Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL
Briefe
Wir waren nicht vorbereitet
Heft 11/2025 Titel: Amerikas neues Gesicht
Besser lässt sich die derzeitige politische Lage der USA kaum visualisieren: Lady Liberty mit gefletschten Zähnen, die Unabhängigkeitserklärung durch die geballte Faust ersetzt und einen Parasiten im Kopf. Von wegen Ende der Unterdrückung und Tyrannei. Sie beginnt gerade wieder. Wacht die amerikanische Zivilgesellschaft endlich auf?
Dr. Klaus Swieczkowski, Hildburghausen (Thür.)Schon in seiner ersten Amtszeit habe ich gegen dieses Gesicht gewütet. Jetzt bin ich der Meinung, Zeitungen und Zeitschriften sollten Trumps Konterfei nicht mehr als Foto drucken. Was gibt es Schlimmeres für einen öffentlichkeitsgeilen Menschen, als ignoriert zu werden? Schlimm genug, dass man zwangsläufig über seine Idiotien schreiben und lesen muss.
Isabella Rädler, AugsburgDas Bitterste ist für mich, dass wir Europäer und insbesondere Deutschland uns trotz genügend Warnzeichen einfach nicht ausreichend auf die jetzige politische Situation vorbereitet haben. Und auch momentan gibt es bislang nur vage Ankündigungen, die teilweise schon wieder zerredet werden, beziehungsweise ist der Union die Mütterrente wichtiger als sinnvolle Zukunftsinvestitionen. Am meisten tun mir die tapferen Ukrainer leid.
Heiner Honermann, Coesfeld (NRW)Auch ich bin entsetzt, weil die Werte, die ich mein Leben lang vertrat, und die Gewissheit (auch im Kalten Krieg), dass Amerika eine Schutzmacht ist, über den Haufen geworfen werden. Und es ist nicht allein Mister President, er hat ja einen halben Kongress voller Gefolgsleute. Aber: Der Kongress ist nicht Amerika. Amerika, das sind die kleinen Leute, die kleinen Staatsangestellten, die jetzt auf der Straße sitzen. Amerika, das sind all die Bauern, denen jetzt sowohl das Geld als auch die Arbeitskräfte fehlen, weil Förderprogramme gestrichen sind und die Landarbeiter deportiert werden. Amerika, das sind all die Leute, die spätestens in einem Monat feststellen werden, wie schlecht es ihnen jetzt verglichen mit der Vor-Trump-Ära geht. Und dann Gnade ihm Gott.
Sabine Jacobs, Magstadt (Bad.-Württ.)Mega. Vielen Dank, Donald Trump, für Ihre Verdienste um die europäische Einheit. Make Europe great again!
Hanno Peter, Donaueschingen (Bad.-Württ.)
Glaubwürdige Abschreckung
Heft 10/2025 Leitartikel: Europa muss sich selbst mit Atomwaffen schützen
Nein! Deutschland braucht kein eigenes nukleares Abschreckungspotenzial und auch keine neue Wehrpflicht oder Sondervermögen für die Rüstung. Was wir stattdessen unbedingt brauchen, sind eine starke Friedensbewegung von unten und Massendemonstrationen gegen den militärisch-industriellen Komplex, der die Politik dominiert. Wir brauchen Streiks der Werktätigen für höhere Löhne und gegen Aufrüstung und Militarismus. Wir brauchen Millionen Kriegsdienstverweigerer, die klarstellen: »Egal, wie viele Panzer und Kanonen ihr baut, ihr werdet niemanden finden, der sie bedient.« Als Alternative zu militärischer Verteidigung müssen wir die Infrastruktur für soziale Verteidigung und zivilen Ungehorsam von unten aufbauen – gegen jede Unterdrückung von außen oder innen.
Alexander Kalteis, Bünde (NRW)Glaubwürdige militärische Abschreckung setzt den Schutz durch eigene oder fremde nukleare Waffen voraus. Für Deutschland gibt es damit genau zwei Möglichkeiten: entweder diese Waffen selbst zu besitzen oder die Schutzgarantie einer anderen Atommacht zu erhalten. Hierfür kämen aktuell wohl nur Frankreich oder das Vereinigte Königreich infrage. Ob diese Länder Paris beziehungsweise London für Berlin opfern würden, darf sowohl aus historischer Sicht als auch angesichts des nationalen Selbstbehauptungswillens dieser Länder stark bestritten werden. Bei ausgeschlossener Kapitulation bleibt somit nur die erste Alternative.
Georg Anders, LeverkusenIch stimme vollumfänglich zu – der nukleare Schirm Europas muss auch aus Europa kommen, der Verteidigungsschirm insgesamt unsere 27 Mitgliedstaaten und Großbritannien umfassen. Trotz aller Forderungen nach einer europäischen Lösung muss Deutschland hierbei aber schon jetzt anfangen, seine eigenen Verteidigungskapazitäten auszubauen, ohne erst eine europäische Initiative aus dem Élysée abzuwarten. Denn Deutschland darf in dieser europäischen Verteidigungsunion nicht denselben Fehler machen, den es im Rahmen seiner transatlantischen Beziehungen mit den Vereinigten Staaten macht: auf eine einseitige Lastenverteilung zulasten der anderen Partner vertrauen.
Daniel Schraffl, Tüßling (Bayern)Ich halte einen Ersatz des US-Atomschirms durch einen französischen für riskant. Wir würden für einen Atomschirm bezahlen, ohne Einfluss nehmen zu können. Macron tritt 2027 ab, und es besteht das Risiko, dass wir dann eine Präsidentin Le Pen als Hüterin unseres Schirms bekommen. Frau Le Pen ist Deutschland gegenüber reserviert eingestellt, europaskeptisch und russlandfreundlich. Im Grunde also nicht zuverlässiger als Trump. Deshalb gibt es nur zwei Möglichkeiten: einen europäischen Atomschirm in einer Koalition der Willigen, auf dessen Einsatz alle beteiligten Länder Einfluss nehmen können. Frankreich könnte teilnehmen, müsste dann aber seine Atomstreitmacht einbringen. Oder: Deutschland muss auf einen Atomschirm verzichten und fährt entsprechend internationales Engagement zurück, um nicht in die Schusslinie der Nuklearmächte zu geraten. Deutschland als zweite Schweiz sozusagen.
Christian Schäferdiek, Lohmar (NRW)Die Forderung, Deutschland brauche eine eigene nukleare Abschreckung, ignoriert, dass Deutschland dem Atomwaffensperrvertrag verpflichtet ist. Wissenschaftler des »Bulletin of Atomic Scientists« schätzen die Atomkriegsgefahr momentan so hoch ein wie noch nie. Jede weitere Aufrüstung führt uns näher an den Rand eines Atomkriegs. Nukleare Abrüstung ist das Gebot der Stunde.
Ute Rippel-Lau, HamburgDeutschland muss proaktive Maßnahmen ergreifen, um seine Sicherheit selbst zu gewährleisten. Mit einem eigenständigen atomaren Zweitschlagkapazitätssystem könnte Deutschland unabhängig von externen Partnern agieren. Eine eigene nukleare Fähigkeit könnte potenzielle Aggressoren abschrecken und somit zur Stabilität in der Region beitragen. Deutschland verfügt bereits über geeignete Trägerwaffen, zum Beispiel U-Boote, die für den Einsatz von Atomwaffen nachgerüstet werden könnten. Diese Infrastruktur könnte genutzt werden, um durch Ankauf entsprechender Waffensysteme (Israel?) die Implementierung einer eigenen nuklearen Kapazität zu beschleunigen. Und das, ohne die Finanzen übermäßig zu belasten. Der Atomwaffensperrvertrag ist nicht mehr zeitgemäß, er ist dringlichst zu kündigen.
Martin Janßen, Lauenburg (Schl.-Holst.)
Der Leitartikel bringt das Thema auf den Punkt. Die amtierenden Staatschefs in China, Russland und neuerdings auch die USA reagieren nur auf Stärke. Ein nuklearer europäischer Schutzschirm und europäische Rüstungsanstrengungen sind das Gebot der Stunde.
Dieter Obst, Wiesbaden
Das Gejammer nervt gewaltig
Heft 10/2025 Viele siegreiche Direktkandidaten dürfen nicht in den Bundestag einziehen
Dieser Artikel zu den Auswirkungen der Wahlrechtsreform ist enorm unausgewogen: Das zentrale Argument für die Reform – die Verkleinerung des Bundestages und die Einsparung von Hunderten Millionen Euro Steuergeldern – findet kaum Erwähnung. Die Wahlrechtsreform als »Anti-CSU-Manöver« zu bezeichnen ist unangemessen, denn die Reform benachteiligt nicht die CSU, sondern beseitigt deren bisherige Bevorzugung durch unausgeglichene Direktmandate. Keine Erwähnung findet, dass unausgeglichene Direktmandate in einem Wahlsystem, das im Kern ein Verhältniswahlsystem ist, demokratietheoretisch ein viel größeres Problem darstellen, da sie zu sogenannten künstlichen Mehrheiten führen können, also Mandatsmehrheiten trotz Stimmenminderheiten.
Sebastian Poetsch, KarlsruheDieses, insbesondere merzsche, Gejammer über nicht einziehende Erststimmengewinner nervt gewaltig. Da hätte seine Partei halt einfach mehr Zweitstimmen holen müssen. Und wenn jeder Wahlkreis einen Vertreter in den Bundestag mit 630 Sitzen schicken soll, müssen die Streichkandidaten künftig eben bundeslandübergreifend in den Landeslisten oder in einer bundesweiten Zweitstimmenliste gesucht werden. Das ewige Pöstchengefordere und -geschacher muss endlich ein Ende haben.
Frank Platte, WuppertalWas spricht dagegen, die Wahlkreise insgesamt abzuschaffen und den Bundestag nur noch eins zu eins nach dem Zweitstimmenergebnis zusammenzusetzen – wobei das dann keine »Zweitstimmen« mehr wären, da es nur noch eine Stimme pro Wähler bräuchte? Das wäre die gerechteste Lösung, und gleichzeitig könnte der Bundestag im Zuge dieser Reform noch einmal verkleinert werden.
Jörg Hinz, HannoverDie Diskussion um die vermeintlich »betrogenen Sieger« leidet unter einem fundamentalen Missverständnis. Die Sieger von Wahlkreisen mögen sich zwar als Repräsentanten ihres Kreises sehen, jedoch sind die Abgeordneten des Bundestages laut Grundgesetz Vertreter des ganzen deutschen Volkes. Dazu suggeriert ja auch der Terminus Erststimme, dass diese bedeutender ist als die Zweitstimme. Es gibt wohl immer noch genug Leute, die das Wesen dahinter verkennen. Zudem: Was nützt mir eigentlich, dass ein Abgeordneter meinen Wahlkreis im Bundestag vertritt? Da merke ich nichts von – weder gibt es bessere Straßen noch niedrigere Steuern, noch pünktlichere Züge.
Frerk Meyer, Bad Soden (Hessen)Das ursprüngliche Zwei-Stimmen-Wahlrecht war ebenso einfach wie genial: Das Parlament bestand aus 299 direkt gewählten Abgeordneten, die andere Hälfte wurde nach Parteienproporz bestimmt. Viele direkt gewählte Kandidaten können ihr Amt nicht wahrnehmen, weil nicht genügend Zweitstimmen vorhanden sind. Die Direktwahl wird zur Farce, wenn letztlich die Zweitstimmen entscheiden, welcher Kandidat sein Mandat wahrnehmen kann.
Dr. Hubert van Bühren, Köln
Deckel drauf kocht schneller
Heft 10/2025 Die Strafrechtlerin Frauke Rostalski beklagt die Debattenkultur
Wow, das hätte ich dem SPIEGEL nicht zugetraut: zu schreiben, dass AfD-Wähler auch Menschen sind und dass die Brandmauer undemokratisch ist. Endlich mal eine andere Sichtweise als Ihre sonstige Anti-AfD-Polemik.
Frank Epple, Aichelberg (Bad.-Württ.)Dank an Frau Rostalski. Schon lange mache ich mir Gedanken zu dem Thema. Wie geht man künftig mit 152 gewählten Volksvertretern der AfD und vor allem mit 20,8 Prozent der Wähler – des Souveräns – um? Deckel drauf ist beim Kochen gut, es kocht dann schneller. Aber die Chose kann einem auch mal um die Ohren fliegen!
Detlef Schulz, Fehmarn (Schl.-Holst.)»Streit ist in einer freiheitlichen Demokratie nichts Schlechtes. Auf dem Marktplatz der Ideen soll sich die beste durchsetzen«, schreibt die Autorin. Wie wahr! Ich würde mich gerne auch mit abseitigen, extremen und schlimmstenfalls auch radikalen Meinungen auseinandersetzen, wenn es denn wirklich nur um Meinungen ginge. Völkisch-rechtsnationalistische Kreise negieren aber schon häufig die Fakten – ob es der Klimawandel ist, die dunkelsten Zeiten unserer Geschichte oder die Kriminalitätsraten von Menschen, die aus anderen Ländern zu uns gekommen sind. Bekanntlich ist Hass keine Meinung. Deshalb bleibt es richtig, der Verbreitung von »Fake News«, »alternativen Fakten« und historischen Lügen weiterhin – gesellschaftlich, gegebenenfalls auch strafrechtlich – deutlich zu widersprechen.
Dr. Wolfgang Manig, Botschafter a. D., BerlinBesser als die Autorin kann man die Problematik dieses imaginären Gebildes »Brandmauer« kaum beschreiben. Hut ab!
Jürgen Vahle, Bielefeld
Wo bleibt die Männerquote?
Heft 10/2025 Die Kritik der Grünen am Unionspatriarchat wäre glaubwürdiger, hätten sie eine Männerquote
Da Frauen im Parlament massiv unterrepräsentiert sind, finde ich es nicht so schlimm, dass die Grünen mit ihrem Mehr an Frauen da ein wenig Ausgleich schaffen. Zumal auch mehr als 50 Prozent ihrer Wählenden Frauen sind.
Annegret Laakmann, Haltern am See (NRW)
Früher pumpen
Heft 10/2025 Gutes Krafttraining für Kinder und Jugendliche
Ein frühzeitiger Beginn mit Kraft- und Ausdauertraining mag sinnvoll sein. Dennoch mag ich mir nicht ausmalen, wie sich zwanghafte Selbstoptimierung und Essstörungen unter Kindern entwickeln würden.
Christian Seifert, Hamburg
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