Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL
Briefe
Selten geht es nur ums Geld
Heft 12/2025 Titel: Der Erbfluch
Der eigentliche Skandal ist, dass wir uns eine Steuergesetzgebung gefallen lassen, die seit Jahren leistungsloses Einkommen aus Erbschaften privilegiert, harte Arbeit hingegen bestraft. So fördern wir keine Leistungsbereitschaft, sondern eine Erbengeneration, die sich in der sozialen Hängematte einrichtet. Als Erstes müsste die Regelung gestrichen werden, dass alle zehn Jahre nicht unerhebliches Vermögen steuerfrei übertragen werden kann. Einmal im Leben schenken oder vererben reicht. Die im Testament Bedachten können sich die Hände reiben, dass die meisten Deutschen beim Thema Steuern abschalten.
Hans Schinke, OffenbachWer nichts regelt oder transparent macht, bereitet den Boden für spätere Erbstreitigkeiten. Das weiß jeder Notar. Ob es Feigheit ist oder eine »Nach mir die Sintflut«-Einstellung, die Gründe sind vielfältig. Manchen ist es auch einfach egal, ob sich Hinterbliebene später zoffen. Selten geht es beim Erben nur um das liebe Geld. Eigene Befindlichkeiten, offene Rechnungen oder dass man einfach nicht auf »Schmerzensgeld« verzichten will, sind die Triebfeder für diese Auseinandersetzungen. Wer das nicht möchte, setzt sich zum Beispiel mit seinen erwachsenen Kindern zu Lebzeiten auseinander. Alles andere ist verantwortungslos und respektlos der nachfolgenden Generation gegenüber.
Chris Dasch, Landau in der Pfalz (Rhld.-Pf.)Es ist ja nicht nur die Erbschaftsteuer, die durch wiederholte Schenkungen und Vererbungen die Reicheren deutlich bevorzugt. Die Vermögensteuer ist ausgesetzt, es gibt Bemessungsgrenzen bei Sozialabgaben nur für Gutverdiener, das Ehegattensplittung belohnt Ehen mit nur einem Verdiener, die Kapitalertragsteuer ist auch bei Milliardengewinnen auf höchstens 25 Prozent gedeckelt. Kinderfreibeträge, Grundfreibetrag, Pendlerpauschale und Dienstwagenprivileg helfen eher den Reichen. Und das sind nur die vom Staat legalisierten Zugaben (neben einer vermuteten Steuerhinterziehung von bis zu 200 Milliarden im Jahr), die die Schere zwischen Arm und Reich weiter öffnen und den rücksichtslosen CO2-Ausstoß der Reichen durch übermäßigen Besitz und Konsum weiter fördern.
Paul Korf, HamburgDie letzte Reform der Erbschaftsteuer war ein grandioser Lobbyerfolg. Deren Menetekel: Das Rückgrat der Wirtschaft, der deutsche Mittelstand, gehe den Bach runter bei einer höheren
Besteuerung. Das schlägt sich jetzt in ominösen Verschonungsregelungen nieder, bei denen unter bestimmten Bedingungen der Fiskus leer ausgeht. Selbst Kammern und Wirtschaftsorganisationen schlagen inzwischen einen anderen Ton an. »Flatrate« heißt das Modell: niedrige Steuersätze bei gleichzeitig wenigen Ausnahmen. Wenn für das überteuerte Reihenhaus in München im Erbfall dann vielleicht 30.000 Euro fällig werden, ist das verkraftbar, sofern Stundungsoptionen bestehen. Im alten Recht sogar ohne Verzinsung.
Christoph Schönberger, AachenIm ausführlichen Artikel über die Ungerechtigkeiten des Erbschaftsteuerrechts ignorieren Sie die drei größten: Steuerfreiheit bei »armen« Erben oder Beschenkten nach § 28a Erbschaftsteuer- und Schenkungsteuergesetz. Wer aus eigenem und nicht begünstigtem Vermögen durch Schenkung oder Erbe nicht die Hälfte der an sich fälligen Steuer zahlen kann, ist steuerfrei. Für diese Regelung gibt es keine Obergrenze! Frau Klatten könnte also steuerfrei Milliarden verschenken. Diesen Paragrafen hat die CSU auf Betreiben der Stiftung Familienunternehmen durchgedrückt. Warum ist die Stiftung gemeinnützig?
Andreas Lesser, MünchenJohann Caspar Lavater schrieb: »Sage nicht, du kennst einen Menschen, bevor du nicht ein Erbe mit ihm geteilt hast.« Dieser Einsicht bleibt wohl nichts hinzuzufügen.
Matthias Kaiser, Schutterwald (Bad.-Württ.)Alle wesentlichen Motive zur längst überfälligen Reform des deutschen Erbrechts sind in dem Artikel angesprochen. Bei der Reform sollte die Neufassung des Pflichtteilsrechts eine der höchsten Prioritäten haben.
Dodo Baumfalk, Leer (Nieders.)
Die Kehrtwende war geplant
Heft 11/2025 Friedrich Merz versucht, Parteifreunde von seiner Schuldenwende zu überzeugen
Friedrich Merz hatte vor der Bundestagswahl verkündet, die Schuldenbremse werde unter seiner Kanzlerschaft unantastbar bleiben. Doch kaum drei Tage Sondierungen mit der SPD genügten, um doch eine Schuldenorgie zu feiern. Aber warum kann die SPD – trotz ihres historischen Wahldebakels – nach Belieben Maximalforderungen stellen? Merz hat sich durch die kategorische Absage an FDP, Grüne, BSW, AfD und Linkspartei vor der Bundestagswahl in eine Abhängigkeit von der SPD manövriert, die ihn zwingt, deren linke Politik mitzutragen. Der Wähler lernt: Wer CDU wählt, bekommt linke Politik. Angela Merkel hatte die CDU einst nach links verschoben und damit den Aufstieg der AfD mitverursacht. Merz führt diesen Kurs nun fort – und treibt konservative Wähler damit weiter in die Arme der AfD.
Michael Pfeiffer, Neuhausen auf den Fildern (Bad.-Württ.)Das war keine plötzliche Kehrtwende der Union, sondern sie war von ihr wohlgeplant. Vor der Wahl lehnte die Union die Aufhebung der Schuldenbremse überdeutlich ab, um einen wirtschaftlichen Aufschwung unter der Ampel zu verhindern und damit Wählerstimmen zu erzielen. Nach der Wahl kann die Union nicht schnell genug riesige Neuschulden machen, um die Wirtschaft anzukurbeln. Wenn dann rein durch die Defizitfinanzierung das Bruttoinlandsprodukt wächst, liegt das, so die absehbare Deutung der Union, an der Wirtschaftskompetenz der Union.
Wolfgang Maucksch, Herrieden (Bayern)Während der Regierungszeit der Ampelkoalition haben Söder und Merz die staatspolitische Verantwortung konsequent ihren parteipolitischen Eigeninteressen untergeordnet. Beide haben – entgegen ihrem Wissen – systematisch Unwahrheiten verbreitet und der Schuldenbremse über unangemessen lange Zeit das letzte Wort gelassen, wodurch sie in bislang beispielloser Weise zum Scheitern der Koalition beigetragen haben. Es zeugt von politischer Dreistigkeit, nun mit dem Argument zu kommen, man müsse auf die Aussagen Trumps reagieren. So notwendig und gerechtfertigt die derzeitige Neuverschuldung auch ist – sie hätte längst im Bundestag umgesetzt werden können, wenn nicht die Blockadehaltung von CSU und CDU gewesen wäre.
Walter Walenziak, Wiesbaden
Heute zahlen, morgen sicher sein
Heft 11/2025 SPIEGEL-Gespräch mit Ökonom Moritz Schularick über den Sinn der kreditfinanzierten Aufrüstung
Dass Herr Schularick in solch bedrohlichen Zeiten auf die Idee kommt, das etablierte Beschaffungswesen durch irgendwelche smarten KI-Jungs zu ersetzen und gleichzeitig die gesamte Beschaffung infrage zu stellen, grenzt an bodenlosen Leichtsinn bei maximaler Hybris und geht am Grundproblem komplett vorbei. Der SPIEGEL wäre grundsätzlich gut beraten, komplexe technische Sachfragen nicht von Wirtschaftswissenschaftlern beantworten zu lassen, sondern von technischen Experten, die ja qua Ausbildung die nötige Expertise mitbringen.
Prof. Dr.-Ing. Stefan Krueger, HamburgZu der Notwendigkeit, unser Militär wieder verteidigungsfähig zu machen, fällt mir ausgerechnet ein Motto aus der DDR ein. Es wurde benutzt, um die ostdeutschen Kolonialstreitkräfte NVA unter Kreml-Kommando agitatorisch zu begleiten: »Der Friede muss bewaffnet sein«. Auch nicht neu seit wohl Jahrtausenden … aber zu Merkel-Zeiten auch mit naivem Glauben an das allseits Gute in der Welt missachtet. Zu den gravierenden Fehlern in den 16 Jahren ihrer Regierung gehörte die Aussetzung der Wehrpflicht mit einseitiger Abrüstung, ebenso wie die Politik der offenen Arme und Grenzen ohne tragfähige Regeln, europaweit und hier. Schularick hat es leider unterlassen, seine wichti-gen Thesen in einer handlichen Formel zu bündeln. Etwa: »Heute zahlen, auch morgen sicher sein.«
Lutz Rackow, BerlinEs raubt mir den Schlaf, dass die Bundeswehr für viele Milliarden Euro in den USA F-35-Jets bestellt hat, die Donald Trump bei Lust und Laune stilllegen kann. Die Jets wären in kürzes-ter Zeit wertloser Militärschrott. Moritz Schularick stellt indirekt, aber treffsicher die Frage, ob man mit einem wirren Erpresser wie Donald Trump Rüstungsgeschäfte tätigen sollte, von denen die Sicherheit einer Nation abhängt. Ich sage – wie er: Nein! Der geplante Kauf sollte von der neuen Bundesregierung unverzüglich storniert werden. Wenn wir neue Jets benötigen, dann sollten wir sie hier in Europa kaufen oder mit unseren Partnern entwickeln und produzieren. Zumal die F-35-Jets ja zum Teil in Lizenz bei Rheinmetall hergestellt werden. Wir müssen wach werden und die Realitäten zur Kenntnis nehmen.
Horst Mockenhaupt, Hamm (NRW)Die sowohl von dem Ökonomen Moritz Schularick als auch vom französischen Präsidenten Emmanuel Macron geforderte Gründung einer »europäischen Verteidigungsunion« ist lange überfällig und sollte vor allem wegen der derzeitigen angespannten Lage endlich umgesetzt werden.
Reiner Ott, Wiesbaden
Beliebter Pauschalverdacht
Heft 10/2025 Aufnahmeprogramme für Afghanen bei Weitem nicht ausgeschöpft
Dieser Artikel kann so nicht stehen bleiben, weil sonst wieder einmal der »beliebte« Pauschalverdacht zum Zuge kommt, alle Afghanen seien Messerstecher. Der Artikel berührt ein brisantes Thema. Umso schlimmer ist das Fehlen der Information darüber, ob überhaupt jemals eine Person, die im Rahmen des Bundesaufnahmeprogramms aus Afghanistan nach Deutschland gekommen ist, eine Straftat begangen hat. Dabei wäre ein diesbezüglicher Abgleich möglich und vermutlich auch nicht schwierig. Der Mangel führt sozusagen »automatisch« zu einem falschen Eindruck; insbesondere im Kontext der Reaktion des Auswärtigen Amts.
Godela Rührmund, Heuerßen (Nieders.)
Schön und ehrlich
Heft 11/2025 Homestory: Warum ich froh bin, dass mein Großvater nicht mehr lebt
Ich kann mich nicht erinnern, in letzter Zeit einen Beitrag gelesen zu haben, der so nachdrücklich und einfühlsam die Grauen des Krieges aus einer sehr persönlichen Perspektive heraus beschreibt. Dieser Text über Frau Gühmanns verstorbenen Großvater rührt mich auf eine Weise an, wie ich es selten erlebt habe. Unsere Welt versinkt jetzt anscheinend in Disruption. Hoffen wir aber, dass uns ein Schicksal wie das ihres Großvaters erspart bleibt.
Dr. Thomas Bernstein, LeipzigEin sehr schöner und ehrlicher Bericht von Sylvie Gühmann. Hört, und vergesst die »Alten« nicht.
Rudolf Schmitt, SaarbrückenMein Vater ist ebenfalls 1925 geboren und hatte einen ähnlichen Lebenslauf. Über seine Zeit als Soldat hat er nur wenig gesprochen, und lange Zeit nur in »lustigen« Anekdoten. Mein Vater hatte Lehren aus dieser grausamen Zeit gezogen. Er war allen Menschen gegenüber aufgeschlossen, egal, woher sie kamen. Meine Eltern führten ein offenes Haus, und Urlaub bedeutete für sie, auch immer Menschen kennenzulernen, die dort lebten. Diese Haltung hat mein Vater auch meinem Bruder und mir vorgelebt und beigebracht. Er ist 2018 gestorben, und genau wie Sie, liebe Frau Gühmann, habe ich so oft in der letzten Zeit gedacht: gut, dass er, und mittlerweile auch meine Mutter, tot ist und nicht miterleben muss, was gerade geschieht. Danke für Ihren Artikel.
Anke Sichelschmidt, Witten (NRW)Ihr Beitrag hat mich sehr angesprochen, und ich kann Ihre Haltung gut verstehen. Sie schreiben, dass Ihr Großvater gezwungen war, den Krieg mitzumachen, und erschüttert wäre, wenn er jetzt erleben müsste, wie groß hier in Deutschland die Gefahr ist, wieder in eine Diktatur zu rutschen. Das geht aber nicht nur diesen alten Menschen so, sondern auch uns Ostdeutschen. Gerade erst sind wir so glücklich dem DDR-Regime entkommen und haben die Freiheit genossen – die wir nun schon wieder zu verlieren drohen. Das ist auch furchtbar bitter, und wir können gar nicht glauben, dass so viele das so leichtfertig aufs Spiel setzen mit ihrem wütenden Wahlverhalten.
Christiane Schulz, Potsdam
Es wird dunkel im Bundestag
Heft Nr. 11/2025 Im Bundestag sitzen wieder weniger Frauen. Was bedeutet das für die Gleichstellung?
Der geringe Frauen-anteil im Bundestag ist erschreckend. Doch warum wird niemals zur Diskussion gestellt, wieso wir Frauen, die seit 1948 circa 56 Prozent der Wahlstimmen innehaben, so selten Frauen wählen? Wir hätten seit 77 Jahren locker dieses Ungleichgewicht umkehren können!
Astrid von Friesen, Freiberg (Sachsen)
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