Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL
Briefe
Die deutsche Politik schnarcht
Heft 10/2024 Titel: Enttarnt
Sehr gute Recherche, nur leider zu spät – vor allem für ehemalige Kleinaktionäre. Bleibt aufzuklären, wo das »Restgeld« verblieben ist. Wir sind gespannt.
Bernd Rittmeier, Bad Wimpfen (Bad.-Württ.)Mal wieder ein peinlicher Fall für die deutschen Sicherheitsbehörden. Während sie schlafen, machen Medien ihre Arbeit. Und das, obwohl in den meisten Redaktionen kräftig gespart wird. Die deutsche Politik schnarcht seit mittlerweile fast zwei Jahrzehnten vor sich hin. Es herrscht eine große Unfähigkeit, mehr als drei Tage im Voraus zu planen.
Pascal Rastetter, BerlinDer SPIEGEL beschreibt Jan Marsalek etwas von oben herab, als einen Menschen ohne akademischen Abschluss. Bedarf es denn beispielsweise eines Hochschulstudiums, um Institutionen und Geheimdienste über Jahre hinweg an der Nase herumzuführen? Nein! Marsalek ist eine äußerst gewiefte, hochkriminelle Persönlichkeit, die eine narzisstische Neigung hat. Er vermag es, Menschen zu manipulieren, sie für sich einzunehmen und sich letztlich strahlend aus anscheinend jeder Affäre zu ziehen. Und doch lebt er auf gefährlichem Fuße, da er sich mit den unberechenbaren Russen gemein macht.
Horst Winkler, Herne (NRW)Was mich immer wieder beeindruckt, sind investigative Journalisten, die die Chuzpe und den Mut haben, ohne Hilfe von Vorgesetzten in Bereiche vorzudringen, in denen auch staatliche Organe angeblich machtlos sind. In letzter Zeit sind mir da besonders Juan Moreno und jetzt Roman Dobrokhotov aufgefallen. Wegen solcher Helden lobe ich mir die sogenannte Vierte Gewalt.
Jean Dörnbrack, BerlinDer absolut desolate Zustand der deutschen Strafverfolgungsbehörden in puncto Gegenspionage ist doch lange bekannt. 2022 wurde beim Bundesnachrichtendienst ein hochrangiger Maulwurf entdeckt, ein paar Jahre davor gab es dort schon mal einen. Jan Marsalek ist da nur die Spitze des Eisbergs. Und man muss es so deutlich sagen: Es ist ein kapitales Versagen der Politik. Der BND verfügt nicht einmal mehr über eine eigene Gegenspionage, und unsere sehr geschätzte Innenministerin Nancy Faeser hat noch kurz nach ihrem Amtsantritt 2022 dafür sorgen wollen, dass der Gegenspionage beim Bundesamt für Verfassungsschutz weitere Mittel entzogen werden.
Peter Steinbacher, Niederraunau (Bayern)Der Kriminelle ist nicht der schmierige Typ mit einer Augenklappe, und der Spion läuft nicht im schwarzen Trenchcoat und Filzhut herum. Die Ausstattung unserer Behörden, von denen es so viele gibt, ist geradezu hinterwäldlerisch. Eine frische Brise aus der Neuzeit würde vielleicht den alten Mief vertreiben. Aber es sieht nicht so aus, als hätten wir zurzeit Politiker, die dieses massive Problem ernsthaft angehen wollen. Es gibt immer zu viele Bedenkenträger – einige zu Recht, andere wollen nur mal etwas sagen.
Holde Pahl, Hamburg
Unfähig zu einem Kompromiss
Heft 9/2024 Leitartikel: Deutschland sollte auf das Ende des Kriegs in Gaza drängen
Die Lösung für mehr Sicherheit liegt nahe. Herr Kurbjuweit erwähnt sie in seinem Leitartikel, und alle fordern sie, Deutschland genauso wie die EU und die USA: die Zweistaatenlösung. Geschehen ist in den vergangenen Jahrzehnten diesbezüglich nichts Nennenswertes. Die USA und Deutschland sollten ihren wohlfeilen Worten endlich Taten folgen lassen und die weitere Unterstützung Israels an die Bedingung knüpfen, einen entsprechenden Friedensprozess einzuleiten, der wohl der einzige Weg aus der Gewaltspirale ist. Die Sicherheit Israels ist eng verknüpft mit der Freiheit und Sicherstellung humanitärer Lebensbedingungen für die Palästinenser in einem eigenen Staat unter Einhaltung des Völkerrechts. Wer nicht auf einen Interessenausgleich hinwirkt, schadet nicht nur den berechtigten Interessen der Palästinenser, sondern auch denen Israels.
Reiner Gorning, Hamburg
Mehr Krieg bringt nicht mehr Sicherheit. Diese Sichtweise ist mir sympathisch, allerdings scheint sie einer utopischen Vorstellungswelt zu entstammen. Die Forderung nach einer Zweistaatenlösung halte ich für eine Leerformel, solange deren Befürworter nicht die Namen der Politiker:innen nennen, die einen palästinensischen demokratischen Staat aufbauen könnten, in dem Hamas-Anhänger als friedliche Partei integriert sind. Auch müssten die israelischen Politiker:innen benannt werden, die nicht nur das humanitäre Völkerrecht respektieren, sondern die Besiedlung des Westjordanlands beenden. Und damit nicht genug: Den auf palästinensischem Territorium lebenden Israelis müsste ein Angebot gemacht werden, wie sie politisch ihre Minderheitsrechte wahrnehmen könnten. Wenn Deutschland bei dieser Aufgabe einen Beitrag leisten würde, hat es aus meiner Sicht zur Sicherheit in Nahost beigetragen.
Ursula Lemke, KölnDirk Kurbjuweit hat recht. Selbst wenn es Israel gelingen sollte, die Hamas auszulöschen, würde eine neue Terrororganisation den Kampf unter der gleichen Flagge fortsetzen. Noch mehr Tote auf beiden Seiten wären die Folge. Zu einer Zweistaatenlösung kann es nicht kommen, da Israel mit seiner von der Regierung gesteuerten Siedlungspolitik dem jegliche Grundlage entzogen hat. Realistisch gesehen wird die Politik nicht anders handeln als bisher: möglichst verhindern, dass beide Seiten noch mehr Öl ins Feuer gießen, und die Nachbarn davon abhalten, ebenfalls zu zündeln. Bis auf wenige, aber heftige Ausnahmen hat das über Jahrzehnte funktioniert. Das Schlimme an der Situation: Der alte Hass ist auf beiden Seiten so stark wie nie hochgekocht.
Dr. Klaus Swieczkowski, Hildburghausen (Thür.)
Pastorale Nachsichtigkeit
Heft 9/2024 Altbundespräsident Joachim Gauck im SPIEGEL-Gespräch über die deutsche Russlandpolitik
Mich erstaunt und befremdet, dass der frühere Bundespräsident Joachim Gauck auf eine maximale Unterstützung der Ukraine drängt. Dies heizt nur die Gewaltspirale an und führt zu noch mehr Blutvergießen und Toten. Von einem Pastor hätte ich eine andere Aussage erwartet. Kürzlich stellte ein britischer Militärexperte fest, dass der Ukrainekonflikt bei dem jetzigen permanenten Aufschaukeln des Waffen- und Munitionseinsatzes auf beiden Seiten noch gut und gerne drei bis fünf weitere Jahre andauern könnte. Wollen wir das? Der Schweizer Außenminister Cassis hat kürzlich in der Uno für eine Friedenskonferenz im Sommer dieses Jahres in der Schweiz geworben – so weit, so gut. Allerdings hat der Plan einen entscheidenden Schönheitsfehler: Russland soll nicht dabei sein. Ohne Russland am Tisch zu haben, ergeben Gespräche keinen Sinn. Da muss unbedingt nachgebessert werden.
Toni Stadelmann, Zürich (Schweiz)
Schade, dass uns Herr Gauck mit seiner Weitsicht zu allem nicht länger als Bundespräsident zur Verfügung stand.
Doris Niedecken, BerlinMusste der SPIEGEL Gauck unbedingt interviewen? Gauck hat doch oft genug bewiesen, nicht mehr alle Sinne beisammen zuhaben. Vorn ist er für Waffenlieferungen an die Ukraine, hinten ist er für Frieden. Gott sei Dank weist er selbst auf sein Alter von 84 Jahren hin. Wie kann ein ehemaliger Pfarrer zu einem Kriegsbefürworter werden?
Gerhard Plast, WürzburgDie klaren Worte, mit denen sich Joachim Gauck zur deutschen Russlandpolitik äußert, würde man sich auch in Bezug auf die AfD-Wähler:innen wünschen. Studien zufolge haben viele von denen ein rechtsextremes Weltbild, trotzdem spricht der Altbundespräsident von »Irrenden oder Verunsicherten«, mit denen Politiker:innen kommunizieren müssten. Solch pastorale Nachsichtigkeit sollte sich unser ehemaliges Staatsoberhaupt für weniger gefährliche Bevölkerungsgruppen aufsparen.
Uwe Tünnermann, Lemgo (NRW)Ich stimme Gauck bezüglich der dringenden Notwendigkeit der vollen Unterstützung der Ukraine uneingeschränkt zu. Leider wurden nicht nur die »grünen Männchen«, die vor zehn Jahren in die Ostukraine eingefallen sind, von Putin gelenkt, sondern auch Entscheidungsträger bei uns – und sie trugen nicht nur Anzüge von Brioni.
Roy Parrish, Graal-Müritz (Meckl.-Vorp.)
Schnüffeldienste
Heft 9/2024 Der umstrittene Plagiatsjäger Stefan Webe
Mit Ihrer Recherche haben Sie mindestens eine sehr dünnhäutige Reaktion von Stefan Weber mir gegenüber ausgelöst: Es dauerte nur Minuten, bis er auf eine kritische Stellungnahme meinerseits zu seinen Aktivitäten via seiner Website in einer Mischung aus Blasiertheit und Schmäh auf meiner Mailbox geantwortet hat. Also: Treffer!
Martin Drescher, Kirchzarten (Bad.-Württ.)
Der Vorwurf der »Hyper-Moralität« kann mich nicht schrecken, meine Abscheu gegenüber den von Stefan Weber angewandten Methoden und der dahinter stehenden Motivation unmissverständlich zum Ausdruck zu bringen. Niederste Instinkte – Rache, Hass, Neid, Gier – sowohl des Plagiatjägers als auch seiner wenig honorigen Auftraggeber feiern fröhliche Urständ. Zudem verfolgt Weber auch eine politische Agenda. Nicht zufällig waren gerade die Grünenpolitikerin Annalena Baerbock und die stellvertretende Chefredakteurin der (links-)liberalen »Süddeutschen Zeitung« Zielscheibe seiner denunziatorischen Aktivitäten. Dass er Julian Reichelt – einem Bruder im Geiste – nur 2000 Euro für geleistete »Schnüffeldienste« in Rechnung stellt, spricht für einen »Freundschaftsdienst«, der eine engagierte Journalistin um ihre Reputation bringen soll.
Rüdiger Paul, Wedel (Schl.-Holst.)Es spielt doch überhaupt keine Rolle, aus welchen Gründen der Herr Weber auf Plagiatsjagd geht. Ob er damit sein Geld verdient oder aus Rache, ist egal. Wer bei der Doktorarbeit betrogen hat, soll den Doktortitel auch nicht führen dürfen. Es ist doch auch kein Geheimnis, dass etwa ein Ingenieur mit Doktortitel mehr Geld erhält als ein Ingenieur, der »nur« ein Diplom hat. Da sollte ein Doktortitel dann auch rechtmäßig erworben sein, um das Mehr an Gehalt auch zu rechtfertigen.
Manfred Sommerfeld, HamburgWenn in einer Arte-Doku Experten vorgestellt werden, dann steht dort auf Französisch: Paul Meyer, Professor für Geschichte, also
einfach Name und Beruf, auf Deutsch: Professor Dr. Dr. Paul Meyer, Historiker, also Orden und Ehrenzeichen, Name, Beruf. Warum gibt es diesen Unterschied? Vermutlich auch deshalb, weil der Doktorgrad in Deutschland durch die Politik zusätzlich aufgewertet worden ist: Man darf ihn in seinen Ausweis eintragen lassen, wofür es keinen ersichtlichen Grund gibt. Wer derart bevorzugt wird, dem wird von Staats wegen bestätigt, etwas Besonderes zu sein. Nach so einem lebenslangen Aushängeschild streben viele. Plagiatsjäger wie Stefan Weber weisen den Einsatz unerlaubter Mittel beim Erwerb des Titels nach, was bei Prominenten natürlich für medialen Wirbel sorgt. Es wäre interessant zu erfahren, ob es in Frankreich eine vergleichbare Anzahl von Betrügereien gibt oder ob es tatsächlich nur am deutschen Passgesetz liegt.
Peter Ueding, Leopoldshöhe (NRW)
»Zwei Boxen, groß wie Koffer«
Heft 9/2024 Kolumne: Alles Gutsch
»Zwei Boxen, groß wie Koffer« – Martin Gutsch beschreibt nicht nur sich selbst, sondern auch meinen Mann. Ich habe es geschafft, dass er sein Hi-Fi-Museum auflöst – inklusive Kassettendeck! Tipps gebe ich gerne an andere Bravo-Hits-1992-geplagte Ehefrauen weiter.
Kerstin Zander, Eltville (Hessen)
Julian Nagelsmann am Spielfeldrand
Heft 9/2024 SPIEGEL-Gespräch mit Fußballbundestrainer Julian Nagelsmann
Mir war die Ausstrahlung von Julian Nagelsmann am Spielfeldrand nie besonders sympathisch, dieses SPIEGEL-Gespräch hat meine Sicht verändert.
Hartmut Krauß, Bielefeld
»Digitaler Mainstream«
Heft 9/2024 SPIEGEL-Gespräch mit der Gedächtnisforscherin Hannah Monyer
Das SPIEGEL-Gespräch mit der blitzgescheiten Neuro-biologin Hannah Monyer hat mich rundum erfreut. Eine deliziöse Melange zwischen Déjà-vu und Erkenntnisgewinn. Es lohnt sich wahrlich, gegen den »digitalen Mainstream« zu schwimmen.
Raffaele Ferdinando Schacher, Rorschach (Schweiz)
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