POP Club der Betrogenen
Ihre gemeinsame Show nennen sie altmodisch »Acoustic Vaudeville«, ihre Bühne ist eine kleine, immerhin sehr angesagte New Yorker Bar namens »Joe''s Pub«, und ihre Lieder sind feine, bittere Balladen über das Glück und die Qualen des Scheiterns. Mitunter sieht es so aus, als hätten sich der Sänger und Musiker Michael Penn und seine Ehefrau, die Sängerin und Songschreiberin Aimee Mann, sehr bequem eingerichtet in der Rolle der ewigen Verlierer.
Penn ist so schüchtern, dass er bei Konzerten die Ansagen seiner Songs gern befreundeten Berufskomikern überlässt. Und wenn er doch zwischen den Liedern das Wort ans Publikum richtet, dann klagt er: »Kennen Sie die alte TV-Serie ,The Prisoner'', wo ein Mann ohne ersichtlichen Grund von einer geheimnisvollen Organisation gequält und gefangen gehalten wird? Genauso ergeht es mir seit Jahren!«
Dabei haben Mann, 39, und Penn, 41, derzeit durchaus Grund zur Freude. Aimee Manns Song »Save Me« ist für einen Oscar nominiert. Das Stück stammt aus dem hoch gelobten Hollywood-Film »Magnolia«, der im April in Deutschland startet. Ehegatte Michael Penn war an ihren »Magnolia«-Songs als Musiker beteiligt.
Für Penn aber ist der Nominierungsruhm aus Hollywood zunächst mal Anlass für einen Wutanfall: »Das ist eine wunderbare Lektion für die Idiotenindustrie«, zetert er, »für all die Leute, die uns immer klarmachen wollen, dass für unsere Musik kein großes Publikum zu begeistern sei.«
Der Sänger spricht aus trüber Erfahrung. Von der Kritik wird seine Musik seit Jahren zwar ebenso einmütig gefeiert wie die meist völlig eigenständig entstandene Liederproduktion seiner Ehefrau.
Das US-Magazin »Rolling Stone« etwa bejubelte Penns Musik als »kunstvollen, intelligenten, romantischen Folk-Pop«, dem »New York Times Magazine« gilt Mann als eine der »besten Songwriterinnen ihrer Generation«.
Auch der britische Schriftsteller Nick Hornby schwärmte von ihr: »Aimee Mann schreibt Songs wie einst die Beatles. Das Problem ist nur, dass das anscheinend heutzutage niemanden mehr interessiert.«
Genau so ist es, zumindest in der Musikindustrie der USA. Das Paar mag mit Burt Bacharach und Carole King, mit Randy Newman und Joni Mitchell verglichen worden sein - doch die Experten in den großen Plattenfirmen halten die Musik von Aimee Mann und Michael Penn für kommerziell uninteressant.
Pop in Beatles-Manier, wie ihn Mann und Penn in Perfektion darbieten, trieb in den sechziger Jahren weltweit Teenager zur Raserei. Heute begeistern sich für diese Musik überwiegend Männer mit dünnem Haar jenseits des 30. Lebensjahrs - und die sind im großen Musikgeschäft allenfalls ein zu vernachlässigendes Sparten-Publikum.
Große Umsätze und Hitlisten-Platzierungen werden den Musikfirmen nur von den Teenagern beschert. Und die lieben nun mal Britney Spears und Christina Aguilera, die Backstreet Boys oder die Bloodhound Gang - und nicht stille Melancholiker um die 40.
»Es ist eine lausige Zeit, um Popmusik zu machen, die nicht für Teenager bestimmt ist«, konstatierte letzten Sommer das »New York Times Magazine«.
So kommt es, dass Aimee Manns neues Album »Bachelor No. 2« auf dem eigenen Label erschienen und bisher nur im Internet, dem Reservat der einsamen Künstler, zu kaufen ist. Oder an der Konzertgarderobe wie jüngst bei der knapp eine Woche langen »Acoustic Vaudeville«-Auftrittsserie im jedem Abend ausverkauften »Joe''s Pub« in New York.
Michael Penn hat zwar eine Plattenfirma. Doch seiner Meinung nach kümmern sich die Leute von Epic, einer Subfirma des Sony-Konzerns, um die unlängst erschienene neue Penn-CD »MP4 (Days Since a Lost Time Accident)« viel zu wenig: »Die erfüllen ihren Job nicht, also muss ich es selber tun«, sagt er. In Los Angeles, wo er und Aimee Mann leben, tritt das Paar häufig dienstags mit anderen übergangenen und betrogenen Musikern wie Robyn Hitchcock (und auch mal Stars wie Joni Mitchell) in dem Club »Largo« auf.
Selbst die Oscar-Nominierung haben Mann und Penn nicht der Hilfe von Musikprofis zu verdanken, sondern allein dem guten Geschmack des 30-jährigen Regisseurs Paul Thomas Anderson. Der hatte Penn schon für die Musik seiner beiden ersten Kinofilme »Hard Eight« und »Boogie Nights« verpflichtet und hat nun Manns Balladen ähnlich hingebungsvoll in die turbulente »Magnolia«-Handlung geschnitten, wie es einst der Regisseur Mike Nichols in seiner »Reifeprüfung« mit den Songs des Duos Simon and Garfunkel tat. Nur gilt die Hingabe diesmal einer Musik, für die die Chefs der Unterhaltungskonzerne null Verwertungspotenzial sehen.
Dabei hätte es Michael Penn, Sohn der Schauspielerin Eileen Ryan und des Fernsehregisseurs Leo Penn sowie ältester Bruder der Hollywood-Stars Christopher und Sean Penn, Anfang der neunziger Jahre beinahe zu großem Hitparaden-Ruhm gebracht.
Nach seiner Debüt-Single »No Myth« wurde er vom Musiksender MTV sogar zum »Best New Artist« gekürt. Doch dann wechselte die Geschäftsführung seiner Plattenfirma - und die neuen Herren befanden den damals 31-Jährigen als zu alt für die Rolle des strahlenden Newcomers. Für Michael Penn interessierte sich im Konzern auf einen Schlag nicht mal mehr der Pförtner.
Seither erscheinen seine hervorragenden Gitarren-Pop-Alben fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit und sind nur in gut sortierten Grabbelkisten zu entdecken. Weil auch die Leute von Epic daran nichts änderten, wollte Penn den Vertrag annullieren - doch die Chefs der Firma verwiesen achselzuckend aufs Kleingedruckte, das ihn zu fünf weiteren Alben verpflichtet.
»Ich gehöre denen«, sagt er resigniert. Er verstehe jetzt, wie sich der Popstar, der früher unter dem Namen Prince berühmt war, während eines ähnlichen Konflikts mit der Firma Warner verhielt: »Er hat sich einfach das Wort ,Sklave'' auf die Stirn gemalt.« CHRISTOPH DALLACH
* Bei der Filmpremiere von »Boogie Nights« 1997.