Briefe - DER SPIEGEL
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Artikel 72 / 75

Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL

Briefe

Boomer, die Kolumne von Anna Clauß, das Grünen-Bashing der CDU und ein Interview mit dem Politikprofessor Philip Manow – das waren die Themen, zu denen wir in der vergangenen Woche die meisten Zuschriften erhalten haben.
• aus DER SPIEGEL 34/2024

Zulasten der anderen bereichert

Heft 33/2024 Titel: 60 Jahre Babyboomer – An allem schuld? 

  • Vielen Dank für die drei auf den Punkt gebrachten Texte. Ich, in Schleswig-Holstein geboren, habe mich in vielen Zeilen wiedererkannt. Politisch sind wir auf die Straße gegangen, und wir konnten das Leben genießen – bis auf die Tatsache, dass wir Babyboomer extremste Schwierigkeiten hatten, einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Und anschließend, bis ins Rentenalter, die permanente Angst vor einer Kündigung. Wir damaligen »alten Über-Fünfziger« hatten kaum Chancen auf eine adäquate neue Anstellung. Und nun die Aufforderung aus vielen Bereichen, wir sollen länger und mehr arbeiten – das ist für mich der absolute Hohn.
    Kirsten Borm, Kiel

  • Ein stilistisch toller Artikel mit einem sanften, aber nicht zu sanften Blick auf sein Sujet.
    Patrick Doberenz, Köln

  • Was für eine einseitige westliche Boomer An- und Einsicht. Wa­rum kann neben einer in Stuttgart geborenen Journalistin keine Boomer-Ostjournalistin ihre Sicht und Erfahrungen beitragen? Wir Boomer-Ostfrauen hingen viel früher nicht mehr am Gängelband der Ehemänner. Seit 1950 – und nicht erst seit 1977, wie in der BRD – hatten die DDR-Frauen das Recht, ohne Einwilligung der Ehemänner arbeiten zu gehen. Am Ende der DDR waren 91 Prozent berufstätig, weil es neben der Ganztagskinderbetreuung keine zementierte Rollenverteilung dank Ehegattensplitting gab. Diese Titelstorys sollten ausgewogener gestaltet werden.
    Kerstin Wilke, Bietigheim-Bissingen (Bad.-Württ.)

  • Der Artikel ist sehr geprägt von der eigenen Perspektive. Es fehlt zum Beispiel, dass unsere Eltern Kriegskinder waren, im Krieg und mit Nazipädagogik traumatisiert wurden. Reflektieren hatte man nicht gelernt. Viele von uns haben Gewalt und Verwahrlosung er­fahren. Bei beruflichen Wünschen musste man zurückstecken: Es gab einen brutalen Numerus clausus, Lehrstellen im präferierten Beruf nur über Beziehungen. Politisch haben wir uns organisiert, wir mussten gegen die alten Nazis
    und alten Männer die Emanzi­pation voranbringen. Die gesellschaftliche Veränderung ist immens. Dass uns nun vorgeworfen wird, wir hätten die Umwelt ruiniert, ist ungerecht. Wir haben aufmerksam gemacht und gekämpft, zumindest die sozial eingestellten Boomer. Jetzt kämpfen wir für den Erhalt der Demokratie, wie wir sie kennen. Aber wir werden müde und wünschen uns von unseren Kindern, Enkelinnen und Enkeln mehr soziales En­gagement.
    Susanne Kilian, Ichenhausen (Bayern)

  • Der Titelartikel bringt hoffentlich alle Leser und alle Altersgruppen zum Nachdenken – Boomer, Gen X oder Alpha. Diese Schubladen sind in der gesellschafts­kritischen Auseinandersetzung weder hilfreich noch sinnvoll. Die ursprünglich für ganz andere Zwecke gedachte soziodemografische Faktenlage und die Einteilung in Schichten und Altersgruppen werden nun in der gesellschaftlichen Diskussion mehr und mehr umgemünzt, um eine vermeintliche Schuld für die heutigen Probleme zu finden. Das führt zu Ausgrenzung und Ablehnung. Und damit aber auch immer weiter weg von einem Miteinander, das für gesamtgesellschaftliche Lösungen unabdingbar ist.
    Thomas Brüderl, Landshut (Bayern)

  • Das Titelthema finde ich klasse. Eine gute Aufarbeitung dieses Themas hätte den demokratischen Lösungsfindungsprozess weit voranbringen können. Allerdings fand ich den Inhalt der Texte ungenügend. Der an die Boomer gerichtete Vorwurf ist im Kern volkswirtschaftlicher Art. Das Thema findet sich schon in den Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts zum Klima, das untersagt, den Gestaltungsspielraum der nachfolgenden Generationen unverhältnismäßig zu beschneiden. Und genau darin haben die Boomer übertrieben. Sie haben sich zulasten der anderen Generationen bereichert und damit den Gestaltungsspielraum der Folgegenerationen zu guten Teilen verfrühstückt.
    Guido Sommer, Hamburg

  • Diesen Schuh müssen sich die Boomer anziehen: Sie saßen an den Hebeln, als wir das Klimathema auf die lange Bank schoben. Alle redeten vom Drei-Liter-Auto, gekauft haben sie den SUV. Billigflieger? Malle ist nur sechsmal im Jahr. Kreuzfahrtboom, Plastikverbrauch. Den Konsum an Kleidung haben wir innerhalb von ein paar Jahren verdoppelt. Hat man alles laufen lassen, war ja so bequem. Windräder und Stromleitungen waren zu hässlich. Häuser dämmen? Gerade kein Geld da. Die grünen Spielverderber wurden in der Wahlkabine ausgebremst. Da sieht es keiner.
    Johannes Much, München

Dreiste Überholer

Heft 32/2024 Kolumne: Die da unten 

  • Selten schreibt mir eine Autorin so aus der Seele wie Frau Clauß hier. Wie oft haben es die meisten von uns wohl schon erlebt, Opfer einer Drängelattacke geworden zu sein. Ob diese dann letztendlich auch belohnt wird, hängt stark vom Augenmaß der Verkäuferinnen und Verkäufer ab. Beim Bäcker beispielsweise habe ich es auch schon erlebt, dass das Personal sehr darauf achtet, wer wirklich als Nächstes drankommt – und Drängler missachtet. Aber das kommt leider viel zu selten vor. Da, wo es allerdings sinnvoll wäre, jemanden einmal vorzulassen, sind Abbiegevorgänge nach links beim Autofahren. Hier wird mit einer Vehemenz auf der Rechts-vor-links-Regelung bestanden, dass es schon wehtut. Da bricht man sich eher was ab, als kurz zu überlegen und abzuwägen, was in manch einer Situation die bessere Lösung für alle Beteiligten ist. Aus meiner Beobachtung ist oft gar nicht der große Egoismus das Problem, sondern eher fehlender Verstand.
    Ullrich Herzau, Berlin

  • Ich arbeite als »Klo-Fee Piccolettha« im KitKatClub Berlin und möchte ergänzen: Ich kümmere mich unermüdlich darum, dass die Warteschlange vor den Kabinen britisch-diszipliniert ansteht und schicke dreiste Überholer zurück ans Schlangenende. Das Murren über die Wartezeit in der Schlange endet schlagartig beim Betreten der Kabine, wo man dann genauso lange braucht wie der Vorgänger.
    Peter Vicsay, Berlin

  • Dieser Beitrag, vor allem der Satz »Vielleicht ist die Bürokratie in Deutschland deshalb so verbreitet, weil unsere kollektive Intelligenz nicht richtig funktioniert« verdient einen -Grimme-Preis.
    Peter Breuer, Wachtberg (NRW)

Söders Grünen-Bashing

Heft 32/2024 CDU-Chef Friedrich Merz will Grüne und SPD gegeneinander ausspielen 

  • Herr Merz hofft, nach der nächsten Bundestagswahl Grüne und SPD gegeneinander auszuspielen? Ernsthaft? Wenn Herr Merz so weitermacht wie bisher, wird ihm nur noch Schwarz-Blau bleiben. Dann darf er sich im Bun-destag nach Belieben vom Koalitionspartner erpressen lassen. Die Forderung der Union nach dem Ausschluss einer solchen Koalition vernehme ich jedenfalls nicht derart vehement wie die nach dem Ausschluss einer schwarz-grünen.
    Gerhard Dutka, Olching (Bayern)

  • Markus Söders Dämonisierung der Grünen hat ihre Ursache in der bayerischen Landespolitik. Monate vor der bayerischen Landtagswahl im Herbst 2023 verkündete Hubert Aiwanger, dass er die Regierungskoalition mit der CSU fortsetzen wolle. So setzte er Söder unter Druck – und der stimmte der Fortsetzung der Koalition zu. Welch ein Fehler das war, zeigte sich, als im Sommer 2023 Aiwangers Flugblattaffäre publik wurde. Söder wagte es nicht, sich von Aiwanger zu distanzieren und ihn aus dem Kabinett zu werfen. Indem Söder die Grünen verteufelt und als Koalitionspartner ausschließt, stellt er die Koalition mit Aiwanger als alternativlos dar. Mit seinem Grünen-Bashing trinkt Söder sich den ungeliebten Koalitionspartner Aiwanger gleichsam schön.
    Roland Sommer, Diedorf (Bayern)

Unbrauchbar, falsch und plakativ

Heft 32/2024 Politikwissenschaftler Philip Manow im SPIEGEL-Gespräch über die Wurzeln des Populismus 

  • Tiefgreifend äußert sich Politikprofessor Philip Manow im Vorfeld der ostdeutschen Landtagswahlen, und er tut es wohltuend sachlich, ja beruhigend. Positives Fazit nach der Lektüre: Unsere Demokratie steht nicht vor dem Ende. Der Wissenschaftler wirft halt einen »politikwissenschaftlichen, keinen politischen Blick« auf das Geschehen – eine Tugend, die in der Forscherszene selten geworden zu sein scheint.
    Klaus Frieling, Celle (Nieders.)

  • Dieses Interview ist erschreckend, und zwar in Bezug auf die Unkenntnis und Arroganz dieses Akademikers. Herr Manow ist Politikwissenschaftler und kein Jurist. Dementsprechend verläuft seine Argumentation: Er übersieht vollständig die Neutralität, Langsichtigkeit und Unbestechlichkeit einer auf römischem Recht basierenden Judikative. Herr Manow erkennt nicht den Unterschied zwischen der kasuistischen angelsächsischen Rechtsprechung der USA und der abstrahierenden, sachverhaltsbezogenen objektiven Rechtsprechung abgeleitet aus dem Code Civil Napoleons. Für ihn ist Justiz gleich Justiz. Dies ist ungefähr so, als würde ein Humanist über Atomphysik urteilen. Dementsprechend sind die Aussagen dieses Politikwissenschaftlers zu bewerten: unbrauchbar, falsch und plakativ. Mit Ansichten von Gelehrten wie ihm ist der Untergang der Demokratie garantiert.
    Rochus Lyssy, Kristiansand (Norwegen)

  • Selten – wenn nicht sogar nie in den vergangenen Jahren – habe ich dermaßen gute und klare Argumentationen bei einem Interview gelesen. Ich musste den SPIEGEL längere Zeit zur Seite legen, um den Inhalt dieses Gesprächs zu verdauen. Heute gilt ja üblicherweise links als gut und rechts als populistisch, wenn nicht sogar als rechtsextrem. Herr Manow hat die Stärken der Demokratie hervorgehoben und Wege zur Behebung von Defiziten aufgezeigt. Danke dafür.
    Dr. Herbert Breitschädel, Mariapfarr (Österreich)

  • Diese Analyse ist falsch. Zwar stimmt es, dass Deutschland ein Demokratiedefizit hat, allerdings liegt dieses begründet in der politischen Allmacht der Parteien: Man wählt, insbesondere auf Bundesebene, keine Personen, sondern Parteien – und man hat keine realistische Möglichkeit zu verhindern, dass Partei-Apparatschiks dann über eine Liste, die auch aufgrund von Parteiklüngel zustande kommt, in den Bundestag einziehen. Und dann maßregeln auch noch die Parteifraktionen dort absolut intransparent ihre Abgeordneten, welchen Lobbygruppen man zuzuhören habe. Darin besteht das deutsche Demokratiedefizit – und nicht im Verfassungsschutz und der legitimen Bekämpfung radikaler bis extremistischer politischer Parteistrukturen.
    Florian Lahmann, Peine (Nieders.)

  • Die Ursache der Populismusanfälligkeit in Teilen der Wählerschaft liegt in der auch in der Mittelschicht verbreiteten Abstiegsangst. Dort wird eine Gerechtigkeitslücke gesehen, die sich etwa darin manifestiert, dass Gehaltserhöhungen durch einen hohen Grenzsteuersatz geradezu wegbesteuert werden. Im Gegensatz dazu sind leistungslose Einkommen dank der Abgeltungsteuer privilegiert. Diese Ungerechtigkeit machen sich rechtsextreme Parteien zunutze, die in dieser Frage freilich keine Lösungen anbieten. Ein starker Verfassungsschutz ist in Deutschland aufgrund der historischen Erfahrung mit Extremisten nötig. Er muss einer intensiven parlamentarischen Kontrolle unterliegen, damit sich das Versagen dieser Organisation bei der Aufdeckung der NSU-Mörderbande nicht wiederholt.
    Andreas Meißner, Tutzing (Bayern)

Tricksereien und Eitelkeiten von Spitzenjuristen – zum Schaden des Landes

Heft 32/2024 Schleswig-Holstein scheitert erneut daran, einen Generalstaatsanwalt zu ernennen 

  • Es ist nur zu hoffen, dass dieser Artikel von nicht allzu vielen gelesen wurde. Denn wer schon vorher Zweifel daran hatte, dass es bei der Be-setzung hochrangiger Stellen im öffent-lichen Dienst auf Befähigung ankommt, sieht jetzt sein Misstrauen mehr als bestätigt.
    Werner Ocken, Geestland (Nieders.)

Soltanis Traum

Heft 32/2024 Die iranische Kanutin Saman Soltani und ihr langer Weg nach Paris 

  • Ein ergreifender Artikel über die geflüchtete iranische Kanutin. Habe extra eingeschaltet und mir ihren Vorlauf bei Olympia angesehen. Vom Kommentator wurde sie jedoch komplett übersehen. Schade. Leider be-legte sie nur Platz 7. Glückwunsch zur Teilnahme!
    Gert Stukart, Frankenthal (Rhld.-Pf.)

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