Briefe - DER SPIEGEL
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Artikel 71 / 73

Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL

Briefe

Die Angst deutscher Jüdinnen und Juden, Feldenkirchen über Antisemitismus in Deutschland, neue Blöcke durch Nahostkonflikt, Einbruch ins Grüne Gewölbe – das waren die Themen, zu denen wir in der vergangenen Woche die meisten Zuschriften erhalten haben.
• aus DER SPIEGEL 45/2023

Demokratisches Gegengift

Heft 44/2023 Titel: Wir haben Angst

  • Sie fragen, wie der Hass sich so festsetzen konnte – die Antwort liegt darin, dass die Politik sich mit Lippenbekenntnissen begnügt. »Wir dulden keinen Antisemitismus« bringt diesen, oh Wunder, nicht zum Verschwinden. Es gibt Präventionskam­pagnen gegen Tabak- und Alkoholmissbrauch und vieles mehr – wieso nicht gegen Antisemi­tismus?
    Thomas Meyer, Zürich (Schweiz)

  • 80 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg wird jüdisches Leben in Deutschland bedroht, und das nicht nur durch Rechtsextreme. Die deutsche Politik hat sich leider viel zu lange auf die Bedrohung von rechts fokussiert und gleichzeitig den Judenhass von vielen Eingewanderten ignoriert. Verbote von Organisationen wie Samidoun, welche in Deutschland die Hamas unterstützen, kommen viel zu spät. Warum musste anscheinend erst dieser brutale Angriff der Hamas auf Israel erfolgen, damit die deutsche Politik Verbote von Organisationen wie diesen beschließt?
    Philipp Gössel, Kassel

  • Natürlich muss der Antisemitismus in Deutschland thematisiert und analysiert werden und auch die Angst der deutschen jüdischen Bevölkerung. Hätte man in der aktuellen Kriegssituation nicht ergänzen können: Wir haben Angst, genauso wie die palästinensische und israelische Zivilbevölkerung, die primär unter unsinnigen Militäraktionen und dem Schüren von gegenseitigem Hass leiden müssen?
    Annette Mecklenfeld, Frankfurt am Main

  • Der Titelartikel spannt einen zu kurzen Bogen. Das Phänomen von Alltagsantisemitismus ist alles andere als neu und beim selbst ernannten »Weltmeister der Vergangenheitsbewältigung« bislang eher unter den Teppich gekehrt worden. Deshalb hilft hier anstatt der üblichen politischen Lippenbekenntnisse nur ein echter konkreter Masterplan aus der Misere, der insbesondere als wirksames demokratisches Gegengift gegenüber jeglichem radikalem Ge­dankengut eine deutliche Aufwertung und Stärkung des Geschichtsunterrichts im gesamten Bildungswesen beinhalten muss.
    Rasmus Ph. Helt, Hamburg

  • Im letzten Artikel des Titelkomplexes schwingt der SPIEGEL mal wieder genüsslich die Moralkeule gegen die Ostdeutschen. Diesmal der Hass auf Israel, der einst von der SED-Führung verordnet wurde. Meine Wahrnehmung war völlig anders. Verwandtschaft, Freunde, das gesamte Umfeld hat 1967 den Sieg Israels im Sechstagekrieg bejubelt. Wir haben uns, wie 80 Prozent der Ostdeutschen, über die Westmedien informiert. Jassir Arafat war für uns ein Terrorist. Der normale Ostbürger konnte rein gefühlsmäßig gut zwischen der DDR-Staatspropaganda und den realen Informationen aus dem Westen unterscheiden. Das wurde natürlich nur in der Privatsphäre geäußert. Ein Hass gegen Israel war aus meiner Sicht in der DDR-Bevölkerung nicht mehrheitlich vorhanden. Auch Antisemitismus spielte im Alltag der DDR-Be­völkerung keine Rolle, es gab ja kaum noch Juden im Umfeld.
    Andreas Kowanda, Dresden

Auf den wunden Punkt gebracht

Heft 43/2023 Kolumne: Der gesunde Menschenverstand

  • Das ist der bisher beste Kommentar zu diesem sensiblen Thema. Ich hatte nach dem Lesen eine Gänsehaut.
    Joachim Dultz, Henstedt–Ulzburg (Schl.-Holst.)

  • Ihr wunderbarer, einzigartiger Markus Feldenkirchen! Er bringt es mal wieder mit klaren Worten auf den wunden Punkt. Es ist zu hoffen, dass gerade dieser Beitrag auch von den dumpfen »Höckisten« gelesen wird. Es ist ja nicht so viel Text.
    Hildtraut Schröder, Augsburg

  • Mit der Kolumne hat mir Herr Feldenkirchen sehr aus dem Herzen gesprochen. Mit 1400 ermordeten Juden geschah der massivste Angriff auf jüdisches Leben seit dem Ende der Schoa. Nach anfänglicher Betroffenheit unter den Deutschen vor zwei Wochen wird inzwischen bei jedem Fußball-Bundesligaspiel mehr Empathie und Solidarität gezeigt. Das macht mich betroffen. Auch dass sich Juden heute wieder in Ängsten befinden und wieder geschützt werden müssen vor Islamisten und Höckisten. Dies ist die allergrößte Schande für unser Land. Um Herrn Feldenkirchens Worte zu unterstreichen: Nicht nur die Politik, wir alle sollten Jüdinnen und Juden zeigen, dass wir sie sehr gern unter uns haben. Ihnen zeigen, dass sie eine große Bereicherung für jeden Menschen sind, dass sie selbstverständlich immer dazugehören, bei allem, was das Leben ausmacht, und dass wir als Bürger alles tun wollen, um sie zu schützen vor Aggressionen anderer.
    Constanze Stahlberg, Seevetal (Nieders.)

  • Die Floskel von »unseren jüdischen Mitbürgern« ist obsolet und bei den solchermaßen marginalisierten jüdischen Bürgern unbeliebt. Sie wissen das und vermeiden die ominöse Floskel. Aber mit zwei Formulierungen in Ihrer Kolumne errichten auch Sie eine Glaswand zwischen »uns« und »denen«: »Wir, die nichtjüdischen Bürgerinnen und Bürger dieses Landes« – damit implizieren Sie, dass der SPIEGEL keine jüdischen Leser und Leserinnen hat, schließen sie also faktisch aus. Und: »Trotzdem gibt es wieder jüdisches Leben hierzulande – und das ist in jeder Hinsicht eine Bereicherung.« Diese Feststellung erinnert in ihrer Pflichtschuldigkeit und Gönnerhaftigkeit an die gelegentlich aufflammende Boulevardpresse-Begeisterung für »unsere Juden« – die genau dann »unser« sind, wenn sie irgendwelche die Kultur oder Wissenschaft bereichernden Leistungen erbracht haben. Haben Sie das so gemeint? Sicher nicht. Aber im Bemühen um sensible Ausdrucksweise im Rahmen Ihrer Ausführungen – denen natürlich uneingeschränkt zugestimmt werden muss – sind Sie unversehens in floskelhafte Unsensibilität abgerutscht.
    Eleonora Martini, Leonberg (Bad.-Württ.)

Bravo!

Heft 43/2023 Wie der Nahostkonflikt die Welt in zwei neue Blöcke trennt

  • Einen großen Dank dafür, dass Sie Pankaj Mishra für seinen sehr differenzierten Essay ein Forum geboten haben. Bitte tun Sie dies mit Autoren aus dem »Globalen Süden« öfter. Herr Mishra macht schonungslos deutlich, dass die Dekolonialisierung durch den Westen allenfalls ein Zwischenstadium erreicht hat. Der jüngste Konflikt zwischen Israel und Palästinensern zeigt, wie sehr der Westen bei der Durchsetzung einer Zweistaatenlösung versagt hat. Und Herr Mishra verdeutlicht, welcher Ansehensverlust damit für den Westen bei den Ländern des Globalen Südens verbunden ist. Nicht nur wird die moralische Integrität west­licher Demokratien unterminiert, sondern auch die Bereitschaft für Bündnispartnerschaften mit dem Westen systematisch geschwächt.
    Dr. Franz Büllingen, Sankt Augustin (NRW)

  • Es ist atemberaubend, wie Herr Mishra mit vielen Tabus der westlichen Politiker, Medien und Wissenschaftler bricht und die Brüchigkeit der herrschenden Narrative des Westens entlarvt. Jeder, der mit offenen Augen die Welt betrachtet, versteht, dass der »Westen« lernen muss zuzuhören. Nur so wird er die Kulturen des Globalen Südens verstehen lernen. Das ist wichtig, um sich dem Frieden zu nähern, der im Völkerrecht als Anspruch formuliert ist.
    Ursula Lemke, Köln

  • Bravo, Herr Mishra, für die klare Darstellung, wie der eurozen­tristische, »westliche« Blick seit Jahrzehnten gute Politik verhindert. Moralisches Unrecht bleibt Unrecht, egal von wem, egal wann begangen. Niemals darf die Menschheit die Gräueltaten des Holocaust vergessen und auch niemals die des Kolonialismus.
    Corinna Wolf, Augsburg

  • Danke dafür, dass Sie Pankaj Mishra Raum gegeben haben, den Nahostkonflikt aus der Per­spektive des aufgeklärten Südens zu kommentieren. Es gehört Mut dazu, Sätze wie diesen zu drucken: »Warum sollten die Palästinenser enteignet und für Verbrechen bestraft werden, an denen nur Europäer beteiligt waren?« Die Frage legt die Scheinheiligkeit unserer westlichen Sichtweise offen. Es war die Entscheidung der europäischen Siegermächte und der Alliierten, die Kompensation von Leid, das wir Deutschen verursacht haben, auf Kosten Dritter zu betreiben und damit den bis heute wütenden Konflikt überhaupt erst zu begründen. Gerade deshalb darf das klare Bekenntnis zu Israel die Sicherheit und das Wohlergehen der palästinensischen Bevölkerung nicht aus den Augen verlieren. Sie tragen die Lasten unseres Handelns.
    Volkhard Ziegler, Witten (NRW)

  • Grandios, präzise, ohne viel Schnörkel, ein Blickwinkel, der einem sonst vorenthalten wird. Ein Blick in den Abgrund, den man ertragen muss. Für viele Menschen im Westen sicherlich eine »neue« Erkenntnis. Meiner Meinung nach der beste Beitrag im SPIEGEL seit langer Zeit. Danke dafür.
    Christian Forker, München

  • Danke für den Beitrag von Pankaj Mishra! Er ist wie eine Kerze im Dunkeln. Er-hellend, wenn auch unangenehm für westliche Politiker und Publizisten, die jetzt, vor dem Hintergrund der Terrorgräuel, den geschichtlichen Hintergrund gerne ausblenden.
    Thomas Butz, Sulzbach (Hessen)

Der Rechtsstaat ist größer

Heft 43/2023 Wie Ermittler den Einbruch in das Grüne Gewölbe in -Dresden aufklärten

  • Für einen Leser aus Sachsen ist das schmerzlich zu lesen, eine wahre Blamage. Die Fehler, die bei der Bewachung gemacht wurden, kann keine noch so findige Polizei ausbügeln. Und ohne die vollständige Rückgabe der wertvollsten Stücke hätte man den »Deal« nie abschließen dürfen, sondern den Strafrahmen voll ausschöpfen müssen. Zu der ganzen Geschichte passt es, dass man, wie ich in einer Dresdner Zeitung las, das gleiche Bewachungsunternehmen, das schon 2019 »tätig« war, erneut verpflichtet hat.
    Heinrich Grafe, Meißen (Sachsen)

  • Das mit kaum verhohlener Bewunderung vorgetragene Gangsterstückchen hinterlässt bei mir einen üblen Geschmack. Ja, diese Parallelwelten gehören inzwischen zu Deutschland, wie auch zu vielen anderen europäischen und nordamerikanischen Rechtsstaaten. Überall die gleiche Verachtung für das »System« und seine gesetzestreuen Bürger – also uns. Wer das als »den Rechtsstaat auf die Knie zwingen« adelt, verkennt allerdings genau wie diese geltungsbedürftigen und arroganten Clans: Der Rechtsstaat ist unendlich viel größer, dauerhafter und wichtiger als irgendein armseliges Verbrechersyndikat. Der Rechtsstaat wägt sehr wohl ab, was wichtiger ist – ein paar Haftjahre mehr oder 400 Jahre alte Kulturgüter. Und das ist gut so.
    Klaus Migeod, Ingolstadt

  • Die Verfasser des Artikels irren. Das testosterongesteuerte Geschäftsmodell der Familie Remmo und sonstiger Clangesellschaften ist aus der Zeit gefallen. Wenn man in diesem Kontext von Verlierern und Siegern sprechen will, so ist die Bundesrepublik Deutschland, der Rechtsstaat, sicherlich nicht der Verlierer. Demokratische Grundsätze gewahrt, Täter ermittelt und verurteilt, erhebliche Teile der Beute wieder zurückerhalten – ergo gewonnen. Und genau aus denselben Gründen haben die Täter verloren, vor allem, weil man sogar eingeknickt ist und Teile der Beute wieder herausgerückt hat, man mit dem so verachteten, vermeintlich schwachen »Gegner« einen Deal gemacht hat. Was ist daran stark? Mit der Gewissheit, lebenslang keine Ruhe zu bekommen, weil einem Versicherungsdetektive und Polizei ständig im Nacken sitzen? Sieger sehen anders aus.
    Hans Eberhard, Dachau (Bayern)

  • Was für eine meisterhafte Ermittlung der Kripo! Und was für ein erbärmliches Verfahren danach. Das ist wieder mal eine Steilvorlage für die Rechtspopulisten.
    Klaus H. Süberkrüp, Lübeck

Ich bete für sie

Heft 43/2023 Russland: Ein 16-Jähriger wirft einen Molotowcocktail auf eine Militärbehörde – es ist sein Protest gegen den Krieg

  • Ihr Bericht über Jegor Balasejkin hat mich sehr berührt. Nach dem Lesen kam ich mir so hilflos vor. Der Junge im Knast, der Vater arbeitslos, und die Mutter kämpft um ihren Sohn. Was ist nur mit Russland los?
    Hans-Joachim Jüttner, Unterhaching (Bayern)

  • Dieser Artikel hat mich zu Tränen gerührt. Ein junger, intelligenter Mensch, der tut, was sein Gewissen ihm sagt. Im Grunde ist nichts Schlimmes passiert. Angeklagt wegen einer terroristischen Straftat. Grotesker Rechtsbeistand. Das Strafmaß unfassbar und der Ort, wo er die Strafe verbringen muss, ebenso. Was macht Russland nur mit seinen Menschen? Wir leben hier in Deutschland in Freiheit und in einem funktionierenden Rechtsstaat, und ein Teil der Bevölkerung stellt das un­sinnigerweise infrage – manche Politiker leider auch. Vielleicht sollten die mal das Land tauschen, um zu erfahren, was Freiheit überhaupt ist. In der Hoffnung auf ein Wunder für den jungen Mann und seine Eltern bete ich für sie. Wenigstens kann er im Gefängnis oder in der Strafkolonie nicht für diesen sinnlosen Krieg gegen die Ukraine einge­zogen werden.
    Ute Heckmann, Karben (Hessen)

Thema 6

Heft 43/2023 Einwurf: Die schwierige deutsche Debatte um Nahost

  • Glückwunsch zu diesem Artikel. Wie die Autorin völlig zu Recht schreibt: »Wir brauchen Empathie für alle Opfer.« Selbstverständlich für die israelischen Opfer des Hamas-Angriffs, aber eben auch für die palästinensischen Opfer der Politik des Staates Israel.
    Dr. Hein Krumm, Nottuln (NRW)

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