Briefe - DER SPIEGEL
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Artikel 73 / 76

Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL

Briefe

Trump, fehlende Strategien gegen die AfD, Asylrecht und die Suche nach der »Titan« – das waren die Themen, zu denen wir in der vergangenen Woche die meisten Zuschriften erhalten haben.
• aus DER SPIEGEL 26/2023

Sieg der Verfassung

Heft 25/2023 Titel: Strafsache Trump

  • Nach einer überaus wohltuenden, aber viel zu kurzen Trump-Abstinenz ziert der 45. US-Präsident nun schon wieder stolz das Cover. Muss das Betrachten seines Konterfeis SPIEGEL-Leser:innen auch in Zukunft in enger Taktung zugemutet werden?
    Anton Leo, Hamburg

  • Wenn Trump feststellt, eins und eins seien drei, sind für ihn alle, die »zwei!« rufen, die Dümmsten der Menschheit, die korruptesten Mathematiker aller Zeiten und die größten Verräter der Wahrheit. Von Trumps Charakter gibt es leider zu viele. In den USA kauft sich das Kapital durch Wahlspenden politische Entscheidungen und Jobs, um die Wähler so zu manipulieren, dass sie den von ihnen finanzierten Kandidaten wählen, ohne seinen Charakter und seine politischen Fähigkeiten realistisch zu bewerten.
    Gernot Hilge, Münster

  • Wenn es der amerikanischen Justiz tatsächlich gelingen sollte, den ehemaligen Präsidenten der USA vor ein amerikanisches Gericht zu stellen und ihn verurteilen zu lassen, wäre das ein Sieg nicht nur der amerikanischen Verfassung, die auf den Grundsätzen Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie fußt, sondern auch ein Zeichen an alle Autokraten dieser Welt, dass Unrecht vielleicht lange dauert, aber nicht ewig. Und dass die Täter zur Rechenschaft gezogen werden vor einem Gericht, sei es ein lokales oder ein internationales.
    Götz Doll, Köln

  • Warum schon wieder dieser menschenverachtende Demagoge auf dem Titelbild? Es gibt so viele Themen, die mit einem SPIEGEL-Titelartikel gewürdigt werden könnten. Und ja – es darf auch mal etwas Positives sein!
    Bernhard Haungs, Ettlingen (Bad.-Württ.)

Lauter geistige Kleingärtner

Heft 24/2023 Union, SPD und anderen fehlt eine Strategie gegen die AfD 

  • Wenn zwei sich zanken, freut sich der Dritte. So einfach ist das mit dem Aufstieg der AfD. Was liest man nicht alles über den Streit zwischen FDP und Grünen, ja sogar Grüne unter sich sind uneins. Was sind das doch für alberne Kommentare von CDU und CSU. Lauter geistige Kleingärtner äußern sich in den etablierten Parteien. Über die AfD erfährt man selten etwas. Die mediale Ausgrenzung der AfD lässt die Bürger vermuten, dass es bei der AfD weniger Blödmänner gibt. Ob das stimmt, möchte man zumindest erfahren. Deshalb wählen die Menschen AfD.
    Günter Paff, Bad Bevensen (Nieders.)

  • Ja, alle Parteien haben Fehler gemacht, und Krisen belasten die Bürger. Das erklärt aber nicht, warum so viele eine Partei wählen, die Nazi-Rhetorik benutzt (Bernd Höcke), Nazi-Symbolik wählt (Anti-Queer-Kampagne), sich einem Diktator ans Bein schmeißt (Wladimir Putin) und Verschwörungstheorien unterstützt, wenn sie ihr ins Konzept passen. Wer so eine Partei wählt, fühlt sich davon angesprochen und vertreten. Daraus kann ich nur schließen, dass wir entweder nichts gelernt oder alles wieder vergessen haben.
    Friederike Bovers, Kolbermoor (Bayern)

  • Wenn es darum geht, die »wirksamsten« Helfer der AfD zu ermitteln, mögen sich die deutschen Medien bitte nicht ausnehmen. Wenn man verfolgt, wie un-sachlich Sie sich seit Beginn der Ampel mit der Regierung aus-einandersetzen – es wird immer nur von Streit berichtet, nichts konstruktiv begleitet –, muss
    man sich nicht wundern, dass -diejenigen Zulauf bekommen, die nichts Konstruktives beizutragen haben.
    Michael Knöpper, Erfurt

Zeigefinger auf andere

Heft 24/2023 Die Verschärfung des Asylrechts stellt die Grünen vor die nächste Zerreißprobe 

  • Es kann doch nicht sein, dass die Grünen mit ihrer Ideologie, mit ihrer nervigen Umerziehungsphilosophie und Besserwisserei die Politik in unserem Land bestimmen, schon gar nicht jetzt, wo der grüne moralische Zeigefinger nicht wie üblich auf andere, sondern auf den Filz in dem von Habeck geführten Ministerium zeigen sollte. Wenn für die Grünen die Reform des europäischen Asylrechts ein Schritt zu viel ist, dann ist es eben so. Jedenfalls ist diese Reform auch im Interesse von Deutschland, um die Migration, insbesondere die illegale, in unser Sozialsystem zu begrenzen.
    Dr. Hubert Hofmann, Immenstaad (Bad.-Württ.)

  • Laut dem neuen Gesetzentwurf sollen afghanische und syrische Asylsuchende, deren Gefährdung evident ist, in Zukunft ihre aussichtsreichen Gesuche an den Außengrenzen der EU stellen. Gut, doch warum müssen sie erst den lebensgefährlichen Weg übers Mittelmeer oder über die Balkanländer auf sich nehmen? Könnte man nicht gleichzeitig das Botschaftsasyl wieder einführen, sodass auch die deutschen Botschaften in Iran, in Pakistan und in der Türkei Asyl- und Visaanträge bearbeiten könnten? Müssen die Leute erst ihr Leben riskieren, um einen Asylantrag stellen zu können?
    Sabine Haupt, Savigny (Schweiz)

Sie berühren zu sehr

»Lage am Abend« vom 21. 6. 2023: Klopfzeichen – wo ist das Tauchboot »Titan«?

Was sagt es über uns, dass wir so großen Anteil am Schicksal der »Titan« nehmen – und den Untergang eines Flüchtlingsboots mit über 500 Toten bestenfalls zur Kenntnis? Diese Frage warf Alexander Neubacher, Leiter Meinung und Debatte, in unserem digitalen Tagesüberblick »Lage am Abend« vom 21. Juni auf und lud unsere Leserinnen und Leser ein, sie zu beantworten. Die Resonanz hat uns überwältigt, sodass wir einen Ausschnitt der Antworten hier teilen möchten.

  • Ich ertappe mich selbst dabei, (aus Sensationslust?) die Artikel zur »Titan« zu lesen. Doch gleichzeitig sträube ich mich und denke, dass das Schicksal der im Mittelmeer ertrunkenen Migranten und die politische Dimension dahinter viel mehr Interesse und Empathie verdient hätte als die aufwendige Rettungsaktion für Menschen, die sich ein solches Abenteuer leisten können und das Risiko ohne Not eingegangen sind. Ich finde es daher gut, dass Sie diesen Gedanken in Ihrem Abendresümee angesprochen haben.
    Marcus Krämer, Rösrath (NRW)

  • Ihre Frage hat mich nachdenklich gemacht, weil auch mein Leseverhalten zu dieser Statistik passte. Bin ich abgestumpft, und bedeuten mir die schlimmen Schicksale der Flüchtlinge, die in ihrer Not ihr Leben riskieren, nichts? Nach kurzem Innehalten kann ich verneinen. Die Schicksale machen mich betroffen, und ich finde es schlimm, dass es solche Not gibt. Wenn ich eine Schlagzeile sehe, dass wieder ein Flüchtlingsboot untergegangen ist, brauche ich aber nicht mehr weiterzulesen, weil es letztlich immer das gleiche Problem ist. Die Berichte über die »Titan« sind vermutlich interessanter, weil es etwas Neues ist. Die »Titanic« fasziniert. Die Technik des Tiefseetauchens ist interessant. Die Personen, die für eine solche Expedition 250.000 Dollar zahlen, interessieren. Und natürlich hofft man, dass sie gerettet werden. Fünf Menschenleben sind wichtig. 200 Menschenleben sind wichtig. Das lässt sich nicht aufwiegen.
    Wolfram Schmidt, Bonn

  • In Italien kursiert in den sozialen Medien gerade der Text: »Die Welt ist eigenartig. Du kaufst ein Ticket für 250.000 Euro, um dich in einem modernen U-Boot in die Tiefen herabzulassen und ein Relikt der ›Titanic‹ zu sehen, aber etwas läuft schief: Weltweite Besorgnis, und alles überstürzt sich, um zu retten. Wenn du vor einem Krieg fliehst, einer Diktatur, einer Dürrekatastrophe, zahlst du alles, was du besitzt, um auf ein scheiß Boot zu steigen und das Meer im Sturm zu überqueren, und irgendwas läuft schief, da versinkst du im allgemeinen Schweigen, und irgendein Arschloch sagt noch, das hättest du dir ja selbst ausgesucht.«
    Christopher Hein, Rom (Italien)

  • Das Paradoxe an der »Titan«-Suche ist, dass reiche Personen sich den vermeintlichen Luxus gönnen, über Grenzen zu gehen, die für den Durchschnittsmenschen unzugänglich sind, aber gleichzeitig ein unkalkulierbares Risiko eingehen, an welchem sie vielleicht ihr Leben verlieren werden. Das polarisiert, begleitet von dem Gefühl, dass niemand mit diesen Milliardären tauschen möchte.
    Annika Kern, Potsdam

  • Vielleicht ist der Grund, warum Artikel zum Flüchtlingsboots-unglück nicht so stark gelesen werden, dass man es nicht aushält? Hunderte, Tausende Menschen werden mutmaßlich ins -Ertrinken geschickt. Was an unseren Außengrenzen und auf dem Mittelmeer passiert, ist eine entsetzliche Schande. Aber es ändert sich nichts, im Gegenteil, es wird noch schlimmer. Das hält man nicht aus. Das ist der Punkt. Die Suche nach dem U-Boot ist natürlich schrecklich, aber letztlich sind es Nachrichten, die uns nicht mitverantwortlich machen. Es hat nichts mit uns zu tun. Das, was auf dem Mittelmeer passiert, sehr wohl.
    Ellen Walz, Stuttgart

  • Beim U-Boot-Drama kann man mitfiebern, ob die Retter es noch schaffen. Es geht um die Hoffnung. Um menschliche Erfolge. Um das Sehnen nach einem Happy End. Beim Flüchtlingsbootsuntergang kann nichts mehr erhofft werden, das Grauen kann nur mit jeder weiteren auftauchenden Leiche schlimmer werden, und das Unglück deprimiert vielmehr in seiner Unlösbarkeit und im Drama des Sich-voraussichtlich-wiederholen-Werdens. Entsprechend werden durch diese Nachrichten jeweils entgegengesetzte Emotionen angesprochen, und ich glaube, Menschen streben da doch zum Mietfiebern und Hoffen statt zum Trauern und Verzweifeln.
    Anke Biehl, Ibbenbüren (NRW)

  • Es ist wohl die in wenigen Worten angelegte Dramaturgie, die der »Titan«-Geschichte innewohnt. Sie trifft direkt in unser narratives Herz. Vor unserem geistigen Auge spielen sich sofort bildliche Szenen ab. Fünf Menschen unterschiedlicher Generationen, gefangen in einer Kapsel tausend Meter unter dem Meer. Was werden sie sich erzählen? Wird der Alte zum Wohle des Jungen freiwillig sein Leben geben, damit der Sauerstoff länger für die Restlichen reicht? Oder wird es in Analogie zum Brett des Karneades unter Wasser zum Kampf kommen? Eins ist sicher: In dieser Situation werden alle Facetten des Mensch-Seins zutage treten, im Schönen wie im Schrecklichen.
    Adrian von Petersdorff, Neu-Isenburg (Hessen)

  • Ich hoffe natürlich, dass die Männer aus ihrem Tauchboot gerettet werden. Zugleich wünschte ich mir aber, dass sie für die aufwendige Rettungsaktion zur Kasse gebeten werden – denn eins scheinen sie ja im Überfluss zu haben: Geld. Für eine nennenswerte Spende zur Rettung anderer Menschen in Not sollten sie obendrein verpflichtet werden.
    Michael-Uwe Dreyling, Brande-Hörnerkirchen (Schl.-Holst.)

  • Ich gebe zu, Sie haben meine westlich-liberale Betroffenheitsroutine empfindlich gestört. Das Schicksal vermutlich Hunderter ertrunkener Flüchtlinge ließ mich zwar nicht kalt, und wieder mal ging mein Puls allein bei den Kosten von 5000 bis 8000 Dollar
    für eine Passage durchaus höher, ich habe aber die weiteren Berichte darüber routiniert überscrollt, vermutlich um mein schlechtes Gewissen nicht weiter zu belasten. An der Geschichte des verschwundenen U-Boots fasziniert einen diese Ausweg-losigkeit, die man höchsten aus eigenen Albträumen kennt. Vielleicht ist es das.
    Burkhard Stamer, Nordenham (Nieders.)

  • Die Artikel zu Flüchtlingsunglücken machen mich derart betroffen, dass ich vor lauter Schuld-gefühl, hilfloser Wut und Scham nicht weiterlesen mag – sie berühren mich zu sehr. Schuldgefühle habe ich, weil mir der Zusammenhang unseres westlichen Lebensstandards und der ökonomischen wie auch politischen Situation in den Ländern, aus denen die Flüchtlinge sich über das Meer wagen, bewusst ist. Hilflose Wut fühle ich, weil mir meine Handlungsmöglichkeiten überschaubar erscheinen, und Scham empfinde ich gegenüber unserer Flüchtlingspolitik. Die »Titan«-Artikel sprechen meine Neugierde an, technisch und menschlich. Ich frage mich, wie ist ein solches Unternehmen möglich, welche Forschungsergebnisse bringt es, und wie muss man strukturiert sein, um sich und andere derart unsinnig in Gefahr zu bringen. Da bereitet mir das Lesen wenig Pro-bleme. Vielleicht erklärt sich so ein wenig das vermeintliche Desinteresse an Flüchtlingsartikeln: Sie gehen mir mehr an die psychische Substanz, und das ist manchmal kaum auszuhalten.
    Anne-Rose Lobsien, Berlin

  • Aus Sicht von Journalisten ist die Kombi »Titanic«, 250.000-Dollar-Tickets und der mögliche Tod oder die mögliche Rettung einiger Millionäre ein unschlagbarer Klickgarant. Mein Rat: Stattdessen intensiver beispielsweise Einzelschicksale dieser unfassbaren Bootskatastrophe vor Griechenland recherchieren und in die Öffentlichkeit tragen. Und so dazu beitragen, dass eine humanere Einwanderungspolitik Wirklichkeit wird.
    Andreas Delfs, Vaterstetten (Bayern)

Glanzstück

Heft 24/2023 Kolumne Leitkultur: Angeberboxen 

  • Das war wieder einmal ein Glanzstück, Herr Osang. Wie schön wäre es, wenn Sie sich so in Ihrem Stil auch mal über die große Berliner Politik Ihre Gedanken machen? Danke für Ihre Kolumne.
    Jürgen Hummler, Uhldingen-Mühlhofen (Bad.-Württ.)

Entzauberte Begriffe

Heft 24/2023 Was Schwangerschaft und Geburt bei Müttern auslösen 

  • Endlich werden Begriffe und Gefühle entzaubert, normale und widersprüchliche Empfindungen werden normalisiert. Zu kurz kommen mir die gesellschaftlichen Aspekte, schreibt man doch gerade in unserer Kultur der Mutter Gefühle zu, die diese zu empfinden hat.
    Sabrina von Jena, Koblenz

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