Briefe - DER SPIEGEL
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Artikel 73 / 76

Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL

Briefe

Generation Z, Ostdeutschland, Die neue Weltordnung – das waren die Themen, zu denen wir in der vergangenen Woche die meisten Zuschriften erhalten haben.
• aus DER SPIEGEL 23/2023

Sie leben nicht mehr, um zu arbeiten

Heft 2/2023 Wir machen uns nicht mehr kaputt! 

  • Das neudeutsche Work-Life-Balance-Denken ist gar nicht so neu. Schon vor 40 Jahren propagierte eine aufmüpfige Jugendgeneration: »Wir wollen arbeiten, um zu leben, und nicht leben, um zu arbeiten.« Die Umsetzung solch hehrer Ambitionen hängt freilich immer von der normativen Kraft des Faktischen ab.
    Dr. Volker Brand, Bad Oeynhausen (NRW)

  • Man ertappt sich bei der Frage, was man bei der Erziehung eventuell falsch gemacht hat. Mit Sicherheit war es nicht das Ziel, eine Generation von Egoisten großzuziehen. Die Work-Life-­Balance steht über allem. Gemeinwohl gibt es für sie nicht, von Dankbarkeit ganz zu schweigen. Um die Krisen in diesem Land zu bewältigen, müsste man mehr statt weniger arbeiten. Aber die Gewerkschaften sind auf diesem Ohr taub. Und die Politik sucht lieber im Ausland nach Fachkräften. Gut zu wissen, dass Z der letzte Buchstabe im Alphabet ist. Schlimmer kann es also (hoffentlich) nicht mehr werden.
    Knut Kriegsmann, Ulm

  • Ich unterstütze diese junge Generation vollkommen. Meine Lebenserfahrung in unserer menschenverachtenden und rücksichtslosen Arbeitswelt sagt, es muss sich etwas ändern. Es kann nicht weiter der Weg sein, Mitarbeiter durch unmenschlichen Druck und Stress permanent an ihre Grenzen zu bringen. Dazu der Psychoterror der Arbeitgeber, indem sie dem Arbeitnehmer ständig unterschwellig mit Ar­beitsplatzverlust bei nicht zu­friedenstellender Arbeitsleistung drohen. In unserer heutigen Ar­beitswelt profitiert nur einer: der Arbeitgeber. Sehen Sie sich die steigenden Zahlen bei psychischen Erkrankungen an. Und in dieser asozialen zerstörerischen Arbeitswelt soll man gar bis 70 arbeiten? Die Viertagewoche ist ein erster, dringend nötiger Schritt.
    Ralf Brechtel, Pommelsbrunn (Bayern)

  • Was werden diese selbstbezogenen Menschen sagen, wenn sie in 30 Jahren ihren Rentenbescheid erhalten? Es ist erfrischend, nach diesem Artikel die Interviews mit dem S.-Oliver-Gründer Bernd Freier und mit dem Tennisstar Jan-Lennard Struff zu lesen.
    Rolf Blachut, Hagen

  • Wir Babyboomer haben unser Leben den nicht immer menschlichen Arbeitsbedingungen angepasst. Damit es unsere Kinder und Enkel »einmal besser haben«. Work-Life-Balance war uns ein Fremdwort. Unsere Nachfolgegenerationen haben das beherzigt, was wir wollten: Sie leben nicht mehr, um zu arbeiten. Was uns Eltern und Großeltern jetzt seltsamerweise verwundert. Es sollte ihnen schon besser gehen, ja – aber arbeiten sollten sie wie wir. Auch um den Preis, auf dem dieses Bessergehen beruht: der Zerstörung unserer Umwelt, dem Schaffen eines Klimas, welches das Überleben der Menschen, der Tier- und Pflanzenwelt bedroht. Und auf einer Verarmung unserer Mitmenschen im Globalen Süden zugunsten unseres Wohlstands. Eine Minderheit der Generation Z macht darauf aufmerksam. Schließen wir Babyboomer uns doch dem an, unsere Versäumnisse bekennend.
    Josef Gegenfurtner, Schwabmünchen (Bayern)

  • Es sei der Generation Z gegönnt, von einer arbeitsreduzierten Berufsausübung zu träumen, um mehr Zeit zu haben. Bedauer­licherweise wird die Realität sie spätestens dann einholen, wenn sich die Auswirkungen des Kli­mawandels in ihrer ganzen Wucht zeigen. Sollten wir die Klima­erwärmung nicht in den Griff bekommen, wird das, was wir bisher an regionalen Kata­strophen sehen, den gesamten Globus betreffen, und die Z-Generation wird für das nackte Überleben mehr Arbeitseinsatz aufbringen müssen als jemals eine Generation zuvor. Unser heutiges Leben wird ihr dann, trotz der fünftägigen Arbeitswoche, wie ein Aufenthalt im Paradies vorkommen.
    Annemarie Fischer, Wielenbach (Bayern)

  • Gilt die Viertage­woche beziehungsweise Work-Life-­Balance auch für Krankenhauspersonal, Altenpfleger, Müllmänner, Polizei und Feuerwehr?
    Frank Suhrbier, Hamburg

Ermüdend und frustrierend

Heft 21/2023 Die Schriftstellerin Anne Rabe sieht blinde Flecke in der aktuellen Diskussion über Ostdeutschland 

  • Mit großem Interesse verfolge ich, Ostdeutscher, geboren 1950, die aktuelle Diskussion über das Leben der Ostdeutschen anhand der kürzlich erschienenen Bücher von Dirk Oschmann, Katja Hoyer und jetzt Frau Rabe. Es mutete schon gespenstisch an, wenn Frau Rabe, Jahrgang 1986, über das Leben in einem Land urteilt, das sie gar nicht aus eigener Erfahrung kennen kann. Es läuft auch bei ihr nach dem Schema ab: Es kann nur eine Meinung über die DDR und das Leben unter der Diktatur des Proletariats geben. Welche, das kolportiert Frau Rabe eindrücklich. Differenzierungen sind ihre Sache nicht, und immerhin kann sie ja auf die Erfahrungen ihrer vier ersten Lebensjahre in der DDR zurückblicken. Ich habe es satt, dass wir Ossis alle immer wieder in die gleichen Schubladen gesteckt werden: Duckmäuser, Mitläufer oder Mittäter. Hoyer und Oschmann, die dieses Bild pointiert infrage stellen, werden also nicht zufällig immer wieder mit wütenden Philippiken überzogen. Man kann wohl einfach kein vernünftiges, anständiges und erfülltes Leben im »real existierenden Sozialismus« gelebt haben, wenn man nicht Widerständler war.
    Dr. Thomas Bernstein, Leipzig

  • Es ist langsam ermüdend und frustrierend, dass Sie sich noch immer in den Chor derjenigen einreihen, die den »Osten« schlechtmachen. Weder das Buch von Herrn Oschmann noch das von Frau Hoyer beschreiben Unwahrheiten, wie es im Interview mit Frau Rabe aufscheint. Haben Sie denn einmal recherchiert, wie viele das eigentlich waren, die als sogenannte Stasiopfer oder Republikflüchtlinge über ihre ach so schweren Leiden berichten? Wie viel Prozent der 17 Millionen DDR-Bürger sind das wohl? Haben Sie aber auch einmal recherchiert, wie viele Tausende durch die Machenschaften der Treuhand und anderer westdeutscher Einigungsgewinner ihren Job und ihr soziales Umfeld verloren haben?
    Dr. Ulrich Bergk, Dresden

  • Das Buch von Dirk Oschmann ist eine faktenbasierte, sachliche Analyse. Dessen Inhalte zu zerreden oder zu diskreditieren zerstört die Grundlage eines gleichberechtigten Dialogs über die bestehenden Probleme.
    Volker Pischke, Michendorf (Brandenb.)

  • Die Sichtweise von Frau Rabe ist im Vergleich zu den allzu stark vereinfachenden Artikeln von Frau Hoyer und Herrn Oschmann wohltuend differenziert. Woher kommt denn all diese Schwarz-Weiß-Denke: böser Täter-Westen versus guter Opfer-Osten? Das sind alles denkfaule Ausreden zur Selbstentlastung! Man muss kein Psychologe sein, um zu erahnen, dass die langjährige Erduldung einer Diktatur, die ihre Untertanen eben nicht als mündige Bürger, sondern als zu Bevormundende und Befehlsempfänger behandelt hat, tiefe kränkende Spuren im Selbstbewusstsein hinterlassen hat. Selbstmitleid, das sich in Aggression gegen Minderheiten, Ausländer und so weiter ein Ventil sucht, aber in Wahrheit eine tief sitzende, nicht erkannte Selbstaggression wider die eigene Wehrlosigkeit darstellt. Das langjährige Erdulden der Unmündigkeit als Trauma, für das man »Schuldige« sucht. Nach dem Ende des autoritären Systems muss der Mensch auch mit dem Selbsthass in der neuen Freiheit, die in Wahrheit sein Menschenrecht ist, umgehen lernen. Kein Grund zu Selbstmitleid, sondern zu politischem Engagement im freiheitlichen System mit all seinen veränderbaren Mängeln.
    Michael Schäfer, Düsseldorf

  • Es gehört zur individuellen Biografie jedes Menschen, dass sich im Lebenslauf die kulturellen, sozialen, politischen Bezüge verändern. Das nennt sich sozialer Wandel. Vergangenes lässt sich nicht zurückholen. Man kann es nicht festhalten. Dass früher alles besser war, ist ein typisches Denkmuster bei der Verarbeitung des sozialen Wandels. Das Gras auf der anderen Seite des Zauns ist immer grüner. Dieser ganze Prozess nennt sich Persönlichkeitsentwicklung, Reifeprozess, erwachsen werden, Individuation. Unabhängig von Himmelsrichtungen.
    Wolfgang Moselle, Much (NRW)

Auf Augenhöhe gehen

Heft 21/2023 Eine neue Weltordnung entsteht – der Westen verliert dabei an Einfluss 

  • Ein hervorragender Artikel! Und sehr differenziert. Nur eine Korrektur würde ich mir wünschen: Russland ist längst keine Weltmacht mehr. Ein Riesenland mit einem BIP zwischen dem von Spanien und Portugal versucht verzweifelt, Weltmacht zu spielen – das wäre als Beschreibung wahrscheinlich angemessener. Russland erschöpft sich zusehends im Ukrainekrieg. Dies ist für die EU von Vorteil. Außer Bodenschätzen hat das Land nichts zu bieten. Keine besonderen Produkte. Eine kriegsgeile Regierung und eine desinteressierte Bevölkerung. Die multipolare Welt ist für die EU von großem Vorteil, wenn wir begreifen, dass wir ein Spieler unter mehreren sind und nichts Besonderes. Wir müssen nur auf Augenhöhe gehen. Dies fällt manchem Europäer nicht leicht. Das ist alles.
    Bernd Hofmann, Yaoundé (Kamerun)

  • Das Abstimmungsergebnis der Weltgemeinschaft über den Ukra­inekrieg im Rahmen von UN-Sondersitzungen hat unmissverständlich sichtbar gemacht, dass die aktuelle geopolitische Weltlage noch wesentlich von den Nachwehen des westlichen Im­perialismus determiniert ist. Die ehemaligen Imperialstaaten Eu­ropas haben es bis heute versäumt, ihre Kolonialgeschichte aufzuarbeiten, und wenn, dann nur zögerlich und partiell. Im Wesentlichen wird bis dato diese historische Epoche, die nun ihre fatalen Schattenseiten zeigt, verdrängt oder schlichtweg verkannt. All dies erklärt die Un­fähigkeit des Westens, die Einschätzung des Ukrainekrieges von großen Teilen der Weltgemeinschaft einzuordnen.
    Helmut Fian, Wien (Österreich)

Die menschliche »Tatze des Bösen«

Heft 21/2023 Oberbayern fürchtet sich vor einem Bären. Aber ist wirklich das Tier die Gefahr – oder der Mensch? 

  • In Ihrem Artikel wird deutlich, wieso die aktuelle geologische Epoche als »Anthropozän« bezeichnet wird. In der Berichterstattung um einen einzigen Bären, der aktuell in Oberbayern vermutet wird, geht es nur um den Menschen. Dass das Ergebnis der Evolution eben auch so faszinierende Geschöpfe wie der Bär oder der Wolf sind und diese Tiere ebenso eine Existenzberechtigung haben, wird mit keinem Wort erwähnt. Stattdessen wird ein Landwirt zitiert, der sich über seine Trauer um seine mutmaßlich von einem der wenigen Wölfe oder dem einzigen Bären in Bayern gerissenen Weidetiere auslassen darf. Ich bin mir sicher, wenn man die 1,1 Millionen Schafe, die jedes Jahr in Deutschland geschlachtet werden, fragen würde, ob sie gerne mit dem geringen Risiko, durch einen Beutegreifer getötet zu werden, leben würden, um damit dem sicheren Tod auf der Schlachtbank entgehen zu können – die Antwort wäre eindeutig. Die »Tatze des Bösen« hat für Hunderte Millionen an Tieren zwei Arme, zwei Beine und einen aufrechten Gang.
    Dr. med. Dr. rer. nat. Bernhard Lohr, Günzburg (Bayern)

Probleme beim Bezahlen

Heft 21/2023 Ärger à la carte – warum die Debitkarte bei vielen Kunden für Frust sorgt 

  • Das Problem wäre ruck, zuck gelöst, wenn jeder Konsument selbst für die Gebühren auf­kommen würde. Warum der Einzelhandel die Kosten tragen muss, ist mir ein Rätsel.
    Maike Giebner, Stuttgart

Die Leiden eines Kinderstars

Heft 22/2023 Die Leiden eines Kinderstars 

  • Ich war selten so beeindruckt und verstört von einem Einzelschicksal. Vielen Dank, dass in Ihrem Magazin Platz war für diese tra­gische Geschichte. McCurdys Buch kommt in mein Regal.
    Ralf Jacobs, Herten (NRW)

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