Briefe - DER SPIEGEL
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Artikel 74 / 75

Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL

Briefe

Großbritannien, Nord Stream 2, LSD, Eberhard Jurgalski, Notfallmedizin – das waren die Themen, zu denen wir in der vergangenen Woche die meisten Zuschriften erhalten haben.
• aus DER SPIEGEL 44/2022

Den Ball flach halten

Heft 43/2022 Titel: Die Bananeninsel 

  • Welche akute Arroganzattacke hat Sie denn bei dem Titelbild geritten? Angesichts der Tatsache, dass mittlerweile mehr als 68 Prozent der Bürger unzufrieden mit der Arbeit der aktuellen Bundesregierung sind und wir zunehmend in einem dysfunktionalen Staat leben, sollten wir den Ball extrem flach halten. Solange wir einen Bundeskanzler haben, der offensichtlich ähnlich lernunfähig ist wie Angela Merkel (Hamburger Hafen), einen Wirtschafts­minister, der nicht weiß, was eine Insolvenz ist, und diverse andere Komplettausfälle (Lauterbach, Lambrecht, Faeser und so weiter), haben wir absolut keinen Grund, über die Briten zu lästern.
    Sylva von Lorentz, Düsseldorf

  • Eure Titelbilder sind unvergleichlich. Klasse, weiter so!
    Peter Treder, Reppenstedt (Nieders.)

  • Gab es keinen anderen Entwurf für das Titelbild? Das Thema ist wichtig, aber hier war Fremdschämen angesagt. Was kam mir noch in den Sinn? Hochmut kommt vor dem Fall. Ich bin Europäerin, und Großbritannien gehört zu Europa, egal wie die derzeitige Situation ist und so sehr ich mich auch ärgere.
    Dr. Gudrun Schirmer-Liyayi, Dortmund

  • Immerhin: Liz Truss hat es geschafft, unter einer Königin und unter einem König als Ministerpräsidentin zu amtieren. Seit Churchill hat dies niemand zustande gebracht.
    Helmut Meyer, Zürich (Schweiz)

  • In der Sozialpsychologie ist diese Krankheit als kollektiver Narzissmus bekannt. Während Großbritannien und die USA sie an der Regierungsmacht bis auf Weiteres überwunden zu haben scheinen, schwelt die Krankheit vor allem in den dortigen rechten Parteien weiter vor sich hin, Italien steht eine solche Phase wohl gerade (wieder) bevor, und in Russland kann man wieder sehen, wohin diese Krankheit schlimmstenfalls führen kann.
    Florian Laschitsch, Frankfurt am Main

  • Die Briten haben den Brexit noch nicht mit Leben gefüllt. Sie haben zwar die nationale Souveränität wiedererlangt, aber noch keine wirtschaftliche Unabhängigkeit geschaffen. Die erreicht man nur über eine schrittweise Anhebung der Zölle, also eine allmählichen Abkopplung von der internationalen Arbeitsteilung. Eine Industrienation muss nicht jedes Teil, das irgendwo in ferner Welt billiger produziert werden kann, importieren. Unter fairen (zollgeschützten) Wettbewerbsbedingungen könnten zum Beispiel nahezu alle Komponenten eines Pkw im Inland hergestellt werden. Weniger Export, weniger Import – und jede Nation begnügt sich mit dem Wohlstand, den sie selbst zu erarbeiten gewillt ist. Aus einer so geschaf­fenen internationalen Vergleichbarkeit kristallisieren sich schließlich nachahmenswerte Gesellschaftsmodelle.
    Manfred Julius Müller, Flensburg

  • Wir brauchen gar nicht so vom hohen Ross über den Ärmelkanal zu schauen. Unsere Regierung ist doch auch zerstritten. Die Briten haben sich zwar isoliert, aber das macht der Kanzler innerhalb der EU ebenfalls. Allerdings denken die Briten nicht daran, sich von der russischen Abhängigkeit in die chinesische zu begeben. Und das Tafelsilber (Hamburger Hafen) verhökern sie auch nicht an die Chinesen.
    Joachim Frühauf, Oldenburg (Nieders.)

  • Warum haben die führenden Politiker Europas, vor allen Scholz und Macron, nicht den Mut, den Briten aufgrund ihrer sehr schwierigen wirtschaftlichen Lage vorzuschlagen, das Brexit-Experiment zu beenden, in die Europäische Gemeinschaft zurückzukehren, die Zollschranken abzubauen und umgehend den Euro einzuführen? (Ich würde gerne eine Ein-Euro-Münze mit dem Bild Charles III. in meine Münzsammlung einsortieren.) Die politische Weltlage erfordert, dass wir uns in Europa sehr viel enger zusammenschließen angesichts der autokratischen Regime in Russland, China, Iran und gewissermaßen auch in den USA. Europäische Kleinstaaterei ist nicht mehr zeitgemäß.
    Walter Hof, Haar (Bayern)

  • Durch den Brexit sollte es Großbritannien besser gehen. Das war wohl nichts.
    Björn Uhlhorn, Laatzen (Nieders.)

Putins Aggressivität war nicht zu übersehen

Heft 42/2022 Energie: Der naive Blick der Merkel-Regierung auf Russland 

  • Was haben wir nur für Politiker? Ein SPD-Kanzler fädelt Gasgeschäfte mit Russland ein, um nach seiner Abwahl einen gut bezahlten Posten von Putin zu erhalten. Eine Kanzlerin, die Deutschland in totale Abhängigkeit von Putin bringt, von dem man wusste, wozu er fähig ist: Kriege in Georgien, Tschetschenien und Syrien, Annexion der Krim, Förderung des Kriegs im Donbass. Putins Aggressivität war doch nicht zu übersehen! Da stellt sich die Frage, was eigentlich geht vor in den Köpfen von Schröder, Merkel und Scholz? Alles wird noch gedeckt durch ein Gefälligkeitsgutachten von Beamten im Wirtschafts­ministerium, die ja ihren Job behalten wollen. Und der Abgeordnete Graf Lambsdorff kann sich dann in Brüssel eine Abfuhr holen: »Erzählt ihr Deutschen uns nichts über Bekämpfung von Korruption.«
    Heide Barsiek, Magdeburg

  • Im Moment noch kann diese beklemmende Geschichte dem SPIEGEL lediglich eine Textseite (abzüglich zwei Fotos) wert sein, demnächst muss aber unbedingt ein Titel oder eine Serie daraus werden, wo Ross und Reiter genauestens benannt werden. Bleibt nur die allergrößte Frage: Welche Blauäugigkeiten werden heute verzapft?
    Eckhart Boelger, Berlin

Verständliche Wut

Heft 42/2022 Justiz: Hat ein Notarzt fahrlässig einen Säugling getötet? 

  • Der Tod eines Kindes ist eine Katastrophe, und ich wünsche den Eltern viel Kraft, diese Situation zu verarbeiten. Allerdings insi­nuiert der Artikel ein eklatantes Versagen des Rettungsteams, das bisher nicht offiziell festgestellt wurde. Die Darstellungen ein­zelner Abläufe lassen unterschiedliche Wertungen zu, die abschließend durch Gutachter bewertet werden müssen. Gerade in solchen Fällen schafft die öffentliche Vorverurteilung der Beteiligten keine konstruktive Situation, um am Ende eine erfolgreiche Einordnung der Ereignisse zu erreichen.
    Dr. med. Dirk Müller, Bremerhaven

  • Fassungslos habe ich den Artikel gelesen. Ich kenne vergleichbare Situationen aus meinem bisherigen Notarztalltag zur Genüge: maximaler Stress bei allen Beteiligten, wenn es sich um einen »kindlichen Notfall« handelt. Mein primäres Bestreben bestand dann immer darin, das Kind unbeschadet und unverzüglich in die nächstgelegene und vor allem auch aufnahmebereite Notfall­ambulanz zu transportieren. Den traumatisierten Eltern in diesem konkreten Fall dann den Notfallseelsorger zu schicken, ohne selbst die Situation durch entsprechende Information plus Kommunikation zu »entschärfen«? Das zumindest zu versuchen war mir persönlich immer ein großes Anliegen und auch Bedürfnis. Für die Eltern bleibt mir, meine tief empfundene Anteilnahme an dem tragischen Tod ihres Sohnes auszusprechen und viel Kraft und Beharrlichkeit im Kampf gegen die bürokratischen Hürden zu wünschen. Für ihren Schmerz, die Trauer und auch die nur zu verständliche Wut gegen das beteiligte Rettungsteam samt Notarzt habe ich volles Verständnis: In Gedanken bin ich bei ihnen!
    Dr. med. Ulrich Engel, Geseke (NRW)

  • Ein sehr tragischer Umstand für alle Beteiligten, aber kein seltener. Viele aktive Notärzte haben in ihrem Berufsalltag kaum Berührungspunkte zu Kindernotfällen und sind daher entsprechend unvorbereitet. So hat jeder Notarzt Schwächen (Geburt, Kindervergiftungen und so weiter) und kaum Gelegenheit oder Zeit, diese praktisch zu beseitigen. Damit das System läuft, ist eine Voll­approbation als Arzt ausreichend, und ein Kurs mit Praktikum verschafft einem das Gefühl, der Notfallmedizin gewachsen zu sein. In unserem System muss es erlaubt sein, auf seine Schwächen aufmerksam zu machen, ohne Nachteile zu erleiden, und das System muss erfahrene Notärzte bereithalten, die bei entsprechenden Einsätzen unterstützen. Bitte, liebe Notarztkollegen, schließt eure Lücken, und seid nicht zu stolz, Unterstützung nachzufordern. Als Notarzt auf einem Hubschrauber übernimmt man oft Patienten von Kollegen – jeder Hubschraubernotarzt kann daher ein Lied über die qualitative Bandbreite der Vorarbeit singen. Zumeist ist sie herausragend, aber eben nicht immer! Die Ächtung eines Notarztes wird das System kaum verbessern.
    Dr. med. Robert Wessendorf, Facharzt für Anästhesiologie, Laufen (Bayern)

Ich bin die Musik

Heft 42/2022 Legalisierung: Plädoyer für einen aufgeklärten Umgang mit psychedelischen Drogen 

  • Danke für diesen mutigen und wichtigen Text, Frau Roshani! Hinzuzufügen wäre noch, dass LSD kein oder nur ein sehr geringes Suchtpotenzial hat. Trotz der vielen nachgewiesenen positiven Auswirkungen wird die Substanz dennoch kaum eine Chance haben, den Megamarkt der Psychopharmaka, von denen viele wirklich schlimme Nebenwirkungen haben und süchtig machen, signifikant aufzumischen.
    Dr. Alexander Lerchl, Bremen

  • Unter LSD fällt die Kontrolle des Über-Ichs weg. Alles, was uns anerzogen wurde, spätere Erfahrungen zur Alltagsbewältigung, Sichtweisen, Klischees, Vorurteile spielen keine Rolle mehr bei der Wahrnehmung unter LSD. Selbst die Grenzen zur Umwelt sind eher fließend oder offen: Ich schaue nicht auf die Umwelt, sondern bin Teil von ihr. Ich berühre nicht jemanden, sondern bin die Berührung. Ich tanze nicht, sondern bin die Musik. Die Erinnerung an diese sensiblen Momente bleibt zum Glück erhalten und lässt sich durch entsprechende Erlebnisse wieder auffrischen, aber auch durch intensive Meditation. Also: raus aus den Fesseln!
    Paul Korf, Hamburg

  • Dieser Artikel hat bei mir schon beim Lesen der Überschrift Schnappatmung verursacht. Wie kann man so einen unqualifi­zierten Quark von sich geben? Und mehr oder weniger jedem anempfehlen, LSD auszuprobieren? War die Dame nur einmal auf einer psychiatrischen Station und hat sich angesehen, wie viele auf LSD oder anderen Drogen hängen bleiben? Unverantwortlich, so etwas abzudrucken.
    Sabine Blenkle, Leipzig

Mit Schieblehre und Maßband

Heft 42/2022 Alpinismus: Haben Bergsteiger die Gipfel der Achttausender verfehlt? 

  • In Österreich würde man so einen wie Eberhard Jurgalski »Schreibtischtäter« nennen. Zu Recht! Denn einer, der ernsthaft meint, einem der bedeutendsten Alpinisten einen Rekord in Abrede zu stellen, weil dieser bei einer Gipfelbesteigung (irrtümlich!) fünf Höhenmeter zu wenig gemacht habe – für den ist »Erbsenzähler« noch eine freundliche Zuschreibung. Aber nun, sein Ziel hat der Kartenbürokrat wohl erreicht: So hat er es zu eineinhalb Seiten Ruhm im SPIEGEL gebracht.
    Andreas Pernsteiner, Lanzenkirchen (Österreich)

  • Als Mitglied im Schweizer Alpen-Club kann ich nur den Kopf schütteln, wenn ich den Artikel über den Herren mit der Schieblehre und dem Maßband lese. Oder sollte das eine Satire sein?
    Helmut Haußmann, Herrenberg (Bad.-Württ.)

  • Herr Jurgalski macht einen groben Fehler, der unerwähnt bleibt: Er setzt mit dem Wissen und den Messverfahren von heute an, um Leistungen zu bewerten, die zum Teil Jahrzehnte zurückliegen. Eine sportliche Höchstleistung, und das sind Besteigungen von Achttausendern, ist immer eine Leistung unter den aktuellen Bedingungen, mit dem aktuellen Wissen und den aktuellen technischen Möglichkeiten. Sonst müssten wir zum Beispiel den Jahrhundertsprung von Bob Beamon über 8,90 Meter im Jahr 1968 mit den heutigen Verfahren erneut messen. Vielleicht wären es dann 8,96 Meter und damit weiter als die 8,95 Meter von Mike Powell 1991. Vielleicht standen Kammerlander und Messner auch auf einem Schneegrat, der an diesem Tag höher war als der von Jur­galski ermittelte höchste Punkt. Vom Schneegrat abzusteigen, um den »höchsten« Punkt zu erreichen, macht ebenso wenig Sinn.
    Oliver Gerstengarbe, Olsberg (NRW)

  • Nicht die Verfehlung eines Gipfels, sondern die Uneinsichtigkeit in die Fakten macht diese Bergsteiger zu tragischen Figuren.
    Matthias Suchy, Berlin

Noch nicht begriffen

Heft 42/2022 Mit scharfen Thesen zur Migration irritiert Friedrich Merz seine Partei 

  • Friedrich Merz und die meisten in der CDU haben es noch nicht begriffen. Mit ihm werden sie niemals eine Kanzlerwahl gewinnen. Um das zu schaffen, müssten sie Stimmen von SPD und Grünen zurückgewinnen. Das geht mit Merz garantiert nicht.
    Christoph Schneppenheim, Berlin

Erfrischendes Interview

Heft 42/2022 SPIEGEL-Gespräch mit Krimiautorin Ingrid Noll über heimtückische Frauen 

  • Das war das erfrischendste Interview, das ich je gelesen habe. Es zeigt sich einmal mehr, dass Humor – neben Bildung – das Wichtigste für die psychische Gesundheit ist.
    Peter Grage, Hamburg

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