Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL
Briefe
Klagen auf höchstem Niveau
Heft 38/2022 Titel: Schwarz-Rot-Kalt
Kein eigenes Haus? Kein zweites Auto? Kein Städtetrip nach Amsterdam? Mit 35 Jahren aus der Traum? Das gilt in unserer Gesellschaft also schon als Zumutung, als inakzeptabler Verzicht, den unser Staat mit Milliarden auszugleichen hat. In einer Zeit, in der die Ukraine um ihre Freiheit kämpft und zum Teil in Schutt und Asche gelegt wird. Es ist beschämend. Und verstellt den Blick darauf, wo es wirklich brenzlig ist bei uns und geholfen werden muss. Diesen Traum betrifft es jedenfalls nicht. Warum sind die Zeitungen und Magazine – leider auch der SPIEGEL – voll von solchen Beispielen, die diesem Überfluss nachtrauern, der ohnehin an seine Grenze gelangt ist, und die ein Schlag ins Gesicht derjenigen sein müssen, die wirklich ums Überleben kämpfen?
Per Wiek, Panketal (Brandenb.)Es sei angemerkt, dass vielleicht auch als Folge der Coronapandemie in unserem Land die Kenntnis aus anderen Ländern unserer Weltenfamilie auf erschreckende Weise schwindet. Korrespondenten wie der jüngst verstorbene Fritz Pleitgen brachten meiner Generation diese fernen Länder via Fernsehen ins Wohnzimmer und erweckten in mir die Reiselust. Wir klagen auf höchstem Niveau! Freunde von mir in Pakistan ertrinken in einer Sintflut, andere Freunde in Argentinien klagen über eine Inflation von fast hundert Prozent, wieder andere leiden am Horn von Afrika unter einer Jahrhundertdürre. Es ging vielen von uns kurz gesagt zu gut! Dieser Wohlstand wird nun auf ein Normalmaß reduziert.
Nicolas Gäth, HamburgAnstatt »Entlastungspakete« hat es »Umverteilungspakete« zu heißen, denn jede »Entlastung« ist in Wirklichkeit eine Umverteilung – entweder unter den derzeit Lebenden, wie durch Steuererhöhung zum Nachteil hoher Einkommen oder hoher Vermögen, oder durch Vergrößerung unserer Schuldenberge zum Nachteil unserer oft noch nicht wahlberechtigten Kinder und Enkel.
Wolfgang Maucksch, Herrieden (Bayern)All die strukturellen Herausforderungen für Deutschland, die in den letzten vier Jahrzehnten konsequent negiert, ignoriert oder deren Lösungen auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben wurden, kommen nun mit Macht und zeitgleich zurück. War es abzusehen, dass es eines Tages so kommen könnte? Ich denke, ja. Bedauerlicherweise lassen sich in der bundesdeutschen Bequemlichkeit jedoch keine Wahlen durch eine Vorausschau auf möglicherweise kommende Unbequemlichkeiten gewinnen.
Matthias Meineke, Tostedt (Nieders.)Bei der Aufzählung der Ursachen für das, wie Sie schreiben, massiv bedrohte deutsche Wohlstandsmodell haben Sie eine völlig ausgeblendet: die gesundheitlichen Folgen der Pandemie. Inzwischen ist aus wissenschaftlicher Sicht klar, dass Long Covid Millionen Menschen teilweise oder ganz arbeitsunfähig machen dürfte – was auch etwa in Großbritannien oder den USA bereits erkannt wird. Hinzu kommen die vielen kurzfristigen Ausfälle durch akute Infektionen – ein Ende ist auch hier nicht in Sicht. Mir schwindelt, wenn ich an die individuellen, aber auch ökonomischen Folgen denke.
Dr. Christine Blome, Leiterin Patient-Reported Outcomes am Universitätsklinikum Hamburg-EppendorfNicht zum ersten Mal hat ein Titelbild meine Lust, den SPIEGEL zu kaufen, eher verringert als vergrößert. In diesem Falle finde ich es geradezu grob fahrlässig, weil die ohnehin schon weitverbreitete Panikstimmung noch befeuert wird. Wie so oft findet sich dann in der dazugehörigen Titelstory die nötige Differenziertheit und Besonnenheit – mit Ausführungen zum wichtigen Problem der sozialen Gerechtigkeit sowie dem Appell, Krisen auch als Chance zu begreifen. Natürlich können Titelbilder nie die ganze Komplexität eines Themas abbilden. Aber mich beschleicht immer wieder der Verdacht, dass die Auswahl oft stärker vom kommerziellen Kalkül als von inhaltlichen Gesichtspunkten bestimmt wird. Trump sells – hat jemand die Konterfeis in jeglicher Gestalt beim SPIEGEL seinerzeit gezählt? »So isser, der Ossi«. Der Artikel dazu war zum Glück nicht so platt und dumm wie dieser Titel. Sollte wohl lustig sein.
Susanne Stein, HamburgDer SPIEGEL fällt in letzter Zeit nicht gerade durch geglückte Titelbilder auf. Dieses ist auch noch verfälschend. Es signalisiert durchaus, dass die Freien Demokraten etwas für die Misere in Deutschland könnten und eine Schuld an der grünen Energiewende hätten. Es waren aber Frau Merkel, die Sozialdemokraten und vor allem die Grünen, die uns diese Suppe eingebrockt haben. Der Autokrat Putin bereitete zwar den Boden und nutzte das schamlos aus, es ist aber nicht so, dass es nicht viele Warnungen von befreundeten Staaten gab. Früher war mehr Ausgewogenheit.
Chris Dasch, Otterstadt (Rhld.-Pf.)
Einigermaßen abenteuerlich
Heft 37/2022 Premier Mateusz Morawiecki kritisiert die Deutschen für lasche Russlandpolitik
Das Interview mit dem polnischen Regierungschef Morawiecki ist ein Tiefpunkt: keine kritischen Fragen zur polnischen Politik der Intoleranz, der Abschaffung einer unabhängigen Presse und Justiz, schon gar keine kritischen Nachfragen zu den Attacken auf Deutschland. Nur Stichwörter werden geliefert, damit unwidersprochen die Haltung der erzkonservativen PiS-Partei ausgebreitet werden kann. Ich muss es leider so sagen: Jeder Lokaljournalist hätte ein besseres Interview geführt.
Jörg Faßbender, BonnMorawieckis Behauptung, die zögerliche Haltung der Bundesregierung im Ukrainekrieg würde zu einer Spaltung Europas führen, ist schon einigermaßen abenteuerlich. Nach einer Begründung dieser absurden These sucht man vergeblich. Das Gesamtpaket aus militärischen, humanitären und finanziellen Hilfsleistungen Deutschlands geht nachweislich weit über das aller anderen westeuropäischen Länder hinaus. Morawiecki geht es bei den immer wieder geforderten Ringtauschoperationen schwerer Waffen ganz offensichtlich in erster Linie um eine wohlfeile Aufrüstung und Modernisierung des eigenen Waffenarsenals.
Horst Albrecht, DüsseldorfEs mag sein, dass man auf die Kooperation des Interviewten angewiesen ist, dass er Fragen zulässt und auch Antworten autorisiert. Aber hier wurde euer Magazin unfreiwillig zum Sprachrohr der PiS-Propaganda. Auf solche Interviews könnte der SPIEGEL ruhig verzichten.
Peter Jäger, Viernheim (Hessen)
Es geht um den richtigen Umgang
Heft 37/2022 Das Recht auf ein analoges Leben
Vielleicht ist es nicht ganz berechtigt, allein digitale Techniken an unserer »Unfreiheit« die Schuld zu geben. Ob ein analoges Leben mehr Chancen auf Freiheit garantiert, bleibt für mich offen. Zumal vor diesen Techniken, also in den Jahrhunderten der Analogie, die Freiheit auch nicht groß war.
Cornelius Schober, Ettlingen (Bad.-Württ.)Ich freue mich sehr darüber, dass Alexander Grau diesen Artikel geschrieben und der SPIEGEL ihn veröffentlicht hat. Wie nötig es ist, über die nicht technischen Folgen der Digitalisierung nachzudenken, wird schon allein dadurch deutlich, dass das normale reale Leben als »analog« gekennzeichnet werden muss. Alles auf Digitalisierung auszurichten bedeutet übrigens nicht nur, sich in Abhängigkeit und Entmündigung zu begeben. Es bedeutet auch, immer weniger menschliche Sinne ein- und auszuüben. Nur noch das Sehen wird angesprochen. Riechen, Fühlen, Schmecken, der Tastsinn – all die komplexen Wahrnehmungen menschlicher Kommunikation scheinen immer weniger wichtig zu werden. Das machen sich die meisten Nutzer:innen nicht bewusst; lieber folgt man einer Mode, da sich alle so verhalten.
Dr. Irene Schöne, KielAlexander Grau fürchtet wohl, dass wir mit der Digitalisierung eine ähnliche Erfahrung machen wie Goethes Zauberlehrling in der gleichnamigen Ballade. »Die ich rief, die Geister werd ich nun nicht los«, beklagt der Lehrling angesichts der entfesselten Zauberkräfte. Wie bei allen Erfindungen paaren sich auch bei der Digitalisierung Gefahren und Nutzen. Nur eins steht fest: Was mal erfunden und in der Welt ist, bleibt und wird genutzt. Es geht lediglich um den richtigen Umgang damit. Gerade während der Pandemie hat sich der Nutzender Digitalisierung gezeigt, sei es bei Homeoffice, Onlineunterricht oder elektronischer Krankschreibung. Dabei muss der User aber nicht, wie von Grau befürchtet, zum entmündigten Sklaven der Algorithmen werden, sondern kann Herr über sie bleiben, wenn er das »Zauberwort« zum richtigen Umgang und Ausstieg kennt. Die mentalen Veränderungen, die der Autor beklagt, wurden auch schon früheren Erfindungen zugeschrieben. Man denke nur an die Ängste vor einem »Delirium furiosum« bei der Fahrt mit den ersten Eisenbahnen.
Mia Herber, Wadgassen (Saarland)In einem Alter von fast 71 Jahren kann ich es gar nicht abwarten, bis auch Deutschland so durchdigitalisiert ist wie etwa die skandinavischen Länder. Nicht als Manipulationsopfer, sondern aus eigener Erfahrung weiß ich, dass der Nutzen dieser Technologie immens ist und die Nachteile, die es natürlich auch gibt, bei Weitem überwiegt. Außerdem wurde mir keine Freiheit geraubt, sondern auf vielerlei Weise ermöglicht. Alexander Graus Forderung nach einem »Grundrecht auf ein analoges Leben« halte ich für wirklichkeitsfremd, ja geradezu abwegig. Mit derselben Argumentationslogik könnte man auch die Forderung nach einem Grundrecht auf Analphabetentum konstruieren. Denn die Erfindung des Buchdrucks bewirkte über die Jahrhunderte, dass man lesen können muss.
Winfried Boczki, Bonn
Unnötige Misserfolge ersparen
Heft 37/2022 Die Auswahlverfahren an Gymnasien treiben viele Eltern in die Verzweiflung
Aus dem Satz eines Schulleiters: »Wir dürfen nicht der Ideologie nachhängen, alle Kinder müssten gleich behandelt werden«, spricht die geballte akademische Arroganz und die Verneigung vor einem ökonomischen (Pseudo-) Elitedenken, das unsere Gesellschaft dahin gebracht hat, wo sie heute steht: gespalten, unsozial, umweltzerstörerisch und unsolidarisch. Kein Wunder, wenn Kinder schon in der Grundschule lernen, worauf es ankommt: Ellenbogen raus und sich auf Kosten anderer durchsetzen, Hauptsache ich, was interessieren mich die anderen? So werden wir das Klassenziel als Gesellschaft gleich wertvoller Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten nie erreichen – vom Umgang mit anderen Wesen und der Natur ganz zu schweigen.
Dr. Michael John, Berchtesgaden (Bayern)Der Trend zum Besuch des Gymnasiums ist größer geworden. Gibt es nicht zu denken, dass immer mehr Gymnasiasten vorzeitig diese Schulform verlassen und die Zahl der Studienabbrecher/innen ebenfalls gestiegen ist? Warum nimmt man nicht zur Kenntnis, dass die Anlagen, Interessen, Stärken und Schwächen unterschiedlich sind? Außerdem werden nicht nur akademische Berufe gebraucht. Vor allem sollte man dem Nachwuchs unnötige Misserfolgserlebnisse ersparen, die ihm Frust und Komplexe bescheren. Unser Land hat verschiedene weiterführende Schulen im Angebot. Das Gymnasium ist nicht die allein selig machende Schulform. Je nach Begabung sollte ein Kind nach der Grundschulzeit die Schulform wählen, die zu ihm passt, es fordert und fördert, aber nicht überfordert. Es erleichtert den Übergang und verhindert, dass »knallhart ausgesiebt« wird.
Gabriele Gottbrath, Rektorin i. R., Gladbeck (NRW)
Brennstäbe im Garten
Heft 37/2022 Wirtschaftsminister Habeck verheddert sich in der Atomfrage
Jeder, der für Atomstrom ist, soll mir bitte erklären: Wohin mit dem radioaktiven Müll? Keiner will alte Brennstäbe in seinem Garten haben. Und ich kann das verstehen. Ich will das Zeug auch nicht haben. Dann dürfen wir aber auch nicht weitere davon produzieren. Oder wir müssen endlich die Endlagerfrage klären.
Anna-Sophia Fischer, Friedrichsdorf (Hessen)
Schwachsinnige Formulierung
Heft 37/2022 Könnte es nach einer Wahlniederlage Bolsonaros zum Putsch kommen?
Könnten Sie bitte damit aufhören, Trumps schwachsinnige Formulierung zum Ausgang der letzten US-Wahlen zu benutzen? Eine Wahlurne oder auch der Bleistift des Wahlleiters können gestohlen werden. Wahlen hingegen werden nicht gestohlen, sondern gewonnen oder verloren.
Gabriele Zimmer, Berlin
Beitrag zur Kostendämpfung
Heft 37/2022 Lauterbach mauert bei Aufklärung haarsträubender Maskendeals
Einen wesentlichen Beitrag zur Kostendämpfung leistet dieser Beitrag auf jeden Fall. Er erspart uns aufwendige soziologische Studien zu den Ursachen der Politikverdrossenheit.
Thomas Köhler, Berlin
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