Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL
Briefe
Schnellstmöglich Frieden
Heft 49/2023 Titel: Der endlose Krieg
Eine großartige analytische Reportage über den Zustand der ukrainischen Gesellschaft vor dem zweiten Kriegswinter. Es ist bemerkenswert, dass Christian Esch darin die One-Man-Show von Wolodymyr Selenskyj thematisiert. Nach Vitali Klitschko widerspricht nun aktuell der oberste Militär, Viersternegeneral Walerij Saluschny, dem Schönreden des Präsidenten. Gratulation zu dieser Titelgeschichte zu einem Zeitpunkt, an dem das Leiden der Zivilbevölkerung im Israelkrieg das der ukrainischen Menschen und den russischen Angriffskrieg in der medialen Wahrnehmung verdrängt.
Hartmut Scherzer, Heusenstamm (Hessen)Anstatt in Ihrer Titelstory »Mut und Verzweiflung« in diesem Krieg zu suggerieren, hätten Sie eher an den »Mut der Verzweiflung« der beteiligten Kriegsherren appellieren sollen, mit dem sie ihn sofort beenden könnten!
Reinhard Metzger-Haitz, Reutlingen (Bad.-Württ.)Jetzt, nach fast zwei Jahren Krieg, ist es an der Zeit, darüber nachzudenken, wie schnellstmöglich Frieden herbeigeführt werden kann. So wichtig die Unterstützung der Ukraine mit Waffen ist, und diese ist weiter unerlässlich, kann sie nicht das letzte Wort
des Westens sein. Entweder wird Putin irgendwie aus seinem Amt entfernt, oder maßgebliche Politiker müssen mit dem Kriegsverbrecher in Verhandlungen eintreten. Im Interesse der Menschen in der Ukraine sollte dahingehend nichts unversucht gelassen werden.
Andreas Meißner, Tutzing (Bayern)Wer würde der unter der russischen Invasion leidenden ukrainischen Bevölkerung nicht einen schnellen und gerechten Frieden wünschen? Aber es herrscht ein Stellungskrieg mit vielen Verletzten und Toten und großen Zerstörungen, obwohl fast 240 Milliarden Euro geflossen sind und zunehmend schwerere Waffen geliefert wurden. Das kann offensichtlich nicht die Lösung des militärischen Konflikts sein. Wolodymyr Selenskyj wird auf absehbare Zeit nicht die Rückeroberung aller besetzten Gebiete einschließlich der Krim verkünden können. Sogenannte Militärexperten in unseren Medien kommen nicht umhin, ihre vorschnellen Prognosen vom nahen Sieg des ukrainischen Militärs zu korrigieren, und auch in der Ukraine befürchten nun viele einen endlosen Krieg. Es ist jetzt an der Zeit, alle Planspiele schleunigst zu beenden, um den Menschen und der Umwelt in der Ukraine durch einen international kontrollierten Waffenstillstand eine schnelle und wirkungsvolle Erleichterung zu verschaffen.
Brigitte Schellnhuber, IngolstadtWas kann diesen schrecklichen Krieg schnellstmöglich beenden? Die russische Staatsführung mit ihrer brutalen, menschenverachtenden, gnadenlosen, verbrecherischen Kriegsführung will die Erreichung ihrer Ziele erzwingen. Was haben die tapferen Ukrainer und Ukrainerinnen und ihre westlichen Unterstützer dem tatsächlich entgegenzusetzen und mit welchen Zielen? Wie viele Menschen sollen noch sterben, gefoltert, vergewaltigt, vertrieben, traumatisiert werden? Wie sollen die russischen Allmachtsfantasien gegenüber der Ukraine begrenzt werden? Etwa mit weiteren (nicht ausreichenden) Waffenlieferungen an die Ukraine? Kaum zu erwarten. Eine Beendigung des Krieges durch Aufgabe ist offensichtlich für die ukrainische Staatsführung keine Option. Das schwer erträgliche Leben unter einer Diktatur wie in Belarus, Russland oder China ist für sie nicht hinnehmbar. Aber was erwartet die Ukrainer und Ukrainerinnen, wenn der Aggressor seine Ziele doch erreicht? Gnadenvolles Verhalten? Krieg ist die schlechteste aller Lösungen.
Udo H. Bauer, Wedel (Schl.-Holst.)Das Mantra vieler Spitzenpolitiker mit Varianten des Refrains »Die Ukraine muss den Krieg gewinnen« klingt hohl angesichts ihrer Praxis des »Zu wenig, zu spät«. Dass Appeasement-Politik bei Diktatoren des Typs Putin nicht wirkt, sollte uns die Geschichte gelehrt haben. Aber die geopolitische Bedeutung des Krieges scheinen viele immer noch nicht begriffen zu haben. Der »Westen« wird eine drohende Niederlage der Ukraine dereinst sich zurechnen lassen müssen, weil erst sein unverantwortliches Zögern Russland ermöglicht hat, die Front zu befestigen und das gegenwärtige Patt herbeizuführen. Jetzt steigen die Kosten, und die Solidarität sinkt. Die Ukraine »langsam verbluten zu lassen« (Navid Kermani) könnte uns später viel teurer zu stehen kommen als eine wirksame Unterstützung jetzt.
Dr. Dr. Ernest Hess-Lüttich, BerlinVielen Dank für diesen hervorragenden Artikel, mit viel Empathie geschrieben von Christian Esch und Fedir Petrov. »Wir
müssen lernen, auch zu Kriegszeiten glücklich zu sein«, sagt
der Rechtsanwalt Masi Najem. Noch eine Anmerkung: Das Land Israel lebt schon seit Jahrzehnten mit diesem Satz. Trotzdem finde ich es verwunderlich, dass auf unseren Straßen Tausende von Hamas-Freunden demonstrieren und Politiker fordern, Israel solle sich mäßigen und die Zivilbevölkerung schonen. Gegen Russland demonstriert niemand auf der Straße.
Uwe Seifert, Oststeinbek (Schl.-Holst.)Eine weitere Unterstützung der Ukraine ist auch für unsere Sicherheit unabdingbar. Und etwas mehr Respekt in Deutschland vor deren Durchhaltevermögen und mehr Anteilnahme an den Leiden der Bevölkerung würden auch nicht schaden.
Hans Rentz, Waging am See (Bayern)
Mir tut die Ampel leid
Heft 48/2023 Hausbesuch bei Ex-Finanzminister Wolfgang Schäuble
Eine Lobhudelei für den Mann, der mit seinem Schuldenfetisch einer der Hauptverantwortlichen für den aufgetürmten Investitionsstau ist. Mit rechtzeitigen Investitionen wären Schulen, Verkehr und Digitalisierung heute auf dem notwendigen Level. Zu seiner Zeit hatten wir noch Geld, keine Zinsen, und die Babyboomer-Generation war am Arbeitsplatz noch komplett.
Andreas Kündiger, Luckenwalde (Brandenb.)Was hat denn die Politik der schwarzen Null letztlich Deutschland gebracht? Anstatt moderat in Infrastruktur, Bildung, Digitalisierung usw. zu investieren, wurde Deutschland ins Abseits gespart. Stolz muss man darauf wahrhaftig nicht sein! Mir tut die Ampelregierung aufrichtig leid, denn sie hat es auszubaden. Die anstehenden Aufgaben sind viel zu gewaltig, um sich weiter an der Schuldenbremse festzuklammern. Zeitenwende und Doppel-Wumms, ja, dann legt endlich mal los, und zwar über das Parteien-Hickhack hinweg!
Name und Wohnort der Redaktion bekanntDie schwarze Null ist nicht das Verdienst der ehemaligen Finanzminister Schäuble oder Scholz, sondern vielmehr das der internationalen Notenbanken. Die Niedrig- bis Nullzinspolitik der letzten 30 – und insbesondere der letzten 15 – Jahre hat die öffentlichen Haushalte durch gesunkene Zinszahlungsverpflichtungen massiv entlastet.
Dieter Longerich, Solingen (NRW)
Zeit für eine neue Aufklärung
Heft 48/2023 Partnerschaftliche Gewalt – wie man Frauen besser schützen könnte
Im Vorspann wecken Sie große Hoffnungen: »Wie ließe sich das verhindern?« Leider endet aber der Beitrag ohne konkrete Lösungswege. Die Hauptursache haben Sie genannt: die hierarchische Geschlechterordnung der christlichen Religion. Sie wurde vor 2000 Jahren in Stein graviert, sie wurde ein Gesetz, das sich bis heute durchzieht, wie
der Soziologe Markus Theunert es ausdrückt. Diese Tatsache ist aber nicht erst seit gestern bekannt. Zum Schluss führen Sie an, dass alle Täter in ihrer Kindheit oder Jugend Gewalt erfahren haben. Die Gewaltanwendung im Kindesalter und ihre fatalen Folgen für die Gesellschaft hat Alice Miller bereits 1983 in ihrem Buch »Am Anfang war Erziehung« hinreichend belegt. Die darin erwähnte schwarze Pädagogik ist dabei das traurige Ergebnis der Kollusion von Religion und Politik. Trotz etlicher gesetzlicher Verbesserungen – kosmetischen Maßnahmen – zieht sich dieser unheilvolle Einfluss bis heute durch, denn das grundsätzliche Problem wurde nicht angepackt. Was wird dagegen unternommen, damit der perniziöse Einfluss der Religion im Alltag abgebaut wird? Es ist dringend Zeit für eine neue Aufklärung, vor allem vor dem Hintergrund des Nahostkonflikts, wo die Religion eine zentrale Rolle spielt.
Gérard Léon Hess, Bad Kohlgrub (Bayern)Wieder einmal wird in einem Artikel zur Gewalt in (Ex-)Partnerschaften die Gewalterfahrung des Täters als Hauptursache für dessen Gewaltexzesse benannt. Als ob Frauen keine Gewalterfahrungen hätten! Und doch liegt sowohl die Anzahl der Delikte als auch die Art und Brutalität dabei in keinem Verhältnis zu den von Männern verübten Verbrechen. Ja, es ist ein brisantes Thema, unser Primatenhirn. Es wirft Fragen nach dem Maß der Verantwortung und der Straffähigkeit auf. Und es rückt Begriffe wie die der körperlichen Unversehrtheit und der Menschenwürde, deren Inhalt allenfalls diffus zu nennen ist, einmal wieder ins Zentrum der Betrachtung. Da wäre es beispielsweise wichtig zu erörtern, inwieweit diese beiden Prinzipien für Männer und Frauen gesellschaftlich und juristisch gegebenenfalls unterschiedlich ausgelegt werden. Stichworte wären da zum Beispiel die hormonellen Eingriffe auf den weiblichen Zyklus zum Ziel der Verhütung, die gesellschaftlich geduldete sexuelle Ausbeutung von Frauen in der Prostitution, die fortbestehende Verfügung über den weiblichen Körper mithilfe von Paragraf 218 sowie – und mitnichten zuletzt – die verschwindend geringe Aufklärungsrate sowie der strafmildernd wirkende juristische Schachzug der vermeintlich schuldmindernden Umstände bei Vergewaltigungsdelikten.
Anna E. Jordan, Bad Honnef (NRW)Als Leiter einer polizeilichen Koordinierungsstelle gegen häusliche Gewalt kann ich nur unterstreichen, dass die Liste der notwendigen Verbesserungen lang ist. Die Unterstützung der Opfer in der Akutphase, eine leichtere Durchsetzung und klare Konsequenzen bei Verstößen gegen eine Gewaltschutzanordnung, verpflichtende Tätertrainings sowie eine deutliche Erhöhung der Plätze in den Frauenhäusern sind nur die wichtigsten Schritte. Die Istanbul-Konvention ist zwar ratifiziert, aber noch lange nicht umgesetzt.
Armin Bohnert, Freiburg
Für die Leser
Heft 48/2023 Tove Ditlevsen wurde erst nach ihrem Tod international erfolgreich – auf den Spuren der Autorin in Kopenhagen
Xaver von Cranach kann schreiben – nicht eitel fürs eigene Renommee, sondern für die Leser. Das ist Arbeit und Können. Er strukturiert, stellt beim nicht einfachen Thema den Zusammenhang her und informiert auch den, der noch nie von Tove Ditlevsen gehört hat, ganz wunderbar.
Norbert Kotny, Reinbek (Schl.-Holst.)Es war ein Gewinn und eine Freude, den Beitrag über die zwei Leben der verlorenen Schriftstellerin Tove Ditlevsen zu lesen – nach all dem Geplauder und allgemeinen Geplätscher im Kulturteil der letzten Wochen und Monate. Vielen Dank, Xaver von Cranach.
Lothar Reese, Koblenz
Graue und helle Schattierungen
Heft 49/2023 Henry Kissinger – der verehrte und gehasste Weltdiplomat
In dem sehr lesenswerten Beitrag fehlt aber ein historischer Bezug zum Vietnamkrieg und die Beendigung durch die diplomatische Meisterleistung von Henry Kissinger. Der Vietnamkrieg und Berichte über die Pendeldiplomatie von Kissinger waren für mich als 12-Jährigen die ersten Erfahrungen mit Politik und Krieg, die ich in einer überregionalen deutschen Tageszeitung verfolgt habe.
Dr. Heinrich Kunze, KasselSie beschreiben diesen außergewöhnlichen Menschen in all seinen grauen und hellen Schattierungen. Henry Kissinger war eine historische Persönlichkeit, ein Staatsmann mit Ecken und Kanten – nicht unumstritten als Machtpolitiker. Er hat mich immer fasziniert, da er seine fränkische Heimat nie vergessen hat und trotz seiner Odyssee im »Dritten Reich« als Fürther Jude Deutschland nach dem Krieg immer wohlgesinnt blieb. Schade, dass Sie nicht auf die über 60-jährige Freundschaft mit Helmut Schmidt eingehen. Beide sind für mich das Sinnbild hochgebildeter politischer Strategen. Kissinger hatte das Privileg, eine Trauerrede beim Staatsakt des Altkanzlers zu halten.
Klaus Wiegers, Marsberg (NRW)
Er bleibt – trotz Anschlägen und Hass
Heft 48/2023 Der SPD-Abgeordnete Karamba Diaby kämpft in Halle gegen den Hass
Herzlichen Dank für diesen gelungenen Artikel, der mich sehr berührt und mir wieder Hoffnung gibt, dass wir in diesem Land doch noch mal die Kurve kriegen. Bitte mehr davon, weil es genau das ist, was wir alle dringend brauchen: Hoffnung und Zuversicht!
Anja Korb, Frankfurt am Main
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