Briefe - DER SPIEGEL
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Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL

Briefe

10 Jahre nach »Wir schaffen das«, Rentenpolitik der Regierung, Schriftstellerin Gertraud Klemm über Leben im Patriarchat – das waren die Themen, zu denen wir in der vergangenen Woche die meisten Zuschriften erhalten haben.
• aus DER SPIEGEL 33/2025

Eine aufschlussreiche Analyse

Heft 32/2025 Titel: 10 Jahre nach »Wir schaffen das« 

  • Danke für diese Bestandsaufnahme. Nicht alles wurde also geschafft. Mein Eindruck war aber, dass vor zehn Jahren jeder in die rechte Ecke gestellt wurde, der nur leichte Vorbehalte äußerte, ob alles geschafft werden würde. Ein in der Theorie unbegrenztes Asylrecht stößt nun mal in der Praxis auf Grenzen. Beispiel Wohnraum: Schon vor 2015 war es für Menschen mit niedrigen Einkommen fast unmöglich, eine bezahlbare Wohnung zu finden. Die Flüchtlinge konkurrierten dann gewissermaßen mit dieser Personengruppe auf dem Wohnungsmarkt. Schon deshalb hätte seit zehn Jahren viel mehr bezahlbarer Wohnraum geschaffen werden müssen.
    Christian Müller, Lübeck

  • In dem Artikel wird als Ursache dafür, dass in Deutschland »rassistische Töne salonfähiger« geworden sind, die Zuwanderung angegeben. Also sind die vor Krieg und Not zu uns geflüchteten Menschen jetzt auch noch schuld daran, dass immer mehr Deutsche zu Rassisten werden? Wo bleibt die Analyse, dass die Ethnisierung von sozialen Pro­blemen (Wohnungsnot, keine Kitas und so weiter) durch Politik und Medien den Ausländerhass geschürt hat? Statt soziale Pro­bleme durch Politik zu lösen, macht man die Zuwanderer für diese verantwortlich. So wird Rassismus befördert.
    Martin Singe, Bonn

  • Die anhaltende Verkürzung einer differenzierteren Aussage von Frau Merkel auf der Bundespressekonferenz im August 2015, nämlich »Wir haben so vieles geschafft – wir schaffen das«, hat es eben nur zur Hälfte in die Schlagzeilen geschafft. Beleg eines merkwürdigen Journalismus. Die Titelgeschichte liefert zwar eine sachkundige und aufschlussreiche Analyse, der Fairness wegen hätte jedoch das Hinzufügen des ersten Halbsatzes der damaligen Bundeskanzlerin der sachlichen Argumentation ein anderes Gewicht verliehen.
    Karl Mertes, Köln

  • Es sind also schon zehn Jahre, seit ich mich sehr stark ehrenamtlich engagiere. Ich persönlich fühle mich sehr gut damit. Dieser Punkt darf nicht vergessen werden. Wir Ehrenamtlichen leben auch von dem, was wir erschaffen haben und weiterhin werden. Nicht zu vergessen ist die persönliche Anerkennung im eigenen Umkreis.
    Kirsten Borm, Kiel

  • Seit der Ära Schröder und Merkel hat sich Deutschland zu einem Musterbeispiel friedlicher Koexistenz entwickelt. Doch Deutschland ist politisch noch nicht ausreichend gereift. Hier wird jemand, der sich mit arabischen Ländern solidarisiert, als Anti­semit abgestempelt, sobald er die Verbrechen des Zionismus verbal angreift. Die alltäglichen Verbrechen an Palästinensern in ihrer Heimat werden nur am Rande erwähnt, während Widerstandskämpfer auf palästinensischem Gebiet in den deutschen Medien als Terroristen gelten. Im Umgang mit Menschen aus dem Nahen Osten gelten daher Doppelstandards. Obwohl diese Wahrnehmung in der goldenen Ära Schröder und Merkel nicht gravierend war, werden hier Menschen, die aus den Feuern des Nahen Ostens kamen, radikalisiert, obwohl sie dankbar sind für das, was Deutschland für sie tut. Es ist Zeit für Deutschland, an seiner politischen Neutralität zu arbeiten und Frieden in der Welt zu schaffen.
    Prof. Dr. habil. Walied Abdulla, Bernburg (Sachs.-Anh.)

Sozialpolitischer Irrsinn

Heft 32/2025 Leitartikel: Die Rentenpolitik der Regierung grenzt an Realitätsverweigerung 

  • Leider verschweigt der Verfasser des Leitartikels ebenso wie Wirtschaftsministerin Reiche einige entscheidende Fakten zum Thema Rente: Deutschland hat im europäischen Vergleich eine niedrigere Lebenserwartung, ein hohes Renteneintrittsalter und dazu bereits jetzt ein niedriges Rentenniveau. Beispielsweise haben die Schweizerinnen und Schweizer eine wesentlich längere Lebenszeit und können schon mit 65 Jahren eine höhere Rente beantragen. Es ist nicht zu bestreiten, dass andere Länder einfach ein besseres Rentensystem eingeführt haben. Daher greift es zu kurz, holzschnittartig eine längere Lebensarbeitszeit und eine niedrigere Rentenhöhe zu fordern. Unseren Politikern, deren Pensionen anscheinend immer finanzierbar sind und deshalb nie reformbedürftig werden, sollte schon etwas mehr einfallen.
    Christian Maier, Memmingen (Bayern)

  • Die im Leitartikel beschriebene Realitätsverweigerung der Regierung ist beängstigend. Zumal auch völlig unklar ist, wie die massive Zinslast der irrwitzigen Neuschulden finanziert werden kann (siehe Seite 70 im selben Heft). Schon jetzt müssen die Steuerzahler 127,8 Milliarden Euro als Zuschuss für die Rente aufbringen. Und da sollen bald noch 5 Milliarden jährlich dazukommen? Für eine Mütterrente, die niemandem wirklich hilft? Das ist wirtschaftlicher und sozialpolitischer Irrsinn. Glau­ben CDU und SPD wirklich, dass sie so die nächsten Wahlen gewinnen?
    Karl Jetter, München

  • Es ist fraglos richtig, dass die durchschnittlich deutlich längere Lebenserwartung zu einer Mehrbelastung für diejenigen wird, die für die Renten aufkommen müssen. Doch bei der Verteilung dieser Kosten wird eins geflissentlich ausgeklammert: Jahr für Jahr hinterlassen die aus dem Leben scheidenden Alten eine größere Erbmasse an die junge Generation, genauer, an den vom Glück begünstigten Teil dieser Generation. Diese Übergabe eines großen Wohlstandsvolumens von Alt auf Jung muss in die Alterssicherung einbezogen werden. Wenn man unter Beibehaltung der großzügigen steuerfreien Erbteile den steuerpflichtigen Teil zum Beispiel um zehn Prozentpunkte erhöht, kommen da viele Milliarden zusammen, und zwar mit jährlichem Zuwachs. Die Erben hätten durch ihren leistungslosen Wohlstandsgewinn immer noch keinen Grund zu klagen, und der Rente flössen sichere zusätzliche Finanzmittel zu.
    Hermann von Schuckmann, Potsdam

  • »Wir müssen mehr und länger arbeiten«, was für eine Aussage. Wo sollen wir das? In der Industrie, am Band? Dort wird doch sowieso alles automatisiert. In der Pflege? Sollen die Pflegekräfte mehr Pflegefälle betreuen? In der Verwaltung? Sollen die Sachbearbeiter mehr Formulare ausfüllen? Soll der Bäcker mehr
    Brote backen? Wir müssen in Zukunftstechnologien investieren, kreativ sein, neue Nischen erschließen und, und, und. Da­rum geht es. Wenn Personen im Rentenalter noch arbeiten wollen und gebraucht werden, dann sollen sie selbstverständlich pro­blemlos weiterarbeiten dürfen. Diejenigen, die nicht wollen, allerdings nicht, zudem viele es gar nicht mehr können. Dass die Rente eines Tages nicht mehr reichen wird, wenn man das alte System beibehält, wusste man seit den Siebzigerjahren. Vielleicht liegt es aber in der Natur des Menschen, dass er nichts tut, solange der Laden aktuell halbwegs läuft. Beim Klimawandel scheint es ähnlich zu sein.
    Georg Altvater, Mannheim

  • Wenn der Artikel eine Realitätsverweigerung beschreibt, dann die des Autors Markus Becker. Er meint, dass Merz der »Mut fehle«, der mächtigsten Wählergruppe, der »Generation 60 plus«, die Wahrheit zu sagen. Gerade diese Wählergruppe hat aber von einer Änderung des Rentensystems wenig zu befürchten und nichts zu erhoffen. Die Höhe der Beiträge und der Rentensätze, also die Vorschläge von Ministerin Reiche, haben auf die aktuellen Rentenzahlungen keine Auswirkungen. Becker beschreibt es im nächsten Absatz richtig: Es ist die jüngere Generation, welche die Kosten wird schultern müssen, egal welcher Lösungsansatz gewählt wird. Interessant finde ich, dass Becker, genauso wie Ministerin Reiche, eine Rentenreform »nur« in einer Rentenkürzung (Lebensarbeitszeit, Lohnniveau, Rentenniveau) sieht. Dass es noch viele weitere vernünftige Lösungsansätze für höhere Renten gibt (Einheitsrentenversicherung, Vermögen werden beitragspflichtig et cetera), wird nicht erwähnt. Dabei wäre das Heranziehen von Vermögen zur Beitragspflicht nur folgerichtig: Denn die Pflegeversicherung war und ist nichts anderes als eine Versicherung zum Schutz privater Vermögen. Die Allgemeinheit wird zur Kasse gebeten, damit private Vermögen nicht für die Pflege der Eltern »verpulvert« werden. So bleibt das Vermögen erhalten und steht den Erben steuerfrei zur Verfügung.
    Dieter Faulenbach da Costa, Offenbach am Main

Ich habe es satt

Heft 31/2025 Schriftstellerin Gertraud Klemm über das Leben im Patriarchat und den Vorwurf, sie sei transphob 

  • Vielen Dank für dieses Interview. Was für eine kluge Frau. Als Feministin derselben Generation teile ich ihre Empörung, bin aber auch wütend und traurig. Ich danke Frau Klemm sehr für das kompakte In-Worte-Fassen meiner turbulenten Gedanken. Darüber hinaus habe ich es satt, als kompetente, erfolgreiche Frau von allen Seiten ständig bewertet, verniedlicht und als Idiotin (weil Frau, weil Ü50, weil zu klein, zu groß, zu dünn, zu dick, zu irgendwas) hingestellt zu werden. Smash Patriarchy!
    Magdalena Pfalzer, Graz (Österr.)

  • Ein herzerfrischendes Gespräch! Frau Klemm hat meine volle Sympathie und Solidarität. Sie hat die Probleme des Feminismus klar benannt und auf den Punkt gebracht. Und es ist ein altes Problem, schon Alice Schwarzer wurde von anderen Feministinnen angefeindet. Ein Jammer: Wir könnten so viel weiter sein bezüglich der Gleichstellung von Männern und Frauen, wenn wenigstens wir feministisch gesinnten Frauen großzügig und soli­darisch miteinander umgingen. Wenn sich selbst Feministinnen bekämpfen, profitieren wirklich nur »Machomänner« und ihre patriarchalen Strukturen.
    Monika Dengler, Hamburg

  • Eins der besten SPIEGEL-Interviews seit Jahrzehnten. Nach fünfzig Jahren des Zusammenlebens mit einer leider zu früh verstorbenen aktiven Feministin, nach Diskussionen und Gedankenaustausch mit ihr und der »Szene« kann ich die Aussagen von Frau Klemm als alter weißer Mann, dabei binär, unbegrenzt nachvollziehen.
    Reinhold Rubner, Nürnberg

Was soll das?

Heft 31/2025 Wie ich lernte, Rennradfahrer zu hassen 

  • Mit großer Besorgnis habe ich die Überschrift Ihres Artikels »Wie ich lernte, Rennradfahrer zu hassen« gelesen. Diese Formulierung erscheint mir nicht nur unreflektiert, sondern kann auch dazu führen, dass Gewalt gegen Rennradfahrer gerechtfertigt wird. Es ist unbestreitbar, dass es im Straßenverkehr immer wieder zu rücksichtslosen Verhaltensweisen kommt, auch von Radfahrern. Doch rechtfertigt solch ein Gefühl wirklich Hass? Hass führt nur zu einer Eskalation von Konflikten. Die Verantwortung der Medien ist es, Diskussionen zu fördern, die auf Verständnis und respektvollem Dialog basieren – nicht auf der Schaffung von Feind­bildern. Ich hoffe, der SPIEGEL wird in Zukunft sensibler auf die Wirkung solcher Überschriften achten.
    Thomas Schäberle, Stuttgart

  • Ich kann es nicht länger ertragen, wie zunehmend eine blinde Hetze des Empörungsjournalismus gegen alles Mögliche um sich greift. Lastenradfahrer, Rennradfahrer, Rollerfahrer – alle werden über sämtliche Print- und Onlinemedien reihum permanent zum Feindbild erklärt und skandalisiert. Verglichen mit den externen Kosten des privaten Pkw-Verkehrs (Lärm, Verkehrstote, Luftbelastung, Klimaauswirkungen), sind die Empörungsgegenstände, die den genannten Gruppen pauschal zugeschrieben werden, von marginaler Relevanz. Was soll das also? Mich nervt es nur noch.
    Andreas Graf, Berlin

  • Die Rennradfahrer sind nach meiner Einschätzung nicht das Problem. Die Fahrer von getunten E-Fahrrädern halte ich für viel gefährlicher.
    Thomas Grunau, Bottrop

Abschottung gegen Migration

Heft 31/2025 Länder, die ihre Grenzen dichtmachen, schaden sich oft selbst 

  • Auf diesen Debattenbeitrag zur repressiven deutschen und europäischen Migrations- und Asylpolitik haben hoffentlich viele SPIEGEL-Leser:innen lange gewartet. Bitte unbedingt mehr davon!
    Uwe Tünnermann, Lemgo (NRW)

Wir gegen die, die gegen uns

Heft 31/2025 Der Kulturkampf erreicht die Politik 

  • Den Kampf gegen Hass, Hetze und Gewalt würde ich niemals einen »Kulturkampf« nennen. Wer das tut, übernimmt die Verharmlosungsstrategie der AfD.
    Dr. Michael Groß, Nesselröden (Nieders.)

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