Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL
Briefe
Schöne neue Welt
Heft 28/2023 Titel: Das Ende der Wahrheit
Es ist erschreckend, welche Illusionen KI in Zukunft wird erzeugen können. Wir werden also ziemlich auf der Hut sein müssen. Allerdings halte ich es für irrelevant, ob mich künstliche oder menschliche Intelligenz zum Narren hält. Die Kunst wird auch weiterhin sein, die Auffassungsgabe daraufhin zu trainieren, was wahr sein könnte und was nicht. Absolute Sicherheit gab es nie und wird es nie geben. Schwierig ist sicherlich die Neuorientierung. Wie in der Vergangenheit wird auch in der Zukunft ein großes Aufgabenfeld in der »wahrheitsgemäßen« Verbreitung von »Fakten« liegen. Ein Foto oder ein Filmchen zu zeigen wird da bei Weitem nicht mehr ausreichen. Wie ein »Faktum« präsentiert wird, wird zunehmend von Bedeutung sein.
Boris Steidle, MünchenSuper Idee, gleich auf dem Titelbild mal ganz plastisch zu zeigen, was für Lügen mit KI möglich sind!
Dr. Michael Groß, Nesselröden (Nieders.)1957 habe ich eine Fotografenlehre begonnen. Dieser Beruf hat mich lange Jahre ernährt. Von der analogen Fotografie bis zur digitalen Technik vergingen viele Jahre. Jetzt lässt ein KI-System die Grenzen zwischen Wahrheit und Fiktion verschwimmen. Sogenannte Prompts, also Anweisungen, müssen in den Computer eingegeben werden, und eine Software erarbeitet in mehreren Stufen zum gewünschten Ergebnis. Damit dürfte der Beruf des Fotografen Vergangenheit sein – schade!
Elmar Schotes, MünsterDass der Geist aus der Flasche ist, wissen wir schon lange. Aber dass dieser Geist in falschen Händen Erhebliches anrichten kann, macht nachdenklich und auch ein bisschen Angst. Hoffentlich ist sie unbegründet.
Peter Mutzek, Faßberg (Nieders.)Schöne neue Welt. Die Möglichkeiten von KI sind durchaus faszinierend – die Gefahren jedoch erschreckend. Die Möglichkeiten von Textgeneratoren hätten mehr Raum verdient. Möglicherweise können bald wissenschaftliche Arbeiten, sogar Doktorarbeiten oder Habilitationsschriften per KI erstellt werden, ohne dass dies erkennbar ist. Vorstellbar sind auch Romane aus dem Computer und ganze literarische Werke. Vielleicht haben wir in 10, 20 Jahren einen Literaturnobelpreisträger, der kein einziges seiner Werke geschrieben hat. Faszinierend und erschreckend. Eine Zeitenwende.
Reiner Gorning, HamburgIch fürchte mich nur vor einem: dem Zerfall der selbstständigen Denkfähigkeit der Menschen. Doch jeder Mensch kann sich dem entziehen, indem er eigenständig die graue Masse zwischen seinen Ohren aktiviert. Wie hat schon Marie von Ebner-Eschenbach gesagt: »Wer nichts weiß, muss alles glauben.«
Erich Breuer, Hagen im Bremischen (Nieders.)Was ist das für ein Wahrheitsbegriff? Der Gedanke, dass Bilder täuschen können, ist doch schon seit Platon nicht mehr neu.
Hagen Röhrig, MünsterNoch nie war Goethes Ballade »Der Zauberlehrling« aktueller als heute: »Herr, die Not ist groß! / Die ich rief, die Geister / Werd ich nun nicht los.«
Hans-Dieter Heithausen, Krefeld
Rezepte ausgegangen
Nr. 27/2023 SPIEGEL-Streitgespräch über ein Verbot der AfD
Herr Wanderwitz zeigt sich genauso undemokratisch wie die AfD. Was ist es für ein Demokratieverständnis, eine Partei, die durch die Fehler der Regierung nach oben kommt, verbieten zu wollen? Wäre die Politik der Regierung bürgerfreundlich, würden wir über die AfD kaum Worte verlieren.
Sabine Wiemann, Pommelsbrunn (Bayern)Wenigstens der CDU-Politiker Marco Wanderwitz scheint, anders als sein Parteivorsitzender, begriffen zu haben, dass die AfD nicht gewählt wird, obwohl, sondern weil sie rechtsextrem ist.
Uwe Tünnermann, Lemgo (NRW)Alle etablierten Parteien haben durch Ignoranz und Fehleinschätzung dazu beigetragen, dass die AfD in der Wählergunst dort angekommen ist, wo sie heute steht. Rückgewinne zu erstreiten ist fast unmöglich geworden. Und nun? Sind allen Verursachern die Rezepte ausgegangen, um sich noch angemessen dagegen zu wehren. Wenn man einen Begriff aus der Wirtschaft über die AfD bemühen wollte, so müsste man demütig anerkennen: »Too big to fail.« Eine Partei wäre wohl noch in der Lage, die AfD tatsächlich zu »halbieren«. Aber nicht die CDU, sondern die noch nicht existierende Partei von Sahra Wagenknecht. Manchmal muss es schlimmer werden, bevor es besser wird.
Christoph Schneppenheim, Berlin
Wahlrecht von Geburt an
Nr. 27/2023 Die alleingelassene Jugend
Vielen Dank für diese wichtige Analyse. Ob die Politik endlich die notwendigen Schlüsse zieht, ist angesichts der beschämenden Auseinandersetzungen um die Kindergrundsicherung fraglich. Die Grundrechte von Kindern werden seit vielen Jahren nicht ausreichend beachtet und sind trotz der Forderungen vieler Organisationen nicht im Grundgesetz verankert. Wir Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzte fordern seit Jahren analog dem Wehrbeauftragten einen mit ähnlichen Kompetenzen ausgestatteten Kinderbeauftragten im Deutschen Bundestag, der in einem jährlichen Bericht den Stand der Chancengleichheit aller Kinder aufzeigt und darlegt, wo es weiterhin Defizite gibt.
Dr. med. Wolfram Hartmann, Kinder- und Jugendarzt, Deutsches Kinderbulletin, Kreuztal (NRW)Meine Frau und ich haben uns vor etwa 30 Jahren ebenfalls gegen Kinder entschieden. Die Überbevölkerung als Mutter aller Sorgen wird in Ihrem Artikel aber nicht deutlich benannt. Es bedarf einer gehörigen Portion Mut, sich gegen Wachstums- und Umsatzwunschdenken zu positionieren. Für die Industrie und die Kirchen kann es davon nicht genug geben. Doch wo liegt der Vorteil für unseren blauen Planeten mit einer Bevölkerung von 13 oder 20 Milliarden gegenüber zum Beispiel 3 Milliarden? Eine Ein-Kind-Politik könnte ein Zeichen menschlicher Intelligenz sein und zugleich den Kinderwunsch befriedigen.
Dr. Dr. Harald Littke, Falkensee (Brandenb.)Jeder Staatsbürger sollte zeitlebens das Wahlrecht besitzen, vom Tage der Geburt an bis zum Tode – im Alter unter 18 auszuüben durch die Erziehungsberechtigten. Die Belange der Jugend gewönnen schlagartig an Gewicht. Worin läge das Problem?
Hans-Ulrich Thiel, HalleKinderarmut und ihre Folgen auch für die Gesellschaft sind schlimm, und es ist gut, dass Staat und Institutionen diese abfedern. Doch woher kommen all diese Armutskinder? Lese ich das Beispiel von Fané, wird das Dilemma deutlich. Seine Mutter kommt allein mit einem Kind nach Deutschland. Hier Fuß zu fassen und überhaupt ein Kind versorgen zu können war sicher schwer und ohne staatliche Hilfe schon nicht möglich. Sie bekam noch zwei weitere Kinder, die sie anscheinend weder finanziell noch sonst versorgen und fördern konnte. Wäre es langfristig nicht sinnvoll, dort anzusetzen, wo Kinder in die Armut geboren werden? Eltern müssen die Verantwortung für Kinder, die sie in die Welt setzen, übernehmen, nicht der Staat. Der hilft nur in Notlagen. Diese Grundeinstellung muss in Schulen vermittelt werden. Verhütungsmittel kostenfrei, Beratung für Schwangere et cetera. Das Einmaleins des persönlichen Wirtschaftens – kann ich mir ein Kind leisten?
Natascha Pleß, Hamburg
Sterben verlängern
Nr. 27/2023 Die Ethikerin Alena Buyx im SPIEGEL-Gespräch
Das Interview mit Frau Buyx spricht viele wichtige Themen an. Es irritiert allerdings, wenn sie eingangs pauschal sagt, dass wir ein »solidarisch finanziertes System« hätten. Das übergeht, dass zehn Prozent der Bevölkerung privat versichert sind. Die Bürgerversicherung ist auch ein ethisches Thema. Dasselbe gilt für die sozial bedingte Ungleichheit von Gesundheitschancen, auch hier ist gesellschaftlich mehr Solidarität einzufordern.
Dr. Joseph Kuhn, DachauÜber 20 Jahre habe ich als Fachkrankenschwester für Anästhesie und Intensivmedizin in einer größeren Klinik gearbeitet. Manchmal fiel da auch schon mal so ein Satz wie: »Das wird wieder eine teure Beerdigung«, wenn trotz der Aussicht, dass der Patient das nicht überleben wird, alles medizinisch Mögliche gemacht wurde. Dieser zynisch klingende Satz war alles andere als so gemeint. Er war aus der Verzweiflung geboren, alles machen zu müssen und somit nicht das Leben, sondern das Sterben zu verlängern. Die Debatte, die Frau Alena Buyx anstoßen will, ist nicht nur deshalb längst überfällig.
Inge-Lore Kausen, Bad Homburg
Echt emissionsfrei
Nr. 27/2023 Wasserstoff-Pkw – Aus für das deutsche Traumauto
Seit mehreren Jahren ist bekannt, dass Wasserstoff und Brennstoffzelle im Pkw eine schlechte Alternative sind. Ineffizient, platzraubend, viel zu kompliziert, um nur einige Nachteile zu nennen. Richtig ist, dass wir Wasserstoff brauchen unter anderem für die Ammoniaksynthese, die Stahlherstellung und vermutlich als Langzeit-Speichermedium für überschüssigen Strom, der rückverstromt werden kann. Der Normalbürger denkt aber bei dem überbordenden Wasserstoffhype an das »Wasserstoff-Auto«, und die Apologeten der Technologieoffenheit schüren diesen Irrglauben. Seltsam, dass niemand die Rückkehr des Holzvergasers oder der Dampfmaschine im Auto fordert. Wäre doch im Sinne der Technologieoffenheit logisch.
Reinhard Schmidt-Moser, Heikendorf (Schl.-Holst.)Brennstoffzellenautos sind drastisch leichter als Batterieautos, legen weite Strecken mit fünfminütigen Tankstopps zurück und benötigen nicht Hunderttausende Steckdosen (plus ihre eigene am Tiefgaragenplatz), sondern nur 2000 Tankstellen im Land. Und sie bleiben bei minus zehn Grad nicht stehen. Südkorea, Japan und wohl auch China entwickeln und bauen sie weiter. Versemmeln wir jetzt echt emissionsfreie Mobilität ohne Steckdosenwarterei?
Ottmar Hartmann, BerlinIn der Wasserstoffwirtschaft liegt die Zukunft. Es geht zurzeit noch zu langsam voran. Aber so, wie das Pferd durch Verbrenner ersetzt wurde, so sicher werden Verbrenner und Batterieantriebe durch Brennstoffzellenantriebe ersetzt werden. In den nächsten 15 Jahren bringen Batterieantriebe sowieso keinen nennenswerten Vorteil, weil die ungeheuren Energiemengen für die Ladungen in zahlreichen Kohlekraftwerken hergestellt werden müssen.
Rainer Griep, HamburgWer auch immer die Wasserstofflobby in Deutschland leitet, ist ein Genie. Die Abgeordneten, die auf das Thema eingehen, verstehen entweder nicht die Kosten oder unterstützen es aus wahltaktischen Gründen. Aber mit Logik hat es wenig zu tun.
Jens Lapinski, BerlinIn diesem Artikel wird leider nur die Brennstoffzelle behandelt, wobei nicht erwähnt wurde,
dass auch am Wasserstoffverbrennungsmotor erfolgreich geforscht wird. Von Forschenden der Universität Graz wurde bereits 2020 auf dem virtuellen Wiener Motorensymposium ein Wasserstoffverbrenner vorgestellt, der in Betrieb mit Direkteinspritzung 83 Kilowatt pro Liter Hubraum schaffte. Auf dem 43. Internationalen Wiener Motoren Symposium 2022 wurde dann von der Firma Deutz AG sogar die Einführung des Wasserstoffmotors 2024 in Serie angekündigt. Der Abgesang auf den mit Wasserstoff angetriebenen Pkw ist meines Erachtens ziemlich gewagt und voreilig.
Eberhard Winkler, Jena
Kneipenkram ist Kunst
Nr. 27/2023 Der Kampf um eine Berliner Raucherkneipe
Das war einzigartig, dieser Artikel! So banalen Kneipenkram dazu benutzen, auch große Teile unserer Welt und Gesellschaft mit einzuschließen, das ist für mich größtes Können, ist Kunst. Doris Geer, Zürich
Das Wunder vom Bären
Nr. 27/2023 Das Maskottchen zur Fußball-EM 2024
Der ängstlich-flehende Blick des sogenannten Glücksbringers passt leider fatal zum Zustand unserer Spieler. Wie soll das aufbauend sein?!
Annegret Gross, Ronnenberg (Nieders.)
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