Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL
Briefe
Krempelt die Ausbildung um!
Nr. 50/2023 Titel: Warum wir wieder rechnen lernen müssen
Wenn Sie schon auf dem Titelblatt auf die simple Regel »Punkt- vor Strichrechnung« hinweisen wollen, sollten Sie auch in der Titelblattgleichung den Multiplikationspunkt verwenden.
Gerald Hecken-Meißner, St. Augustin-Buisdorf (NRW)Die Formulierung der Regel »Punktrechnung vor Strichrechnung« stammt aus alter Zeit. Zum Beispiel in meiner Grundschulzeit 1949 schrieb man das Multiplizieren mit einem Punkt und das Dividieren mit zwei Punkten. Heute sieht man, wie auch auf Ihrem Titel, keine Punkte und daher auch keine »Punktrechnung«, sondern nur »Strichrechnungen«. Die Formulierung der Regel ist also an die überholte Schreibweise angelehnt und für heutige Kinder keine Hilfe. Die gültige mathematische Lösung muss auch mathematisch formuliert werden.
Heidi Dunker, St. Ingbert (Saarl.)Die 9. Klasse eines Flensburger Gymnasiums hatte im letzten Schuljahr abwechselnd eine und zwei Stunden Mathe die Woche. Macht im Durchschnitt anderthalb Stunden pro Woche – Lehrerfehlzeiten nicht mit einbezogen. Soll ich mich da noch über die Ergebnisse der Pisa-Studie wundern?
Michael Lobsien, Meyn (Schl.-Holst.)Als Industrienation sind wir auf die bestmögliche Förderung der intellektuellen Fähigkeiten unserer Kinder angewiesen. Es darf nicht sein, dass deren Bildungschancen ganz wesentlich von der sozialen Herkunft abhängen. Wir können es uns nicht leisten, der Bildung unserer Kinder nicht bei allen politischen Entscheidungen die Priorität einzuräumen. Das beginnt nicht erst in der Grundschule. Die Ursache des Schulversagens liegt oft auch in einer unzureichenden innerfamiliären Förderung der frühkindlichen Entwicklung von Grundkompetenzen wie Kommunikation, Sozialverhalten, Motorik oder Kognition. Die Coronapandemie ist nur eine Ursache für das misera-ble Abschneiden. Auch die unzureichenden Sprachkenntnisse vieler Kinder spielen eine nicht unwesentliche Rolle. Die Kindertageseinrichtungen sind oft überfordert und erhalten nicht die notwendige Unterstützung für die frühe Sprachförderung.
Dr. med. Wolfram Hartmann, Deutsches Kinderbulletin, Kreuztal (NRW)Erstaunt hat mich, dass Ihr Bericht in keiner Weise die Ausbildung der Mathematiklehrer beleuchtet hat. Während des Lehramtsstudiums wird höhere Mathematik gepaukt, es geht dort um die reine Mathematik und nicht darum, wie man Schülerinnen und Schüler motiviert, sich mit ihr zu beschäftigen. Wer dieses anspruchsvolle Studium absolviert hat, steht dann vor dem Problem, dass er Mathematik auf niedrigem Niveau »rüberbringen« soll, was sie oder er gar nicht gelernt hat. Dies führt häufig zu unzureichendem, wenig motivierendem Mathematikunterricht. Andererseits finden sich bei Quer- oder Seiteneinsteigern -häufig »geborene« Lehrkräfte. Da helfen auch die 1000 Projekte nichts, die sich die Bildungsministerien oder Unternehmen einfallen lassen! Mein Vorschlag: Bündelt das Geld für die diversen Projekte, und krempelt die Ausbildung endlich um, sodass am Ende Mathematiklehrer und -lehrerinnen mit -soliden Fachkenntnissen, aber hervor-ragenden Methodenkompetenzen die Klassen für Mathematik begeistern können.
Brigitte Glismann, ehemalige Leiterin einer berufsbildenden Schule, Ludwigshafen
Im negativen Sinn atemberaubend
Nr. 49/2023 Leitartikel: Um die Rettung des Weltklimas steht es besser, als viele befürchten
Der Text bringt die Fragen rund um die Klimakrise auf den Punkt. Glücklicherweise ist die grüne Energierevolution »in vollem Gange, und sie ist unumkehrbar«. Fernab von dem kleinlichen Streit um die Schuldenbremse gibt es hierzulande ein enormes Innovationspotenzial, um die grüne Energierevolution voranzubringen. Denn offensichtlich haben andere Länder wie China und die USA die Zeichen der Zeit erkannt und scheuen keine Kosten, um hier Marktführer zu werden. Wenn dies nicht verstanden und politisch massiv unterstützt wird, braucht man sich über die Folgen nicht zu wundern. Dies wäre eigentlich eine originäre Aufgabe der Ampelkoalition und Stoff für eine Regierungserklärung, diesmal mit einem richtigen Wumms für Bundeskanzler Olaf Scholz. Denn viel Zeit bleibt nicht mehr.
Dieter Obst, WiesbadenIch schlage vor, diesen hoffnungsvollen Beitrag dem Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber zukommen zu lassen. Schellnhuber hat nämlich jüngst in einem -SPIEGEL-Gespräch unter Verweis auf die in diesem Jahr registrierten Temperatur-»Anomalien« von einem möglichen »Übergang in eine neue Phase der Klima-krise« gesprochen und von einem denkbaren »Bruch mit der Holozän-Welt, die unsere Zivilisation in den letzten 12.000 Jahren erst ermöglicht hat«. Richten Sie Herrn Prof. Schellnhuber aus, er könne sich beruhigen: Alles wird gut. »Wieder einmal leitet der menschliche Erfindungsgeist eine neue Epoche ein.« Hohoho!
Erwin Bixler, Rodalben (Rhld.-Pf.)So toll ist die Lage des Weltklimas nun auch wieder nicht, wie im ersten Teil des Leitartikels beschrieben. Und die Projektionen sind allenfalls im negativen Sinn atemberaubend. Da helfen auch keine mit Konjunktiven zusammengebastelten Vergleiche. Die Realität zeigt: Es sieht nicht besonders gut aus! Da geht fast die am Ende des Artikels geäußerte Kritik an der zögerlichen Klimapolitik der Regierung und am allgemeinen »Lästern der Populisten« unter. Deutschland hat den Wandel schon länger verschlafen, und es wäre an der Zeit, in die neue, harte Realität zurückzukehren, anstatt zum Beispiel immer noch auf den Autobahnen herumzurasen.
Günther Baumann, Paris (Frankreich)
Authentisch berichtet
Nr. 49/2023 Unterwegs mit den Jungs aus der Neuköllner High-Deck-Siedlung, einem der bekanntesten Brennpunkte Berlins
Nach dem Lesen habe ich den Text zwei Tage sacken lassen. Wie will man diese desaströse Zustandsbeschreibung auch irgendwie einordnen? Die Einordnung geschah wohl am ehesten zwei Tage später, als die Ergebnisse der Pisa-Studie publiziert wurden. Ratlos bleibe ich dennoch zurück.
Tobias Kollenberg, Dülmen (NRW)Die Reportage von Özlem Gezer liest sich wie ein Protokoll des vielfältigen Versagens von Politik, von Behörden, von Eltern, von Migranten, die sich von dem Staat, in dem sie leben, der sie ernährt, abwenden. Die eine Konfliktpartei kann sich nicht, die andere will sich nicht an der Lösung der Probleme beteiligen. Der Bericht aus dem kindlich-jugendlichen Migrantenmilieu wirkt authentisch, weil er das Stilmittel der »Geheimsprache« verwendet. Die Gespräche der Jugendlichen drehen sich immer um Macht-, Gewalt-, Geld- und Sexfantasien. Den Jugendlichen ist langweilig. Sie wollen Action und Spaß, und die bestehen aus Randale mit dem Staat. Vom Arbeiten oder von der Schule ist kaum die Rede. Ihre Informationen beziehen sie aus den verseuchten sozialen Netzwerken. Sie sind stolz auf ihre Untaten. Soll mit dem Bericht Verständnis für das permanente Fehlverhalten erzeugt werden? Generation Corona – geboren und verloren? Der Ausflug der »Gang« nach Polen wirkt wie ein Probelauf für den Silvestereinkauf. Er deutet an, was Berlin in der kommenden Silvesternacht zu erwarten hat: Feuerwerkskörper-Randale gegen die verhassten Staatsvertreter – die Polizei, die Feuerwehr und die Sanitäter.
Günter Knop, Hüttenberg (Hessen)Dank und großes Lob für diese hervor-ragende Ausgabe, besonders die Artikel über Migration, Neukölln und Umwelt/Kohlekraftwerk. Sehr gut recherchiert und im Ton konstruktiv und nicht überlegen-zynisch wie früher so oft.
Wolfgang Gaede, Brüssel (Belgien)
Der Schaden ist riesig
Nr. 49/2023 Das späte Geständnis von Sänger Gil Ofarim
Gil Ofarim hat nach dem Motto »Antisemitismusvorwürfe gehen in Deutschland ja immer viral« seine Reichweite auf Social Media missbraucht und nicht nur das Leipziger Hotel The Westin und dessen Angestellte diffamiert, sondern das ganze Land; das alles für ein paar Klicks mehr. Erst bei erdrückender Beweislast hat er nun mit wenigen Sätzen seinen Hals aus der Schlinge gezogen; das ist bis zum Schluss reinster Opportunismus, meinen Respekt hat er dafür nicht, denn der Schaden ist riesig.
Dirk Paulukat, Bad Camberg (Hessen)Ende gut, alles gut? Auf jeden Fall hat Herr Ofarim mit seiner dämlichen und verantwortungslosen Aktion allen Judenhassern aus der rechtsextremen und islamistischen Ecke einen ausgesprochenen Leckerbissen serviert.
Wulfhard Bäumlein, Bad Vilbel (Hessen)Das Verhalten von Herrn Ofarim ist erbärmlich; ebenso erbärmlich ist es, dieses antisemitisch zu missbrauchen. Als Deutscher christlichen Glaubens bin ich auch nicht verantwortlich für Verbrechen eines jeden Deutschen und eines jeden Christen.
Gernot Hilge, Münster
Abrechnung mit dem Steinkohlenbergbau
Nr. 49/2023 Von Kohle zu Wind – die schwierige Verwandlung der Bergbaustadt Ibbenbüren
Mit großem Interesse habe ich Ihre Ausführungen gelesen. Sie führen an einer Stelle an, dass bei der Zeche Preußag in Ibbenbüren Anthrazitkohle gefördert wurde. Da diese Besonderheit die Giftigkeit dort noch besser verdeutlicht, erlaube ich mir, kurz darauf hinzuweisen. Die Anthrazitkohle hat einen hohen Heizwert und war deshalb sehr beliebt. Trotzdem musste in direkter Nachbarschaft der Zeche ein Kraftwerk gebaut werden, um eine Verwendung der dort geförderten Kohle zu sichern. Die Nutzung dieser Kohle machte aber eine Entstickung des Rauchgases erforderlich, die bei üblichen Steinkohlekraftwerken nicht erforderlich ist. Deshalb auch wohl der von Ihnen erwähnte besonders hohe Kamin, der die noch verbliebenen Gifte in großer Höhe verteilte.
Karl Ganteführer, DortmundIm Gegensatz zu allen anderen Ländern, in denen der Bergbau ausgelaufen ist, kümmert sich die RAG verantwortungsvoll um
die Bergbaufolgen. Wir sichern den Altbergbau, regulieren Bergschäden, entwickeln die ehemaligen Bergbauflächen und schaffen so Arbeitsplätze. Für das Grubenwasser hat die RAG – im Gegensatz zu allen anderen Bergbauländern – Konzepte entwickelt, um Menschen und Umwelt zu schützen. Dies alles wird in dem Artikel nur am Rande oder gar nicht erwähnt. Stattdessen eine einseitige Abrechnung mit 150 Jahren Steinkohlenbergbau – fünf Jahre nach Auslauf. Es fehlt der optimistische Blick nach vorne. Der Autor fragt, ob der gewaltige Transformationsprozess in Ibbenbüren gelingen kann. Er gelingt! Weil in Ibbenbüren alle Beteiligten das wollen und an einem Strang ziehen. Von Apokalypse keine Spur.
Christof Beike, Stellv. Unternehmens-bereichsleiter und Pressesprecher RAG Aktiengesellschaft, Essen
Alte Freundschaften
Nr. 49/2023 Dirigent Justus Frantz und seine fragwürdige Nähe zu Russland
»Wenn Sie einen begnadeten Pianisten von 20 Jahren hören, dann vergessen sie alles andere.« Das ist Justus Frantz, wie er leibt und lebt. Aber es war nicht nur die musikalische Jugend, die er förderte. Nie werde ich vergessen, dass er in Neuwied die Therapieräume der Jugendpsychiatrie mit einem Benefizkonzert unterstützte. Und das zu einer Zeit, in der jeder Schritt zu einer humanen Psychiatrie eine Revolution war. Da könnten die Veranstalter der Schleswig-Holstein-Festspiele noch viel von ihm lernen. Aus diesem Grund erlebe ich Ihren Artikel als sehr einseitig. Vor -allem besorgt mich, dass die Bundesrepublik in einen Dogmatismus verfallen könnte, der im Widerspruch zu ihren Werten steht.
Ursula Lemke, KölnUnabhängig von der ungewohnten Häme und Tendenziösität des Artikels: Professor Justus Frantz ist bereits seit mindestens 1989 mit dem Dirigenten Walerij Gergijew bekannt oder befreundet. Eine Schallplatte der beiden mit der Deutsch-Sowjetischen Jungen Philharmonie wurde bereits am 11. Juni 1989 aufgenommen, also noch vor der Wende in Osteuropa. Da war Gorbatschow noch Generalsekretär, und die Sowjetunion feierte Glasnost und Perestrojka. Dass Professor Frantz an alten Freundschaften festhält, unabhängig von den gerade waltenden politischen Strömungen, gehört zur Lebenswirklichkeit und ist völlig normal und sogar begrüßenswert.
Henrik Garten, Berlin
Der zweit-größte Verschmutzer
Nr. 49/2023 Die deutsche Klima-Sonderbeauftragte Jennifer Morgan über die Knackpunkte der Uno-Konferenz in Dubai
Schon sehr merkwürdig, dass Jennifer Morgan im Interview häufig China und die Golfstaaten als Umweltsünder erwähnt, aber ihr Heimatland USA, den zweit-größten Verschmutzer, nicht einmal.
Dr. Ralph Detzel, Ehingen (Bad.-Württ.)
Juden und Palästinenser als gleichberechtigte Staatsbürger
Nr. 49/2023 SPIEGEL-Gespräch mit dem deutschisraelischen Philosophen Omri Boehm über den Israel-Gaza-Krieg und die düstere Zukunft der Region
Dieses Interview habe ich mit Freude gelesen. Weil Herr Boehm sich sehr differenziert äußert und weil er eine Perspektive eröffnet, die auch meine Hoffnung ist: dass eines Tages Juden und Palästinenser als gleichberechtigte Staatsbürger in einem Staat Israel leben werden.
Helga Nitsche, Obertshausen (Hessen)
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