Briefe - DER SPIEGEL
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Artikel 76 / 79

Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL

Briefe

Literaturkanon, DDR-Nostalgie, Baubranche als Umweltverschmutzer, Grünenbashing – das waren die Themen, zu denen wir in der vergangenen Woche die meisten Zuschriften erhalten haben.
• aus DER SPIEGEL 43/2024

Entstaubter Literaturkanon

Heft 42/2024 Titel Die 100 besten Bücher 

  • Die Stimmung der ausgewählten 100 Bücher scheint mir noch trübseliger als die Stimmung in unserer Gesellschaft. Es dominieren der Erste Weltkrieg, der Zweite Weltkrieg, die schwere Zeit dazwischen und danach. Und wenn es das nicht ist, dann sind es die dunklen Seiten der DDR. Die Lektüre führt geradewegs in die Depression. Schade irgendwie, wenn das unser Spiegel sein soll.
    Nick Tewes, Stockdorf (Bayern)

  • Glückwunsch zu diesem entstaubten modernen Literaturkanon, der freilich – wie könnte es anders sein – subjektiv ist und bleibt und daher Anlass zur Diskussion gibt. So hätte ich aus dem Werk Thomas Manns »Doktor Faustus« den Vorzug vor »Der Zauberberg« gegeben. Und »Die Projektoren« bereits jetzt zu kanonisieren ist etwas verfrüht. Dennoch: Chapeau!
    Dr. Michael Madel, Ruppichteroth (NRW)

  • Ich habe einige Autorinnen vermisst. Judith Herrmanns »Sommerhaus, später« und Juli Zehs »Corpus delicti« sind Texte von Frauen, die es in den letzten Jahren in die Pflichtlektüren zum Abitur geschafft haben. »Quasikristalle« von Eva Menasse fehlte mir persönlich auch. Gut, dass Sie Fatma Aydemir dabei haben, auch Christa Wolf und Ingeborg Bachmann. Die habe ich vor vielen Jahren im Unterricht gelesen. Für mich war es immens wichtig, Autorinnen zu lesen. Plural, nicht nur die eine Quotenfrau, die die weibliche Perspektive vertritt. Für mich, aber auch für meine Tochter, die im letzten Jahr Abitur gemacht hat.
    Alexandra Cristinziani, Bonn

  • ein Brecht, kein Hesse, kein Werfel, kein Feuchtwanger, kein Heinrich Mann, keine Juli Zeh, kein Stefan Zweig und von vielen Autoren bei Weitem nicht die besten Werke; was ist mit »Die Vermessung der Welt«, »Schlafes Bruder« oder »Das Parfüm«? Tut mir leid, aber Ihre Liste ist bestenfalls interessant, mehr aber nicht.
    Christoph Gerst, Göttingen

  • Eine Auflistung der besten Werke deutschsprachiger Erzählliteratur ist natürlich sehr subjektiv. Aber wenn Hermann Hesse fehlt, ist sie sinnlos.
    Horst Böttcher, Dresden

  • Welch eine verführerische Aufforderung zum abendlich-nächtlichen Lesevergnügen! »Mann in die Tonne«, würde Arno Schmidt in seinem Roman »KAFF auch Mare Crisium« möglicherweise erstaunt ausgerufen haben, als er im dithmarsischen Tellingstedt, auf dem Wege Fußspuren zu suchen, Regen, Wind, Wolken, Bäumen und Farnen trotzig die Stirn geboten hatte (um 1960 herum). Diese Ausgabe ist für mich ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk.
    Karl-Heinz Groth, Goosefeld (Schl.-Holst.)

  • In einer von Krieg und Verunsicherung geprägten Zeit haben Sie im Gegensatz zu Ihren Mitbewerbern zumindest die Chance ergriffen, auch weniger bibliophile Zeitgenossen mit großer Literatur vertraut zu machen. Alleine dafür sage ich: tausend Dank!
    Matthias Kaiser, Schutterwald (Bad.-Württ.)

Ohnmacht und Wut

Heft 41/2024 Warum DDR-Nostalgie die Demokratie gefährdet 

  • Als ostdeutscher Kommunalpolitiker der ersten Stunde (ab 1990 in Kreistag und Stadtrat, PDS, Linke) bin ich zwangsläufig auch mit der »großen Politik« befasst, und mich ärgert der Aufstieg populistischer Parteien, insbesondere der AfD. Da ich auch persönlich immer mal wieder den Osten »erklären« muss, fällt mir auf, dass sich das Bild, das der Westen vom Osten hat, gravierend unterscheidet von unserem Erleben, sich die normalen Bürger in den Geschichten des Westens nicht wiederfinden. Das macht einen Teil des Frusts aus.
    Hans-Jörg Lessig, Ruhla (Thür.)

  • Als die Mauer fiel, war ich 23 Jahre alt und gerade dabei, mein Studium an der Karl-Marx-Universität Leipzig zu beenden. Hautnah erlebte ich im Frühjahr 1989 mit, wie Menschen für friedlichen Protest vor der Nikolaikirche verhaftet wurden. Natürlich konnte man »kommod« leben, wenn man nicht auffiel. Auch ich habe mich »ruhig« verhalten, weil es mir nicht schlecht ging, weil wir uns eingerichtet hatten. Ich wuchs aber auch mit dem Satz »Erzähl in der Schule niemandem, dass wir Westfernsehen schauen!« und mit der ständigen Angst auf, etwas Falsches zu tun oder zu sagen und damit meine Laufbahn zu gefährden. Und obwohl es mir gut ging, möchte ich dieses ohnmächtige Gefühl nie wieder erleben und mein Kind davor bewahren, je solche Erfahrungen zu machen. Höre ich heute Menschen behaupten, dass sie ihre Meinung gar nicht mehr öffentlich sagen könnten, fühle ich Ohnmacht und auch Wut. Sie ziehen mit diesem Satz einen Vergleich zu den Verhältnissen in der DDR und zu Menschen, die damals zu mehrjährigen Gefängnisstrafen in Hoheneck, Bautzen oder Cottbus verurteilt wurden.
    Constanze Ambrosch, Markkleeberg (Sachsen)

  • Danke für diesen großartigen Essay über die Prägungen, die eine ehrliche und unverstellte Auseinandersetzung mit der DDR und der SED-Diktatur erschweren oder verhindern. Aus langjähriger Erfahrung in der Aufarbeitung der Nazidiktatur will ich darauf hinweisen, dass es in Westdeutschland 40 Jahre, bis Mitte der Achtzigerjahre, gedauert hat, die lokalen und regionalen Verstrickungen in das national­sozialistische Vernichtungssystem überhaupt zu betrachten. Dass Ulm eine KZ-Stadt war, wurde lange geleugnet, die Geschichte des jüdischen Land­schulheims und eines jüdischen Zwangsaltersheims im nahe gelegenen Herrlingen verdrängt. Erst in den Achtzigerjahren wurde es möglich, die Geschehnisse vor Ort in den Blick zu nehmen. Heute, weitere 40 Jahre später, bestehen an diesen Orten bedeutsame Lernorte dafür, wie Diktatur im Alltag der Menschen funktionierte. Die beiden deutschen Diktaturen sind nicht zu vergleichen. Mir geht es vielmehr um die Frage, wie Menschen mit einer schmerzlichen Geschichte umgehen (können). Wann ist es möglich, sich der Vergangenheit ehrlich, wie in dem Essay beschrieben, zu stellen? Wofür ich plädieren möchte: Geduld. Vielleicht braucht es ja auch im Gebiet der ehemaligen DDR noch mehr Zeit, bis es möglich ist, die Verformungen und Zumutungen der zweiten deutschen Diktatur in Familien, Dörfern und der Gesellschaft kritisch und nicht mehr nostalgisch zu betrachten und zu bearbeiten.
    Karl Giebeler, Ulm

  • Nach Lektüre des Essays bleibt ein schaler Beigeschmack: Der Vorwurf mangelnder Aufarbeitung der DDR-Geschichte richtet sich aus Leserinnensicht implizit vor allem an Ostdeutsche – wer sonst sollte Einsicht beantragen in Stasiunterlagen und hat die Aufarbeitung autoritärer Erziehung durch die 68er-Bewegung im Westen verpasst? Das Ziel der Autorin, DDR-Opfern mehr Gehör zu verschaffen und das weitere Abgleiten des Landes in autoritäres Denken und Wählen zu verhindern, in allen Ehren. Aber als Mitglied der Gruppe der Ostdeutschen mal wieder vorgehalten zu bekommen, was man noch alles tun müsse, löst massive Abwehrreflexe aus. Was und wie und wann soll man denn aufarbeiten? Reicht es nicht, fleißig zu arbeiten, demokratisch zu wählen, kritisch zu denken, zivilgesellschaftlich engagiert zu sein, Steuern zu zahlen, straffrei zu leben? Muss ich meine Erinnerung an eine schöne Kindheit im Mecklenburg der Achtzigerjahre zu den Akten legen?
    Kira Heyden, Schwerin / Düsseldorf

  • Außer der umfassenden Kinderbetreuung fällt der Autorin nichts Positives ein, dabei war die DDR noch auf etlichen anderen Gebieten der BRD teils um Jahrzehnte voraus: Gleichstellung der Frau, Recht auf Arbeit, Recht auf Abtreibung, kostenlose und flächendeckende Gesundheitsversorgung, Streichung des Paragrafen 175 – um nur einiges zu nennen. Nichts davon strebt die AfD an, die im Artikel unsinnigerweise in die Nähe der SED gerückt wird, und niemand will die DDR zurück, aber ihre Errungenschaften sind verständlicherweise für viele Menschen auch heute noch attraktiv.
    Werner Haertel, Hamburg

  • Vorschlag: In den drei Ost-Bundesländern, wo gerade neue Landesregierungen gebildet werden, koaliert kurzerhand die AfD
    mit dem BSW. Wahlweise werden diese Bündnisse in Sachsen von der CDU und in Brandenburg von der SPD toleriert. In Thüringen brauchen diese zwei Parteien aufgrund der dortigen Mehrheitsverhältnisse noch nicht einmal solche Unterstützung. Ausblick: Zum 80. Jahrestag der DDR-Gründung beauftragt der SPIEGEL erneut die Autorin, etwas zum Thema zu schreiben. Vielleicht lautet die Überschrift dann »Nun ist sie endgültig weg«. Manchmal helfen nur brachial-schmerzhafte Einschnitte, damit nicht unerhebliche Teile der Bevölkerung wieder zur Bodenhaftung zurückkehren.
    Roland Barwinsky, Hirschberg (Thür.)

  • Markus Söders Bezeichnung von Steffi Lemke als grüne Margot Honecker ist unerträglich. Vielleicht sollten er und andere einmal das Buch »Stiefkinder der Republik« von Angelika Censebrunn-Benz über die Geschichte der Zwangserziehung in der DDR lesen.
    Beatrix Kremling, Walkenried (Nieders.)

  • Wenn ein Erwachsener einen Erwachsenen adoptiert und ihn wie ein Kind behandelt, kann das nicht gut gehen – dies als Metapher für das Ost-West-Dilemma. Die Euphorie nach dem Mauerfall ist verflogen, weil zwei Systeme zu schnell zusammengefügt wurden, die völlig ungeübt und überfordert mit dem jeweils anderen waren. Dieses gegenseitige Unverständnis führt nun dazu, dass das »volljährige Kind« Schaufensterscheiben zerschlägt (AfD wählt).
    Michael Danders, Bochum

  • Anne Rabe weiß, wovon sie spricht. Wichtig, ja notwendig, dass der SPIEGEL der Wismarerin Platz einräumt, denn die Debatte über die Folgen der autoritären Erziehung in der DDR ist überfällig.
    Wilfried Seiring, Leitender Oberschulrat i. R., Berlin

Handwerk kann Nachhaltigkeit

Heft 41/2024 Die Baubranche ist der weltgrößte Umweltverschmutzer. Nun wandelt sie sich 

  • Dieser sehr ausführliche und gute Bericht zeigt auf vielfältige Weise, was sein könnte – also Wunschdenken. Realität wird es aber nicht, da Deutschland 16 Bundesländer hat, die durch ihre eigenen höchst verschiedenen Ansichten konsequent jede Änderung und jeden Fortschritt torpedieren. Auch die erwähnten Möglichkeiten werden wir bei der bekannten deutschen Geschwindigkeit nicht erleben.
    Erich Janoschek, Kaiserslautern

  • Endlich mal ein Artikel, der die Probleme der Umweltbelastung durch eine Branche mit objektiven Worten darstellt und aufzeigt, dass bereits viele Unternehmen auf dem Weg sind, die Prozesse zu geringerer bzw. keiner CO₂-Belastung umzustellen. Ohne große Worte, einfach machen. Darüber wird viel zu wenig geschrieben, dass viele Unternehmen verstanden haben, dass eine Transformation notwendig ist, um den Klimawandel aufzuhalten. Und es wird viel zu viel über Lobbyisten und Politiker geschrieben, die noch nicht verstanden haben, dass es keinen Weg zurück gibt. Der Wandel muss nicht negativ sein, er kann auch positiv sein und Innovationen hervorbringen. Und jeder kann ein Teil davon sein.
    Annette Wagner, Ratingen (NRW)

  • Vielen Dank für den sehr umfangreichen Artikel. Es kann hier fast der Eindruck entstehen, dass Gebäude nicht durch das Handwerk erbaut werden, sondern nur durch Ingenieure. Echter Fortschritt ist dagegen nur gemeinsam mit dem Handwerk möglich. Vielfach führen serielles Bauen und immer aufwendigere Planungen nur zu einer Verlagerung der Kosten und nicht zu echten Einsparungen. Die Lösung ist nachhaltige Vereinfachung und nicht Überkomplexität, die nur noch durch eine teure Planungsindustrie beherrschbar ist. Das exponentielle Wachstum von Gutachten, die von den Bauaufsichten eingefordert werden, um der eigenen Komplexität Herr zu werden, treibt die Kosten weiter. Damit das Bauen wieder wirtschaftlich wird, müssen Regulierungen in allen Bundesländern wieder ein normales Maß annehmen. Bitte häufiger das Handwerk fragen, wir können Nachhaltigkeit, nicht nur als digitale Planung.
    Nicolai Lucks, Kreishandwerksmeister, Köln

Grünenbashing ist in

Heft 41/2024 Ost-Unternehmer Holger Loclair erklärt im SPIEGEL-Gespräch, warum er die Rückkehr der Planwirtschaft fürchtet 

  • Bravo – ein wichtiger Beitrag zum Tag der Deutschen Einheit. Wunderbar zu erfahren, dass diesem vormaligen VEB-Betrieb ein »Auferstanden aus Ruinen« der total maroden DDR-Misswirtschaft gelang und er sogar zu einem Milliardenunternehmen mit Weltgeltung aufblühte. Bedauerlich, dass der Firmenchef sich heute gezwungen sieht, über einen Standortwechsel nachzudenken – wegen der Rahmenbedingungen, nicht wegen der auch in Brandenburg erstarkten AfD.
    Volkmar Johannes Schneider-Merck, Hamburg

  • Und, wer hätte das gedacht, schon wieder sind die Grünen an allem schuld. Wann hat Herr Loclair die Vorgängerregierungen wegen der überbordenden Bürokratie kritisiert? Vielleicht ist mir das entgan­gen. Grünenbashing ist in diesen Zeiten halt in.
    Amadeus Bachmayr, Bruckmühl (Bayern)

Raus aus der Gedöns-Ecke

Heft 41/2024 Leitartikel: Politik und Gesellschaft ignorieren die Missstände in vielen Kitas 

  • Mehr Mittel für Erziehung und Bildung sind die wichtigsten Investitionen. »Humankapital« ist der einzige Rohstoff, den unser Land zu bieten hat. Und Geld wäre da, etwa durch eine »Milliardärssteuer«.
    Frank Hertig, Hamburg

Thema 4

Heft 41/2024 Die Geschichte einer Teenagerliebe im Krieg 

  • Vielen Dank für die wunderbare Liebesgeschichte. Ich habe mich so sehr für die beiden gefreut und darüber, dass ihm die Flucht aus der Ukraine geglückt ist und sie wieder zusammengekommen sind.
    Manfred Hübner, Mannheim

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