TV-AFFÄREN Büchlein vom Reinen
Im Ringelspiel der ARD zieht einer der neun Partner gern seine eigenen Kreise -- das Bayerische Fernsehen.
Fünfmal schon hat sich der Sender aus dem Gemeinschaftsprogramm ausgeblendet; erstmals 1961 bei Kortners »Lysistrata«, bislang letztmals, 1977, beim Homo-Dram »Die Konsequenz«.
Es mangelte auch nicht an Drohungen, sich ganz aus der ARD auszuklinken und ein eigenes Bier zu brauen; in Bayern gelten andere Reinheitsgesetze. Das Kreuz des Südens lastet schwer auf der ARDemokratie.
Letzte Woche hat der Schwanz wieder den Hund zum Wackeln gebracht. Gedrängt vom Bayern-Programmdirektor Oeller und »mehreren Kollegen« (Oeller), gab der WDR-Programmdirektor Hübner klein bei und zog einen WDR-Beitrag zurück.
»Reinheit des Herzens«, ein Spielfilm des Berliner Regisseurs Robert van Ackeren, war für den 8. November im ARD-Programm geplant. Hübner retirierte bei seiner Entscheidung auf eine »Empfehlung der Programmkonferenz« über »Gewaltdarstellung im Fernsehen« und zitierte:
»Das Programm ist darauf angelegt, jede Verharmlosung und Verherrlichung von Gewalt auszuschließen. Exzessive Darstellungen von Gewalt sind unzulässig. Gleichzeitig soll einer Verrohung der Sprache entgegengewirkt werden.«
Sonderbarerweise scheint dieser Ukas fürs dritte Programm des WDR nicht zu gelten, denn auf diese Schiene, Sendetermin: Januar 1982, hat Hübner die »Reinheit des Herzens« abgeschoben. Der Fall birgt noch mehr Kuriositäten und Konsequenzen.
Ohne das Fernsehen geht kaum noch etwas im deutschen Film. Um der siechen Kunst wieder auf die Beine zu helfen und »das Programmangebot sowohl der Filmtheater als auch des Fernsehens zu bereichern«, hatten sich, im November 1974, ARD/ZDF und die »Filmförderungsanstalt« zusammengetan: Die Tele-Medien stiegen als Koproduzenten ein.
Für die Jahre 1979 bis 1983 etwa lassen ARD/ZDF 79 Millionen Mark in Film-Projekte strömen, die, nach Auswertung in den Kinos, über die Mattscheibe gehen. Fassbinder, Herzog, Kluge, Schlöndorff drehen mit TV-Geldern, auch Ackerens »Reinheit des Herzens« ist ein Medien-Kind.
Mit rund 800 000 Mark war der WDR an dem knapp 1,5-Millionen-Ding dabei. »Reinheit des Herzens« bekam die Segnungen »besonders wertvoll«, »feiertagsfrei« und jugendfrei ab 16 Jahren. Der Film lief auf Festivals von Cannes bis Los Angeles und erhielt sogar enthusiastische Kritiken.
»Exzessive Darstellung von Gewalt« und »Verrohung der Sprache« -- vertraute Versatzstücke in TV-Krimis und -Serien -- konnten die Kritiker in dem Ackeren-Werk nicht orten. Von brutaler Gewalt ist, was Ackeren abfilmte, etwa Deutschlands Beton-Architektur.
»Reinheit des Herzens« spielt in der verschnarchten, verschmockten Szene der 68er-Veteranen. Ein Paar lebt sich, einigermaßen bizarr, auseinander; beim Bumsen sticht die Treulose ihrem Liebhaber, einem Leder-Macho, einen Brieföffner ins Kreuz. Amen.
Wegen eines einzelnen Films, ließ WDR-Hübner wissen, könne er nicht die ARD-Gemeinschaft gefährden; hasenfüßig gibt er die Programm-Hoheit ab. Welches Rüchlein nun wirklich den TV-Fürsten aus der »Reinheit des Herzens« in die Nase gestiegen war -- ihr werdet''s nie erfahren.
Klar sind die Konsequenzen für die TV-abhängigen Filmer: Das Korsett wird enger. »Wenn ''Reinheit des Herzens'' nicht im Fernsehen laufen kann«, fragt Fassbinder, »was soll dann noch an vernünftigen Sachen ausgestrahlt werden?«
Und Alexander Kluge findet es »verheerend, wenn die Programm-Verantwortung von den verantwortlichen Redakteuren zu den Programmdirektoren abwandert und deren Konferenz von Bayern ferngelenkt wird«.
S.267Bei »Reinheit des Herzens«-Dreharbeiten mit dem Performance-Künstler"Salome«.*