Cooler Code - DER SPIEGEL
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LITERATURGESCHICHTE Cooler Code

Um aus vielen Fassungen eines Klassikers die Urversion zu erschließen, nutzen Experten jetzt Methoden aus der Evolutionsforschung.
• aus DER SPIEGEL 53/1998
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Die Zeichen auf dem Monitor sehen aus, als sei da ein neues Frostschutzmittel in Arbeit: Struppig verästelt gruppieren sich Kürzel wie »Ad1«, »Ht« oder »La« sternförmig um ein namenloses Zentrum. Doch was Peter Robinson, 48, Dozent an der De Montfort University im britischen Leicester, auf seinem Macintosh-Rechner vorführt, ist kein chemischer Zoo, sondern hohe Literatur: ein Stück aus den »Canterbury Tales« von Geoffrey Chaucer in über 20 Fassungen.

Mehr als 80 Versionen des Werks gibt es insgesamt: »Eines der schwierigsten Text-Probleme der ganzen englischen Literatur«, erklärt Robinson. Nie hat jemand es geschafft, aus dem Wust von 25 000 Textblättern das unvollendete Original zu rekonstruieren. Zuletzt war um 1940 ein Philologenteam grandios gescheitert, als es die Varianten in Zettelkästen zu bändigen versucht hatte.

Die Mühe gilt einem Werk, das unter Kennern einhellig als Gründungsurkunde der englischen Erzählkunst gefeiert wird: Das virtuose Potpourri aus Schwänken, Legenden und deftigen Alltagsstorys, erzählt inmitten einer Gruppe munterer Pilger, entstand kurz vor 1400 und wird oft mit »Il Decamerone«, der Novellensammlung des Italieners Giovanni Boccaccio, verglichen.

Jetzt aber könnte der Klassiker doch noch klarere Form finden. Mit seinem Kollegen Norman Blake aus Sheffield hat Peter Robinson eine Methode ausgeheckt, wie den zahllosen kleinen Abweichungen innerhalb des riesigen spätmittelalterlichen Panoramas möglicherweise beizukommen ist: genauso wie Strängen von Erbmaterial - mit der Hilfe elektronischer Abstammungsanalyse.

Aufwendig bleibt das Projekt allemal: Im ersten Schritt übertragen die Wortjäger penibel jedes Manuskript, Buchstabe für Buchstabe, Satzzeichen für Satzzeichen, in den Computer. Dann muß jedes Wort eines Manuskripts mit sämtlichen Varianten in anderen Handschriften elektronisch verknüpft werden.

Erstes Ergebnis der Mühen war im Jahr 1996 eine CD-Rom, die alle verschiedenen Lesarten eines kleinen Teilstücks von etwa 850 Versen präsentierte: den »Prolog zur Erzählung der Frau aus Bath«. Allein auf dieser Strecke gibt es 2500 Abweichungen im überlieferten Text. Aber was davon hatte Chaucer ursprünglich geschrieben?

Die Erleuchtung kam den Textkundlern, als sie grübelten, daß sämtliche Versionen doch irgendwie miteinander zusammenhängen müssen. Fehler beim Abschreiben zum Beispiel schleppen sich durch weitere Kopien fort - genauso wie Mutationen im Erbgut auf die Kinder übertragen werden können. In den klösterlichen Schreibstuben des Mittelalters ging es im Grunde nicht viel anders zu als in lebenden Zellen: Es wurde Information kopiert, Zeichen für Zeichen.

Zum Sortieren ähnlicher, doch nicht identischer DNS-Stücke aber haben Bio-

* Sogenannte Ellesmere-Handschrift (Anfang 15. Jh.).

logen in den vergangenen Jahren präzise Hilfsmittel entwickelt. Wollen sie die Verwandtschaft mehrerer Arten klären, dann ordnen sie die entsprechenden Genbausteine aufgrund der Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu einem evolutionären Baum an.

An seiner Wurzel taucht dann automatisch die ursprünglichste Lebensform der jeweiligen Gruppe auf. Der in Cambridge forschende Biochemiker Christopher Howe etwa arbeitet erfolgreich mit einer Software namens »SplitsTree«, die auf der Basis eines Vergleichs von DNS-Sequenzen vorschlägt, wo sich evolutionäre Verwandtschaften verbergen könnten.

Für die Literaturwissenschaftler um Peter Robinson war Howe der Richtige: Er half ihnen, das Lebensbaum-Prinzip nun auch auf die Manuskripte anzuwenden. Denn dem coolen Programm ist egal, welche Buchstabenfolgen es miteinander vergleicht. Es stellt nur fest, ob es Abweichungen gibt oder nicht, unabhängig davon, welche das sein mögen.

Die Zusammenarbeit von Natur- und Geisteswissenschaftlern lohnte sich bald. Während die Forscher auf der evolutionären Textleiter Stufe um Stufe tiefer stiegen, zeigten sich erste Spuren vom unvollendeten Original der »Canterbury Tales": Offenbar hatte Chaucer einige Passagen in seinen Manuskripten gestrichen, die Abschreiber jedoch scherten sich nicht darum, sondern übernahmen unbekümmert auch den Ausschuß.

Darunter fallen berüchtigte Worte der Frau aus Bath, mit denen sie ihren sexuellen Wünschen Ausdruck gibt: »Immer bin ich meinem Verlangen gefolgt. Mochte er klein sein oder groß, schwarz oder weiß ...« Die Analysen des »SplitsTree«-Programms legen jedoch nahe, daß Chaucer der sinnlichen Dame schließlich einen weitaus christlicheren Ton zugedacht hatte.

Die Nachricht von solchen Erfolgen hat unter Handschriftenexperten rasch die Runde gemacht. Inzwischen arbeitet Robinson auch mit dem Institut für neutestamentliche Textforschung in Münster zusammen. Denn Chaucer ist nur einer von vielen Kandidaten für die textuelle Genanalyse: Ein Teil der rund 5000 griechischen Manuskripte aus der Zeit vom 2. Jahrhundert nach Christus bis zum Beginn der Neuzeit könnte dank der Evolutionsforscher endlich in einem Familienstammbaum geordnet werden.

* Sogenannte Ellesmere-Handschrift (Anfang 15. Jh.).

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