Briefe - DER SPIEGEL
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Artikel 70 / 73

Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL

Briefe

Die Titelgeschichte über falsche Ernährung und Übergewicht, das Treffen eines Missbrauchsopfers mit dem Täter und ein Besuch bei Harald Welzer auf den Kanaren – das waren die Themen, zu denen wir in der vergangenen Woche die meisten Zuschriften erhalten haben.
• aus DER SPIEGEL 7/2023

Medialer Jo-Jo-Effekt

Heft 6/2023 Titel: Die fetten Jahre kommen noch 

  • Warum eine Titelstory über falsche Ernährung und Übergewicht? Der Artikel ist voller Informationen, die man doch schon seit Jahren kennt oder wenigstens kennen sollte. Stattdessen hätte der Artikel von Christoph Reuter über die Totengräber von Bachmut – Journalismus der Spitzenklasse! – viel eher einen Platz als Titelstory verdient.
    Thomas Rieger, München

  • Heute habe ich es zum ersten Mal geschafft, das aktuelle SPIEGEL-Heft zurück ins Regal zu stellen! Seit fast 60 Jahren war ich treuer Leser, Woche für Woche, Jahr für Jahr. Nun bin ich gründlich vergrault. Welche Titel bringt Ihr politisches Qualitätsjournal, das das Heft einmal war? Da wird ungeniert in der Leserschaft der Regenbogenmagazine gewildert (die Royals, Boris Becker, Elon Musk, jetzt Ernährungstipps) und ansonsten komplett den Kriegstreibern der Grünen und Leuten wie Strack-Zimmermann gefolgt. Wo sind die gegenteiligen Positionen? Wo ist das, was kritischen Journalismus ausmacht? Rede und Gegenrede, das Herzstück der Demokratie?
    Hans Gerd Scholz, Delbrück (NRW)

  • Alle Jahre(sanfänge) wieder bringen die Medien, auch der SPIEGEL, die auflagesteigernden, buchstäblich gewichtigen Themen »gesunde Ernährung«, »Gewichtsreduktion«, »Diäten« auf den Tisch. Wir Konsumenten verschlingen diese gehaltvollen Berichte zu Glühwein, Lebkuchen, Fastnachtskrapfen, ohne jedoch die guten Vorsätze der Jahreswende umzusetzen, und wiegen schon bald noch etwas mehr: ein medialer Jo-Jo-Effekt!
    Dr. Fred Maurer, Mannheim

  • Schönes Titelblatt und wirklich relevantes Thema. Die Nahrungsmittelindustrie und Ronald McDonald führen Krieg gegen unsere Gesundheit und die Biosphäre des Planeten.
    Thomas Becker, Detmold

  • Kommt dem SPIEGEL die jüngere Zielgruppe abhanden? Schleicht sich der SPIEGEL klammheimlich mit Themen wie Rückenprobleme und jetzt Fettleibigkeit an die Zielgruppe der Ü 60 heran und mutiert mit diesen Themen zu einer Art Rentner-»Bravo«?
    Dr. Reinhard Bunselmeyer, Wedemark (Nieders.)

  • Süßes macht nicht nur dick, sondern hat auch durchaus Suchtpotenzial – oft durch Ernährungsgewohnheiten anerzogen. In England etwa werden über eine Zuckersteuer mit Erfolg süße Produkte deutlich ver­teuert, was auch für andere ungesunde Ernährung gelten könnte. Gleichzeitig haben verschiedene Supermärkte die Positionierung von sogenannter Quengelware im Kassenbereich abgeschafft, wodurch Spon­tan­käufe süßer beziehungsweise fettiger Nahrung deutlich eingeschränkt werden. Deutschland setzt da wieder mal allein auf die »Freiheit des mündigen Konsumenten«.
    Paul Korf, Hamburg

  • Etwa 50 Länder besteuern derzeit zuckerhaltige Getränke, aber die Bundesrepublik Deutschland ist leider nicht dabei. Bekanntlich sind auch europäische Wissenschaftler für einen verpflichtenden Nutri-Score. Warum schaffen es Bundesfinanzminister Christian Lindner und Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach nicht, das Problem in den Griff zu bekommen?
    Dr. Mohammad Behechtnejad, Winsen an der Luhe (Nieders.)

  • Auf Cem Özdemirs Versuch, Fußballer als Botschafter für gesundes Essen zu gewinnen, bin ich mal sehr gespannt. Das hat ja in der Vergangenheit so überhaupt nicht geklappt. Schwein­steiger und Podolski machten Werbung für Chips, die Fußballnationalmannschaft für Nutella, und als Krönung hatten die Europa- und Weltmeisterschaften sowie die Olympischen Spiele als Hauptsponsoren Coca-Cola und McDonald’s.
    Heinz Jürgen Stoeten, Nordhorn (Nieders.)

Mehr bezahlbaren Wohnraum

Heft 5/2023 Regierung: SPIEGEL­-Gespräch mit Bauministerin Klara Geywitz über gebrochene Wahlversprechen 

  • Selten habe ich derart unbedarfte Aussagen zum Wohnungspro­blem gelesen. Wenn in der deutschen Wohnungspolitik weiterhin so ungeschickt gehandelt wird, wird es auch in fünf Jahren nicht mehr bezahlbaren Wohnraum geben. Dabei wäre die Lösung einfach: der Abschied vom blinden Glauben an den Markt und die Wiedereinführung beziehungsweise Stärkung einer Wohnungsgemeinnützigkeit mit (unbefristeter!) Sozialbindung geförderter Wohnungen. Gerade eine SPD-Politikerin sollte das eigentlich wissen.
    Dr. Wolfgang Förster, Wien

  • Es ist ein Armutszeugnis, dass die SPD-Bundesbauministerin im Interview zur desaströsen Lage in ihrem Zuständigkeitsbereich nicht die Lösungsvorschläge eines prominenten (SPD-)Vorgängers in ihrem Amt erwähnt. Hans-­Jochen Vogel, von 1972 bis 1974 Bundesminister für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau, hatte 2019 kurz vor seinem Tod, quasi als Vermächtnis, seiner Partei ins Stammbuch geschrieben: Wir brauchen eine Bodenwertreform! Grund und Boden müssen den Marktgesetzen entzogen und einer Allgemeinwohl-Ökonomie zugeführt werden. Und er formulierte dazu konkrete Vorschläge. Das sind die entscheidenden Schritte – und nicht der ewige Eiertanz um Investoren und Bauwirtschaft.
    Peter Meier, Bremen

  • Bauministerin Geywitz sagt einerseits, mehr Geld sei nicht die Lösung der Wohnungsnot, andererseits plädiert sie für mehr Steuererleichterungen und Zuschüsse für Investoren. Das ist die wohnungsbaupolitische Variante der neoliberalen Trickledown-Theorie: Gebt denen oben, dann werden für die unten schon ein paar Brosamen abfallen. Ein Armutszeugnis für die SPD.
    Joseph Kuhn, Dachau (Bayern)

Sich bekennen und entschuldigen

Heft 5/2023 Der eine war Täter, der andere war Opfer: Nach mehr als 50 Jahren treffen sie sich jetzt wieder 

  • Mich hat der Artikel bewegt und betroffen gemacht. Meinen größten Respekt an Michael und »Klaus« dafür, dieses Thema, das sie bewegt und Michael auch zerstört hat, öffentlich zu machen und aufzuarbeiten. Und danke dem SPIEGEL, der unterstützt und die Begegnung möglich gemacht hat. Ich wünsche beiden innere Heilung, sich und dem anderen vergeben zu können und viel Licht.
    Christoph Asmussen, Meerbusch (Nieders.)

  • Vielen Dank für diesen wichtigen Artikel! Er ist fantastisch geschrieben, aber wichtiger: Er öffnet hoffentlich noch mehr Türen und reißt Mauern ein. Macht Opfern Mut, aber auch Tätern – sich zu bekennen und zu entschuldigen. Das wenigstens.
    Luise Schönemann, Potsdam

  • Die Geschichte hat mich betroffen gemacht. In den Siebziger-, Achtziger- und Neunzigerjahren war ich zwar meist im Ausland – aber auf Reisen habe ich mir öfter Stricher in Deutschland genommen. Auf Jugendliche habe ich eigentlich nie gestanden – so ab 18 waren sie. Aber es mag welche gegeben haben, die jünger waren, als sie aussahen. Ich habe mir nie Gedanken gemacht, wie es in den Jungs drinnen aussah. Heute bereue ich vieles, was ich damals gemacht habe. Ich habe in meinem Leben auch Menschen kennengelernt, die einmal Opfer waren. Und erkannt, wie tief sexuelle Verletzungen gehen können. Ich habe nicht nur großen Respekt vor dem Opfer – sondern auch vor dem Täter, der das Gespräch nicht verweigert hat. Ich denke, beide haben von diesem Treffen sehr viel gelernt.
    Name und Wohnort der Redaktion bekannt

  • Die Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) hat sich seit dem Jahr 2010 kontinu­ier­lich der Thematik sexualisierter Gewalt in pädagogischen Kontexten zugewandt und 2019 einen »Arbeitskreis zur Aufarbeitung des Umgangs der DGfE mit sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen« etabliert. Dieser hat einen klaren Auftrag zu einer externen, unabhängigen Aufarbeitung formuliert, dem der Vorstand im Frühjahr 2021 folgte. Explizit soll unter anderem eine Involvierung der Fachgesellschaft in Vorgänge in der Berliner Kinder- und Jugendhilfe ebenso wie in der Odenwaldschule untersucht werden. Dieser methodisch sehr genau gearbeitete Bericht liegt mittlerweile vor und wird nach derzeit noch andauernden rechtlich verpflichtenden Klärungen von Personenrechten in Kürze veröffentlicht werden. Die Forderung, die wissenschaftlichen Fachgesellschaften müssten aufklären, welche Rolle sie damals gespielt hätten (DER SPIEGEL, 28. 1. 2023, Seite 41), kann von der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft also nur mit Nachdruck unterstrichen werden. Leider zitiert der Artikel eine gegenteilige und völlig unzutreffende Aussage aus der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs des Bundes, die die Rolle der DGfE in Sachen Aufarbeitung sachlich falsch darstellt. Der Vorstand der DGfE widerspricht dieser Aussage mit Vehemenz.
    Der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft

    Anm. d. Red.: Die Unabhängige Kommission des Bundes hält ihre im Artikel zitierte Einschätzung nicht mehr aufrecht.

Kognitive Dissonanz ist modern

Heft 5/2022 Karrieren: Ein Besuch bei Harald Welzer, der Deutschland von den Kanaren aus erklärt 

  • Vier volle Seiten für eine Randfigur wie Harald Welzer? Na ja, passiert auch sonst nichts Wichtiges in der Welt gerade. Kopfschüttel-Emoji.
    Walter Bau, Dortmund

  • Nach den Royals in Heft 2/2023 nun eine völlig gehaltlose »Homestory« über Welzer. »Im Ka­pu­zenpulli … auf der januarwarmen Terrasse … im Regenbogenland.« Mich ärgert immer häufiger der schwülstige Schreibstil im SPIEGEL.
    Michael Touet, Troisdorf (NRW)

  • So interessant mancher Gedanke von Harald Welzer auch sein mag, er entwertet alles mit der Feststellung, dass man seine kostbare Lebenszeit nicht an Berlin im Januar verschwenden müsse. Das ist für mich an Arroganz kaum zu überbieten und eine kalte Dusche für diejenigen, die die Stadt auch im Januar am Laufen halten. Wie wär’s denn mal damit, im Januar (und nicht nur dann) bei der Tafel mit anzupacken und der sozialen Wahrheit ins Gesicht zu sehen? Damit würde er auch weniger CO₂ verbraten, aber das weiß er bestimmt selbst. Kognitive Dissonanz ist modern.
    Uta Schlegel, Berlin

  • Harald Welzer schreibt Bücher über den Klimawandel und pendelt zwischen Deutschland und den Kanaren hin und her? Gut, dass er seinen Nachruf schon selbst veröffentlicht hat. Von mir geschrieben, fiele der vermutlich weniger gefällig aus.
    Johannes Much, München

  • Wurde der Autor Arno Frank mehr von der schönen Kanaren­insel beeindruckt als von der Philosophie des Harald Welzer? Es scheint so, sonst hätte er sich mehr mit diskussionswürdigen Inhalten eines der bedeutendsten deutschsprachigen Philosophen der Gegenwart beschäftigt. Wichtig, interessant und hilfreich wäre dies gewesen, gerade in der verwirrenden aktuellen Zeit. Dass Herr Welzer zu zentralen Themen viel und Bedeutendes zu sagen hat, beweist er häufig in Talkshows. Er war einer der ganz wenigen Gäste, die sich dem fragwürdig-unverschämten Auftreten und den Forderungen Andrij Melnyks entgegenstellten. Dazu gehören Wissen, Courage und Persönlichkeit – und ein klares politisches Standing. Sein Credo ist: aufhören mit Wachstum und Verschwendung! Solch zentrale Punkte im Gespräch mit Harald Welzer hätte ich mir mehr gewünscht. Doch diese Fragen wurden nicht gestellt. Leider war mein Eindruck nach der Lektüre des langen Artikels: Thema verfehlt – schade!
    Karl-Heinz Schnare, Hannover

  • Dafür fliegt der SPIEGEL auf die Kanaren?
    Bernd Scherwatzki, Mönchengladbach

Kompetente Stimme

Heft 5/2023 Die ehemalige US-Regierungsberaterin Angela Stent über die Fehler des Westens im Umgang mit Russland 

  • Endlich ist mit Frau Professor Stent mal eine hoch kompetente Stimme zu vernehmen, die in entscheidenden Punkten Angela Merkels Ukrainepolitik und damit ihr Appeasement gegenüber Putin kritisiert. Sicherlich ist es menschlich, sich zu täuschen – auch in der Person Putins. Aber darüber die Selbstverteidigung Deutschlands und somit Europas zu verschludern ist unverzeihlich.
    Dr. Gero Berndt, Nürnberg

Verordnungen gelten wohl nicht für jeden

Heft 5/2023 Warum der Provokateur Wolfgang Kubicki gute Chancen hat, wieder zum FDP-Vize gewählt zu werden 

  • Wir Beschäftigten der Bundesfinanzverwaltung – unter Chef Christian Lindner – sitzen bei 19 Grad in den Büros, und Herr Kubicki wärmt sein Parlamentsbüro mit dem Heizlüfter! Der Einsatz von elektrischen Heizgeräten ist nicht zulässig: Paragraf 6 EnSikuMaV. Verordnungen gelten wohl nicht für ein FDP-MdB.
    Sabine Karl, Stuttgart

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