Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL
Briefe
Schwierige Jahre stehen bevor
Heft 10/2025 Titel: Kann er Krise?
Einige, immer weniger Werdende, wissen, dass Politik in einer Demokratie immer Kompromiss bedeutet, und werden sich daher für die Wahl eines möglichen Koalitionspartners entschieden haben, um die Mitte möglichst stark zu machen. In Klartext: Wenn ich eine stabile Regierung will, aber nicht weiß, ob nachher SPD oder Grün Koalitionspartner wird, wähle ich in diesen Zeiten aus Verantwortungsbewusstsein vielleicht sogar die CDU, damit es auf jeden Fall nur zwei Parteien (mit der CSU drei) in der Koalition gibt. Diese Gedanken haben diesmal der CDU Stimmen gebracht, die sie sonst nicht hätte. Ich weiß das aus eigenem Verhalten und dem meines Bekanntenkreises.
Miriam Thormählen, Großenkneten (Nieders.)Meine große Sorge ist, dass es sozial noch viel kälter wird in Deutschland, wenn es ein Kom(merz)-Kanzler in dieses Amt schafft. Er wird die Armen gegen die noch Ärmeren ausspielen (Thema: Bürgergeld). Und er wird Großverdiener sowie Wohlhabende nicht in dem Maß besteuern, wie es längst geboten wäre. Schwierige Jahre stehen bevor.
Ullrich Herzau, BerlinKurz und bündig: Nein. Friedrich Merz ist kein Krisen-Kanzler, das zeigt schon seine bisherige Vergangenheit. Er wird vor sich hergetrieben von Herrn Söder und einer Mini-SPD. Nachdem er sich den Mist mit der AfD im Bundestag geleistet hat, wird ihn diese Schmach die ganze Legislaturperiode verfolgen – zu Recht. Jeder größere Fehler kann sich zu einem politischen Erdbeben im künftigen Superwahljahr 2029 entwickeln, mit Europa-, Bundestags-, Landtags-, Bezirkstagswahl und Dutzenden Kommunalwahlen im ganzen Land. Eine zweite Chance wird es möglicherweise nicht geben.
Jürgen Schöfer, Manila (Philippinen)Die CDU hat nicht wegen, sondern trotz Merz die Wahl gewonnen. Wenn der designierte Bundeskanzler Merz auf der Zielgeraden dieses Wahlkampfes in München unter anderem die Demonstrierenden als »Spinner« bezeichnet, dann wird nicht nur deutlich, dass diejenigen recht haben, die der Unbeherrschtheit dieses Mannes das Wort reden. Offenkundig zeigt sich auch, wes Geistes Kind Friedrich Merz ist. Auf keinen Fall ist er die Integrationsfigur, die dieses Land so dringend benötigt, um aus der Krise zu kommen.
Dr. Volker Brand, Bad Oeynhausen (NRW)Was nun, Ruderfreund Friedrich Merz? Wohin wird er wohl nach diesem Wahlsieg der Union (zweitschlechtestes Ergebnis der Union bisher) rudern? Mit den roten Leichtmatrosen der SPD dürfte ihm keine entscheidende Kurskorrektur gelingen; mit der AfD brandmauert er allzu gern, und für eine Minderheitsregierung fehlt dem Friedrich Merz schlichtweg der dazu benötigte Mumm. Ich frage mich: eventuell doch noch Neuwahlen? Im Märzen sollte der Merz die richtige Entscheidung fällen; am Sankt-Nimmerleins-Tag dürfte es für ihn viel zu spät sein.
Riggi Schwarz, Büchenbach (Bayern)
Die Zeit drängt
Heft 9/2025 Leitartikel: Deutschland braucht einen europäischen Bundeskanzler
Machen wir uns nichts vor. In Bezug auf die Ukraine verhält sich Herr Trump zu Herrn Putin wie Hitler zu Stalin in Bezug auf Polen vor Beginn des Zweiten Weltkriegs. Wie auch immer die Verhandlungen zwischen Russland und den Vereinigten Staaten ausgehen – der größte Verlierer wird die Ukraine sein. Und Europa wird gegenüber den baltischen Staaten und Polen immer unglaubwürdiger. Deshalb kann die Schlussfolgerung für Europa nur lauten: Einigung vor allem anderen. Das gilt auch für die neu gewählte Bundesregierung. Nur wenn alle Anstrengungen auf die Stärkung der Wirtschaft, des Militärs und der innenpolitischen geistigen Aufrüstung gerichtet werden, haben die Europäer eine Chance, nicht in einen Krieg verwickelt zu werden.
Götz Doll, KölnWenn die Demagogen Trump, Putin und Xi meinen, sie könnten die Welt aufteilen, dann muss Europa zusammenhalten. Wir sind ein Scheinriese, weil wir uns klein machen. Das haben wir nicht nötig – wirtschaftlich sind wir nach den USA die Nummer zwei, haben etwa 100 Millionen Einwohner mehr als die USA und etwa dreimal so viele Einwohner wie Russland. Wirtschaftlich sind wir gegenüber Putin ein Riese – da ist er so was von ein Gartenzwerg. Europa muss endlich aus dem Schlafwagen kommen. Wir müssen endlich (auch wenn mir eine Welt ohne Waffen lieber wäre) – auch wenn es unsere Pazifisten nicht hören wollen – aufrüsten. Die Schuldenbremse der EU muss reformiert werden. Putin rüstet auf – und greift 2029 die Nato an. Und Trump sagt: »Das ist euer Krieg, ich halte mich raus.« Auch wenn Artikel 5 des Nato-Vertrags gilt – das ist Trump egal. Jetzt ist es raus: Kevin ist allein zu Haus. Wir müssen erwachsen werden. Wir müssen rüsten, sonst Gnade uns Gott.
Martin Bauer, StuttgartSehr geehrter Herr Kurbjuweit, gut, dass Sie sich trauen, so offen zur Ukraine zu stehen. Was wir hier derzeit aus den USA erleben, haben alle aufrechten Demokraten in ihren schlimmsten Träumen nicht erwartet. Aber es gibt gegen Trump und Konsorten nur ein Rezept: aufrecht und standhaft bleiben und keine Schwäche zeigen. Mal schauen, welche deutschen Politiker dazu in der Lage sind.
Axel Klages, OsnabrückDie Vereinigten Staaten von Europa (USE) sollten nicht mehr als ferne Utopie abgetan werden. Der politische Schulterschluss der EU-Länder würde den USA, China und Russland zeigen, dass sie kein leichtes Spiel haben
werden bei ihrem Versuch, uns ihre rechtslastige beziehungsweise kommunistische Agenda aufzudrücken. Bei dieser Gelegenheit könnte sich das Vereinigte Königreich entscheiden, in diesen Staatenbund zurückzukehren. Der Brexit wäre so nur ein Ausrutscher gewesen.
Martin Sturm, MannheimUnser kapitaler Fehler: in moralischer Hybris, Trump mit Verachtung und Geringschätzung überzogen zu haben – bis hin zu Steinmeiers »Hassprediger«. Mächtige Figuren sind besonders anfällig für narzisstische Kränkungen. Der alte Kontinent bekommt nun die Quittung – er hätte viel wiedergutzumachen. Ohne Amerika steht er im Hemd da, seine moralische Siegerpose ist nur selbstgefällig und kontraproduktiv. Zeit für eine Zeitenwende.
Christoph Schönberger, AachenDirk Kurbjuweit hat in seinem glänzenden Leitartikel dargestellt, welche gravierenden Aufgaben auf die neue Bundesregierung vor allem außenpolitisch zukommen. In der Tat wird insbesondere nur durch eine schlagkräftige europäische Armee dem selbstverliebten und skrupellosen Donald Trump und dem Kriegsverbrecher Wladimir Putin die Stirn geboten werden können. Die Zeit drängt und duldet keinen Aufschub.
Dieter Obst, WiesbadenPutin und Trump verstehen sich deshalb so gut, weil der eine Autokrat ist und der andere einer werden will. Richtig ist es daher, dass die wirtschaftliche Großmacht Europa auch militärisch unabhängig wird. Trotzdem ist Deeskalation mit Russland gefragt – eine neue Rüstungsspirale bringt uns auch nicht weiter.
Georg Biedermann, Günzburg (Bayern)
Nette Leute, die aus der Stadt …
Heft 9/2025 Wie das ländliche Westfalen die Politik der CDU prägt
Sie beschreiben die Wahlkreise von Merz, Linnemann und Spahn mit leichter Ironie als etwas rückwärtsgewandt und sehr konservativ. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die AfD dort bei der Bundestagswahl 2021 deutlich schlechter abschnitt als im Bundesdurchschnitt. Es hätte nicht geschadet, das zu erwähnen.
Horst Franke, BremenSehr geehrter Herr Eberle, ich habe ja nichts gegen ein paar kritische Worte und spitze Bemerkungen. Wenn wir ländliche Wähler und deren Abgeordnete von der Hauptstadtpresse und den coolen Journalisten aus Hamburg so gesehen werden, müssen diese sich ab Sonntagabend mit den neuen Realitäten anfreunden. Es triefte so viel Häme aus dem Artikel, dass ich genötigt war, den Boden nach der Lektüre zu wischen.
Ludwig Eger, Planegg (Bayern)Carsten Linnemann sagt stolz, in seinem Wahlkreis hätten Schützenoberst, Bundestagsabgeordneter, Bürgermeister und Erzbischof jeweils die Handynummer des anderen, um gemeinsam anzupacken. Linnemann beschreibt hier ernsthaft als sein wünschenswertes Modell für gesellschaftliche Organisation einen kleinen Kreis katholischer alter weißer Männer, die ohne Kontrolle und Konsequenzen untereinander kungeln können. Es geht hier nicht um die Gesellschaft, sondern darum, die Pfründe einer kleinen Gruppe zu sichern, damit in Zukunft Entscheidungen einfach wieder »in der Pause am Kaffeeautomaten« getroffen werden können. Ekelhaft.
Dr. Matthias Traube, HamburgEs ist immer schön, wenn der SPIEGEL über Land reist, um in den Gefilden der Jäger und Sammler nach dem Rechten zu sehen und unsere Gebräuche und Eigenarten zu erkunden. Wir freuen uns sehr über warme Decken, dringend benötigte Medikamente und so manchen guten Ratschlag. Wenn wir dann abends am Feuer sitzen und unsere hübschesten Frauen zu Ehren der Gäste traditionelle Tänze aufführen, lauschen wir gebannt den Schilderungen ferner Welten wie Berlin, Tel Aviv oder Brooklyn und den spannenden Abenteuern, die die Menschen dort erleben. Und dann denkt man so bei sich: nette Leute, die aus der Stadt … schneidig, klug, wissen fast alles. Nur nicht, wer sie sind und was sie wollen.
Günter Neisemeier, Bad Lippspringe (NRW)
Ein Déjà-vu
Heft 9/2025 Das Lebensgefühl von Millennial-Frauen
Kein männliches Wesen wird als Macho geboren, es wird dazu erzogen. Wenn Mütter ihre Söhne so erziehen würden, wie sie ihre Partner gern hätten, gäbe es viele Probleme nicht.
Lothar Cattarius, MainzEin Déjà-vu beim Lesen der Zeilen! Als seit den Achtzigerjahren engagierte Feministin hat es mich erschreckt angesichts der Wiederholungen bezüglich des Männerverhaltens! Wieso können so viele Männer (pauschal) ihr Verhalten nicht verändern? Wir (FrauenLesben) haben damals viel gekämpft (gegen Männergewalt, für gleiche Rechte usw). Ich bin traurig und wütend, dass sich Jahrzehnte später Frauen immer noch mit dem (Macht-)Männerverhalten auseinandersetzen müssen!
Martina Mangels, Hamburg
Hoffnung ist gering
Dominique de Villepin stellt fest, dass eine glaubwürdige europäische Militärmacht aus dem EU-Haushalt finanziert werden muss. Wie kann das angesichts der notorischen Uneinigkeit unter den 27 EU-Mitgliedstaaten geschehen? Hier greift de Villepin auf die alte Idee einer EU »mit variabler Geometrie« zurück. Wie die meisten der von ihm vorgeschlagenen Lösungen hat auch diese in der Vergangenheit nicht funktioniert. Warum sollte sie jetzt funktionieren? Keine Antwort. Nur leere Rhetorik.
Gary Ianziti, Brisbane (Australien)Als die wahrhaft kleinen Kantone der Schweiz sich anschickten, den Tyrannen entgegenzutreten, und es Uneinigkeit gab unter den führenden Köpfen über das Vorgehen gegen die Fürsten, ließ Friedrich Schiller den alten Attinghausen beschwörend sagen: »Drum haltet fest zusammen – fest und ewig / Kein Ort der Freiheit sei dem andern fremd … / Daß sich der Bund zum Bunde rasch versammle / Seid einig – einig – einig.« Ach, wie schwer wird es werden, im heutigen vielgestaltigen Europa, die Kräfte zu vereinen, gegen den aufkommenden Despotismus eines Putin und Trump. Der ehemalige französische Diplomat Dominique de Villepin mahnt uns, die Gefahr nicht zu unterschätzen und endlich zu entschlossenen Akteuren zu werden und geschlossen, einig, zu agieren. Aber ach, die Hoffnung ist gering.
Dr. Joachim Zwanzig, Halle/Saale
Die US-Wirtschaft huldigt wieder dem Ideal des starken Mannes
Heft 9/2025 Sind die postheroischen Zeiten vorbei? In der Weltpolitik geben wieder Kraftburschen den Ton an
Die Grenzen zwischen dargestellter Männlichkeit und Lächerlichkeit sind fließend. Politiker mit Kettensäge sind noch nicht einmal für die Laubsäge geeignet.
Gernot Hilge, Münster
Letzte Seite
Ich lese die Letzte Seite immer als Erstes: Sie ist polithistorisch informativ, witzig, frech und – was die Hohlspiegel-Stilblüten betrifft – so sprachbildend wie tröstlich: Solche Fehler machen wir auch.
Dr. Fred Maurer, Aalen (Bad.-Württ.)
Die Revolution der Erschöpften
Heft 9/2025 Der Soziologe Steffen Mau über Veränderungsmüdigkeit und Disruption
Einer der besten SPIEGEL-Artikel seit Langem! Pflichtlektüre für jeden, dem die Demokratie etwas bedeutet.
Andreas Saremba, Brieselang (Brandenburg)
Leserbriefe bitte an leserbriefe@spiegel.de . Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe gekürzt sowie digital zu veröffentlichen und unter SPIEGEL.de zu archivieren.