Da scheppert's - DER SPIEGEL
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TWIST Da scheppert's

• aus DER SPIEGEL 1/1962
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Männer und Frauen winden sich: Sie schlottern, schlingern, kollern, taumeln, als sei ihr zentrales Nervensystem gestört. Einige stoßen wilde Schreie aus und lassen die Hüften hin und her zucken. Andere kommen zu Fall.

Doch die Polizei schafft keine Ordnung. Denn die stampfenden Geräusche im Viervierteltakt, durch die das rhythmische Muskelzucken ausgelöst wird, sind konzessioniert: Die Kapelle spielt auf zum Twist**.

Twist ist die neueste Ausdrucksform amerikanischen Frohsinns. Das Massenblatt »Life« vermochte sie nur mit einem Rückgriff auf die Geschichte einzuordnen. »Im Mittelalter nannte man es die Tanzwut«, erläuterte das Blatt. »Die Zeiten'waren voller Seuchen und Kriege, so daß die Leute ihren Gram in wilden Tänzen abzuschütteln suchten. Und sie tanzten zu Tausenden, bis sie umfielen.«

Jüngst ist die modische Abart historischer Tanzwut auch in Bundesdeutschland eingekehrt:

- In der vergangenen Woche liefen gleich zwei amerikanische Twist -Filme ("Twist ... daß die Röcke fliegen!«, »Außer Rand und Band. mit Twist") in westdeutschen Groß - und Kleinstädten an.

- Selbst konventionelle Unterhaltungsfilme werden mit Twist-Lockungen propagiert. So heißt es in Inseraten, die den Hollywood-Film »Happy End im September« preisen: »Der neue Modetanz, vorgeführt von Gina Lollobrigida und Rock Hudson.«

- Twist-Schallplatten werden in der Bundesrepublik bereits in Fülle angeboten - unter Titeln wie »Twist -Twist«, »Top Ten Twist«, »Schou -Schou« mit den »Twist-Boys«, »Silly -Chili« mit den »Twisters« oder »Hallo, Mr. Twist«.

Das Fachblatt »Der Musikmarkt« mutmaßte, »bis zum Karneval« werde der Twist »sich eingeführt haben«, zumal der Umstand, daß sich beim Twist die Partner nicht berühren dürfen, der Verbreitung des Tanzes förderlich sei: »Größere zusammengefaßte Tanzgruppen ... könnten gewissen deutschen Geselligkeitsformen entgegenkommen.«

Auch die amerikanischen Filmfirmen vertrauen auf die heitere Natur der Deutschen. »Twist ... da zucken die Knie«, heißt es in einem Prospekt, »Twist ... da wackeln die Hüften«, »Twist ... da scheppert's in den Kinokassen«. Die Filmfirma Columbia offerierte den »einzigen Film mit Chubby Checker, dem König des Twist«, das Konkurrenz-Unternehmen Paramount »den einzigen authentischen Film über Twist - gedreht, wo es jede Nacht geschieht«.

Das Nachtasyl des Twist ist die »Peppermint Lounge« in der 45. Straße von Manhattan, eine Tanzkneipe, in der sich seit Oktober vergangenen Jahres Smokingärmel an Lederjacken reiben. Die Pfefferminz-Bar gilt als Keimzelle des modernen Veitstanzes; der Pfefferminz-Kapellmeister Joey Dee, 22, als sein Choreograph.

Während amerikanische Halbwüchsige, der Tumult-Epidemie des Rock'n'Roll gerade entronnen, im Spätsommer 1961 Tanzübungen wie »Quetschkartoffeln«, »Fliege« oder »Überschwappe« bevorzugten, baute Dee auf einen neuen Bauchtanz.

Zunächst twisteten nur einige halbstarke Stammgäste und die maritime Laufkundschaft der Pfefferminz-Bar. Doch Anfang Oktober machte der Tanz unversehens Schlagzeilen: Der Klatsch -Kolumnist Cholly Knickerbocker wußte zu berichten, daß Mitglieder der New Yorker Society nach einem Besuch der Metropolitan Opera einen Abstecher in die »Peppermint Lounge« gemacht und sich angesichts der Twister unterhalten hätten. Knickerbocker konnte Namen wie Tennessee Williams, Greta Garbo, Duke of Bedford, Kennedy-Schwester Jean Smith und Elsa Maxwell notieren. Über Nacht wurde die Bar berühmt, Twist die Epidemie der Saison. Die »New York Herald Tribune« ließ den neuen Tanz durch ihren Ballettkritiker abhandeln. Damen der amerikanischen Gesellschaft twisteten öffentlich zu Wohltätigen Zwecken. Selbst dem stocksteifen Stork Club blieb nichts anderes übrig, als den Twist zu dulden. Zu Weihnachten verschickten amerikanische Witzbolde Glückwunschkarten mit dem Aufdruck »Happy Twistmas«.

Sogar Jacqueline Kennedy, des USPräsidenten Frau, geriet in Verdacht, dem Twist zu frönen. Doch das Weiße Haus dementierte das Gerücht, und schließlich stellte sich heraus, daß Amerikas First Lady mit der twistenden Nichte des Senators Jacob Javits verwechselt worden war.

Während westeuropäische Tanzschulen und Tanzbars mit Twist-Inseraten um neue Kundschaft warben, mußten New Yorker Ärzte in zunehmendem Maße Rückenverletzungen behandeln. Von 54 Rückgratverletzungen, die in einer Woche von der New Yorker Ärzteschaft gemeldet wurden, waren 49 auf übermäßiges Twisten zurückzuführen.

In der »Peppermint Lounge« stiegen derweil die Preise um 40 Prozent. Wer keinen Platz mehr fand, bibberte auf dem Bürgersteig.

Bald begann das »große Jucken« (so »Stern«-Kolumnistin Sibylle) auch in Europa. Es infizierte Hoheiten in und außer Dienst wie Soraya, Maria Gabriella, Albert und Paola.

»Der Importweg nach Deutschland, soweit sich das« - in der Redaktion des Fachblatts »Der Musikmarkt« - »heute noch feststellen läßt, führte über die Türkei, wo das Ensemble Les Chakachas diesen Rhythmus übernahm und zunächst nach München brachte.«

In Paris verkündete Salvador Dali, er werde im April einen »kubistischen Vorhang« präsentieren, auf dem sich 500 Motorräder im Rock'n'Roll und Twist-Rhythmus bewegen sollen. Und die Mode-Kolumnistinnen der Zeitungen unterwiesen ihre Leserinnen, wie die rechten Twist-Röcke beschaffen sein müßten - nicht zu weit, weil sie sonst hochgewirbelt würden, nicht zu eng, weil die' Körperkonturen bei den freimütigen Tanzbewegungen sonst allzu unschicklich sichtbar wären.

Es konnte nicht ausbleiben, daß sich auch Hollywood in das Twist-Geschäft einschaltete, Gleich vier Filme wurden angekurbelt: »Twist ... daß die Röcke fliegen!«, »Außer Rand und Band mit Twist«, »Der Sohn des Twist« und »Der Twist schlägt zurück«. Eingedenk der Tatsache, daß Bill Haleys Rock'n'Roll -Film »Rock around the clock« vor fünf Jahren mehrere Millionen Dollar eingebracht hatte, drehten einige Twist -Filmer ihre Lichtspiele eilends in wenigen Wochen ab.

Schon zu Weihnachten wurde »Twist ... daß die Röcke fliegen!« (Originaltitel: »Hey, let's twist"), das mit dem Ur-Twister Joey Dee in den Räumen der »Peppermint Lounge« gedreht worden war, in die amerikanischen Kinos geschleust. Eine Woche später war das Opus bereits eingedeutscht. Und die Verleihfirma Paramount empfahl den westdeutschen Kinobesitzern: »Schrauben Sie Ihre Bestuhlung doppelt fest!«

** to twist (englisch): drehen, winden; auch: verdrehen, verrenken.

Twist in der »Peppermint Lounge"*: Statt Überschwappe ein neuer Bauchtanz

* Szene aus »Twist... daß die Röcke fliegen!«

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