Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL
Briefe
Wen wählen?
Heft 8/2025 Titel: Der Abkanzler
Weder Scholz-Fan noch Scholz-Wähler, stört es mich doch, dass die SPIEGEL-Redaktion an Politikern nur Schattenseiten, Macken und Unfähigkeit entdeckt. Zumindest entsteht dieser Eindruck, wenn ich wieder einmal lesen darf, welche Nieten diverse Politiker sind. Gleichzeitig fühlen sich die Vertreter der Medien bemüßigt, Respekt und Fairness einzufordern. Allein die Überschrift »Abkanzler« könnte man auch als Wahlbeeinflussung auffassen. Wie viele Politiker:innen werden noch demontiert?
Gerard Kotzian, Wien (Österreich)Scholz wurde hoffnungslos überschätzt. Er hat das Wort Bundeskanzleramt zu wörtlich genommen und mehr wie ein Amts- und Behördenchef agiert – aber eben nicht wie ein Staatsmann. Er hat vieles schleifen lassen, unter anderem die Europapolitik. Jetzt, kurz vor der Wahl, fällt ihm ein, was er noch alles tun will. Ich hatte von Anfang an den Eindruck, trotz aller Fehler von Frau Merkel, dass ihre Schuhe viel zu groß für ihn waren.
Achim Georg, HamburgWas für ein dünner Titelartikel eine Woche vor der Wahl: Olaf Scholz verhält sich hinter verschlossenen Türen oder in Privatwohnungen vereinzelt wie ein echter Mensch und nicht als Scholzomat: Was für ein Scoop.
Lina Brüning, EssenUm Bundeskanzler Scholz fair darzustellen und zu beurteilen, erwarte ich, die letzten drei Jahre seiner Amtszeit detailliert anzuschauen. Keiner seiner Vorgänger hatte eine Dreierkoalition, keiner hatte mit den Nachwirkungen von Corona zu kämpfen, keiner hatte Entscheidungen über Lieferung von Waffen in die Ukraine zu treffen, ohne direkt in einen Krieg verwickelt zu werden. Die Forderungen der Opposition in puncto Waffenlieferungen ohne Absprache mit den USA und Nato hat er vehement eingehalten und verteidigt. In der Koalition wurde er massiv hintergangen, wer würde sich da nicht rechtfertigen? Um unter diesen Gesichtspunkten einen Kanzler zu porträtieren, erwarte ich vom SPIEGEL eine faire und von allen Seiten betrachtete Darstellung.
Helmut Kaiser, Ühlingen-Birkendorf (Bad.-Württ.)Mit ungläubigem Blick auf das Titelbild war mein erster Gedanke: »Habe ich etwa die Bundestagswahl verpasst?«. In der Realität angekommen, bin ich entsetzt über diese Art der Einflussnahme eine Woche vor dem Wahltag. Sie bezeichnen den amtierenden Bundeskanzler Olaf Scholz als Abkanzler und suggerieren damit, dass ein »Abtritt« unausweichlich ist. Wie ungleich gewichtet: Was ist mit Friedrich Merz? Er wurde nach seinem unanständigen »Deal« mit FDP und vor allem mit der AfD nur kurzzeitig als Kanzlerkandidat angezweifelt. Schon jetzt wird er allerorten als der neue Kanzler angesehen. Wozu also noch am 23. Februar zur Wahl gehen? Haben wir etwa schon eine Scheindemokratie?
Gabriele Jürgens-Krings, Oer-Erkenschwick (NRW)Die SPD mit Herrn Scholz hat uns mit seiner Taktik aus dem Ukrainekrieg herausgehalten. Mit Herrn Habeck hat er die Energiekrise vorübergehend gemeistert und viele Anstöße für ein Umdenken in der Energiepolitik gegeben. Im sozialen Bereich hat seine Regierung den Mindestlohn erhöht und für Arbeitende/Azubis notwendige finanzielle Hilfen geschaffen. Er ist den sozialen Anliegen der SPD treu geblieben. Ich bitte um eine objektivere Berichterstattung.
Marga Kleihauer, Friedeburg (Nieders.)Seit meiner ersten Wahl habe ich die SPD gewählt. Nun nicht mehr. Das selbstsichere und arrogante Auftreten, die verbalen Entgleisungen (»Hofnarr«) reichen. Bei einem Kanzlerkandidaten Pistorius wäre die SPD für mich erste Wahl. Was beziehungsweise wen wählen?
Monika Stobbe, HamburgDie Aussage von Scholz, Merz habe einen Tabubruch begangen und sich der Hilfe der AfD bedient, ist sachlich nicht zu beanstanden. Vor einer so wichtigen Wahl stünde es dem größten politischen Magazin Deutschlands gut an, die Wähler auf ihre demokratische Verantwortung im Wahlverhalten hinzuweisen, selbst demokratische Verantwortung zu übernehmen. Oder geht’s nicht mehr? Macht der SPIEGEL sich in Bildzeitungsmanier zum Hofnarren der Meinungsmache?
Dagmar Denzin, Berlin
Mit Belanglosigkeiten ablenken
Heft 7/2025 FDP-Chef Christian Lindner kämpft darum, die Kontrolle zu behalten
Da jammert Redakteur Hujer, dass Christian Lindner ihm ein zugesagtes Gespräch wieder abgesagt hat. Dabei hatte ihn Lindner schon mal im Porsche mitgenommen, hatte mit ihm vertraulich über Sophia Thomalla geplaudert, und ja, Höhepunkt der besonderen Beziehung, der »Porsche-Fahrer Lindner« (so heißt er meist im SPIEGEL) hatte ihm sogar mal vom Rednerpult aus zugezwinkert, was der Redakteur gar nicht mitbekommen haben will. Mehr Nähe zu einem Politiker geht ja wohl nicht. Und dann das: schmählich zur Seite geschoben und stattdessen Stefan Raab die Gunst erwiesen. Verständlich, dass Hujer seine ganz persönliche Leidensgeschichte über vier Seiten ausbreiten muss. Dass dabei der Inhalt dürftig bleibt, nehmen wir als mitfühlende Leser selbstverständlich in Kauf.
Klaus Methfessel, DüsseldorfDer Autor subsumiert Randerscheinungen und Petitessen und setzt sich – vielleicht unbewusst – ins Zentrum des Geschehens und erlebt sich als Protagonist. Der Artikel hätte eher in der Boulevardpresse erscheinen können, wenn es auch um Sophia Thomalla und Lindners Porsche geht.
Dr. Matthias Euler, Vallendar (Rhld.-Pf.)Warum druckt der SPIEGEL dieses Lindner-»Porträt« ab? Ein politisches Magazin sollte nicht das tun, was die Politikerzunft schon selbst macht, uns mit persönlichen Belanglosigkeiten abzulenken. Die Freien Demokraten hatten mal ein Kernthema: Freiheit. Der SPIEGEL hat die Aufgabe, zu analysieren und den Lesern gerafft zu kommunizieren, wie die Partei Freiheit heute in den verschiedenen Politikfeldern realisiert sehen möchte.
Prof. Dr. Dietmar Raufuß, Springe (Nieders.)
Ich bin enttäuscht
Heft 7/2025 Porträt des rastlosen Kanzlerkandidaten Robert Habeck
Erst das Acht-Seiten-Interview mit ihm (SPIEGEL 2/2025), jetzt eine siebenseitige Beschreibung des Kanzlerkandidaten Robert Habeck mit 29 Fotos. Da können Merz, Scholz und Weidel nur noch staunen. Herr Habeck will nur nach vorn gucken. Klar – der Blick nach hinten ist desaströs. Die Klüngel-Affäre in seinem
Ministerium, das verkorkste Heizungsgesetz, die geplatzten Investitionen, die vielen anderen Pannen, kein Wort darüber in dem gefühlvollen Beitrag von Alexander Osang. »Ein Mensch, ein Wort«, Robert mit Norwegerpullover im Watt, sein Konterfei projiziert auf öffentliche Gebäude, plumper kann Werbung nicht sein. Der hier präsentierten menschlichen Alternative fehlt es an Authentizität.
Karl Dieter Schaller, HamburgFrüher verschlang ich Herrn Osangs Texte. Inzwischen bin ich jedes Mal enttäuscht, wenn endlich mal wieder etwas aus seiner journalistischen Feder erscheint. Beim Robert-Habeck-Porträt ging es ihm wahrscheinlich so wie mir. Aus diesem Mann wird man nicht schlau. Und so plätschert der Text auch dahin. Trotz des offenbar großen Aufwands schlägt er keine Wellen.
Uwe Jakob, Wandlitz (Brandenb.)Danke für diesen brillanten Bericht zur Personalie des – aus
meiner Sicht aufgrund mangelnder Alternativen – hochgradig überschätzten Herrn Habeck. Die Fähigkeit zur Abspaltung der eigenen tiefbraunen Familiengeschichte während der Auschwitz-Gedenkfeier ist bemerkenswert und kommt in der Kombination mit dem misslungenen Versuch Habecks der Erklärung seines zutiefst verstörenden Verhaltens einem Vier-Sterne-Gütesiegel gleich. Ansonsten alles wie gewohnt. Grünspanig belegte Doppelmoral hatte auf mich schon immer eine nachhaltige und abstoßende Wirkung.
Dr. Hans-Werner Bertelsen, BremenSie haben ein sehr gutes Porträt von Robert Habeck skizziert: Informativ. Faktenreich. Einfühlsam. Seriös. Ich kenne Robert Habeck seit 2012 persönlich und habe seitdem seinen Weg kritisch beobachtet. Er ist ein außergewöhnlicher Politiker unter den vielen Berlin-Zwergen. Sie haben seine Persönlichkeit, seine Antriebsfedern, seine Zweifel sowie seine Erfolge und Misserfolge gut umrissen. Danke. Kompliment.
Hannes Albers, Benz auf Usedom (Meckl.-Vorp.)Wozu diese überdehnte Hommage? Habeck mag ja intellektuell und persönlich ein Gewinnertyp sein und obendrein im SPIEGEL-Ranking vorn liegen. Doch müsste er sich durch das Junktim von Friedrich Merz in der Migrationsfrage verbiegen, dass die Gelenke krachen. Seine Partei würde ihre DNA opfern. Schwarz-Grün ist tot. Aber kann nicht auch Oppositionsarbeit erfüllend sein?
Christoph Schönberger, Aachen
Er war ein guter Präsident
Heft 7/2025 Nachruf: Horst Köhler
Ich war schon sehr (unangenehm) überrascht, als ich Ihren Nachruf auf Horst Köhler sah. Nur eine mickrige Spalte, gerade mal so viel wie für den ehemaligen namibischen Präsidenten Sam Nujoma oder den mir völlig unbekannten Schriftsteller Tom Robbins. Horst Köhler war immerhin sechs Jahre lang Präsident der Bundesrepublik Deutschland; und er war ein guter Präsident. Dagegen werden drei volle Seiten für das Geschwafel eines »El Hotzo« verschwendet (SPIEGEL 6/2025).
Ludwig Hölzle, Burggen (Bayern)
Jede Diagnose kann negative Folgen haben
Heft 6/2025 Eine junge Frau findet Diagnosen in ihrer Patientenakte, von denen sie nichts wusste
Bewusste Falschdiagnosen zum Zweck der ärztlichen Gewinnmaximierung sind (hoffentlich) sehr selten. Die Probleme entstehen oft durch schlampige Kodierung: Jeder Diagnosecode (ICD), im Beispiel F.32.9 (Depression), muss mit einem Zusatz spezifiziert werden: »G« falls gesichert, »V« falls Verdacht, »A« falls ausgeschlossen, »Z« falls genesen (»Zustand nach...«). Sehr viele Arztpraxen verwenden (fast) nur »gesicherte« Diagnosen, das spart natürlich Zeit, aber der Patient bekommt große Probleme mit privaten Zusatzversicherungen. Wenn keine Depression vorliegt, muss statt F32.9 G korrekterweise, je nach Diagnosesicherheit, »höchstens« F32.9 V oder, noch besser, F32.9 A codiert werden. Dann könnten die Praxen Zusatzziffern abrechnen, und die Patienten bekommen trotzdem die erwünschte Versicherungspolice.
Dr. med. Georg Schweitzer, BonnJeder, der zur Diagnosenvergabe berechtigt (und auch verpflichtet) ist, muss sich darüber im Klaren sein, dass jede Diagnose für den Patienten negative Folgen haben kann. Eine bewusste Über- oder Fehlcodierung aus monetären Interessen verbietet sich ethisch und wäre meiner Ansicht nach auch justiziabel.
Thomas Pap, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, Cottbus
Wie viel Stahl kann sich Deutschland noch leisten?
Heft 7/2025 Der umstrittene Weg zum grünen Stahl
Unsere Stahlindustrie ist so nicht mehr wirtschaftlich. Ein wie beim Kohleausstieg sozial abgefederter Ausstieg wäre für das Land bestimmt billiger als der mit Steuermilliarden finanzierte Weiterbetrieb der Stahlwerke. Die hervorragend ausgebildete Belegschaft könnte sogar ein Segen für den angespannten Arbeitsmarkt sein.
Dr.-Ing. Frank Leschhorn, München
Na, heute schon abgeschoben?
Heft 8/2025 Die Wortungetüme der Migrationsdebatten
Bezüglich Ihres Beitrags »Menschen wie Klappstühle« möchte ich Ihnen ein Kompliment machen, haben Sie sich doch auf eine vor-nehme Auf-gabe im Qualitäts-jour-nalismus besonnen – Sprachkritik zu betreiben.
Dr. Nuri Ortak, Hagen
Frau Patzwahl sagt den To-go-Deutschen den Kampf an
Heft 7/2025 Tübingen hat seine Verpackungssteuer auch gegen McDonald’s durchgesetzt
Im Sinne des Um-weltschutzes gehören diese Einmalverpackungen eigentlich sogar verboten. Zumindest aber sollten die -Benutzer für den Schaden an der -Umwelt bezahlen. Damit könnten dann Projekte zum Umweltschutz -gefördert werden.
Ilona Wegener, Hamburg
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