Bunte Zeichen - DER SPIEGEL
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FORSCHUNG / INKA-SCHRIFT Bunte Zeichen

• aus DER SPIEGEL 33/1970
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Sie bauten Tempel, Straßen und Paläste. Auf ihren künstlich bewässerten Terrassen-Äckern pflanzten sie Mais und Kartoffeln. Sie lebten in einem hierarchisch gegliederten Staatswesen mit Sklaven, Adligen und Beamten, Konkubinen, Tempeljungfrauen und klosterähnlichen Erziehungsheimen. Sie schürften Gold und Silber und schufen das einzige indianische Großreich Amerikas.

Das Prädikat Hochkultur wollten die Völkerkundler dem Indianervolk der Inka dennoch bislang nur zögernd zubilligen. Eines der klassischen Kulturkriterien, so glaubten die Wissenschaftler, hätten die Inkas nicht erfüllt: »Die Inka-Kultur kannte keine Schrift«, erläuterte noch 1967 der Tübinger Ethnologe Thomas Barthel.

Letzte Woche, auf dem 39. Internationalen Amerikanisten-Kongreß in Lima, lieferte Inka-Forscher Barthel jetzt selbst den Gegenbeweis. Zwei Jahre lang hatte der deutsche Gelehrte Zeichen und Zeichnungen auf altindianischen Trinkgefäßen und Prunkgewändern studiert. Fazit seiner Forschungen: Was bislang als ornamentaler Zierat galt, sind in Wahrheit Symbole aus einem schriftähnlichen Mitteilungssystem.

Vier Jahrhunderte lang, seit der spanische Konquistador Francisco Pizarro 1532 das Indianer-Reich, das sich vom heutigen Bolivien bis nach Nord-Chile erstreckte, für Spaniens Krone annektiert hatte, die Ureinwohner tötete oder versklavte und das Gold der Inkas nach Europa verschiffte, suchten Missionare und Wissenschaftler vergebens nach schriftlichen Zeugnissen des Kulturvolkes.

Zwar zeichneten die ersten spanischen Priester, die im Gefolge der Invasoren den Indianern das Christentum aufzwangen, die Worte der gesprochenen Inka-Sprache ("Quechua") lautmalerisch auf und überlieferten so Lexika-ähnliche Nachschlagewerke. Gleichwohl fanden auch die Sendboten Christi weder Buchstaben noch Hieroglyphen oder andere Zeichen, mit denen etwa Priester und Beamte im Indianerstaat »kulturelle Information« (Barthel> hätten weitergeben können.

Einziges Kommunikationsmittel, so glaubten die Wissenschaftler, seien sogenannte Knotenschnüre ("Quipus") gewesen. Die oft bis zu vier Kilogramm schweren Schnüre bestehen aus einer starken Hauptschnur, von der mehrere verschiedenfarbige Seitenschnüre abgehen. Solche Quipus freilich reichten nur hin, um numerische Werte festzuhalten.

Erst eine Außenseiterin, die peruanische Ethnologin und Museumsangestellte Victoria de la Jara, brachte Professor Barthel auf die richtige Spur. Die Peruanerin vermutete schon seit Jahren, daß die verschiedenen, immer rechteckigen oder quadratischen farbigen Zeichen ("Tocapus") auf den hölzernen Inka-Trinkbechern ("Keros") oder auf den noch erhaltenen Resten ehemaliger Prunkgewänder mehr seien als nur schmückendes Ornament.

Systematisch sammelte Victoria de la Jara mit Tocapus versehene Becher und Stoffe und photographierte oder zeichnete die Symbole ab, wenn die Inka-Antiquitäten sich im Besitz fremder Museen befanden.

Vor zwei Jahren schickte die Peruanerin dann eine Mappe mit den gesammelten Zeichen an den Tübinger Amerikanisten Barthel. Der deutsche Völkerkundler, der bereits Mitte der fünfziger Jahre die 120 Zeichen auf den Rongorongo-Schrifttafeln von der Osterinsel dechiffriert hatte, vervollständigte die De-la-Jara-Sammlung mit weiteren Tocapu-geschmückten Keros und Geweben, die er aus Museen in Europa und Amerika beschaffte.

Auf den insgesamt 130 Trinkbechern und knapp 20 Stoffresten fand der Tübinger Inka-Forscher etwa 400 Zeichen. Schon die hohe Anzahl geometrischer Figuren »ließ sofort«, wie der deutsche Gelehrte jetzt in Lima erläuterte, »an eine Wortzeichen-Schrift denken«, wie sie heute noch die Chinesen benutzen. Eine solche Schrift aus einzelnen Wortblöcken vermittelt die Kernbegriffe einer Kultur gleichsam im Telegrammstil.

Bei der Entschlüsselung der Inka-Zeichen halfen Barthel die Lexika der Missionare und Aufzeichnungen spanischer Eroberer aus dem 16. Jahrhundert. Die mögliche Bedeutung einiger Tocapus erschloß sich dem Forscher erst, als er die gleichen Schriftsymbole auf mehreren Trinkbechern bei jeweils ähnlichen bildlichen Darstellungen, etwa von Kampfszenen, entdeckte.

Darüber hinaus vermutete er, daß die Schriftzeichen auf den Holzbechern« die von Inka-Priestern bei Trankopfern benutzt wurden, Weihe-Inschriften sein müßten. Aus ihren Erfahrungen bei der Entschlüsselung anderer Schriftsysteme wissen die Ethnologen, daß solche Inschriften meist auch auf den Empfänger des Opfers, etwa einen Gott, oder auch auf den Opfer-Priester hinweisen.

Tatsächlich gelang es Barthel, die bislang 50 enträtselten Inka-Schriftzeichen in mehrere Gruppen zu unterteilen. Während die Zeichen auf den Trinkbechern Kulthandlungen beschreiben und die Namen der Götter wiedergeben, erkannte Barthel in den Tocapus auf den Gewändern vor allem »astronomisch-kalendarische Formeln«.

Als »Krönung« seiner Analyse betrachtete Barthel die Entzifferung einiger zusammengesetzter Begriffe, die von den Inkas aus jeweils zwei verschiedenen Schriftsymbolen gebildet wurden und dabei eine neue Bedeutung erhielten (etwa analog der Kombination der Wörter »Hase« und »Fuß« in der deutschen Sprache).

So etwa glaubt Barthel, die Verbindung der Symbole »apu« (Zeichen für Berge, Sonne und Mann) und »rimac« (Zeichen für einen bestimmten Ort) zu »apurimac« sei ein Hinweis auf die kriegerische Auseinandersetzung der Inkas mit ihren Nachbarn. Bei anderen Kombinationen der bunten Zeichen handelt es sich nach Ansicht des Ethnologen um Ortsangaben aus der alten Inka-Hauptstadt Cuzco.

Auf einem Stoffrest mit eingewebten Tocapus entdeckte Barthel schließlich auch den Namen des höchsten Inka-Gottes: »Con-Ticsi-Vira-Cocha«, der nach dem Glauben der Indianer von Osten »her über das Meer gekommen sei. Er soll, so die Sage, den Völkern Mittel- und Südamerikas einst die Astronomie, Architektur und auch die Schrift gebracht haben.

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