Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL
Briefe
Eine weitere Lücke
Heft 21/2023 Titel: Operation -Wärmepumpe
Was soll der Mann denn machen? Es ist nicht übereifrig, sondern dringend notwendig, die Wärmewende einzuleiten. Habeck ist gewählt, fürs Regieren, und das tut er im Rahmen seiner eng gesteckten Möglichkeiten sehr gut. Ich selbst gehöre zu der Klientel der älteren Eigenheimbesitzer mit geringem Einkommen und habe dummerweise vor vier Jahren eine neue Gasheizung einbauen lassen, gefördert von der KfW und bezahlt vom Ersparten. Aber ich vertraue darauf, dass mir in den nächsten Jahren eine gangbare Lösung aufgezeigt wird, und bin bereit, meine letzten paar Kröten zu investieren. Die Klimakrise wird uns alle in der Zukunft 100-mal mehr kosten, als wir derzeit in ihre Abwendung investieren.
Lilo Helfferich, Neustadt a. d. Weinstr. (Rhld.-Pf.)Sicherlich unbeabsichtigt hat der SPIEGEL aufgezeigt, dass der »Normalbürger«, ob Arbeiter, Angestellter oder Selbstständiger, mit durchschnittlichem Einkommen, sich die »Wärmewende« finanziell kaum leisten kann. Die im Artikel genannten Personen waren oder sind Beamter, Augenarzt, Ärztin oder Fachschullehrer, also alles Menschen mit einem Einkommen, das in der Regel erheblich über dem Durchschnittseinkommen liegt. Dass dieser Personenkreis beispielsweise eine Luft-Wasser-Wärmepumpe, die, so der SPIEGEL, »nach üppiger Bezuschussung nur knapp 19.000 Euro« kostet, finanzieren kann, ist klar. Die Redakteure hätten mal Geringerverdiener fragen sollen, um festzustellen, wie gering hier die Zustimmung zur »Wärmewende« ist.
Klaus Philippi, Neuwied (Rhld.-Pf.)Alle reden von den Hauseigentümern. Bei Eigentümergemeinschaften kommt neben den Kosten der Beschlusszwang hinzu. In Mehrfamilienhäusern mit vielen Eigentümer:innen kann man nicht einfach Gasetagenheizungen ersetzen. Fernwärmeanschlüsse oder zentrale Wärmepumpen können ohne Mehrheitsbeschluss nicht installiert werden. Warum sollte mein:e Miteigentümer:in investieren, wenn ich die Not mit einer alten Gasetagenheizung habe? Ist ein Wasserstoffnetz nicht vorgesehen, bleibt ohne Zustimmung der Eigentümergemeinschaft oder gesetzliche Regelung für Eigentümergemeinschaften bei einer Austauschpflicht nur die Umstellung auf eine elektrisch betriebene Heizung. Offenbar eine weitere Lücke im habeckschen Gesetz.
Lutz Schröter, WolfsburgHinter dem Titelthema verbirgt sich ein weiteres: Wieso hat das alles so lange gedauert? Entsprechende Maßnahmen hätten bereits vor Jahrzehnten in Angriff genommen werden müssen. Das ist der Grund für die gut gemeinte derzeitige Eile bei der Umsetzung klimafreundlicher Maßnahmen. Die Gefahren des Klimawandels sind lange bekannt. Und die Politik hat jahrzehntelang nichts Nennenswertes getan. Die gebotene Eile darf aber auch nicht zulasten weniger zahlungskräftiger Bürger gehen. Nur eine gut kommunizierte und sozial verträgliche Klimapolitik findet die notwendige Akzeptanz.
Reiner Gorning, HamburgDie geplante (und nötige) tiefgreifende Erneuerung von Heizkonzepten ist nur durch gemeinsamen, konzertierten Umbau
der Energieversorgung, Infrastruktur und Sanierung von Gebäuden zu stemmen – dies muss parallel geschehen und wachsen.
Klaus Schneider, DortmundDanke für den sachlichen und erhellenden Artikel. Leider verkehrt das Titelbild den Inhalt ins Gegenteil. Ist das Satire, oder kann das weg?
Uwe Neubauer, Hannover
Regt an und auf
Heft 20/2023 Parteien und Regierung suchen nach neuen Arbeitszeitmodellen
Die deutschen Unternehmen müssen sich damit abfinden, dass die Arbeitsplätze, die sie anbieten, attraktiver werden müssen. Deswegen führt kein Weg an der Viertagewoche mit vollem Lohnausgleich vorbei. Ein Modell könnte zunächst eine altersabhängige Staffelung sein, die vorsieht, dass ab dem 50. Lebensjahr maximal 35, ab dem 55. nur noch 30 und ab dem 60. dann nur 25 Wochenstunden gearbeitet werden darf. Jeweils mit vollem Lohnausgleich. Dies würde gerade dem Bedürfnis der älteren Generation nach mehr Erholung Rechnung tragen, Erfahrung im Betrieb halten und den Einstieg und die Qualifikation jüngerer Arbeitnehmer ermöglichen.
Detlef Grundtner, HildesheimVon einer Viertagewoche profitiert nur eine zumeist privilegierte Gruppe, die in der Regel in der freien Wirtschaft arbeitet. Deren Arbeitgeber können gerne damit werben, um Bewerber:innen anzusprechen. Aber ein Recht darauf zu etablieren, obwohl doch schon feststeht, dass die Umsetzung in vielen Berufen unmöglich und zudem nicht wünschenswert ist, setzt meiner Meinung nach ein falsches Zeichen. Wir alle sollten eher dankbar dafür sein, dass in vielen Berufen eben nicht die persönliche Work-Life-Balance im Vordergrund steht, sondern, neben dem jeweiligen Berufsethos, vor allem ein gewisses Pflichtbewusstsein. Das ist zentraler Bestandteil einer Gesellschaft, die sich der Solidarität verpflichtet fühlt.
Sarah Ruhnau, Borken (NRW)Als aufmerksamer und beständiger SPIEGEL-Leser regt mich dieser Artikel an und auf zugleich. Normalerweise sind Ihre Texte ausgewogen. Hier aber wird die Viertagewoche weitgehend vorteilhaft dargestellt. Die Arbeitgeberseite scheint es nicht zu geben. Klar, dass SPIEGEL-Redakteur:innen dafür sind, neutral scheinen sie jedenfalls in diesem Punkt nicht zu sein. Mir fehlt der Mensch, der mir erklärt, warum die Viertagewoche den Fachkräftemangel in Deutschland nachhaltig lindern soll. Übrigens: Ich kenne einen Maler mit Viertagewoche. Freitag und Samstag macht er Schwarzarbeit.
Dietmar Böhm, Schömberg (Bad.-Württ.)
Es gab eine bunte DDR
Heft 20/2023 Historikerin Franziska Kuschel sieht eine Schieflage in der aktuellen Ost-West-Debatte
Der Kommentar von Frau Dr. Kuschel zu Katja Hoyers »Diesseits der Mauer« war dringend erforderlich. Weder dieses Werk noch das Interview mit Frau Hoyer (in Nr. 19/2023) spiegeln die gesellschaftlichen Verhältnisse in der damaligen DDR und den dazu verfügbaren Wissensstand wider.
Prof. Dr. Peter Trenkner, Elmenhorst (Meckl.-Vorp.)Beim Lesen des Artikels über das Buch der Wissenschaftlerin Katja Hoyer »Diesseits der Mauer« in Nr. 19/2023 befiel mich ein sehr ungutes Gefühl, dass nun auch der SPIEGEL derartigen Wissenschaftlerinnen aus der Ex-DDR eine Bühne gibt, obwohl ich mich von deren Ausführungen im Interview doch arg verschaukelt bis beleidigt fühlte. Ich als 1952 in der DDR geborener Mensch, dessen Eltern »nicht brav« waren und deren sechs Kinder weder Junge Pioniere waren noch Jugendweihe machten oder
blaue FDJ-Hemden trugen, habe mit derartiger »wissenschaftlicher« Aufarbeitung meiner fast 40 DDR-Jahre große Probleme. Eigentlich wollte ich mich zum ersten Mal bei Ihnen beschweren. Deshalb danke ich Ihnen, dass Sie in der Ausgabe Nr. 20/2023 einer anderen in der DDR geborenen Historikerin eine Bühne gegeben haben, die meiner Meinung nach die »wissenschaftliche« Arbeit dieser Frau Hoyer entlarvt und zerpflückt hat – danke!
Matthias Kunze, Alt Meteln (Meckl.-Vorp.)Spannend, worüber da in Katja Hoyers Buch und dem SPIEGEL-Interview sowie Franziska Kuschels Debattenbeitrag diskutiert wird. Geboren bin ich vor dem Mauerfall in Berlin 1989, sozialisiert und geprägt im Nachwende-Brandenburg. Bei Heimatbesuchen tritt oft das Thema des DDR-Lebens zutage, mit dem Bedürfnis der Elterngeneration, die DDR jenseits der Täter-Opfer-Betrachtung zu erklären. Die Aussagen von Katja Hoyer aus dem Interview kann ich somit aus meinem heimatlichen Umfeld überwiegend bestätigen. Dabei spricht mir auch ihre klare Äußerung aus der Seele, dass das Zurückwünschen dieser Diktatur nicht infrage komme. Trotzdem ist der korrigierende, sensibilisierte Blick von Franziska Kuschel bezüglich einer DDR-Verklärung ebenso wichtig. Bestünde darin nicht auch das Potenzial zur Zusammenarbeit zweier kluger Historikerinnen?
Felix Jähne, Stäfa (Schweiz)Der Verkaufserfolg der Publikation von Dirk Oschmann spricht für sich, und der Start von »Diesseits der Mauer« von null auf zehn der SPIEGEL-Bestsellerliste lässt auf eine ähnliche Publikumsresonanz hoffen. Dass sich mit Frau Kuschel eine Vertreterin der Aufarbeitungsindustrie zu Wort meldet, wenn es um DDR-Geschichte geht, verwundert mich nicht. Warum aber meint der SPIEGEL nach dem durchaus sachlichen Interview mit Frau Hoyer, diesen Verriss des Werkes ausgerechnet in der nächstfolgenden Ausgabe veröffentlichen zu müssen? Kann man es gerade im Lichte der Ausführungen von Herrn Oschmann nicht einfach mal stehen lassen, dass es auch eine bunte DDR gab?
Dr. Eberhard Grabow, SchwerinDen Debattenbeitrag Ihrer Autorin hätten Sie auch mit dem Spruch Christian Morgensterns »Weil nicht sein kann, was nicht sein darf« überschreiben können. Folgt der Aufsatz doch sehr der von Klaus Kinkel 1991 verordneten Delegitimierung der DDR. Von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der DDR-Diktatur, deren Mitarbeiterin die Autorin ist, kann man wohl auch nichts anderes erwarten als diesen von zweifelhaften Behauptungen getragenen Verriss des Buches von Frau Hoyer. Die DDR-Bürger konnten sich das sowjetische Diktat 1945 nicht aussuchen, es wurde ihnen als Konsequenz der großdeutschen Politik aufoktroyiert. Die Ostdeutschen haben den Preis dafür gezahlt, was Gesamtdeutschland bis zur Kapitulation 1945 angerichtet hatte. Und sie zahlen seit der »Wiedervereinigung« nochmals den Preis, als von der Treuhandanstalt enteignete Bürger zweiter Klasse behandelt zu werden.
Wolfhard Noack, GreifswaldKatja Hoyer breitet in ihrem Buch »Diesseits der Mauer« das aus, was ehemalige DDR-Bürger, die dem System nahestanden, seit 1990 über die DDR erzählen. Stellenweise ist der Text kaum von DDR-Propaganda zu unterscheiden, zur besseren Lesbarkeit aufgeschäumt mit jeder Menge kolportierter Details. Vom Anonymus »Manni«, einem ehemaligen Grenzsoldaten, erfährt der Leser auf Seite 396 Erstaunliches. Bei Fluchtversuchen habe der Befehl »für alle« gelautet, auf die Beine der Flüchtenden zu schießen, und »wer sich nicht daran hielt, bekam ernste Probleme«. Die Mauertoten also eine Folge befehlswidrigen Verhaltens der schießenden Grenzsoldaten! Katja Hoyer treibt es mit ihrer Geschichtsschreibung ziemlich bunt.
Fred Walkow, Raguhn-Jeßnitz (Sachs.-Anh.)Das Foto »Ost-Berliner Straßenszene von 1985« zur Illustration des Artikels ist beispielhaft für den selbstgerechten, arroganten Blick des Westens auf die DDR. Wir müssen uns nicht wundern, dass viele Menschen aus Ostdeutschland misstrauisch sind und glauben, dass unsere Demokratie bei Weitem nicht so demokratisch ist, wie ihnen das die westlich geprägten Eliten und die Medien erzählen. Ich selbst bin Wessi, habe aber viel Verständnis für die Wut und den Widerstand der Ossis, die einfach nicht nach der Pfeife des Westens tanzen wollen.
Arnold Weingartenstraße, Nauheim (Hessen)
Zu liberalisiert?
Heft 20/2023 Gefährliche Sicherheitslücken im Telefonnetz
Danke für den informativen Artikel. Ich habe das SMS-Konzept miterfunden und in die internationale Standardisierung eingebracht. Später war ich mehr als vier Jahre lang Vorsitzender des Technischen Ausschusses für die Standardisierung des Mobilfunks. Und von der Masche in Ihrem Artikel bin ich auch geschädigt. Das SS7-Protokoll und das dazugehörige SS7-Datennetz wurden im Kontext von ISDN entwickelt und standardisiert. Es diente der Steuerung der ISDN-Netze und der Zusammenarbeit von ISDN-Netzen durch die Netzbetreiber, die einander vertrauen konnten. Im Mobilfunk haben wir uns auf dieses System gestützt. Es ist mir völlig unverständlich, warum heute Privatfirmen zu diesem Netz Zugang bekommen und damit Betrugsversuchen Vorschub leisten können. Ist das eine zu weitgehende Liberalisierung durch die Regulierung? Interessant wäre auch zu erfahren, welcher Netzbetreiber der Firma Fink den Zugang ermöglicht hat und anscheinend auch weiterhin ermöglicht – und warum er es tut.
Friedhelm Hillebrand, Bonn
Sieben Minuten
Heft 20/2023 Wie es sich anfühlt, einen Herzinfarkt zu überleben
Der Bericht von Katja Iken über ihre lebensrettenden sieben Minuten hat mich tief bewegt. Man sollte von diesem Artikel Sonderdrucke fertigen lassen und diese an jedem Schwarzen Brett anheften.
Hans-Jürgen Jakobs, Ottobrunn (Bayern)
Ausstellung grauer Bilder von Gerhard Richter
Heft 20/2023 Gerhard Richter, Vija Celmins und die Farbe Grau
Ich bin dankbar, auch kulturelle Informationen direkt aus dem SPIEGEL beziehen zu können. Schade, dass Ihr Artikel nicht mit einem Werk der mir noch nicht bekannten Künstlerin Celmins bebildert ist.
Ulli Stein, Erlangen
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