Codename Klingsor - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 88 / 121

LITERATUR Codename Klingsor

Ein Roman des jungen Mexikaners Jorge Volpi erzählt vom Atombombenprojekt der Nazis, von Liebe und Spionage - und vermischt virtuos Fakten und Fiktion.
Von Rainer Traub
• aus DER SPIEGEL 47/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In seinem unterirdischen Verlies lässt sich der bleiche, zitternde Diktator immer wieder seinen Lieblingsfilm vorführen. Während über der Erde Flugzeuge und Panzer des äußeren Feinds die Hauptstadt Berlin in Trümmer legen, weidet sich Hitler, sein Ende vor Augen, im Bunker am Triumph über den inneren Feind: Auf seinen Befehl ist der Schauprozess gegen acht Verschwörer des 20. Juli und ihr Todeskampf bei der Hinrichtung mit allen Details von Kameras festgehalten worden.

Die gespenstische Szene eröffnet Jorge Volpis Roman »Das Klingsor-Paradox"*. Erzählt wird sie von einem Mathematiker namens Gustav Links. Dieser Ich-Erzähler ist eine fiktive Figur - doch ein solcher Film ist wirklich gedreht worden.

Der Wissenschaftler Links ist im Roman Weggefährte so bahnbrechender Physiker wie Max Planck und Erwin

Schrödinger; im Zusammenhang mit dem gescheiterten Anschlag auf Hitler am 20. Juli 1944 wird er verhaftet. Dem Galgen entgeht er nur, weil mitten in seinem Prozess vor dem Volksgerichtshof eine alliierte Bombe detoniert, die den Vorsitzenden Roland Freisler tötet. Tatsächlich ist der oberste Nazi-Blutrichter 1945 bei einem Luftangriff in Ausübung seines Amtes umgekommen.

Die Mischung von Fakten und Fiktion ist ein Stilprinzip des 33-jährigen mexikanischen Schriftstellers Volpi, der als Kulturattaché in Mexikos Pariser Botschaft arbeitet - und im Schicksal seines Romanhelden raffiniert die Geschichte der beiden deutschen Diktaturen des 20. Jahrhunderts miteinander verklammert.

Der greise Links nämlich erzählt seine Lebensstory rückblickend - und zwar aus einem Knast der DDR, in dem er, so die am 10. November 1989 schließende Rahmenhandlung des Buchs, seit Jahrzehnten einsitzt. Dorthin hat der russische Geheimdienst den Göttinger Uni-Professor Links, als angeblich graue Eminenz des Nazi-Atomprogramms, schon 1949 entführt.

»Das Klingsor-Paradox«, bereits mit mehreren Preisen ausgezeichnet, verknüpft einen Spionagethriller mit mehreren Liebesgeschichten - und behandelt obendrein essayistisch die Entwicklung der modernen Physik und die Rolle des Zufalls in der Geschichte.

So viel Ehrgeiz ist verwegen. Tatsächlich will Autor Volpi mit einigen Kollegen der so genannten Crack-Gruppe die Epigonen des »magischen Realismus« ablösen, den einst unter anderen Gabriel García Márquez begründete. Der große alte Kolumbianer soll dem kessen jungen Mexikaner denn auch bei einer Begegnung, unverkennbar ironisch, zugeraunt haben: »Ich möchte den einzigen Schriftsteller begrüßen, der besser ist als ich.«

Der Klappentext des deutschen Verlags zitiert die Huldigung und nimmt sie für bare Münze, was das Buch gar nicht nötig hat. Volpi hat sich für seinen Roman durch Berge von historischer und biografischer Literatur gewühlt, die eine »Schlussbemerkung« sorgsam aufführt. Sein Kenntnisreichtum verführt ihn manchmal zu traktatähnlichen Längen, die allzu dozierend daherkommen. Zum Glück ist der Erzähler in ihm stärker.

Denn der Autor gewinnt dem komplexen Stoff eine fesselnde Geschichte ab. In deren Zentrum treten der deutsche Mathematiker Links und der (ebenso fiktive) amerikanische Physiker Francis P. Bacon gegeneinander an. Bacon, der als Student in Princeton mit Albert Einstein Berührung hatte, kommt 1946 als Offizier der Besatzungsmacht USA nach Deutschland. Sein Spezialauftrag besteht darin, den geheimnisvollen Drahtzieher des Nazi-Atombombenprogramms aufzuspüren. Welcher skrupellose Kopf versteckt sich hinter dem Decknamen »Klingsor«? Ist es womöglich das scheinbar unpolitische Genie Werner Heisenberg?

Als Experte mit Kontakten zu den besten deutschen Physikern soll Links dem Amerikaner bei seiner heiklen Mission helfen. Doch welche Rolle spielt Bacons zwielichtige Geliebte Inge? Als Links ihr auf die Schliche kommt, ist es bereits zu spät. RAINER TRAUB

* Jorge Volpi: »Das Klingsor-Paradox«. Aus dem Spanischen vonSusanne Lange. Verlag Klett Cotta, Stuttgart; 512 Seiten; 49 Mark.

Zur Ausgabe
Artikel 88 / 121