Dandy im Rollstuhl - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 79 / 124

LITERATUR Dandy im Rollstuhl

• aus DER SPIEGEL 10/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Von einigen Erkältungen und zwei Trippern abgesehen, war der junge Mann nie krank gewesen. Er konnte einem Taxi nachrennen, behände die Treppen hochlaufen, einen Koffer schleppen, eine Frau in seinen Armen halten und ihre Zunge in seinen Mund saugen, alles ohne die geringste Müdigkeit. Er begehrte alle Frauen dieser Welt. Und nun: »Ich kann nicht stehen. Ich kann nicht sitzen. Ich kann hervorragend liegen, ich bin bis zum Hals gelähmt.« Bruno de Stabenrath, 41, ein sanfter Dandy aus der Pariser Künstler- und Bohemeszene, hat in zwei Sekunden den schöneren Teil seines Lebens zerstört.

Die Bruchlandung mit dem Cabrio, die seine motorischen und sensorischen Körperfunktionen vernichtete, ereignete sich an einem Sonntag vor sechs Jahren. Er erinnert sich noch an alles - an den Schmerz, das Gewicht seines im Blech eingekeilten Körpers auf seinem Kopf, den Geruch des Blutes auf der frischen Erde. Vor allem aber an seine Hand - einer der Helfer hob sie hoch, und sie fiel kraft- und gefühllos herunter, als gehörte sie nicht mehr zu ihm.

Stabenrath, aus der Art geschlagener Spross einer Sippe von Militärs, die unter Ludwig XIV. aus Preußen nach Frankreich einwanderten, hat seinen Salto, der beinahe mortale gewesen wäre, und den Sprung zurück ins Leben in seinem ersten Roman beschrieben. Über ein Jahr verbrachte er vor seiner Wiederauferstehung im Krankenhaus, in einer Welt voller Zombies, in der Schwerstgelähmte nicht einmal mit dem Ohr wackeln und die »Scherengang«, eine Bande junger Unfallopfer, sich daran vergnügt, klammheimlich in die empfindungslosen Körperteile ihrer Leidensgenossen zu stechen.

Der Musiker, Schauspieler, Werbetexter und Serial Lover hatte Glück. Zweieinhalb Monate nachdem er sich überschlagen hatte, bekam er eine Erektion: »Mein Schwanz hob sich eher als meine Arme. Es war eine kleine Standarte, die mich aus der Verzweiflung rettete.«

»Salto vitale« ist ein Bericht ohne Bitternis, voller Komik, in dem Schmerz und Lebenslust, Tragik und irres Gelächter dicht beieinander liegen. Stabenrath hat ihn in drei Monaten auf dem Computer geschrieben, mit dem Zeigefinger seiner umgedrehten rechten Hand. Anders kann er nicht tippen, in den Fingern hat er keine Kraft. Mit dem Buch hat er sich selbst erlöst, es ist eine ebenso witzige wie fulminante Hymne auf die Hoffnung.

Bruno de Stabenrath: »Salto vitale«. List Verlag, München; 344Seiten; 19,95 Euro.

Zur Ausgabe
Artikel 79 / 124