THEATER Dämonischer Doktor
Die Deutschen«, sagt er. »essen zuviel Fleisch«; daher rühre ihr Hang zur Gewalt. Er selbst lebt milde makrobiotisch. ißt allenfalls vom Fisch und sucht Ruhe in den Lehren Buddhas.
Auf der Bühne aber ist der amerikanische Schauspieler und Dramatiker Charles Ludlam, 28, ein wahrer Teufel. Da planscht er im Blut, rollt dämonisch die Augen und bespringt, ein dürrer, bizarrer Derwisch. mit blankem Glied ein kolossales Weib.
Ludlam spielt so »einen deutschen Mediziner. Dieser Mann heißt Baron Khanazar von Blaubart, ist eine Mischung aus Dracula. Caligari und Doktor Faust, und all seine Skalpell- und Phall-Versuche dienen nur einem Ziel: der Erschaffung eines neuen, dritten »sanften Genitals«.
Für sein Horror-Spektakel hatte Ludlam in New York glänzende Kritiken bekommen, beim diesjährigen Belgrad-Festival den zweiten Preis und bei einer Wien-Visite Ärger mit der Polizei. Jetzt gastiert er mit dem »Bluebeard« (Titel) und seiner apostelstarken »Ridiculous Theatrical Company« erstmals in Deutschland (Forum Theater Berlin).
Ludlam rechnet sich zum Off-Off-Broadway, zu jener Abseits-Bewegung, die mit ihrem radikalen, physischen Theater mittlerweile weltweiten Einfluß übt; in einer jüngst erschienenen Dokumentation wird diese sex- und drogengesättigte Szene erstmals umfassend kartographiert*.
Die Autoren, Jens Heilmeyer und Pea Fröhlich, zählen an die 100 ständig arbeitende Off-Off-Truppen in New York -- unpolitische Avantgardisten, Guerilla-Gruppen. Psychodrama-Kommunen. Black-Power-Zellen. Sie spielen in Kinos. Bars und Kirchen. sind meist bettelarm und, in Interviews, von starker Offenherzigkeit.
Er sei »verrückt und pervers«, eröffnete Ludlam beispielsweise den beiden Deutschen, und: »Homosexualität spielt in unserer Gruppe eine große Rolle.« In Berlin gab sich der Wilde abendländlicher: »Ich liebe die Tradition.«
Ludlam, dessen puritanischer Urahn mit der »Mayflower« nach Amerika kam, liebt es, seine Stücke (bislang sechs) aus alten Teilen zu montieren. Er zitiert aus Shakespeare, aus okkulten Schriften, aus Hollywood-Filmen, aus Comic strips und aus dem »Playboy«.
* Jens Heilmeyer Pea Fröhlich: »Theater der Erfahrung«. Verlag DuMont Schauberg. Köln: 24 Mark.
Im »Blaubart« sind Marlowe und H. G. Wells verwertet, viktorianisches Melodrama und deutscher Expressionismus, Doktor und Monster aus dem Horror-Kino und, natürlich, der märchenhafte Ritter Blaubart, der seine neugierigen Frauen schlachtet.
Ludlam. auch sein eigener Regisseur, läßt die Stil-Collage nicht zum Bildungstheater verkommen: Eine irrwitzige Burleske rollt ab, Pathos wird parodiert, Triviales gedonnert. eine satanische Jux-Box aufgemacht. Ludlam: »Ich will erschrecken und amüsieren.«
Auch ein wenig attackieren: das Obermenschentum der Wissenschaftler etwa, oder auch die »Idee vom Unisex«, die ihm »seicht« vorkommt. Durch Blut und Tränen. über Transvestiten und Grotesk-Gestalten geht der Baron Khanazar von Blaubart dennoch seinen Weg:
Nach vielen Kunstfehlern. nämlich. ist ihm die große Operation gelungen. Aus dem blutigen Laken wickelt er ein nacktes Mädchen, dem ein neues, drittes, »sanftes Genital« entragt: ein grausiger Anblick, der dringlich mahnt. am guten Alten festzuhalten.
So wird Deutsch-Utopisches wieder einmal in die Schranken gewiesen -- im Spiel selbst von einem »Guten Engel«. der zur Harfe Vorwürfe macht. Der Engel. laut Programm von einem Sebastian Swann verkörpert. trägt in Wahrheit einen größeren Namen.
Es ist der Theater-Theoretiker Stefan Brecht, 46, Sohn des Stückeschreibers und der Helene Weigel. Er lebt in Amerika, spielt seit drei Jahren bei Ludlam mit und bohrt auch privat am Deutsch-Utopischen: Er schreibe, heißt es, eine Kritik an Karl Marx.