Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL
Briefe
Von Al Capone lernen
Heft 43/2024 Titel: Wie Verbrecher Deutschland attackieren
»Motherfucker«: Ich bitte Sie höflich, diesen und ähnliche Ausdrücke nicht zu verwenden.
Peter Mieesl, Montreal (Kanada)Ich empfinde es als beschämend, dass sich der SPIEGEL dieser Sprache bedient. Es hätte sicher andere Möglichkeiten gegeben, das Thema der Bandenkriminalität sprachlich auf dem Titel anzukündigen.
Dr. Barbara Schäfer, Grenzach-Wyhlen (Bad.-Württ.)Das Cover finde ich unmöglich. Wer Angst sät, erntet AfD-Wähler. Wer eine ordentliche Erklärung und Einordnung liefert, erntet mündige Wähler für eine demokratische Gesellschaft. Wie sieht es denn aus, wenn man sich die Zahlen ansieht: Wie viele Menschen sterben in Deutschland jährlich durch Clankriminalität? Wie viele durch Autounfälle? Wie viele Frauen werden von ihren (oftmals deutschen) Männern ermordet? Und so weiter. Damit könnte man sich ein Bild machen, was wie dramatisch für die deutsche Gesellschaft ist.
Sonia Sandberger, BerlinDrogenkriege fanden bevorzugt in den Ländern statt, in denen Drogen produziert werden. Schuld sind aus deutscher Sicht immer die Lieferanten. Aber wie sieht das Bild aus, wenn man die Perspektive wechselt? Der Antrieb für Mord und Totschlag ist das Geld, das die Käufer bereitstellen. Eigentlich müsste der Kauf von Kokain als Unterstützung krimineller Vereinigungen geahndet werden. Die Konsumenten – alle, auch die Banker – müssen begreifen, dass sie die Ursache des Übels sind.
Matthias Walther, MünsterEliminieren lässt sich die Organisierte Kriminalität nicht, weder in Deutschland noch in anderen Staaten, in denen Rechtsstaatlichkeit garantiert ist. Sie kann hier und da eingedämmt werden, und es können Nadelstiche und Teilerfolge erzielt werden. Aber die Organisationen, die hinter ihr stecken, besitzen zu viel Geld, als dass man erfolgreich gegen sie agieren könnte. Wo viel Geld ist, gibt es auch immer Korruption, teilweise bis in höchste Regierungskreise hinein (nicht unbedingt hier in Deutschland). Außerdem sind es global operierende Strukturen, was die Ermittlungsarbeit zusätzlich erschwert. Es ist eine Sisyphusarbeit für die »Guten«, ohne allzu viel Aussicht auf dauerhaften Erfolg.
Klaus Schmieder, Oberkirch (Bad.-Württ.), via SPIEGEL DebatteNatürlich ließe sie sich aufhalten, wenn man die nötigen Mittel in die Hand nähme. Mehr Geld für Personal, punktgenaue Ausbildung, modernste Ausrüstung und ein digitales Zusammenspiel aller involvierten Behörden. Doch Christian Lindner bewacht seine Schuldenbremse eifersüchtig. Er geht vermutlich davon aus, dass er in der nächsten Regierung nicht mehr Finanzminister sein wird und jemand anderes seine Versäumnisse dann aufarbeiten muss.
Holde Pahl, Hamburg, via SPIEGEL DebatteUm die Organisierte Kriminalität (OK) zu stoppen, müssten noch zwei heilige Kühe geschlachtet, böse Schlagzeilen ausgehalten und Lobbygruppen überwunden werden: Konsequenter Einzug von Vermögen, das sich nicht plausibel erklären lässt. Sich eingestehen, dass der Prohibitionsweg gegenüber Drogen seit 100 Jahren nur der OK gedient hat. Die Prohibition in den Dreißigern hat die Mafia groß gemacht, der »Krieg gegen die Drogen« der Achtzigerjahre ganz Mittelamerika zum Kippen gebracht. Liberalisierung so weit wie möglich, Abgabe über Apotheken, viel Geld in Prävention und Therapie. Könnte man alles schon vom Fall Al Capone gelernt haben.
Hans-Peter Seijo Bollin, Berlin, via SPIEGEL DebatteDer Datenschutz hierzulande gilt als vorbildlich, und das ist auch gut so; doch im Kampf gegen die OK, kriminelle Clans und Verbrecher erweist er sich als das größte Hemmnis, ja fast schon als Geschenk für die Kriminellen. Hier müssen unbedingt Regeln geschaffen werden, die es den Behörden erlauben, auch schärfere Waffen bei Abhörmaßnahmen, Personenüberwachung und Festsetzung einzusetzen. Aufstockung des Personals, bessere technische und finanzielle Ausstattung der zuständigen Stellen sind Grundvoraussetzungen für effektive Gegenmaßnahmen, auch mehr SEK-Kräfte gehören dazu. Sparkommissar Lindner muss über seinen Schatten springen, er sollte Mittel freigeben an Innen- und Justizministerium. Auch die Geheimdienste müssen in diesen Fällen der Polizei und Justiz zuarbeiten dürfen.
Rolf Kullmann, Wuppertal, via SPIEGEL Debatte
Fehler einräumen!
Vielen Dank für den Artikel, der aufzeigt, wie schwer es Politikern fällt, Verantwortung zu übernehmen. Die bei der Bewältigung der Coronaepidemie aufgetretenen »Merkwürdigkeiten« wie Maskenbeschaffung und Organisation der Maskenverteilung müssen auf den Tisch gelegt werden, damit bei zukünftigen Pandemien die hier aufgetretenen Fehler vermieden werden. Es ist einer funktionierenden Demokratie geschuldet, reinen Tisch zu machen und nicht im üblichen Parteigeplänkel zu verharren!
Wilhelm Hedemann, WuppertalWenn doch nur Politiker (aller Couleur) für ihre Fehler einstehen würden. Ob Olaf Scholz mit Cum-ex, Jens Spahn mit den Masken, Andreas Scheuer mit der Autobahnmaut – wenn sie darauf setzen, dass die Leute solche eklatanten Verfahrensfehler vergessen und man das alles immer nur lange genug ohne weitere Aufklärung aussitzen müsste, verkaufen sie die Wähler für dumm. Auch wenn Untersuchungsausschüsse oft keine nennenswerten Folgen für die Verantwortungsträger haben (siehe Andreas Scheuer), ist es wichtig, alle Hintergründe aufzudecken, um Spekulationen oder Verschwörungstheorien entgegenzutreten. Leider ist es nun aber zunehmend »schick«, sich an den politischen Gegner ranzuwanzen und sich gegenseitig zu decken, anstatt dass Einzelpersonen oder Parteien Rückgrat zeigen, thematisch klar Stellung beziehen oder gar Fehler einräumen. Wähler würden Ehrlichkeit, Haltung und mutige Konsequenzen – wie die Grünen es gerade vormachen – sicher honorieren.
Andrea Bauer, Oberammergau (Bayern)Zu Ihrer exzellent recherchierten Maskendeal-Geschichte fallen mir leider nur diese Worte ein: gierig, unanständig, korrupt und in Teilen schwer kriminell.
Michael Schneider, Siegburg (NRW)
»Dududu, das sagt man nicht«
Heft 42/2024 SPIEGEL-Gespräch mit Thomas Gottschalk über seine Schwierigkeiten, dem Zeitgeist zu folgen
Gewohnt schlagfertig, unverstellt und ehrlich, lässt sich durch provokative SPIEGEL-Fragen nicht aus der Ruhe bringen: Bravo, Thomas Gottschalk.
Diethard Raub, Weil am Rhein (Bad.-Württ.)Warum so aggressiv, liebe Interviewer? Thomas Gottschalk drückt aus, was viele in der älteren Generation denken und
fühlen, denn jede Generation ist mit einem bestimmten Zeitgeist verbunden. Wer anderen vorschreiben will, was sie zu denken haben, kann sich die Resultate in der Geschichte ansehen. Es ist nicht das erste respektlose Interview im SPIEGEL, und Thomas Gottschalk hat sich wacker geschlagen.
Monika Nüßle, Herrenberg (Bad.-Württ.)Ich habe »Wetten, dass ..?« so gut wie nie gesehen und dieses Late-Night-Ding echt nicht gemocht. Aber Himmel, wie bemüht greifen nun diese Interviewer jedes dahingealberte Detail auf, plustern Nebensätze und Vokabeln oberlehrerhaft mit erigiertem Zeigefinger auf, so wie ein »Dududu, das sagt man doch nicht.« Sogar das Wort »Scheiße« verstecken Ihre Interviewer gschamig mit Sternchen und schauen Herrn Gottschalk sicher höchst indigniert an, wenn der es auszusprechen wagt. Leise und nebenher hingeworfener Witz erschließt sich den Ausfragern oft überhaupt nicht. Das mit der Ironie, vor allem mit der Selbstironie, ist wohl nach wie vor ein arg schwierig Ding.
Angelika Boese, MünchenLeider zeigen all die Antworten, die Thomas Gottschalk gegeben hat, wie sehr er nur noch in der Vergangenheit lebt und wie verbittert er mit dem Alter und seiner Vergangenheit umgeht. Er behauptet, dass er »Neid und Hass« nicht kenne. Wie erbärmlich! Denn seine Antworten und seine Posts triefen vor Neid. Er lässt kein gutes Haar an der nachfolgenden Jugend, die Erfolge vorzuweisen hat. Wenn er sagt, all das sei nur »seine Meinung«, dann kann man zwischen den Zeilen deutlich erkennen, wie gekränkt er ist, weil er nicht mehr mitmischen kann. Wer so mit seinem Karriere-Ende hadert, ist nur noch zu bedauern. Und sein letzter Satz, er »bezweifle, dass seine Nachfolge mit Michelle Hunziker und Giovanni Zarrella gelingen kann«, mag eine Meinung sein, aber auf die Frage »Wer könnte es?« sagt er: »Dass ich es kann, habe ich 30 Jahre bewiesen.« Also nur er kann das.
Christine Schonscheck, MünchenWomit habe ich verdient, solch seichte, belanglose Äußerungen eines vor Hybris strotzenden alten weißen Mannes lesen zu müssen? Er mag anderen nichts gönnen (Michelle Hunziker und Giovanni Zarrella), spricht von Allgemeinbildung, auch von eigener »Größe«, wirkt insgesamt wehleidig, verbohrt und fühlt sich unfair behandelt. All dies scheint mir eher in den Boulevard zu gehören. Bitte verschonen Sie mich in Zukunft mit solchen Texten.
Jutta Klinger, Glücksburg (Schl.-Holst.)Da haben die Tugendwächter des SPIEGEL dem alternden Showmaster aber ordentlich eingeschenkt. Mitgemeint fühlen dürfen sich ungezählte Leser, meist Männer, meist hellhäutig, meist im fortgeschrittenen Alter, die
das Gros der Abonnenten des SPIEGEL ausmachen. Typischerweise gehören sie nicht zu den Fans von Thomas Gottschalk, aber sie sind genervt von der um sich greifenden Betroffenheitslyrik und pflegen nicht in den
Keller zu gehen, bevor sie über einen politisch nicht ganz korrekten Witz lachen. Es ist doch erfrischend, dass sich Gottschalk treu bleibt, statt sich in Selbstkritik zu zerfleischen, und dass er unumwunden zugibt, mit seinem Buch möglichst viel Geld verdienen zu wollen.
Gerhard Zindel, Schauenburg (Hessen)Ich habe den Eindruck, man wollte Gottschalk mit jeder einzelnen Frage – und mit jeder Replik auf seine Antworten dazu – zu Äußerungen provozieren, die die vorgefasste Meinung zu ihm und seiner Generation nur bestätigen konnten. Er sollte wohl schlecht aussehen, ist aber nicht in diese Falle getappt.
Hans-Dieter Schulz, Göppingen (Bad.-Württ.)Wer weiß, dass die Katze von Karl Lagerfeld mehr Follower hat als er selbst, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.
Wolfgang Tittus, NürnbergEin kluger alter Herr würde reflektieren, das tut Gottschalk nicht. Kann ich ihm noch gut folgen bezüglich gewisser Sprachirrtümer wie »Zuschauende/Mitarbeitende«, verlässt mich das Verständnis bei seiner Belustigung über die #MeToo-Bewegung. Ich kenne niemanden, der ernsthaft fürchtet, mit einer Frau in den Fahrstuhl zu steigen. Wütend werde ich bei dem leider schon zu oft gehörten Spruch, ihm hätten die Ohrfeigen nicht geschadet. Ich sehe unzählige gewaltbereite Eltern erleichtert nicken. Und es schadet eben doch.
Julia Kull, BerlinIch bin auch keine große Freundin überzogener Political Correctness und Cancel-Culture. Aber, lieber Thomas Gottschalk, über die Verfolgung und Ermordung einer halben Million Sinti und Roma unter der nationalsozialistischen Diktatur sollte man als 70-Jähriger schon Bescheid wissen. Ich empfehle als Einstieg ins Grauen die Biografie des Sinto Hugo Höllenreiner, »Denk nicht, wir bleiben hier«. Warum verwehren sich Angehörige dieser Ethnie gegen das Z-Wort? Vielleicht weil man ihnen vor der Folter und Ermordung das Z in die – manchmal noch kindlichen – Arme tätowiert hat. Erst nach dem Hungerstreik in Dachau 1980 wurden sie als Verfolgte des NS-Regimes 1982 anerkannt. Da waren viele an den Folgen der KZ-Haft bereits gestorben und erlangten nie Wiedergutmachung. Bis heute gelten Sinti und Roma als die am stärksten diskriminierte Minderheit in Deutschland.
Judith Schulze, MünchenMit diesem Gespräch zerlegt sich der Held meiner Jugend selbst. Es ist wohl keine gute Entscheidung, dem SPIEGEL ein Interview zu geben, wenn man sich irgendwo zwischen Taste Freeze und Sarkasmus verfangen hat.
Daniel Haas, Neu-Isenburg (Hessen)
»Wir dürfen die Fehler Roms nicht wiederholen«
Heft 42/2024 SPIEGEL-Gespräch mit Politökonom John Rapley über den Untergang Roms und den Abstieg des Westens
Das Gespräch mit Herrn Rapley ist das Beste, was ich seit Langem im SPIEGEL lesen durfte. Gibt es für ihn nicht noch einen Beraterposten im Kanzleramt?
Jürgen Fassbender, Karlsruhe
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