Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL
Briefe
Das Unappetitliche bändigen
Heft 17/2023 Titel: Wie viel Wahrheit steckt in Ihrem Roman, Herr von Stuckrad-Barre?
Das erste Mal in 60 Jahren, dass ich mich quasi weigern muss, die Titelgeschichte zu lesen. Warum geben sie diesem Abzocker die Ehre eines Titelbildes? Warum dieses Megamarketing fürs kalkulierte Gelddrucken – und das noch unter der Überschrift »Literatur«? Lindners Frau läuft unter »gossip girl« und Sie promoten Klatsch für einen aus dem Bild-Sumpf. Kann es sein, dass auch der SPIEGEL – wie schon länger zu beobachten – immer mehr der Mediennabelschau nachgibt? Machen Sie Ihren Investigations- und verlässlichen Sachinformationsjob – sonst müssen Sie demnächst unter »Illustrierte« und nicht »Nachrichten-Magazin« firmieren.
Hermann Scheufgen, KölnIch bin seit zwei Wochen ob der Titelthemen verzweifelt; was ist los mit dem SPIEGEL? Inmitten national und international bedeutender soziopolitischer Ereignisse erlaubt sich das Magazin, zuerst eine rechtspopulistische selbst ernannte »Linkspolitikerin« aufs Titelblatt zu setzen, deren Positionen eher mit denen eines Björn Höcke übereinstimmen als mit denen eines Linkspolitikers wie Gregor Gysi. Dann noch eins darauf: Ein kaum bedeutender Autor mit Wurzeln im Springer-Reich kommt aufs Titelbild, um für sein Buch zu werben. Will sich das Blatt durch eine neue Titelpolitik nunmehr in der Szene der Klatschpresse qualifizieren? Ich bin über diese Entwicklung verärgert und enttäuscht.
Dr. Cihan Arin, BerlinAuch wenn Herr von Stuckrad-Barre mit seinem Roman einen wichtigen und mutigen Beitrag zur Kultur mancher Medien in Deutschland leistet, so blendet er in seinem Interview mit Ihnen zu sehr die eigene Rolle in seinen zehn Jahren bei Springer aus. Sich diesbezüglich ein wenig ehrlicher zu machen, würde ihm gut zu Gesicht stehen. Sonst darf man ihm getrost zurufen: »Die größten Kritiker der Elche waren früher selber welche«.
Michael Schneider, Siegburg (NRW)Selten habe ich mich so über eine Titelgeschichte geärgert. Ein selbstverliebter Egomane darf sich ausführlich mit seinem Luxusleben darstellen und bekommt Publicity für ein Buch, auf das vielleicht Leute in einer bestimmten Blase gewartet haben.
Andrea Klingler, Gummersbach (NRW)Wie kommt der SPIEGEL dazu, sich so vor den Karren spannen zu lassen? Gehen Ihnen die Themen aus? Machen Sie doch mal eine Leserumfrage zu Wunschthemen. Es gibt bestimmt unter den Lesern eine Menge Ideen zu wichtigeren Themen unserer Zeit. Vielleicht ist dazu mehr Recherchearbeit erforderlich. Aber die liegt Ihnen doch. Mit dieser platten Werbung inklusive Interview als Titelthema ist aus meiner Sicht ein Tiefpunkt erreicht.
Karin Mölter, Oberhausen (NRW)Genial, wie Benjamin von Stuckrad-Barre seit über 20 Jahren durchkommt. Er schreibt schlecht, hat nichts Neues zu berichten und verdient damit gehörig Geld. Warum hypen ihn die Medien dafür noch?
Bernd Adler, Ravensburg (Bad.-Württ.)In meinem Leben habe ich noch nie eine »Bild«-Zeitung gekauft und vielleicht zehnmal eine gelesen. Die Geschichten um Reichelt und Döpfner kenne ich nur aus Schlagzeilen und Meldungen im Fernsehen. Aber nach der Lektüre des Interviews mit Benjamin von Stuckard-Barre und Teilen seines neuen Romans im SPIEGEL ist sicher: Ich werde auch in meinem restlichen Leben keine »Bild« kaufen.
Rudi Wolz, Kremmeldorf (Bayern)
Ist das fair?
Heft 16/2023 Atomausstieg: Nach gut 60 Jahren werden die letzten Kernkraftwerke vom Netz genommen – Protokoll zum Ende einer Ära
Den Freudentaumel der Anti-AKW-Veteranen möchte ich ein wenig dämpfen: Wie viele Atomkraftwerke werden im nahen Ausland weiterbetrieben? Verschwindet der Atommüll, wenn die drei letzten AKW abgeschaltet sind? Womit betreiben wir die vielen E-Autos und Wärmepumpen bei Dunkelflaute? Mit Atomstrom aus Frankreich? Kommt bis zum flächendeckenden Ausbau der erneuerbaren Stromerzeugung der Strom aus der Steckdose oder doch aus CO2-produzierenden Kohlekraftwerken? Wie viele Tsunamis haben bisher in Deutschland zu Havarien sicherer AKW geführt? Muss man nicht manchmal alte Ängste einer Realitätsprüfung unterziehen?
Mia Herber, Wadgassen (Saarl.)Für Herrn Trittin ist Kernkraft an sich »extrem teuer«: eine pauschale, einseitige Aussage. Die immensen Folgekosten durch Verbrennung von Kohle und Gas, welche schon jetzt – vor Erreichen des Temperatur-Kipppunktes – entstanden sind, ignoriert er vollständig, ganz zu schweigen von den irreversiblen Schäden nach Überschreiten des Kipppunktes.
Henning Eick, Dipl.-Ingenieur der Kernverfahrenstechnik, EssenEndlich wurden die letzten AKW in Deutschland abgeschaltet! Bei der Diskussion über die Sicherheit werden die Kosten dieser Energieerzeugung vergessen. Wie hoch wäre der Preis, wenn man endlich die Kosten für die Lagerung des radioaktiven Abfalls miteinbeziehen würde? Zusätzlich ist zu bedenken, dass die Kosten dafür die nachfolgenden Generationen bezahlen müssen, für Strom, den wir verbraucht haben. Ist das fair?
Martin Behrmann, HamburgRatsam wäre es gewesen, sich in unsicheren Zeiten divers aufzustellen. Nun hat man sich für den Atomausstieg und für die Verlängerung von Kohle- und Gaskraftkraftwerken entschieden, obwohl man die Möglichkeit gehabt hätte, sofort die CO₂-Werte signifikant zu reduzieren. Eine Entscheidung gegen den Klimaschutz und für idealistische Grundsätze der Grünen. Für den Ausbau von Offshore- und Onshore-Anlagen braucht es vor allem wirtschaftlich gute Beziehungen zu China, die man gerade mit Füßen tritt.
Norbert Höpfner, Kronberg im Taunus (Hessen)Mit keiner Silbe wird erwähnt, ob auch auf dem Gebiet der ehemaligen DDR Kernkraft genutzt wurde. Wenn von »Deutschland« die Rede ist, ist automatisch »Westdeutschland« gemeint.
Dr. Michael Heinisch, ErfurtAtomkraft, ja bitte! Allerdings erst, wenn die Endlagerung geklärt ist. Ohne Lösung Tausenden Generationen tödlichen Müll zu hinterlassen ist schlicht verantwortungslos.
Wolfgang Boeddinghaus, Salzburg (Österreich)
Tränen bei einer 2,0
Heft 16/2023 Bildung: Die Inflation der Einser-Abiture
Die Abiturnote mag zwar eine vorsichtige Prognose über die Möglichkeit zum erfolgreichen Abschluss eines Medizinstudiums erlauben, taugt aber nicht für eine Prognose für ein erfolgreiches Berufsleben, wo Empathie, Belastbarkeit, Stressresistenz und Organisationsfähigkeit gefragt sind. Diese Eigenschaften, die jeder gute Arzt haben sollte, bildet der Notendurchschnitt nicht ab.
Dr. med. Walter Dallacker, Wolfenbüttel (Nieders.)Bei meinen Studierenden beobachte ich: Sie erfragen nicht mehr Inhalte, sondern Bewertungskriterien. Die Fixierung darauf führt zweifelsohne zu besseren Noten, nicht aber zum besseren Verständnis des Themengebiets. Letztlich verstehe ich sie sogar: In einer Gesellschaft, wo »messen und vermessen werden«, der Platz im Ranking der Bewerber, hohe Wichtigkeit hat, da interessiert weniger, ob ich etwas gelernt habe, sondern mehr, was zählt, um meinen Weg gehen zu können. Nur, was mich neuerdings erstaunt, ist der Druck auf die jungen Leute: Früher gab es hin und wieder Tränen, wenn es um das Bestehen ging – jetzt bereits, wenn es »nur« eine 2,0 ist.
Prof. Dr. Andreas Mockenhaupt, Sigmaringen (Bad.-Württ.)Ich habe 1967 mein Abitur abgelegt in einer kleinen Kreisstadt im heutigen Land Brandenburg. 13 Prozent der Schüler und Schülerinnen im Einzugsgebiet besuchten das Gymnasium (damals »Erweiterte Oberschule«). Das war elitär. Im Jahr 2017 waren es 62 Prozent. Diese inflationäre Entwicklung bedeutet ein sinkendes Niveau. Auch ohne Pandemie hat ein Abitur nur Schönheitswert.
Klaus Felz, Potsdam
Stillschweigende Vernachlässigung
Heft 16/2023 Debatten: Forscher widerlegen ein Argument der Befürworter gendersensibler Sprache
Seit etwa 45 Jahren verfolge ich die Diskussion um die Forderung der Frauen nach gerechtem Vorkommen in der Sprache – darum geht es ja wohl – mit Engagement und Anteilnahme. Dabei war für mich eine Position nicht denkbar: die des Hofnarren, der, wann immer das Genderthema auf der Tagesordnung steht oder auch nicht, feixend die neuesten Sackgassen und Irrwege der »Gender-Gemeinde« zu geißeln bereit ist. Ich war damals wie heute überzeugt: Wenn diese Männer auch nur die Hälfte ihrer kostbaren Kreativität stattdessen für Verbesserungsvorschläge einsetzen würden, wäre das Thema bald vom Tisch. Wie wir heute wissen, wurde da nichts draus. Das Genderthema ist trotz Hohn und Spott da, wo es hingehört: auf dem Tisch.
Holger Karl, KölnDie Befürworter des Genderns geraten erst jetzt in Erklärungsnot? Sie blieben doch von Anfang an eine schlüssige und vor allem ideologiefreie oder zumindest eine als hinreichend berechtigt begreifbare Erklärung für bestimmte Änderungen der deutschen Sprache schuldig. Vielmehr verstoßen sie mit ihrem speziellen Sprachgebrauch nicht nur gegen die bestehenden Regeln der deutschen Sprache, sondern behandeln auch die gegenteilige Mehrheitsmeinung der Bevölkerung völlig respektlos. Im Ergebnis würde die deutsche Sprache erheblich verschlechtert, sollten die Gender-Anhänger mit ihren Sprachputschversuchen irgendwann und trotz der im Artikel dargestellten Forschungsergebnisse doch noch erfolgreich sein.
Winfried Boczki, BonnEike von Repgow schrieb den »Sachsenspiegel« vor etwa 800 Jahren im Auftrag des Grafen Hoyer von Falkenstein im heutigen Sachsen-Anhalt. Weder Eike von Repgow noch Graf Hoyer mussten Frondienste leisten wie andere Frauen und Männer ihrer Zeit. Dürfen wir die deutsche Gegenwartssprache nicht der heutigen Gesellschaft der Bundesrepublik anpassen, der existierenden und der erwünschten? Könnte eine kluge Gräfin von Falkenstein als heutige Auftraggeberin den Ritter Eike von Repgow vielleicht sogar um das Gendern bitten? Eike von Repgow, nach dem in Magdeburg beispielsweise das Justizzentrum benannt ist, würde ihrem Wunsch vermutlich mit Respekt begegnen.
Stephan Schneberger, MagdeburgDer SPIEGEL hat erneut die Debatte zum generischen Maskulinum aufgegriffen. Die Ausführungen sind jedoch im Ergebnis irreführend, missverständlich oder falsch. Unbestritten ist, dass Frauen mehrheitlich vor allem sozial und finanziell systematisch benachteiligt werden. Wenn Frauen bereits seit mehr als 1000 Jahren von bestimmten Berufen ausgeschlossen waren, wundert es nicht, dass im Alt- und Mittelhochdeutschen bei Berufsbezeichnungen das generische Maskulinum dominiert. Die Idee des Genderns braucht keine Zeugen. Wenn es gegenwärtig dazu beiträgt, die stillschweigende Vernachlässigung von Frauen zumindest sprachlich zu überwinden, ist das ein Fortschritt. Wem das nicht passt, der soll es lassen – niemand ist dazu gezwungen. Die Sprache lebt. Sie unterliegt keinen verpflichtenden historischen oder staatlichen Vorgaben, sondern ihr Gebrauch spiegelt die jeweilige gesellschaftliche Entwicklung.
Dr. rer. pol. Rainer Feuerstack, Bonn
Wunderbar komisch
Heft 16/2023 Bewohner protestieren auf Rügen gegen LNG-Terminals auf hoher See
Respekt für die herrlich süffisante Darstellung des Protests auf Rügen. Der Bericht oder fast schon gefühlte Essay liest sich einfach wunderbar komisch. Mehr von diesem Stoff!
Markus Straubing, Potsdam
Ebenso gut in Deutschland?
Heft 16/2023 Drei Jahre nach dem Brexit liegt das Königreich wirtschaftlich und politisch darnieder
Man sollte ohne Hochmut gegenüber Großbritannien ehrlich sein: Ersetzt man die englischen Städtenamen durch Gelsenkirchen oder Pirmasens und »Fare-Share« durch »Tafel«, könnten weite Passagen der Reportage ebenso gut in Deutschland spielen.
Viktor Lohmann, Essen
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