig zu sein.
Angelika Hinz, HannoverIch bin kein Freund des Politikers Jens Spahn. Aber eins muss man deutlich sagen: Ob er und sein Mann sich eine »Millionenvilla in Berlin« leisten können, geht niemanden etwas an außer den Kreditgebern.
Berend Detsch, Düsseldorf
Ideologisch gefärbt
Heft 27/2025 Julia Klöckners ungewöhnliche Amtsführung
Die Vergabe wichtiger politischer Posten ist ja oft Sache des guten Instinkts. So wie mit Norbert Lammert erfreulich ins Schwarze getroffen wurde, kann es, wie jetzt mit Julia Klöckner, schmerzlich danebengehen. Ihr leicht rechthaberisches Auftreten erinnert eher an eine subjektiv fokussierte Zuchtmeisterin als an eine Bundestagsvorsitzende, die eine Parlamentsdebatte souverän und unter neutralen Gesichtspunkten zu dirigieren fähig ist.
Hildtraut Schröder, AugsburgMit Empörung habe ich die Behauptung Julia Klöckners zur Kenntnis genommen: »Ohne das Kreuz gäbe es die offene Gesellschaft, wie wir sie heute in Deutschland haben, nicht.« Diese Behauptung ist geschichtlich verkürzt und ideologisch gefärbt. Das Grundgesetz von 1949 wurde nicht auf religiöser Basis, sondern nach säkular-demokratischen Prinzipien geschaffen, etwa dem der Menschenwürde, der Meinungs-, Religions- und Pressefreiheit, der Gleichberechtigung. Diese Werte sind nicht exklusiv christlich und teilweise sogar in Spannung zur kirchlichen Lehre entstanden. Eine offene Gesellschaft bezieht ihren Wert gerade aus der Vielfalt und Toleranz gegenüber verschiedenen Weltanschauungen, nicht aus der Dominanz einer einzigen religiösen Tradition. Von der Präsidentin des Deutschen Bundestages muss man erwarten, über so viel geschichtliche Kenntnis zu verfügen. Hat sie diese nicht, ist es extrem peinlich, stellt sie wider besseren Wissens die zitierte Behauptung auf, ist es unentschuldbar.
Jochen Kopp, Lingen (Nieders.)
Unwissen präsentiert
Heft 27/2025 Streitgespräch über den Mietenwahnsinn
Warum lassen wir uns nicht von Lösungsansätzen im Ausland inspirieren? In Dänemark dürfen nur Menschen Eigentum erwerben, die dort ihren ersten Wohnsitz haben. Damit bekommen die Menschen Wohnraum, die ihn brauchen, und nicht die, die nur spekulieren wollen oder einen fünften Feriensitz benötigen. In den USA und in Kanada wird – trotz der vorhandenen Flächen – in den Städten in die Höhe gebaut. Warum passiert das nicht in Deutschland?
Silke Naaf, MünchenEin Aspekt wird bei der Diskussion viel zu wenig beachtet: In Deutschland laufen wir beim Wohnflächenkonsum auf 50 Quadratmeter pro Kopf zu, in Großstädten wie Berlin oder Hamburg sind es immer noch 40 Quadratmeter. In London, Paris oder Tokio sind es viel weniger.
Helgo Klatt, HamburgDass Bauministerin Hubertz ihr Unwissen über möbliertes Wohnen präsentieren musste, war unnötig. Bei einer möblierten Wohnung geht es nicht um eine »Ikea-Couch in der Ecke«, sondern darum, dass in der Wohnung alles ist, was man braucht (Kühlschrank, Geschirrspülmaschine, Staubsauger, Geschirr, Wäsche …) und man sich um nichts kümmern muss (keine Reparaturen, kein Streichen der Wände …). Mieter von möblierten Wohnungen sind andere als die von leeren Woh-nungen. Ihre Alternative wäre ein Hotel oder eine Pension. Die Mieter leerer Wohnungen hingegen haben keine Alternative. Eine Mietpreisbremse für mö-blierte Wohnungen mag richtig und durchführbar sein, sollte aber das Hauptaugenmerk nicht von der Wohnungsnot bei normalen Wohnungen ablenken.
Renata Stiller, Hamburg
Bettelei im Zug gehört verboten
Heft 27/2025 Streit ums Bettelverbot in U-Bahnen
Ich kenne die Bettelei aus München und Berlin. In Berlin kommt es aber viel häufiger vor. Die Protagonisten verhalten sich sehr unterschiedlich. Manche friedlich wie Herr Kraeft, manche aggressiver, manche treten mit oder ohne Talent musikalisch in Erscheinung. Betteln ist also nicht gleich Betteln, und Musik ist nicht immer Musik. Wenn auf der Straße Bettler sitzen, kann ich entscheiden, wem ich was gebe und einen schönen Tag wünsche, wobei Frauen und Straßenmusikanten bei mir Priorität haben. In der Tram, der U- oder S-Bahn sitze ich zwischen zwei Stationen wie in der Falle, kann weder lausiger Musik ausweichen noch den Bettelsprüchen. Das Gefangensein macht die Aktionen doppelt unangenehm oder lässt sie sogar, besonders für Frauen, bedrohlich erscheinen. Das Betteln in geschlossenen öffentlichen Transportmitteln zu erlauben, halte ich für eine Scheinlösung. Es bräuchte eine effektive Sozialarbeit, die Leute wie Herrn Kraeft schon im Anfangsstadium von der Straße holt. Es bräuchte billige und betreute Wohnungen oder WGs für Jugendliche und Ältere. Aber da spart unser Staat seit Jahren.
Dr. Angelika Koller, MünchenIch fahre nicht mehr mit öffentlichen Verkehrsmitteln, auch weil ich immer wieder auf Stationen und in Zügen belästigt wurde. Natürlich ist es ein gesellschaftlicher Skandal, wenn Mitmenschen in einem reichen Land wie Deutschland betteln müssen. Aber ich möchte auch meine Ruhe haben, wenn ich den Fahrpreis bezahle. Sollte das Recht, in der U-Bahn zu betteln, als Grundrecht festgelegt werden, so würde ich das selbstverständlich akzeptieren. Aber den öffentlichen Personennahverkehr werde ich weiterhin nicht nutzen.
Uwe Protsch, Frankfurt am MainDie Lebensrealität von Herrn Kraeft ist für ihn belastend, solche Biografien sind mir berufsbedingt nicht fremd. Es gibt vielfältige Hilfsangebote. Auf dem Bahnsteig, auf der Treppe zum Bahnsteig, im Zug kann ich nicht ausweichen. Ich werde in eine Situation gebracht, die ich nicht will. Wenn ein Mensch auf der Straße bettelt, kann ich dem aktiv aus dem Weg gehen. Helfe ich diesem bettelnden Menschen mit Geld? Nein. Für dessen Gesundheit und Lebensweg ist jeder erhaltene Cent, der für Drogen draufgeht, ein Sargnagel. Ich bin der Meinung, dass diese Bettelei im Zug, am Bahnhof verboten gehört.
Cornelia Koltes, Bremen
Trump drängt Merz in die Zuschauerrolle
Heft 27/2025 Möchtegern-Außenpolitiker Friedrich Merz
Trump macht Merz und die Europäer zu willigen Claqueuren seiner Politik und seiner Person. Huldigungsveranstaltungen wie G7- und Nato-Gipfel dokumentieren die Entmündigung der Europäer in der Weltpolitik.
Dietmar Sobottka, Chemnitz
Er versteht die Welt nicht mehr
Heft 27/2025 Rolf Mützenich ringt mit sich und seiner Partei
Als zeitweilig begeisterter SPD-Anhänger bitte ich Rolf Mützenich, mir wie vielen anderen enttäuschten SPD-Gläubigen zu folgen und sich dort zu engagieren, wo die Ideale der alten geliebten SPD noch gelten, nämlich bei den jungen Linken.
Heinz Bäcker, Dortmund
Der erste Kernfusionsreaktor?
Heft 27/2025 Deutschlands Jagd nach dem Fusionsreaktor
Die Schätzung der Unternehmensberater von McKinsey, wonach Fusionsenergie in Europa 2050 ein Fünftel zur Energie beitragen soll, entbehrt jeglicher ernsthaften Grundlage. Physik
ist nicht Business.
Prof. Dr. Ingo Hofmann, Potsdam
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