Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL
Briefe
Beispiellose Leistungen
Heft 3/2024 Titel: Ein deutsches Märchen
Ich war wirklich sehr gespannt, ob der SPIEGEL die Geduld aufbringt, bis zum Erscheinen der Printausgabe am Samstag an dem wohl zwingend gebotenen Beckenbauer-Nachruf, als Titel festzuhalten. Die Nachricht von des Kaisers Tod war da schon fünf Tage auf dem Markt und dessen Leben bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet, alles dazu geschrieben und gesagt. Und doch: Es ist eine wunderbare Geschichte gelungen, frei von sattsam bekanntem biografischem Klein-Klein. Kompliment.
Winfried Weithofer, Wasserburg am Inn (Bayern)Franz Beckenbauer war ein genialer Fußballer, eine absolute Ausnahmeerscheinung und ein hervorragender Trainer, ohne Frage ein Glücksfall für die deutsche und die internationale Fußballwelt. Dass der SPIEGEL sich aber in großen Teilen der unerträglichen Lobhudelei um die Person Beckenbauer anschließt, macht mich wütend. Seit 1977 war Herr Beckenbauer Steuerflüchtling. Fast 50 Jahre lang hat er keinen Pfennig oder Cent an den deutschen Fiskus gezahlt. Dem Land, dem er alles verdankt und dessen Menschen ihm in großen Teilen zu Füßen lagen und liegen, hat er nichts zurückgegeben. Mehrfach wurden bei ihm massive Steuerverfehlungen festgestellt, er wurde zu gravierenden Nachzahlungen verurteilt. Nicht nur im Zusammenhang mit dem »Sommermärchen« gab es zahllose Ungereimtheiten in Beckenbauers Finanzgebaren.
Joachim Goldmann, Güstrow (Meckl.-Vorp.)Elf Druckseiten für eine Hagiografie eines verstorbenen Fußballspielers und -managers. Ein Beitrag in der Rubrik »Nachrufe« hätte gereicht. Wer für seine/ihre Trauerarbeit mediale Unterstützung braucht, sollte sich den »Kicker« kaufen oder eine Wallfahrt zur Beckenbauer-Abteilung des Deutschen Fußballmuseums unternehmen.
Heiko Gerdes-Janssen, Großheide (Nieders.)Beckenbauer ist Titelstory und Titelseite wert – Wolfgang Schäuble war es nicht. Was ist aus dem
SPIEGEL geworden?
Sven Eichel, KrefeldFür mich bleibt dank Ihrer hervorragenden Recherche der Eindruck, dass dieser geniale Fußballer und diese große, charismatische Persönlichkeit keinen Finger gerührt hat, ohne dass er dafür gut bezahlt wurde. Gleichzeitig hat er sich in der Öffentlichkeit als ehrenamtlicher Organisator der Fußball-WM 2006 feiern lassen. Zudem hat er zur Aufklärung der Bestechungsvorwürfe keinen Beitrag geleistet, sondern eher noch zur Verschleierung beigetragen. Das ist unredlich und ändert sicherlich den Blick auf den Charakter dieses Mannes. Alles in allem bleiben aber auch große Verdienste um den deutschen Fußball und den Ruf Deutschlands in der Welt.
Andreas Hynek, WürzburgWer in einem korrupten Fifa-System Erfolg haben will, muss sich systemrelevant verhalten. Trotz alledem: Franz Beckenbauer hat sich auch um Deutschland verdient gemacht, indem er die Fußballweltmeisterschaft 2006 nach Deutschland holte und uns ein Sommermärchen bescherte.
Friedhelm Jansen, Hattingen (NRW)Franz Beckenbauer galt schon in jungen Jahren als Phänomen. Körperlich weit Schwächere als er mussten damals den 18-monatigen Pflichtwehrdienst leisten. Er aber entkam dem »Staub der Kasernenhöfe« und dem »Ehrendienst fürs Vaterland«, wie der SPIEGEL 1968 spottete.
Hans Rentz, Waging am See (Bayern)Die Verfasser der Nachrufe auf Franz Beckenbauer sahen sich offenbar leider durch die Bank zu einer Übererfüllung des (ohnehin meist falsch verstandenen) »De mortuis nihil nisi bene« genötigt. Ich kann mich nicht daran erinnern, in Nekrologen eine derartige Flut von Superlativen bei zugleich konsequenter Vermeidung all dessen, was auch nur den allergeringsten Schatten auf das Leben und Treiben der verstorbenen Person werfen könnte, gelesen zu haben.
Prof. Dr. Wolf-Rüdiger Heilmann, BerlinWer so nassforsch feststellte, er habe am Golf keinen Menschen in Ketten oder Handschellen gesehen, der hat bewiesen, wie elegant er fünfe gerade sein lassen konnte.
Hans-Peter Hahn, Berlin
Zeit zu handeln
Heft 2/2024 Leitartikel: Die etablierten Parteien brauchen endlich eine Strategie gegen die AfD
Dem wohldurchdachten Aktionsplan von Maria Fiedler wäre nichts hinzuzufügen. Jedoch wird er sich nicht umsetzen lassen, weil in der Dreierkoalition jede Partei auf ihr Profil achten muss. Da die Parteien noch nicht einmal ihre eigene Basis überzeugen können, wird es wohl bei unausgegorenen Entscheidungen bleiben. Dabei haben sie noch nicht gemerkt, dass sie selbst durch ihre gesellschaftsferne Politik unsere Demokratie gefährden und die Wähler, die täglich um ihre Existenz kämpfen, der AfD in die Arme treiben.
Norbert Höpfner, Kronberg (Hessen
Leider ist die Argumentation der Autorin ebenso oberflächlich und zu kurz gegriffen wie das Verhalten der sogenannten etablierten Parteien in Deutschland. Ihr Fazit ist hoffnungsgesteuert und wenig realistisch – damit lassen sich weder tumbe Politik noch der fortschreitende Klimawandel beeindrucken.
Dirk Skorski, Deggingen (Bad.-Württ.)Diese Analyse führt noch nicht weit genug. Zum einen gehört zu einer offenen inhaltlichen Auseinandersetzung auch, dass man die ideologischen Widersprüche der AfD viel stärker thematisiert, wie zum Beispiel, dass man nicht gleichzeitig eine fremdenskeptische und eine wirtschaftsfreundliche Partei sein kann. Zum anderen fehlt der ungemein wichtige Punkt, dass die Ampelkoalition endlich die gerade bei den Lebenshaltungskosten immer noch viel zu hohe Inflation bekämpfen muss, die vor allem die kleinen fleißigen Leute trifft.
Rasmus Ph. Helt, HamburgWarum denkt Frau Fiedler so richtig und konsequent – und nicht die Herren der Ampelkoalition?
Hans-Peter Mönch, Stetten (Bad.-Württ.)Die Schlauheit des Fuchses besteht zu 99 Prozent aus der Dummheit der Hühner. Wenn die AfD bei der Oberbürgermeisterwahl in Pirna in einem zweiten Wahlgang 38 Prozent bekommt und zwei demokratische Rivalen 30 und 31 Prozent, was zusammen 61 Prozent ergibt, dann haben die Demokraten ja wohl was falsch gemacht. Wenn Demokraten in der heutigen breit gefächerten Parteienlandschaft in einer Stichwahl nicht in der Lage sind, stabile Allianzen zu schmieden, soll das wohl so sein.
Ralf Heiligenthal, Ahrensburg (Schl.-Holst.)Mir gefiel an Maria Fiedlers Leitartikel, dass sie die Zahlen bekannter macht – 37 Prozent in Sachsen würden laut einer Umfrage die AfD wählen – und die Vorschläge für konkretes, schnelles Handeln der Politiker (Verlässlichkeit, Verständlichkeit, Präsenz zeigen, den Bürgern etwas zutrauen). Was mich nachdenklich stimmte, war das übliche Schema: Die Politiker
da oben sollen es lösen. Ja, Politik ist unser gesellschaftlicher Hebel. Aber wir alle bewegen und sind Politik. Ich finde Deutschland in weiten Teilen unpolitisch. Einfaches, konkretes, gesellschaftliches Handeln für die Demokratie und gegen antidemokratische Parteien kommt viel zu kurz, und das rächt sich irgendwann.
Martina Hetzel, Berlin
Sehr wertvoll
Heft 2/2024 50 Tipps für gutes Benehmen
Unnötig, unpassend, läppisch, peinlich – zwei volle Seiten verschwendet für dieses ausufernde, biedere Rumgeknigge. Das soll der SPIEGEL sein? Oje.
Gisela Graf, Magdeburg
Ein Wort: Klasse!
Uwe Fuhrmann, Monschau (NRW)Der Artikel ist auch für mich interessant, da er mir den Spiegel vorgehalten hat. Ich habe noch etwas gelernt. Ich fand ihn so gut, dass ich ihn kopiert und an meine ukrainischen Mieter (Mutter und 18-jährige Tochter) weitergeleitet habe. Diese Tipps sind für Menschen, die aus einer Not heraus in Deutschland leben müssen, sehr wertvoll.
Manfred Berwanger, Barbelroth (Rhld.-Pf.)Sagt Frau Wilkens ihrem Sohn wirklich, er solle dazwischengehen, wenn fremde Leute ihre Kinder anschreien oder handgreiflich werden? Was, wenn er sich dabei selbst eine Ohrfeige einfängt?
Herbert Vogel, Hohenfels (Bayern)Die großenteils beherzigenswerten Verhaltensregeln wären an zwei Stellen zu modifizieren: »Gib nur jemandem die Hand, der eindeutig signalisiert, dass er das auch möchte.« Denn viele haben sich im Zuge der Pandemie alternative Formen der Begrüßung angewöhnt. Bedenken wegen möglicher Infektionen sind unbedingt zu respektieren, aber natürlich auch alle anderen persönlichen Argumente gegen den Händedruck. Für Umarmungen gilt das noch mehr. Und: Der Duden klassifiziert die Bezeichnung »Sprechstundenhilfe« als veraltet. Medizinische Fachangestellte (so die korrekte Berufsbezeichnung) können sie als herabwürdigend empfinden. Freundlichkeit im Umgang mit MFAs kann sich also auch darin ausdrücken, dass man sie nicht als Sprechstundenhilfen bezeichnet.
Eleonora Martini, Leonberg (Bad.-Württ.)
Vereinfachende Einteilung
Heft 2/2024 Die gefährliche Gleichsetzung von Konflikten
In ihrem Gastbeitrag sehen Armin Nassehi und Irmhild Saake die Symmetrisierung (landläufig auch »Gleichmacherei«) als Ursache für linken Antisemitismus. Von postkolonialer Theorie beeinflusst, hätten aus linken Milieus stammende Akademiker hierzulande die Fähigkeit verloren, die Angriffe der Hamas zu verurteilen, und setzten sie stattdessen mit der Rolle Israels im Nahostkonflikt gleich. Empirisch gesättigte Beobachtungen werden vermisst und als Gegenmittel für Gleichmacherei eingefordert. Doch genau solch eine empirisch gesättigte Analyse fehlt dem Antisemitismusvorwurf der Autoren. Kein einziges Beispiel wird genannt. Was bleibt, ist der Verdacht, dass die Autoren gut daran täten, von ihrer eigenen Medizin zu nehmen, denn der treuste Wegbegleiter der Gleichmacherei ist das Pauschalurteil.
Stefan Bargheer, Erfurt
Da hat mir der SPIEGEL im Bestreben um Ausgewogenheit allzu viel zugemutet – und sicherlich nicht nur mir. Triefend vor akademischer Überheblichkeit huldigen die Verfasser der vereinfachenden Einteilung in rechts und links, Gut und Böse. »Aktivistischer Kritik-Kitsch« – dieses Urteil ist jenseits aller Seriosität. Wer bei der Beurteilung der Eruptionen im Nahen Osten die Sicht des Generalsekretärs der Vereinten Nationen teilt, wonach die hasserfüllte Brutalität der Palästinenser nicht im luftleeren Raum geschehen ist, der rechtfertigt damit auch das Menschheitsverbrechen der Schoa? Diese böswillige Zumutung verletzt mich zutiefst. Ist sich die Redaktion im Klaren, wie sie einen sicher nicht unerheblichen Teil der Leserschaft beleidigt, indem sie einen solchen einseitigen Text veröffentlicht? Die Gleichsetzung von Kritik an Israel mit Antisemitismus ist allzu durchschaubar.
Hans Neubig, Goldkronach (Bayern)Mit sehr gutem Willen kann man den Artikel als Beitrag zur akademischen Debatte über den Begriff »linker Antisemitismus« lesen. Kritisch betrachtet ist er ein weiterer Versuch, den Ausdruck als Kampfbegriff gegen jede Kritik an Israel zu instrumentalisieren. Richtig ist, dass die Kritik an der israelischen Politik bei Linken sehr viel häufiger ist. Die Forderung nach Gerechtigkeit ist das Wesen eines linken Menschen. Das umfasst auch die Gerechtigkeit gegenüber dem palästinensischen Volk. Einem Volk, das seit vielen Jahrzehnten verfolgt und vertrieben wird. Die Tat der Hamas, die Ermordung der vielen israelischen Zivilisten, ist ein Ausbruch von Hass, der verurteilt und verfolgt werden muss. Aber Israels Bomben machen keinen Unterschied zwischen Hamas-Kämpfern und Frauen und Kindern. Die Kritik an der israelischen Politik ist gerechtfertigt und kein Antisemitismus.
Richard Schärer, Öhningen (Bad.-Württ.)
Nach Afrika verschifft
Heft 2/2024 Die Bundesregierung prüft das umstrittene »Ruanda-Modell«
Nachdem wir jahrzehntelang Plastikmüll, abgetragene Klamotten und Hähnchenteile, die wir nicht essen mochten, nach Afrika verschifft haben, sollen es jetzt Migranten sein, die wir dort loswerden wollen. Diese traurige Reihe spricht gegen unsere Moralität.
Christoph Nitsche, Straßenhaus (Rhld.-Pf.)
Unkorrekter Humor
Heft 2/2024 Jochen-Martin Gutsch über eine Weltverbesserung durch Winterschlaf
»Alles Gutsch« schafft es, mit wunderbar unkorrektem Humor den Jahreswechsel und die eklig kaltnasse Jahreszeit zu skizzieren. Das tut gut bei all den schlechten Nachrichten, und die permanente Anspannung löst sich auf angenehme Weise.
Anselm Müller-Gastell, Eltville am Rhein (Hessen)
Fluss von Tränen
Heft 2/2024 Yahia Yassin wuchs im Norden des Gazastreifens auf und starb offenbar bei einem israelischen Bombenangriff
Das Schicksal eines Einzelnen ist oft viel anschaulicher und verständlicher als eine Schilderung des Großen und Ganzen. Diese Ballade von Alexander Osang ist wenigstens ein -kleiner Tropfen, wo ein Fluss von Tränen hingehört.
Frank Wunderlich, Nöbdenitz (Thür.)
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