Briefe - DER SPIEGEL
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Artikel 62 / 63

Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL

Briefe

Das Geschäft mit unnötigen Rücken-Operationen, das Scheitern der Deutschen bei der Fußball-WM und die Nachhaltigkeitsziele des Bundeshaushalts – das waren die Themen, zu denen wir in der vergangenen Woche die meisten Zuschriften erhalten haben.
• aus DER SPIEGEL 52/2022

Wenn es so einfach wäre

Nr. 51/2022 Titel: Pfusch am Rücken

  • Arthur Schopenhauer meinte einst: »Glück im Alter ist die Abwesenheit von Schmerz«. Heute würde er wohl noch hinzufügen: »und das Fernbleiben von Placebo-Operationen«.
    Raffaele Ferdinando Schacher, Rorschach (Schweiz)

  • Thema »Rücken«: Dafür soll ich mich bücken, um im Regal den SPIEGEL zu pflücken und an der Kasse 6,10 Euro zu zücken? Nein, das Thema ist besser aufgehoben in der »Apothekenrundschau« oder im »Focus«, zu lesen höchstens auf dem Lokus! Zurück zu den Wurzeln, SPIEGEL. Die Politik ist dein Thema.
    Harald Dupont, Ettringen (Rhld.-Pf.)

  • Wenn es doch so einfach wäre: Muskeln kräftigen und die Seele stärken – und der Rückenschmerz ist weg. Und bleibende Schmerzen nach einer Rückenoperation sind ärztlicher Pfusch. Kaum ein Wort darüber, dass Rückenoperationen beispielsweise bei einer abnutzungsbedingten Einengung der Nerven zur Abwendung neurologischer Ausfälle und zum Erhalt der Gehfähigkeit in letzter (!) Behandlungsebene bei zu Recht eingeforderter kritischer Abwägung notwendig werden können. Dieser Artikel ist vereinfachend und schlecht recherchiert und letztlich des SPIEGEL in seinem journalistischen Anspruch unwürdig.
    Dr. med. Stefan Ellwanger, Arzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, Kiel

  • Ihr Artikel lässt diejenigen Ärztinnen und Ärzte im Regen stehen, die sich täglich um eine angemessene, leitlinienorientierte Medizin bemühen. Die Kunst wird es weiterhin bleiben, in der Grauzone der »relativen« Operationsindikation mit dem/der Erkrankten den richtigen Weg zu finden, das ist interpersonell vollkommen unterschiedlich. Auch das Zweitmeinungsverfahren hilft hier nicht unbedingt weiter: Es leidet zunächst an einem strukturellen Mangel dahingehend, dass die Expertise des »Zweitmeinenden« bei der Person, die dieses Verfahren in Anspruch nimmt, aus psychologischen Gründen höher angesiedelt ist als die des »Erstmeinenden«. Der Ersteller der Zweitmeinung hat die Definitionsgewalt über das, was medizinisch richtig oder falsch ist, obwohl er doch der gleichen Irrtumswahrscheinlichkeit unterworfen ist wie der »Erstmeiner«. In vielen Fällen wird dies nur dazu benutzt, Personen, die ein Zweitmeinungsverfahren in Anspruch nehmen, seinem eigenen Patientenstamm anzugliedern.
    Dr. med. Volker Ritzel, Neurochirurg, Erster Vors. Landesverband Niedergelassener Neurochirurgen in Hessen e. V., Kahl am Main (Bayern)

  • Mich ärgern der tendenziöse Artikel und die unausgewogene und teils nachlässige Recherche. Ja, es wird zu viel an der Wirbelsäule operiert, und ja, nicht immer führen diese Eingriffe zum Erfolg. Dieses Thema ist den Fachgesellschaften bekannt und liegt uns am Herzen. Es ist aber nicht so, dass Chirurgen im Krankenhaus »Betten mieten können«, um lukrative Operationen durchzuführen und sich pro Fall für diese bezahlen zu lassen. Insbesondere Letzteres ist strafbar. Die meisten Kolleginnen operieren mit einem Anstellungsvertrag als ärztliche Mitarbeiter eines Krankenhauses. Wissenschaftlich nicht korrekt ist die Darstellung, dass bei der fortgeschrittenen Spinalkanalverengung eine konservative Therapie mit Muskelkraftstärkung eine sinnvolle Behandlungsoption sei, insbesondere nicht, wenn die schmerzfreie Gehstrecke nur noch wenige Meter beträgt. Hier ist die Operation die erfolgversprechendste Therapie.
    Dr. med. Carsten Schneekloth, Geschäftsführer und ärztlicher Leiter der Neurochi­rurgie Paderborn MVZ GmbH

  • Wir brauchen Ärzte und keine Geschäftsleute, und Patienten mit Selbstverantwortung. Das würde unser Gesundheitssystem wesentlich entlasten.
    Swantje Weiss, Nürnberg

Knallharte Indikatoren

Nr. 50/2022 Finanzen: Die Budgetplanung wird woke 

  • Dass ausgerechnet Christian Lindner mit seiner FDP plötzlich die Uno-Nachhaltigkeitsziele für sich entdeckt hat, macht sprachlos. Eine Partei, die vornehmlich die Interessen ihrer Klientel, der Vermögenden, der Besserverdienenden und der Erben vertritt, sowie Steuererhöhungen, trotz der weit offenen Schere bei den Vermögen, grundsätzlich ablehnt, kann diese Ziele nicht glaubwürdig vertreten. Mir würde es schon genügen, wenn er endlich bereit wäre, die Themen, die der Nachhaltigkeit diametral entgegenstehen, nachhaltig zu korrigieren: Dienstwagenprivileg, Pendlerpauschale, Kerosinsteuer, Finanztransaktionssteuer, Übergewinnsteuer, Tempolimit und mehr.
    Dieter Murmann, Dietzenbach (Hessen)

  • Wenig liegt näher, als ätzende Kritik an Person und Politik von Bundesfinanzminister Lindner zu äußern. Sein selbstgerechtes Auftreten, seine arrogante, kalte Sicht auf die Gesellschaft und die Menschen, die sie bilden, sowie seine Politik laden regelmäßig dazu ein. Warum Sie jedoch das längst überfällige Ansinnen des Finanzministeriums, die bundesdeutsche Finanzpolitik stärker an den globalen Nachhaltigkeitszielen der Agenda 2030 auszurichten, mit Häme überschütten, erschließt sich mir nicht. Hier geht es nicht um »grün« und »gendergerecht«, sondern um die Überprüfung der Staatsausgaben in Hinblick auf die Umsetzung der Agenda 2030, kontrollierbar durch zum Großteil knallharte Indikatoren, entwickelt durch die Uno – und das zurzeit erfolgversprechendste Instrument, die globale Gesellschaft in Richtung einer nachhaltigen Entwicklung in Bewegung zu bringen.
    Silke Bell, Darmstadt

Musks Ökoschummel-Monster

Nr. 50/2022 Autoindustrie: Enttäuschte Tesla-Kunden ziehen vor Gericht 

  • Warum bieten Sie einem Düsseldorfer Barbour-Jacken-Träger eine Bühne, um sich stellvertretend für eine sehr kleine Community über Luxusprobleme wie »ich kann nur mit 210 statt 250 Sachen über die Autobahn heizen« auszulassen? Gibt es keine wichtigeren Themen? Gibt es – und die erörtern Sie ja ebenfalls. Eingebettet in wirklich ernst zu nehmende Jobcenter-Fälle und Informationen zum heftigen Arbeitsalltag von Paketzusteller:innen wirken Story und Statement-Geber der Tesla-Selbsthilfegruppe in meiner Wahrnehmung noch mal besonders stark als das nach, was sie sind: irrelevant und peinlich.
    André Nowak, München

  • An den Produkten dieser Marke gibt es viel zu mäkeln. Schon seit Jahren und immer noch. Neben teils gefährlich dummen Assistenzsystemen bestehen auch Macken wie undichte Türen, versagende Scheibenwischer, Knacken und Knarzen im Gebälk, mieser Service, Arroganz bei der Reklamation berechtigter Mängel – und vor allem die nicht wirklich gute Umweltbilanz. Dass diese so mies ist, liegt an den Schwergewicht-Akkus zugunsten der Reichweite in Kombination mit der hohen Höchstgeschwindigkeit. Eigentlich sollten Musks Ökoschummel-Monster bei 120 Stundenkilometern abgeregelt werden.
    Michael von Klodt, Karft (Meckl.-Vorp.)

  • Die nachlassende Qualität bei Tesla kann man monieren, von mir aus auch gerichtlich. Dass nur 209 Stundenkilometer statt 250 erreicht werden, ist allerdings eine andere Nummer. Ich fasse es nicht, dass das für jemanden ein klagenswerter Punkt ist.
    Dr. Stephan Weise, Hamburg

Kann man Krieg verstehen?

Nr. 50/2022 Gewalt: Faszination Panzermuseum Munster 

  • Dieser Report hat mich beschäftigt wie lange kein Beitrag. Ich bin gestolpert über »Schulklassen verstehen an den Panzern den Krieg«. Die Kinder lassen sich von Technik, auch von Waffentechnik begeistern, der Besuch wird bei ihnen eher das Falsche bewirken. Der Erfolg auf YouTube beweist die Faszination. Der auch Sie nicht widerstanden haben. Kann man Krieg verstehen? Ich kann es nicht. Panzer sind ein Kulturgut, sagt der Museumsdirektor – das haut mich um. Wenn menschliche Intelligenz technische Wunderwerke erschaffen kann, dann wird diese Leistung bei Waffen durch deren verheerende Wirkung aufgehoben. Und vor allem dann, wenn ein glorifizierendes »er ist gefallen« das entwürdigende Krepieren beschönigen soll. Mein Wehrdienst bei der Artillerie hat bewirkt, dass ich um solche Museen einen Bogen mache. Zu gut erinnere ich mich an das Gefühl in der Panzerhaubitze, an das Ausgeliefertsein in dem Stahlsarg, erinnere mich an die Überforderung der Sinne durch die Wucht der gezündeten Treibladung. Die Kenntnis der Realität lässt für mich eine pazifistische Überzeugung nicht zu. Aber Militaristen, die kämpfen und zerstören um des Kampfes willen, die verachte ich zutiefst.
    Hans Neubig, Goldkronach (Bayern)

Auch hier eine Zeitenwende

Nr. 50/2022 Fußball-WM: Das doppelte Scheitern der Deutschen 

  • Wenn Katar den WM-Zuschlag bekommt und das unangreifbar steht über Jahre, dann kann die Frage in Deutschland nur sein: Spielen wir da mit? Wenn diese klar bejaht wird, muss auch gut sein. Dann muss nicht die Nationalmannschaft mit Moralbedenken verunsichert werden, dann muss der Zuruf lauten: Zeigt’s den neuen Systemkonkurrenten! Vielleicht sollte Deutschland eher die ideellen Werte im eigenen Land ins Auge fassen, um nicht vor lauter Hochmoral und Offenheit an einer babylonischen Wertevielfalt zu verzwergen.
    Gudrun Beck, Pfullingen (Bad.-Württ.)

  • Angesichts der Bestechungsaffäre im EU-Parlament sollte deutlich werden, dass die zaghafte Kritik an Katar nicht zu hoch griff, sondern zu niedrig. Wenn Repräsentanten von Unterdrückungsregimen uns verlachen, sollte uns das nicht peinlich sein. Peinlich sein sollte uns, dass unser Fußballverband immer noch einem internationalen Verband angehört, dessen Korruptheit geradezu sprichwörtlich ist. Kein Wunder, dass die Katarer, nachdem sie sich die WM gekauft hatten, glaubten, auch das EU-Parlament kaufen zu können. Mit Katar haben wir erneut einen Energielieferanten, der versucht, unsere Demokratie zu unterminieren. Diejenigen, die der »Realpolitik« das Wort geredet und über eine werteorientierte Politik gelacht haben, haben uns in diese Lage gebracht. Auch hier brauchen wir eine Zeitenwende.
    Sönke Schulz, Groß Grönau (Schl.-Holst.)

  • Einige deutsche Nationalspieler inklusive der DFB-Spitze haben offenbar verwechselt, dass sie nicht als Unterabteilung des Auswärtigen Amtes, sondern als Fußballmannschaft zur WM gereist sind, um sich sportlich mit den Besten der Welt zu messen. Das insgesamt desaströse Bild Deutschlands bei der WM hat unsere Innenministerin mit ihrem peinlichen Tribünenauftritt nur noch abgerundet, indem sie die Gastfreundschaft des WM-Ausrichters Katar in äußerst unhöflicher Weise missbraucht hat.
    Helmut Franz, Ahrensfelde (Brandenb.)

  • Für die Autoren dieses Artikels sind ehemalige DFB-Funktionäre offenbar zitierfähige Autoritäten: »Ein ehemaliger Präsident sagt: ›Ich schäme mich, wie wir uns als Gast in einem fremden Land benommen haben.‹« Es gibt noch weitere Zitate mit ähnlichem Tenor. Angesichts des seit vielen Jahren korrupten DFB, was unter anderem auch der SPIEGEL aufgedeckt hat, ist diese Zitiererei für mich völlig unverständlich.
    Hartmut Krauß, Bielefeld

  • Wie können Sie angesichts der Weltlage, insbesondere des Kriegs in der Ukraine, von einem WM-»Trauma« sprechen? Wer ist traumatisiert? Ein solch reißerischer Sprachgebrauch, der auch im SPIEGEL weiter um sich greift, trägt dazu bei, Unsicherheit, Angst und Hass zu schüren, anstatt durch sachliche und differenzierte Berichterstattung ein kluges Meinungsbild zu erzeugen.
    Barbara Neurohr, Saarbrücken

  • Warum schaffen es sechs Autoren auf sechs Seiten nicht, wenigstens einmal auf die äußerst erfolgreiche Damennationalmannschaft hinzuweisen? Die Damen spielen inzwischen so gut, dass ich auf die Herren gern verzichten kann.
    Dr. Klaus Swieczkowski, Hildburghausen (Thür.)

Er wird mir fehlen

Nr. 50/2022 Karrieren: Sportreporter Béla Réthy geht in Rente 

  • Es gibt Abschiede, die tun richtig weh. Einige Sportreporter haben mich schon immer fasziniert: Heinz Maegerlein (richtig, der mit den »Hängen und Pisten«), Rudi Michel und Dieter Kürten, Gerd Szepanski (in den deutschen Hoch-Zeiten des Tennis), Rolf Kramer – und eben Béla Réthy, 1986 noch Kramers Assistent. Sicher, fehlerfrei war sein Deutsch nicht; einen Mönchengladbacher nannte er mal einen »echten Fohlen«. Aber diese Perfektion erwarten wir Fußballfreunde allenfalls von den Mannschaften, keineswegs von den Kommentatoren. Béla Réthy, der mehrsprachige Fußballerklärer und Kosmopolit, wird mir fehlen – falls er nicht doch noch als Deus ex Machina wiederkehrt und hilft, den deutschen Fußball zu retten.
    Dr. Fred Maurer, Mannheim

  • Béla Réthy: für mich immer schon unerträglich als Kommentator. Sein angestrengt exaltierter Duktus, vollkommen humorlos, diese dramatische Sprache, als ginge es hier nicht um ein Spiel. Und dann die ausufernden Beschreibungen der Spieler bis hin ins Privatleben. Da sehnt man sich nach einem Dieter Kürten, leicht, locker mit Witz und natürlich Sachverstand. Der machte das Fußballspiel zu einem Spiel und nicht zu einem Drama.
    Joachim Baumeister, Düsseldorf

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