Dämonischer Killer - DER SPIEGEL
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FERNSEHEN Dämonischer Killer

Mit einer zehnteiligen Retrospektive ehrt das ZDF einen legendären Hollywood-Gangster: James Cagney.
• aus DER SPIEGEL 39/1977
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Der stämmige, untersetzte Rotschopf, der 1919 im tristen New Yorker »Keith's 81st Street Theatre« um ein erstes Engagement vorsprach, schien für den Job denkbar ungeeignet.

Das »Keith« spielte die flaue Navy-Klamotte »Every Sailor«, in der auch eine Riege tanzender Damenimitatoren auftrat. Ein Darsteller hatte gekündigt, widerwillig schlüpfte der Debütant ins Transvestitenkostüm und paradierte in Rock und Stöckelschuhen über die Tingelbühne: Als »Chorus girl« für 35 Dollar Wochengage gab James Cagney, Hollywoods späterer »tough guy« und Gangsterstar, sein Showbusiness-Entree.

»Jimmy« Francis Cagney, der irische Kneipierssohn aus der häßlichen Lower East Side von Manhattan, war einst der zynische Antiheld des amerikanischen Depressionskinos. Er spielte, wie Bogart, meist die skrupellosen Großstadtbanditen, die kalten Killer und Gangleader, nur ausnahmsweise mal einen »FBI-Agent«. Aber er war auch ein vitaler, swingender, singender Stepkünst ler wie Fred Astaire.

In seiner Glanzzeit, den dreißiger und vierziger Jahren, brachte er Hollywood mit die höchsten Gewinne. Er war »der erste Gassenjunge, der ein Stück des amerikanischen Traumes an sich riß« (Cagney-Biograph Andrew Bergman), ein Kino-Idol wie Gary Cooper und Clark Gable.

Dieser »großen Figur der Filmgeschichte« ("Newsweck") widmet jetzt das ZDF eine voluminöse Retrospektive. Aus dem über 60 Filme umfassenden Cagney-OEuvre hat die Mainzer Filmredaktion zehn »repräsentative« Beispiele ausgewählt, die bis März 1978 auf dem Programm stehen: Gangsterfilme, Western und Komödien.

Diesen Dienstag, 19.30 Uhr, beginnt der Cagney-Zyklus mit der Kriminalkomödie »Der Frauenheld« (1933). einem amerikanischen Karrieremärchen vom armen Kinoplatzanweiser. der zunächst Bandenboß, dann ein gefeierter Filmheld wird.

Im »Lady Killer« (Originaltitel) beweist sich Cagney als vielseitiger Showkünstler. Populär jedoch ist er in klassischen Gangsterrollen geworden. Im »Public Enemy« 11931) etwa, der ihm ersten Massenbeifall einbrachte, kämpft er als Unterweltsolist gegen eine mächtige Gang und wird schließlich erschossen.

ln Raoul Walshs »White Heat« (ZDF-Titel »Maschinenpistolen") glänzt er als psychopathischer Killer, der sich -- dramatisches Finale -- mit einem Gasometer in die Luft sprengt. In der sentimentalen Michael-Curtiz-Ballade »Angels with dirty faces« muß er, der Slum-Kriminelle, auf den elektrischen Stuhl.

Berühmt waren sein tänzelnder Gang, seine nervösen, sprunghaften Gesten, sein schnelles, vulgäres Mundwerk. Niemand zischte so böse »Du dreckige Ratte«. Wenn er -- typisch Cagney -- mit geballten Fäusten ruckartig die Hose hochzog und, unnachahmlich lässig, die Hände aus den Taschen nahm, dann wurde es gefährlich.

Cagney behandelte alle -- auch Frauen -- mit tiefer Verachtung. Als er in »Public Enemy« seiner Partnerin Mac Clarke eine Pampelmuse ins Gesicht quetschte, riefen empörte Frauenrechtlerinnen zum Cagney-Boykott auf. »Cagney«, witzelte Bob Hope, »ist ein so harter Bursche, daß es schon einer Liebesszene gleichkommt, wenn er jemanden am Leben läßt.«

Den rotzigen Ton, die brutalen Umgangsformen hatte der grimmige, kleine Ire schon in seiner Jugend von gleichaltrigen Straßenganoven, von Kokainschnupfern und Säufern gelernt. Er schlug sich als Lagerarbeiter, Zeitungsjunge und Bibliotheksgehilfe durch. Nach dem achtwöchigen Gastspiel in der »Every Sailor«-Revue darbte er als Musical-Statist, Kofferträger und Kleindarsteller bei einer drittklassigen Vaudeville-Truppe.

Aber er lernte: Sketche, Clownerien, Conférence und Gags, Steptanz und Gesang. 1930 kam er nach Hollywood, wo er zu seiner »absoluten Verblüffung 31 Jahre lang blieb«. »Das Publikum«. sagte er, »liebte die kleinen drahtigen Kerle, und ich war zufällig einer.«

Doch der dämonische Killertyp, auf den ihn seine Produzenten in so vielen und oft sehr schwachen »B-Pictures« festnageln wollten, war ihm bald »sehr lästig«. Cagney hatte »genug vom Gewehrtragen"' verkrachte sich mit den mächtigen Warner Brothers und verlegte sich -- wenigstens hin und wieder -aufs komödiantische Fach. Noch heute, 78jährig, ist ihm sein Musical »Yankee Doodle Dandy« das liebste Kinostück.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verblaßte sein Ruhm. Er drehte Belangloses mit Doris Day oder Bob Hope -- das ZDF zeigt aus dieser Phase den Western »Jeremy Rodack -- mein Wille ist Gesetz« und das irische Freiheitskampf-Opus »Ein Händedruck des Teufels«. 1961 stand er in Billy Wilders Komödie »Eins, zwei, drei« vor der Kamera. Dann trat er ab, der »songand-dance-man« (Cagney über Cagney) ohne Glamour, ohne Sexaffären und Skandale.

Als Multimillionär und »lebende Legende« ("New York Times") hat sich der Greis auf seine Farm zurückgezogen. Aus dem liberalen Roosevelt-Anhänger. der kommunistischer Neigungen verdächtig war, ist ein stockkonservativer Republikaner geworden, der Hollywoods »Nuditäten und Pornographie« verabscheut.

Nur einmal noch, als das American Film Institute ihn mit einer pompösen Gala feierte und die Presse, wehmütignostalgisch, seitenlange Elogen druckte, rückte der große Jimmy in die Öffentlichkeit. Und wenn ihm Produzenten neue Rollen anbieten, lehnt er beharrlich ab: »Der alte Pampelmusenquetscher kommt nicht mehr zurück.«

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