Briefe - DER SPIEGEL
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Artikel 63 / 66

Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL

Briefe

Wladimir Putin, Nancy Faeser, Aminata Touré, Gentechnik und Prostitution – das waren die Themen, zu denen wir in der vergangenen Woche die meisten Zuschriften erhalten haben.
• aus DER SPIEGEL 28/2023

Wunschdenken des Westens?

Nr. 27/2023 Titel: Wie schwach ist Putin? 

  • Beim Blick auf das Titelbild interpretierte ich: Putin mit Sprung in der Schüssel. Intendiert war die Assoziation »Risse im Machtgefüge Putins«. Aber trifft nicht beides zu? Putins Wahrnehmung und Logik sind nicht mehr klar. Er sprach am 26. Juni davon, dass der Putsch in einer Konsolidierung der russischen Gesellschaft abgewendet wurde, »alle waren geeint und vereint«. Zwei Tage davor, am Tag des Putsches, hatte er noch von einem drohenden Bürgerkrieg geredet. Ein Bürgerkrieg droht nicht in einer geeinten Gesellschaft. Der Putsch und die Reaktionen darauf haben die Zerrissenheit der russischen Gesellschaft offengelegt und gezeigt, dass Putin eben nicht alles im Griff hat.
    Rolf Monnerjahn, Emmelshausen (Rhld.-Pf.)

  • Putin ist sichtbar angeschlagen. Vermutlich wird er mit Täuschungen und weiteren Repressionen reagieren. Trotzdem steht die Mehrheit der Bevölkerung hinter ihm. Wir in Westeuropa dürfen allerdings nicht in unfruchtbarem Pessimismus verharren. Die Diktatoren kommen und gehen. Das russische Volk bleibt. Es wird auch in Zukunft unsere Aufgabe sein, Brücken zu bauen. Der französische Staatschef Charles de Gaulle sprach einst von einem Europa, »das vom Atlantik bis zum Ural reicht«. Später ergänzte der sowjetische Präsident Gorbatschow diesen Gedanken, als er die Zugehörigkeit Russlands »zum großgemeinsamen europäischen Haus« proklamierte. Willy Brandt hinterließ uns die historische Aufgabe, Europa das Ziel zu setzen, der russischen Bevölkerung das Feindbild zu nehmen. Seine Doppelbegründung: Notwendig sind dazu Verteidigungsbereitschaft und Entspannung.
    Hans Wallow, Bonn

  • Ist Putins Schwäche möglicherweise hauptsächlich Wunschdenken des Westens? Autokraten können sich, wie die Weltgeschichte zeigt, leider oft er­staunlich lange an der Macht behaupten.
    Peter Wachter, NürnbergThema 2

Scheinheilige Bewerbung

Heft 26/2023 Innenministerin Nancy Faesers Spagat 

  • Bereits bei Nancy Faesers Bewerbung zur hessischen Ministerpräsidentin im Januar war mein Unmut groß. Für mich als gebürtige Nordhessin, die dort bis heute gerne lebt, ist der von Frau Faeser mittlerweile bis zum Erbrechen wiederholte Satz »Hessen ist
    mir eine Herzensangelegenheit« mehr als scheinheilig. Wer Hessen so liebt, bleibt nicht »notfalls« eben Innenministerin. Ihre Kür zur Spitzenkandidatin ist wohl eher eine Verzweiflungstat der hessischen SPD, die mittlerweile selbst in der einstigen Hochburg Nordhessen nicht mehr zum Erringen von Mehrheiten in der Lage ist – bei der Oberbürgermeisterwahl in Kassel hat sie sich selbst zerlegt, Oberbürgermeister wurde der Kandidat der Grünen. Außer Faeser gibt es in Hessen faktisch keinen wenigstens einigermaßen bekannten Kandidaten, dem man nennenswerte Kompetenzen zusprechen könnte. Ein SPD-Erfolg im Oktober würde mich sehr überraschen. So bleibt dann wohl nur eine angezählte Innenministerin übrig.
    Heike Jahn, Edermünde (Hessen)

  • Wer regt sich auf, wenn ein Ministerpräsident Günther, Rhein oder Söder Wahlkampf in »seinem« Bundesland macht? Die haben offensichtlich in ihrem Amt ja nichts zu tun. Aber die Frau Innenministerin – »pfui! So ein Spagat geht gar nicht!«.
    Dr. Angela Graf, Hamburg

Das eigene Erleben zählt

Heft 26/2023 Die Grünen-Rebellin Aminata Touré 

  • Ich kann Frau Touré gut verstehen und stimme ihr vorbehaltlos zu. Ich bin auch Flüchtling, fühlte mich sehr oft abgewertet, unwillkommen, rassistisch verfolgt und diskriminiert. Ich komme aus Ostpreußen, wir flohen im Januar 1945. Wir gelangten in den Kreis Konstanz, in ein kleines Dorf. Wir sprachen hochdeutsch, waren evangelisch, die einzigen Fremden im Dorf. Der Pfarrer predigte gegen uns mit Namensnennung, es wurde zu Gewalt aufgerufen, es kam zu Mordversuchen (gegen meinen Vater und mich). Fensterscheiben wurden zertrümmert, Wäsche auf der Leine mit Wagenschmiere besudelt oder zerschnitten. Wir hungerten oft. Was wir Menschen alle brauchen, ist Zuhören, Verstehen, Toleranz, Hilfe zur Eingliederung. Die politischen Versuche, Flüchtlinge schon an der EU-Grenze zurückzuhalten, sind ein Hohn, sind Rassismus. Ich habe seit Jahren die Grünen gewählt, die jetzt zeigen, dass sie eher Maulhelden sind, die nichts bewegen. Frau Touré will wirklich etwas für Migranten bewirken, auch wenn sie dem Mainstream der Regierenden in ihrer Partei entgegensteht. Sie könne nicht objektiv urteilen? Sie hat alles erlebt. Das zählt! Ihr ausgeprägter Drang zur Öffentlichkeit? Frau Touré steht in der Öffentlichkeit. Sie muss öffentlich agieren. Das ist ihr Beruf! Sie trägt mit an der Verantwortung für die Themen Migration und Asyl, die ihre Partei ohne deutlich sichtbare Handlungen nur im Munde trägt. Weiter so!
    Dr. Dr. Friedrich-Karl Steurich, Saarbrücken

Es geht um unser Essen!

Heft 26/2023 Spiel mit der Angst vor Gentechnik 

  • Welchen Lobbyisten sind Sie denn bei diesem Artikel aufgesessen? Die ganze Argumentationskette ist löchrig wie ein Schweizer Käse. Wenn die Gentechnik so gut und ohne langfristige Gefahren für die menschliche Ernährung ist, warum sind dann die Firmen nicht freiwillig grundsätzlich bereit, dies eindeutig und ohne Ausreden für den Kunden zu kennzeichnen und diesem die Wahl zu überlassen? Die Antwort ist einfach: weil sie sich eben doch nicht hundertprozentig sicher sind und dann um ihr Geschäft fürchten. Nur deshalb bestehen sie mit allerlei Ausreden auf einer Aussetzung der Kennzeichnungspflicht.
    Michael Müller, Lentföhrden (Schl.-Holst.)

  • Ich bin entsetzt über die einseitige, unreflektierte »Berichterstattung« zu einem Thema, das Verbraucher:innen zu Recht sehr am Herzen liegt. Es geht um unser Essen! Die Sorgen von Bürger:innen, dass auch neue gentechnisch veränderte Pflanzen Risiken bergen, sind wissenschaftlich begründet und ernst zu nehmen. Anstatt sich mit den Argumenten gegen die Gentechnik in der Landwirtschaft inhaltlich auseinanderzusetzen, werden ausschließlich Argumente von Befürwortern angeführt. Neue Gentechnik ist nicht mit konventioneller Züchtung zu vergleichen. Der Einsatz der Techniken birgt spezifische Risiken. Das zeigen wissenschaftliche Studien. In den Anbauländern hat Gentechnik zu mehr Pestizideinsatz geführt. Für an die Klimakrisen anpassungsfähige Pflanzen brauchen wir jedoch widerstandsfähige Anbausysteme und Vielfalt statt einseitige Technikfixierungen. Die Forderung, die Kennzeichnungspflicht aufzuheben, entbehrt jeglicher Logik. Ich möchte wissen, wie mein Essen erzeugt wurde. Kennzeichnung ist möglich, wenn wirklich gewollt.
    Frauke Ganswind, Bonn

Entmenschlicht und benutzt

Heft 26/2023 Brutale Realität auf dem Strich 

  • Dieser Artikel macht mich unfassbar wütend und traurig. Schon bald nach Verabschiedung des Prostitutionsgesetzes von 2001 gab es leisere und lautere Proteste dagegen, leider nicht laut genug. Die hier beschriebene Entwicklung war absehbar. Wir hätten alle auf die Straße gehen müssen, damals. Solange noch eine Frau aufgrund ihres Frauseins getötet wird, sind alle Frauen in Gefahr. Das heißt auch, dass Artikel 1 des Grundgesetzes eigentlich bedeutet: Die Würde des Mannes ist unantastbar. Immer noch, im Jahr 2023. Alle Frauen und Mädchen, die Opfer männlicher Gewalt werden, zahlen den Preis dafür. Für uns alle. Warum wird bei uns nicht ein europäisches einheitliches Gesetz nach dem Vorbild von Schweden verabschiedet? Und auch grenzübergreifend durchgesetzt, auch in Osteuropa? Zum Schutz aller Frauen.
    Inge Wessels, Berlin

  • Das Prostitutionsgesetz von 2001 ist wohl eine der widersprüchlichsten Rechtsnormen der Bundesrepublik Deutschland, die je in Kraft getreten sind. Beabsichtigt war, Frauen das Recht zu geben, sich selbstbestimmt zu prostituieren. Was jedoch daraus geworden ist, ist eine Schmach für alle Frauen, die sich auf diese Selbstbestimmung und Freiwilligkeit nicht berufen können. Sie werden vielmehr unter Gewaltandrohung zum hilf- und wehrlosen Sexobjekt degradiert, entmenschlicht und brutal benutzt. Sie sind ihren Zuhältern zumeist komplett ausgeliefert. Und das in einem Land, das sich die Rechtsstaatlichkeit auf seine Fahnen geschrieben hat. Ihre grundgesetzlich geschützte Würde und ihr Recht auf körperliche Unversehrtheit werden so auf gröbste Weise mit Füßen getreten.
    Horst Winkler, Herne

  • Es geht um die mehrheitliche Versklavung von Menschen in Verschuldung, Angst und Rechtlosigkeit, die Betroffene nötigt, vorgeblich freiwillig ihre Dienste anzubieten. Das Personal des Bundestags, das 2001 den Bock des Prostitutionsgesetzes geschossen hat, will sich aber nicht mehr erinnern, winkt ab oder schweigt. Die tatsächliche Situation der mehrheitlich weder kranken- noch sozialversicherten Frauen in der Prostitution wird konsequent ignoriert. In Frankreich ist man solidarisch mit den Menschen in der Prostitution. Hierzulande drohen dagegen beim Ausstieg Obdachlosigkeit oder Abschiebung. Der Gesetzgeber spielt in Deutschland seine Rolle im Zusammenspiel mit Rockern, Puffbesitzern und dem Kapital. Die Bundesrepublik ist ein Apartheidstaat, und der Artikel 1 des Grundgesetzes bedarf eines Sternchen-Vermerks.
    Burkhard Nobbe, Mannheim

  • »Wir werden uns schämen.« Besser hätte man den Titel für diese hervorragende Reportage nicht wählen können. Scham allein genügt aber nicht, die Gesellschaft erwartet auch ein öffentliches Bekenntnis: »Ja, wir haben Fehler gemacht. Wir haben den internationalen Menschenhandel befördert.« Stattdessen ducken sich die Protagonistinnen der Prostitutionsgesetzgebung von 2001 weg, sprechen von dem »alten Gesetz«, als wenn dieses nicht immer noch fatale Wirksamkeit entfaltete. Einzig Herta Däubler-Gmelin (SPD) hat öffentlich bereut, dass sie sich damals von den Frauen der Grünen hat über­reden lassen, ohne hundertprozentig überzeugt zu sein. Der Menschenhandel, den gerade Deutschland durch diese Gesetzgebung fördert, wird unter ferner liefen in einer Unterabteilung im Frauenministerium verwaltet, dort wartet man geduldig auf die Ergebnisse der Evaluation im Jahr 2025. Spanien, Schweden und Frankreich kämpfen im Einklang mit ihren starken feministischen Bewegungen für eine Beschränkung der Nachfrage, die allein den Menschenhandel eindämmen kann. Deutschland leugnet jede Verantwortung, allen voran die Grünen. Wo bleiben da die Menschenrechte?
    Silvia Reckermann, München

  • Danke für diesen Artikel aus
    dem Schatten der Gesellschaft. Der Versuch, Prostitution vom Schreibtisch aus zu regeln, ist wohl nachbesserungswürdig. Wenigstens wurde es versucht. Unerträglich sind die Ewigkeiten, die vergehen, bis solch spezielle Regeln evaluiert werden. Der Teil des Berichts, der mich wirklich zweifeln lässt und sprachlos macht, sind die Statements der Politikerinnen. Dieses Verhalten ist erschütternd. Oder zeitgemäß formuliert: wow, echt jetzt?
    Timo Eisenbach, Hamburg

  • Vielen Dank für den klaren Artikel und Ihren Einsatz für die ausgebeuteten, misshandelten, gequälten Frauen, die zur Prostitution gezwungen werden. Dieses Gesetz, diese Zustände sind eine Schande für alle Menschen, die es erlassen haben, die diese Zustände schon so lange vertreten, ja, sich 20 Jahre lang dafür gefeiert haben und sich nicht schämen. Dass das so ist, legt den Verdacht nahe, dass auch diese Männer davon profitieren. Bestialisch. Und die Frauen? Wie kann es sein, dass 20 Jahre lang niemand – keine Partei, keine Organisation – Verfassungsbeschwerde dagegen eingelegt hat? Danke zumindest für Ihr Benennen und Ihre Positionierung. Und Dank all den Frauen, die Ihnen von ihrem Leid berichtet haben.
    Marika Winter, Wilster (Schl.-Holst.)

  • Ein wichtiger Artikel. Hier muss die Politik endlich reagieren. Zwangsprostitution ist für die Frauen schrecklichste tägliche Folter.
    Gudrun und Siegfried Ullmann, Alfter (NRW)

Im Schatten der Gesellschaft

Heft 26/2023 Besuch beim dementen Boxer René Weller 

  • Danke für den berührenden und sensibel geschriebenen Artikel über die Pflege eines Demenzkranken. Mein Mitgefühl an Frau Weller und die vielen, vielen anderen pflegenden Angehörigen, die im Schatten der Gesellschaft stehen.
    Sabine Wagner, Münster

Streifzüge durch Tokio

Heft 26/2023 Japanische Frauen erobern die Literaturwelt 

  • Enrico Ippolito gelingt es mit seiner dichten und lebendigen Sprache, den Eindruck zu erwecken, man wäre bei den Streifzügen durch Tokio dabei. Gleichzeitig bringt er mir die Autorinnen und ihre Themen mitsamt deren Bedeutung in der japanischen Kultur näher.
    Ulf Blender, Offenburg (Bad.-Württ.)

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