Chronischer Clinch - DER SPIEGEL
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OPER Chronischer Clinch

Nun ist auch die Hamburgische Staatsoper kopflos. Nach nur dreimonatiger Amtszeit will Intendant Kurt Horres das Weite suchen. *
• aus DER SPIEGEL 46/1984
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Es ist ein gewachsener, ein stolzer Boden«, rühmte der Regisseur Kurt Horres das Anwesen in Hamburgs Dammtorstraße 28. Hier gebe es »Wurzeln, die nur Toren beschädigen wollen«. Überall stoße er auf »einen geistigen Grund, auf dem es zu arbeiten gilt«, »ein guter Geist« sei »an vielen Stellen« spürbar.

Seit 1. August 1984 ist Horres, 52, der gebürtige Düsseldorfer, einstige Felsenstein-Schüler, Operndirektor der Wuppertaler Bühnen und Chef des Staatstheaters Darmstadt, Intendant der von ihm verklärten Hamburgischen Staatsoper. Doch schon wenige Monate nach seinem Amtsantritt ist der gute Geist verflogen, der stolze Boden bröckelt, und der Newcomer will weg: Letzte Woche bat Horres die Hamburger Kultursenatorin Helga Schuchardt, ihn vorzeitig aus seinem bis 1988 fixierten Kontrakt zu entlassen.

So kommen denn die Hanseaten aus ihrem Schlamassel nicht raus: Nach dem zwar vorzeitigen, aber erlösenden Abschiedsgesuch des Schauspielhaus-Intendanten Niels-Peter Rudolph und dem (befreienden) Ausscheiden des Thalia-Theater-Intendanten Peter Striebeck droht nun auch die Staatsoper kopflos zu werden.

Dabei hatte sich alles ganz gut angelassen. Horres, der in seinen mittelstädtischen Theatern stets den väterlichen, autoritätsstarken Prinzipal gespielt und in großen Häusern, auch in Hamburg,

als Gast-Regisseur beachtliche Inszenierungen geliefert hatte, war mit edlen Absichten nach Hamburg gekommen. Er wollte hier den »Willen nach künstlerischer Freiheit in einer klugen Organisation geborgen« wissen und den verblaßten Ruhm des einst weltweit angesehenen Etablissements wieder auffrischen.

Nach der 14jährigen Glamour-Ära des alerten Rolf Liebermann war 1973 August Everding gekommen, hatte aber bereits 1974 angekündigt, vorzeitig zu gehen, und ging 1977. Dem Abtrünnigen folgte der Dirigent Christoph von Dohnanyi, der dem Haus dann in diesem Sommer, drei Jahre vor Vertragsablauf, den Rücken kehrte: Ihm war die Arbeit »durch phantasieloses und kleinkariertes, kollektivangepaßtes Gezeter« vergällt worden.

Zum personellen Brassel kam technisches Malheur. 1975 brannte fast der gesamte Kostüm- und Kulissenfundus nieder, 1980 mußte die Obermaschinerie der Bühne stillgelegt werden, die Untermaschinerie ist inzwischen auch defekt.

Doch weder der schlechte Ruf einer Durchgangsstation noch die bau- und bühnentechnischen Handicaps machten Horres Angst. Guter Dinge gab er Anfang August, bei Amtsantritt und Probenbeginn für seine Einstandsgala »Boris Godunow«, das Losungswort »Concordia« (Eintracht) aus. Die leitenden Herren strahlten, die fast 900 Angestellten klatschten.

Doch mit dem Auftritt des Mussorgski-Zaren Boris schlug die Stimmung um. Horres hatte die slawische Kolossal-Tragödie mit ihrer »extrem großen Besetzung« gewählt, um mit »möglichst vielen Menschen dieses Hauses in Kontakt zu kommen«. Nun mußte er erleben, daß er als Hausherr nicht allein Herr im Hause war und sich in den heimtückischen Strukturen der Institution zusehends verhedderte.

Mal redete ihm der - juristisch gleichgestellte, für das kaufmännische Management zuständige - Staatsoperndirektor Rolf Mares rein, mal geriet er mit dem technischen Personal aneinander. Die Bühnenarbeiter hatten mit dem gigantischen Kulissenspektakel ihre böse Not und mußten an die 2000 Überstunden machen. Und mit »Boris«-Dirigent Hans Zender, seinem Generalmusikdirektor, lag Horres bereits chronisch im Clinch.

Pikiert registrierten Hamburgs Offizielle, daß der Intendant der Ballett-Premiere »Onegin« in seinem eigenen Haus fernblieb und sich auch bei einer Sitzung der einflußreichen Förderer-Stiftung nicht blicken ließ, wo immerhin über eine Ausfallbürgschaft von einer Million Mark für die finanzschwache Oper beraten wurde. Schließlich verspielte Horres sich auch noch die Sympathien des hanseatischen Publikums: Denn sein kostspieliger »Boris Godunow« (Bühnenbilder und Kostüme: 320 000 Mark) erwies sich als »enervierender Wechsel von wild gemischten, symbolüberladenen Bilder-Welten« ("Die Welt"), voll »sündhaft teurer Sperrmüll-Ästhetik« ("Süddeutsche Zeitung") und »todschickem Plastik-Glitzerfummel« ("FAZ") und ging in Buh-Geheul unter.

Seitdem sah »Die Welt« nur noch »viele gezückte Dolche am Dammtor«, und das »Hamburger Abendblatt« moralisierte, »wie wenig Anstand noch an diesem Hause herrscht": Jetzt sei »jeder gegen jeden mit Haken und Ösen«.

Horres polterte, die Staatsoper sei »verkorkst« und »zerrüttet«, die »Konstruktion als GmbH« nehme ihm »die nötige Freiheit«, es herrsche »Cliquenwirtschaft«, und der »Machtanspruch« des Direktors Mares, »vor allem, was künstlerische Dinge angeht«, sei »nicht zu vertreten«. Die Giftküche brodelte.

Acht Top-Leute des Hauses, darunter Zender und Ballettdirektor John Neumeier, verwahrten sich gegen die Schelte und nahmen Mares in Schutz. Zender bat ironisch um Verständnis, »daß der Intendant sich in einer Krise befindet«, und Ernst Schönfelder, Orchesterdirektor der Philharmoniker, spottete grob: »Man wird sein Weggehen genauso wenig bemerken wie sein Kommen.«

Nur einer rieb sich in diesem Hexenkessel zufrieden die Hände: Rolf Mares, 54, der ehemalige Regierungsinspektor in der hanseatischen Finanzbehörde, der sich in der Verwaltung an Schauspielhaus und Thalia Theater hochgedient hat und seit zehn Jahren, neuerdings abgesichert durch einen Vertrag bis 1989, in der Staatsoper mitmischt - für die einen ist er die graue Eminenz, für die anderen die mausgraue Impertinenz.

Für Mares »gibt es keine Krise hier«, »das Haus brennt nicht«, »alles läuft planmäßig weiter«, denn Mares schaltet und waltet: zugleich Fuchs und Wiesel im Unterholz der hanseatischen Kulturszene. Er hat sich seinerzeit mit Everding verkracht und, wie er sagt, »mit diesem glänzenden Mann längst wieder versöhnt«. Er lag mit Dohnanyi jahrelang total über Kreuz und ist mit ihm, wie er sagt, »längst wieder gut«. Und er hat mit Horres, wie er sagt, »immer nur sachliche, korrekte Auseinandersetzungen geführt«.

Tatsächlich haben wohl beide Opern-Herren keine ganz saubere Weste. Der ehrbar-biedere, aber überforderte Horres will die Bindung an ein Großunternehmen so leichtfertig annullieren, als sei die Staatsoper die letzte Klitsche; Mares wiederum spuckte kräftig in die Suppe, die Horres sich eingebrockt hat.

Schon Mitte Juni, als in Trier der Deutsche Bühnenverein tagte und Mares mit am Tisch saß, kursierten Gerüchte, Horres wolle sich an die Deutsche Oper am Rhein nach Düsseldorf/Duisburg absetzen. Ob Horres seitdem in seiner Heimatstadt ernsthaft verhandelt hat (was er bestreitet) oder nicht - Mares sah seine Stunde gekommen und studierte, noch bevor der Eklat in Hamburg publik wurde, seine Lieblingsrolle ein: Lohengrin, der Retter aus höchster Not.

Mit glänzendem Timing druckte das »Manager Magazin« in seiner November-Nummer unter dem Titel »Oper vor dem Abgrund« eine Breitseite gegen Horres und eine Eloge auf Mares. Seitdem wird Mares nicht müde zu verbreiten, was Horres ihm in die Hand versprochen hat: »Wenn ich gehe, schlage ich Sie zum Intendanten vor.«

Dem Aufsichtsrat der Oper, der Anfang dieser Woche zur Krisensitzung zusammenkommt, bleibt wohl nur die Wahl zwischen gleich mißlichen Lösungen: Entweder bittet er Liebermann zum Comeback, oder er verfällt auf eine interimistische Troika (Mares, Zender, Neumeier), oder er macht Mares zum Alleinherrscher. Aller schlimmen Dinge sind drei.

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